Th. Sarrazin - Deutschland schafft sich ab

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IV

03 Staat und Gesellschaft

03.01

Ägypten

03.02

Römisches Reich

03.03

Europäisches Mittelalter

03.04

Der Sprung in die Moderne

03.05

Reformation, Aufklärung und Absolutisrnus

Ein historischer Abriss

Was du ererbt von deinen Vätern hast, Erwirb es, um es zu besitzen.

JOHANN WOLFGANG GOETHE, Faust 1

Es ist ein rätselhafter Mechanismus, der Wirtschaft und Gesellschaft antreibt: Einerseits unterliegt er keinen starren Regeln, andererseits ist er von Gesetzmäßigkeiten geprägt, die zum Teil örtlich und historisch an bestimmte Gesellschaften gebunden sind, sich teilweise aber auch aus stabilen Elementen der menschlichen Grundverfasstheit ergeben.

Reden wir von der Gesellschaft oder versuchen wir gesellschaftliche Verhaltensweisen zu typisieren, so tun wir dies meist aus einem implizit gesetzten Normengefüge heraus, über dessen normativen und historisch geprägten Charakter wir uns nur selten wirklich Rechenschaft ablegen. Diese soziologischen, religiösen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stehen in ständiger Wechselwirkung mit den langfristig wirkenden Normen und Verhaltensweisen in einer Gesellschaft.

Das vielfältige Scheitern entwicklungspolitischer Ansätze hat gezeigt, dass man Gesellschaften und Volkswirtschaften nicht einfach »machen« kann. Die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung nimmt in Zentralafrika und in den islamischen Ländern des Nahen Ostens einen anderen Verlauf als in Ostasien. Der kommunistisch beherrschte Teil Europas schlug einen anderen Weg ein als die westlichen Marktwirtschaften. Auch unter diesen gab und gibt es große Unterschiede, und zwar nicht nur zwischen den Ländern, sondern auch innerhalb derselben. Norditalien funktioniert auf andere Weise als Süditalien. In Schwaben wird es immer mehr Maschinenbau und mehr Unternehmertum geben als in der Uckermark - und damit auch deutlich mehr Wohlstand. Dieser Wohlstand hat Wanderungsbewegungen ausgelöst und dazu geführt, dass die in Schwaben lebenden Menschen durchschnittlich einen höheren Intelligenzquotienten haben als jene in der Uckermark - wenn man glauben kann, was die Tests der Bundeswehr an ihren Rekruten ergeben haben.

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Zwar gibt es keine wissenschaftlich vertretbare Methode, Gesellschaften mit unterschiedlichen Entwicklungswegen und unterschiedlichen Kulturen in ein Ranking zu bringen, doch es lässt sich wohl leicht Einigkeit darüber herstellen, dass die Verhältnisse in Deutschland generell denen in Rumänien vorzuziehen sind, und auch darüber, dass das Leben in Rumänien gegenüber dem Leben im Sudan vorzugswürdig ist. Ferner wissen wir, dass die Lebensbedingungen im Sudan gar nicht so schlecht sein können, dass sie nicht immer noch besser wären als in Somalia.

Setzt man voraus, dass die Menschen - abgesehen von genetisch bedingten Unterschieden in Intelligenz und Temperament - mit grundsätzlich ähnlichen Dispositionen zum Leben geboren werden, dann sind die Möglichkeiten, Institutionen und Systeme zu gestalten, nicht schrankenlos. Mit Edward 0. Wilson kann man davon ausgehen, dass die biologische Evolution dem Menschen eine angeborene Disposition und Verhaltensbreite mitgegeben hat, die sich nur langsam auf dem Wege der weiteren biologischen Evolution ändert, dass aber innerhalb dieses der menschlichen Natur von der Biologie gesetzten Rahmens eine sehr variationsreiche kulturelle Evolution stattgefunden hat und weiter stattfinden wird. Eine Erklärung des menschlichen Verhaltens und seiner Entwicklung ist nur möglich, wenn man beide Elemente betrachtet, denn menschliche Gesellschaften und der Mensch als Gattung beeinflussen ihr Schicksal vor allem über die Steuerung der kulturellen Evolution.

Sucht man das Gemeinsame aller menschlichen Gesellschaftsformen seit Beginn der bekannten Geschichte, so stößt man auf folgende Konstanten der Menschheitsgeschichte:

- Es gab stets soziale Organisationsformen, die über den bloßen Familienverband hinausgingen.

- Eb in diesen Organisationsformen stets eine Hierarchie.

- Die Hierarchie der Organisationsformen beruhte stets wesentlich auf der Möglichkeit zur Gewaltausübung. Sie war stabiler, wenn sie religiös oder materiell legitimiert wurde, am besten war es, wenn beides zutraf.

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Stabile Gesellschaftsformen verbanden die Bereiche Politik, Kultur und Wirtschaft und zwar folgendermaßen:

1. Politik: Klärung der äußeren Sicherheit durch militärische Gewalt sowie Klärung der internen Machtfrage, sei es durch Gewalt, sei es durch Tradition, sei es durch institutionelle Regeln; meist handelte es sich um eine Mischung dieser Elemente

2. Kultur: Legitimation von Herrschaft und Hierarchie durch einen religiösen Überbau oder durch einen allgemein anerkannten Wertekanon.

3. Wirtschaft: Legitimation durch Gewährleistung von Sicherheit und der Möglichkeit zu materiellem Erwerb.

Je besser diese Bereiche organisiert und miteinander verzahnt werden konnten, umso stabiler waren die Gesellschaft und ihre staatliche Organisationsform, umso eher überstand sie Phasen interner Unruhen und externer Erschütterungen. Dazu einige Beispiele:

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Ägypten

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Der Wohlstand dieser 3000 Jahre währenden Hochkultur erwuchs aus der künstlichen Bewässerung des Niltals, deren allmählicher Ausbau eine komplexe staatliche Organisation hervorbrachte. Die äußere Sicherheit war leicht zu gewährleisten, weil das Land ringsum von Wüsten umgeben war. Die interne Machtfrage war geklärt durch die hierarchisch organisierte Diktatur des Pharaos. Die Legitimation wurde dadurch gesichert, dass weltliche und religiöse Herrschaft zusammenfielen. Der Pharao war gleichzeitig Gottkönig und damit der oberste Vermittler zu überirdischen Mächten. Die aufgrund der künstlichen Bewässerung hochentwickelte Landwirtschaft sorgte für einen im Vergleich zur umliegenden Welt der Nomadenvölker beispiellosen Wohlstand und schuf die Voraussetzungen für eine Jahrtausende währende Stabilität, die verschiedentliche Einfälle fremder Völker, militärische Niederlagen und innere Umstürze überstand.

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Römisches Reich

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Die Basis für die Entstehung und lange Stabilität des Römischen Reiches bildete die strukturelle Überlegenheit des römischen Militärwesens. Dank dieser Überlegenheit konnte das Reich 700 Jahre lang wachsen und dann 400 Jahre lang in seiner größten Ausdehnung stabil bleiben.

Das römische Militärwesen stand für starke Institutionen. Die Römische Republik, aus einem Stadtstaat entstanden, fand immer wieder einen Weg, unter den vornehmen Familien, die den Staat trugen, eine Machtbalance zu schaffen und exekutive Macht nur auf Zeit zu vergeben. Gleichzeitig schaffte die Verrechtlichung der sozialen Beziehungen Sicherheit und setzte Entwicklungskräfte frei, die durchaus an unsere heutige vollentwickelte Marktwirtschaft erinnern. Das interne Machtmonopol wurde zwar brutal durchgesetzt, aber die Römer ließen den Unterworfenen ihre eigene Kultur, boten ihnen das Römische Recht sowie eine gut entwickelte Infrastruktur, und sie ließen sie teilhaben an der wirtschaftlichen Entwicklung des gemeinsamen, durch die Pax Romana gesicherten Wirtschaftsraums.

Doch je mehr das Reich an Größe gewann, desto stärker sank die Funktionsfähigkeit der Institutionen des ursprünglichen Stadtstaates. Als die Unübersichtlichkeit infolge der Ausdehnung zunahm und der Einfluss des römischen Adels schwand, schuf der Übergang zum (Gott-)Kaisertum für 400 Jahre eine zweckmäßige Organisationsform, die römisch-demokratische und orientalische Herrschaftsformen miteinander vereinte. Den Römern gelang mit Cäsar und Augustus ein elastischer Übergang ins Kaiserreich, der durch die großzügige Gewährung des römischen Bürgerrechts noch gestützt wurde. Je mehr die Legitimität der Republik ihre Wirkung einbüßte, entwickelte sich als neue Legitimationsgrundlage das Gottkaisertum. Das aufkommende Christentum wurde in diese Legitimationsgrundlage einbezogen, indem es mit dem Toleranzedikt Konstantins des Großen im Jahre 313 Duldung erfuhr und später Staatsreligion wurde.

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Das System war also flexibel genug, sogar einen Wechsel in der Staatsreligion zu vollziehen. Es war über Jahrhunderte auch flexibel genug, die Völkerschaften, die seine Außengrenzen bedrohten, nicht nur militärisch unter Kontrolle zu halten, sondern kulturell und zivilisatorisch zu integrieren. Die Römer haben sich beispielsweise die militärische Tüchtigkeit der Germanen zunutze gemacht, indem sie diese seit dem 3. Jahrhundert einen ständig wachsenden Anteil der Soldaten und Offiziere in den römischen Legionen stellen ließen.

Der Zusammenbruch des Reiches kam nicht von innen, sondern wurde von außen angestoßen, allerdings unterstützt durch interne Tendenzen - vor allem durch die Dekadenz und Geburtenarmut der ehemals führenden Schichten. Das Weströmische Reich ging militärisch unter im Sturm der Völkerwanderung (476 Absetzung des letzten weströmischen Kaisers Romulus Augustulus). Das Oströmische Reich dagegen wurde in einem viele Jahrhunderte sich hinziehenden Prozess Opfer der Islamisierung des Orients und fand erst 1000 Jahre später - mit der Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahre 1453 - sein formales Ende.

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Europäisches Mittelalter

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Der Zusammenbruch des Weströmischen Reiches bewirkte einen zivilisatorischen Rückfall, der erst 700 Jahre später - im Hochmittelalter - wieder aufgeholt wurde. Diese Entwicklung förderte das junge Christentum, denn es stärkte seine Bindungskraft. Die neuen Herren, meist regionale germanische Stammesfürsten, beeilten sich, durch Übertritt zum Christentum einen Legitimationstransfer vorzunehmen, denn bis zum Ende des Mittelalters speiste sich die weltliche aus der religiösen Macht. Für die meisten Menschen waren diese Mächte untrennbar miteinander verbunden.

Der allgemeine zivilisatorische Rückschritt in den Jahrhunderten nach der Völkerwanderung änderte den Charakter der Staatlichkeit. An die Stelle der staatlichen Institutionen trat das germanische Prinzip der Gefolgschaftspflicht gegenüber dem militärischen Führer, das Ausdruck fand im Lehnssystem. Weltliche Gewalt wurde vom Lehnsherrn an Gefolgsleute verliehen und konnte von diesem auch wieder eingezogen werden. Im Lehnsprinzip vermischte sich germanische Gefolgschaftstreue mit der Idee der römischen Staatlichkeit und der Legitimation aus dem christlichen Glauben. Der christliche Legitimationstransfer fand symbolischen Ausdruck in der Kaiserkrönung Karls des Großen durch Papst Leo III. im Jahre 800 in Rom. Im Mittelalter war damit grundsätzlich alle Herrschaftslegitimation von Gott beziehungsweise von seinem Stellvertreter auf Erden, dem Papst, abgeleitet und weltliche Herrschaft untrennbar mit der Gottesherrschaft verwoben. Im Investiturstreit kämpften Papst und Kaiser um den machtpolitischen Vorrang in diesem Gefüge. Kaiser Heinrichs IV. Gang nach Canossa im Jahre 1077 beendete den Streit im Sinne Gregors VII, also des Papstes: Die weltliche Herrschaft blieb der geistlichen grundsätzlich untergeordnet, aber sie bezog aus der christlichen Religion ihre Legitimation.

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Der Sprung in die Moderne

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Das kombinierte System von christlicher und weltlicher Herrschaft bei reduzierter Staatlichkeit eröffnete große Freiräume für unterschiedliche regionale und zivilisatorische Entwicklungen. In diese Zeit fallen entscheidende Fortschritte und Erfindungen

- die Übernahme des eisernen Pfluges und des Kummets um das Jahr 1000 aus China

- die Einführung der Dreifelderwirtschaft um 1100

- die Erfindung des Kompasses im 12. Jahrhundert

- die Erfindung der mechanischen Uhr im 13. Jahrhundert

- die Einführung des Schwarzpulvers und die Erfindung der Feuerwaffen im 14. Jahrhundert

- die Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert

- die Entdeckung des Kopernikus im Jahre 1543, dass sich die Planeten um die Sonne drehen. (Mit der kopernikanischen Wende erfolgte der Abschied vom geozentrischen Weltbild.)

Die Entwicklung zwischen 1000 und 1500 zeugt von einer voraussetzungslos dem Tatsächlichen zugewandten Geisteshaltung, deren Quellen bis heute Rätsel aufgeben. Im Mittelalter, das über lange Zeit das wirtschaftliche Niveau des Römischen Reiches nicht annähernd erreichte, wurden letztlich die technischen und wissenschaftlichen Grundlagen für die explosionsartige Entwicklung in der Neuzeit gelegt.

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Reformation, Aufklärung und Absolutisrnus

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Die Entdeckung der Neuen Welt, die Weltreisen der spanischen und portugiesischen Seefahrer und die Auswirkungen der Reformation beschleunigten den Wandel der Verhältnisse. Die Handelswege verschoben sich, das Gold und Silber aus der Neuen Welt versetzte dem Warenfluss und der Produktion einen gewaltigen finanziellen Impuls. Vor allem aber leitete die Reformation die Emanzipation des Denkens von religiöser und staatlicher Bevormundung ein. Die Beziehung zu Gott wurde persönlich und damit abstrakt und den Zuständigkeiten von Kirche und Staat grundsätzlich entzogen.

Die Reformation schuf die geistigen Voraussetzungen für die Philosophie der Aufklärung und damit die Säkularisierung der Welt. Die Aufklärung aber entzog der erblichen politischen Herrschaft die Legitimationsgrundlage. Während die Monarchie in der erblichen Herrschaft des Absolutismus im 17. und 18. Jahrhundert ihre höchste und reinste Ausprägung erfuhr, wurde ihre religiöse und philosophische Begründung zunehmend in Frage gestellt: Wenn jeder Mensch unmittelbar zu Gott sein kann, was braucht er dann noch die Zwangsmitgliedschaft in einer Staatskirche, und weshalb soll er sich einer Herrschaft fügen, die ihm qua Erbfolge vorgesetzt wurde?

Die Philosophie des Gottesgnadentums, die unmittelbare Legitimation des absoluten Herrschers aus der göttlich-christlichen Weltordnung, überdauerte unter diesem Druck kaum 150 Jahre. Sie wurde seit dem 17. Jahrhundert durch Hobbes, Hume, Voltaire, Rousseau und andere, letztlich auch durch Kant, philosophisch untergraben. Damit standen die überkommenen monarchischen Regierungen vor einem Legitimationsproblem, das 1649 in England - nach dem Bürgerkrieg zwischen König und Parlament unter Führung Oliver Cromwells - Karl 1. den Kopf kostete. Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 postulierte dann erstmals in aller Radikalität, dass alle Menschen gleich geboren sind und das gleiche Recht haben, nach Glück zu streben. Aus dieser Sicht war die demokratische Regierungsform die einzig legitime. Konfessionen und Glaubensüberzeugungen dienten der Letztbegründung individuellen Handelns, aber nicht der Legitimation des Staates. Die Französische Revolution inszenierte wenige Jahre später dasselbe mit mehr Blut, mehr Pomp und mehr Umwegen.

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Die Legitimation des Staates im Abendland war damit endgültig ihrer religiösen Grundlage beraubt, an ihre Stelle trat die Legitimation durch den allgemein als verbindlich erachteten Wertekanon der Menschenrechte, wofür die »Bill of Rights« aus der amerikanischen Verfassung von 1791 das erste politische Beispiel ist. Mit der Entgöttlichung der staatlichen Legitimation war die philosophische wie die tatsächliche Grundlage geschaffen für Politik- und Gesellschaftsentwürfe jenseits des christlichen Weltbildes, der individuellen Menschenrechte und der abendländischen Demokratie. Davon sah das 20. Jahrhundert reichlich. Der Nationalsozialismus und die Stalin-Diktatur waren die perversesten Beispiele. Ihre Attraktion entfalteten sie auch deshalb, weil sie auf der emotionalen wie auf der erzählenden Ebene die Jahrtausende alten Bilder der nationalen und religiösen Traditionen aufnahmen, so dass die Diktatoren zu entrückten Lichtgestalten mit einem quasi religiösen Heilsversprechen wurden (Herrschaftstypen nach Max Weber). Dieses Muster hat in der Welt nach wie vor Konjunktur, ob bei Kim Il Sung in Korea, Naserbajew in Kasachstan, in den achtziger Jahren bei Bokassa in der Zentralafrikanischen Republik oder bei den wechselnden Caudillo-Charakteren in Südamerika.

Soweit der historische Ausflug.

Betrachtet man die Stabilitätsbedingungen und Legitimationsgrundlagen von Staat und Gesellschaft, dann schälen sich bei allen erfolgreichen Staatsmodellen drei wesentliche Merkmale heraus: - Sie garantieren ein gewisses Maß an innerer und äußerer Sicherheit.

- Sie basieren auf einer Legitimationsgrundlage jenseits des Individuums - sei es die Religion, sei es die Idee der Volksherrschaft,

- sei es eine Ideologie, die als Religionsersatz dient.

- Ihr wirtschaftlicher und materieller Erfolg hängt ab von ihrer Fähigkeit, dem Erwerbsstreben des Individuums einen gesicherten Raum zu geben.

All dies erklärt nicht, warum der wiederkehrende Aufstieg und Fall von Zivilisationen und Kulturen bei nur allmählichem technischen Fortschritt oder stationärer wirtschaftlicher Entwicklung ausgerechnet im mittelalterlichen und neuzeitlichen Europa unterbrochen wurde und in die Beschleunigung der technischen und wirtschaftlichen Entwicklung mündete. China dagegen, das bis gegen Ende des europäischen Mittelalters Europa technisch und zivilisatorisch deutlich voraus war, stagnierte auf hohem Niveau.

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Der von Europa ausgehende Schub in Wissenschaft und Technik hatte die gewaltige Bevölkerungsexplosion der letzten Jahrhunderte zur Folge: Um das Jahr 1000 lebten auf der Welt rund 300 Millionen Menschen, das waren nicht mehr als bei Christi Geburt. Um 1500 waren es 500 Millionen, 1800 schon eine Milliarde, 1930 dann 2 Milliarden, gegenwärtig 7 Milliarden, und wenn alles so weitergeht, wird die Weltbevölkerung nach Schätzung der UNO im Jahr 2050 mit über 9 Milliarden ihr Maximum erreicht haben. Dies wirft zwei Fragen auf

- Kann die Erde rein physisch auf die Dauer so viele Menschen ernähren und kleiden?

- Können so viele Menschen auf dem Wohlstandsniveau der westlichen Industriestaaten leben, ohne die natürlichen Ressourcen zu überfordern?

Beide Fragen werden in diesem Buch nicht beantwortet. Allein schon die Meinungen darüber, ob eine nachhaltige Veränderung des Weltklimas noch zu verhindern sei oder ob "der point of no return" nicht längst überschritten ist, gehen weit auseinander und können hier nicht diskutiert werden. Dagegen soll eine im Verhältnis zur Klimakatastrophe und den Folgen der weltweiten Bevölkerungsexplosion belanglose, für die Lebensverhältnisse in Deutschland aber entscheidende Frage behandelt werden: Gelingt es uns, in Deutschland dauerhaft genügend Intelligenz, Fleiß und Einsatzfreude (auf Neudeutsch Human Resources) zu mobilisieren, um das erreichte Niveau zu halten, im weltweiten Wettbewerb zu verteidigen und fortzuentwickeln?

Zu prüfen ist, ob jene sozialen Rahmenbedingungen, die wir uns auf der Grundlage des erreichten Wohlstands geschaffen haben, diesen Wohlstand nicht auch gefährden können, weil die speziellen Mentalitäten und Fähigkeiten, die den Entwicklungssprung Europas (ideell Nordamerika eingeschlossen) verursacht haben, ihrerseits jetzt beeinflusst werden durch die besonderen Rahmenbedingungen, die durch Wohlstand und Sozialstaat entstanden sind.

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Zwar ist die genetische Ausstattung der Menschen aller Länder und Völker von großer Ähnlichkeit, nachweisbar vorhandene Unterschiede sind jedenfalls wesentlich kleiner als die Unterschiede in den Entwicklungsständen von Staaten, Gesellschaften und Volkswirtschaften. Doch es gibt große Unterschiede in der Mentalität der Völker und Gesellschaften. Das betrifft nicht nur traditionelle Bindungen religiöser und anderer Art. Es betrifft auch die normative Innen- und Außenlenkung der Menschen, es betrifft die Loyalitätsstrukturen, die Maßstäbe sozialen Rangs sowie den Antrieb für Fleiß, Eigeninitiative und materielle Orientierung.

Solche Mentalitäten und Traditionen sind - in dem weiten Rahmen, den die genetische Programmierung der Menschen zulässt - selbst historische Produkte. Sie wurden durch Rahmenbedingungen geschaffen und ändern sich, wenn diese sich ändern - wenn auch nur langsam und über Jahrhunderte. Steuerbar sind solche Änderungen kaum. Sie werden auch selten geplant. Umso wirkungsvoller können sie sein, wenn sie mit elementarer Wucht hereinbrechen und eine Fülle von Folgeänderungen nach sich ziehen.

In der Menschheitsgeschichte vollzogen sich solche wechselseitigen Beeinflussungen von Rahmenbedingungen und Mentalitäten zumeist nur ganz allmählich und ohne eine eindeutige Richtung erkennen zu lassen. Aber mit den Erfindungen, die fest im Kulturwissen der jeweiligen Gesellschaft verankert wurden, ergab sich ein neuer Entwicklungsstand, der die Gesellschaft dauerhaft veränderte. Im Laufe der Jahrtausende nahm diese Entwicklung an Dynamik zu. In Europa fielen schließlich die Befreiung des Geistes aus religiösen Zwängen, der neugierig objektive Blick auf die Natur und den Kosmos, die Entwicklung der bürgerlichen Freiheiten, die systematische Ausdehnung freier Märkte und die explosionsartige Zunahme der technischen Erfindungen zusammen.

Diese Dynamik und ihre Ursachen sollen hier nicht im Einzelnen aufgearbeitet werden. Aber die Folgen sind zu betrachten. Die Veränderung der Rahmenbedingungen baute sich allmählich vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert auf und leitete in Europa und Nordamerika eine beispiellose Bevölkerungsexplosion ein, die sich von Mitte des 18. Jahrhunderts an auf alle von den europäischen Mächten kolonisierten oder von ihnen gewaltsam geöffneten Regionen ausdehnte. Manche Regionen und Staaten nahmen das in der westlichen Technologie und Marktorganisation liegende Angebot schnell auf und entwickelten sich entsprechend schnell zu ebenbürtigen Konkurrenten (Japan). Andere brauchten lange, bis die traditionellen Strukturen sich so angepasst hatten, dass eine breit angelegte Industrialisierung möglich wurde (Indien). Wieder andere verharren im Zustand relativer Unterentwicklung bis zum Extrem der "failed states".

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Die von Europa ausgehende technische Revolution brachte dem Kontinent und mit ihm Nordamerika zunächst einen gewaltigen Entwicklungsvorteil mit entsprechenden Reallohnvorsprüngen. Hier holen mittlerweile große Teile der Welt, mit China an der Spitze, auf. Das bringt die Lohnsätze in den Industriestaaten überall dort unter Druck, wo kein neuer technischer Fortschritt erzeugt wird und damit keine neuen Wettbewerbsvorteile, was möglicherweise die ganze Lebensweise der frühindustrialisierten Staaten in Frage stellt. Die immer schnellere Verbreitung des Wissens, die Fortschritte in der Informationstechnologie und die sinkenden Kosten von Umschlag und Transport führen dazu, dass immer mehr Hochtechnologieprodukte immer seltener in den traditionellen Industrieländern produziert werden, sondern an qualifizierten Niedriglohnstandorten.

Die Ausbreitung von Wissen, Technik und industriellen Produktionsformen über die ganze Welt entspricht der Logik der Marktwirtschaft und ist förderlich für die Entwicklung der Menschheit als Ganzes. Es zeigt sich aber, dass Staaten und Gesellschaften nur sehr unterschiedlich in der Lage sind, die von der Industrialisierung und Technisierung ausgehenden Entwicklungschancen zu nutzen. Damit stoßen wir wieder auf das komplexe Zusammenwirken von institutionellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die einerseits Mentalitäten prägen, andererseits aber auch deren Folge und Ausdruck sind. Aus diesen Gründen wird die Welt wohl auch in 50 oder 100 Jahren noch große regionale Entwicklungsunterschiede aufweisen. Auf der anderen Seite schwinden die komparativen Vorteile allmählich, die die traditionellen Industriestaaten infolge ihrer besseren Kapitalausstattung, besserer Bildung und höheren Technisierungsgrads hatten.

Die Gesellschaft ist sich selbst Objekt und kann durch die Rahmenbedingungen, die sie sich selbst setzt, ihre Gestalt verändern. Wäre dies nicht so, dann wären alle menschlichen Gesellschaften wie die verschiedenen Schimpansenstämme im Urwald immer noch auf demselben Entwicklungsniveau, nämlich dem des afrikanischen Buschs. Alle Untersuchungen zeigen, dass Volkswirtschaften, Gesellschaften und Staaten umso erfolgreicher sind, je fleißiger, gebildeter, unternehmerischer und intelligenter eine Bevölkerung ist. Deutschland stand auf der Erfolgsleiter immer ziemlich weit oben. Zahlreiche Indikatoren lassen aber vermuten, dass es nach unten geht. Ob das so ist, wie sich das äußert, ob und wie man gegensteuern kann und soll, davon handelt dieses Buch.

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