Th. Sarrazin - Deutschland schafft sich ab

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IV

04 Ein Blick in die Zukunft

04.01

Wohlstandsentwicklung

04.02

Wirtschaftskraft im internationalen Vergleich

04.03

Arbeitsproduktivität

04.04

Annahmen zur wirtschaftlichen und demografischen Enwicklung bis zum Jahr 2050 

04.05

Erläuterung der Projektionsergebnisse

Realitäten und Wunschvorstellungen

Es reden und träumen die Menschen viel von bessern künftigen Tagen, nach einem glücklichen goldenen Ziel sieht man sie rennen und jagen. Die Welt wird alt und wird wieder jung, doch der Mensch hofft immer auf Verbesserung!

FRIEDRICH SCHILLER, HOFFNUNG

Dank der menschlichen Erfindungskraft ist der Umfang des Verteilbaren im Laufe der Zeit immer größer geworden. Die Zahl der Menschen wuchs, aber noch schneller wuchs im Durchschnitt der letzten beiden Jahrhunderte das verteilbare Sozialprodukt. Dieses Wachstum stößt inzwischen an Grenzen.

Sofern ein Land keine Bodenschätze mehr erschließen kann oder maßgeblich von Transfers anderer Länder profitiert, ergeben sich seine Produktionsmöglichkeiten aus dem angesammelten Kapitalstock, aus Zahl und Qualität seiner Erwerbsbevölkerung und aus dem künftigen Produktivitätsfortschritt. Für uns heißt das: Wenn in Deutschland kontinuierlich investiert wird, dann stellt der deutsche Kapitalstock auch künftig keinen Engpass für die Wirtschaftsentwicklung dar. Hinsichtlich Quantität und Qualität der Erwerbstätigen muss man sich schon eher Sorgen machen. Die Quantität ergibt sich aus der demografischen Entwicklung, der Zuwanderung und der Erwerbsbeteiligung der Bevölkerung, die Qualität aus deren Sozialisation, dem Bildungsgrad, dem Altersaufbau und - falls es Zuwanderung gibt - aus der Sozialisation und dem Bildunsgrad der Zugewanderten. Hier sind ganz unterschiedliche Entwicklungspfade denkbar, doch es besteht kein Grund, Trendbrüche in der Geburtenund darauf aufbauend in der Bevölkerungsentwicklung zu unterstellen, solange nichts Außergewöhnliches geschieht.

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Die den folgenden Betrachtungen zugrunde gelegte Modellrechnung beruht auf der Annahme einer durchschnittlichen Geburtenziffer von 1,4 und eines jährlichen Wanderungssaldos (das ist die Differenz aus Zu- und Abwanderungen) von rund 50 000 Menschen.

Was den Zuwachs der Produktivität pro Arbeitsstunde betrifft, so ist dieser in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich weniger geworden. Hier wird angenommen, dass sich der Produktivitätszuwachs bei einem Prozent pro Jahr einpendelt. Erstellt man auf dieser Grundlage eine Projektion bis zum Jahr 2050, so ergibt sich Folgendes:

- Das Wirtschaftswachstum läuft um das Jahr 2020 aus und stagniert danach mit Tendenz zur Schrumpfung, weil sich der Zuwachs der Produktivität und die Abnahme der Zahl der Erwerbstätigen gegenseitig kompensieren (Anhang Tabelle D).

- Relativ zur Zahl der Erwerbstätigen wird sich die Zahl der Menschen über 65 Jahre verdoppeln: Im Jahre ZooS kamen auf einen Erwerbstätigen 0,46 Menschen über 65 Jahre, 2050 wird auf einen Erwerbstätigen ein Mensch im Rentenalter kommen (Anhang Tabelle F).

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- Da die Bevölkerungszahl sinkt, steigt das Sozialprodukt pro Kopf weiterhin. Die Rentner können daran aber nur teilhaben, wenn der Anteil der rentenbezogenen Ausgaben am Sozialprodukt verdoppelt wird. Ein Einfrieren der realen Versorgung der Rentner auf heutigem Niveau würde bedeuten, dass der Anteil der rentenbezogenen Ausgaben am Volkseinkommen von heute 16,5 auf 25,6 Prozent im Jahre 2050 steigt (Anhang Tabelle F).

Die Mehrbelastung aus der Alterung wird höher sein als die Entlastung durch weniger Kinder und Arbeitslose: Nach Berechnungen der Europäischen Kommission wird die altersabhängige Mehrbelastung für Rente, Gesundheit und Pflege bis 2060 etwa 5,5 bis 10 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) ausmachen, die Entlastung bei Bildung und Arbeitslosigkeit dagegen nur 0,7 Prozent betragen. Erheblich verbessern würden sich diese Aussichten bei einer deutlich höheren Zahl von Erwerbstätigen. Damit ist nicht zu rechnen. Auch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bei der Bundesagentur für Arbeit kommt bei seinen Projektionen hinsichtlich des künftigen Erwerbspersonenpotentials zu vergleichbaren Ergebnissen. Daraus folgt: Künftige Verteilungs- und Finanzprobleme können wir gesamtwirtschaftlich nicht mehr durch Zuwachs lösen, sondern nur noch durch Umverteilung.

Wer diesem Befund vertraut, kann seine Lektüre mit Kapitel fortsetzen. Wer sich näher dafür interessiert,

- wie sich unser Wohlstand in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat,

- wo wir im internationalen Vergleich stehen

- wie sich die Arbeitsproduktivität in Deutschland weiterentwickeln wird

- was die absehbare demografische Entwicklung für Wachstum und Wohlstand bedeutet und welche Verteilungskonflikte zu erwarten sind,

für den bieten die folgenden Seiten eine interessante, allerdings zahlenlastige Lektüre.

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Wohlstandsentwicklung

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Deutschland hatte 2008 ein Bruttonationaleinkommen (Gesamtheit aller produzierten Güter und Dienstleistungen) von rund 2500 Milliarden Euro und ein Volkseinkommen (Nationaleinkommen abzüglich Abschreibungen) von rund 1900 Milliarden Euro. Davon entfielen 65 Prozent auf Arbeitnehmerentgelte und 35 Prozent auf Unternehmens- und Vermögenseinkommen. Pro Kopf der Einwohner betrugen

- das Bruttonationaleinkommen 30 900 Euro

- das Volkseinkommen 23 000 Euro

- die privaten Konsumausgaben 17 100 Euro.

Rund 55 Prozent des Bruttonationaleinkommens beziehungsweise 74 Prozent des Volkseinkommens dienten also dem privaten Verbrauch. Unterstellt man bei einem gesetzlichen Transfereinkommen (Hartz IV oder Grundsicherung im Alter) eine Sparquote von null, so entfällt auf einen alleinstehenden Empfänger einjährlicher Konsum von rund 8000 Euro (Regelsatz, Miete, Strom), das sind etwa 47 Prozent des durchschnittlichen privaten Verbrauchs. Im Jahr 2007 betrug das durchschnittliche Bruttoentgelt der Arbeitnehmer nämlich 27 100 Euro, pro Stunde waren das gut 20 Euro. Bei Steuerklasse 1 entspricht dies einem jährlichen Nettoeinkommen von 18 000 Euro.

Das reale (also inflationsbereinigte) Volkseinkommen pro Kopf ist in Deutschland gegenwärtig gut fünfeinhalbmal so hoch wie dasjenige in der Bundesrepublik im Jahr 1950. Aber das Wachstum hat sich über die Jahrzehnte stark verlangsamt, und so ist das reale Volkseinkommen pro Kopf in Gesamtdeutschland nicht höher als das in Westdeutschland im Jahr 1990. Gemessen am realen Volkseinkommen pro Kopf ist der Wohlstand in der westdeutschen Bundesrepublik während der fünfziger Jahre explodiert, in den sechziger Jahren erheblich gewachsen, in den siebziger und achtziger Jahren aber nur noch maßvoll und zunehmend langsamer gewachsen. In den letzten zwei Jahrzehnten hat Ostdeutschland im wiedervereinigten Deutschland stark aufgeholt, aber das gesamtdeutsche Wohlstandsniveau hat - gemessen am realen Volkseinkommen pro Kopf - 20 Jahre nach der Wiedervereinigung gerade einmal das westdeutsche Niveau von 1990 erreicht.

Dieser statistische Befund passt gut zu den konkreten Erfahrungen der westdeutschen Bevölkerung. Generell sind die Realeinkommen breiter Schichten in den letzten 20 Jahren eher gefallen als gestiegen. Zur wohlstandssenkenden Umverteilung von West nach Ost trat zudem der wachsende Lohndruck infolge der Globalisierung, denn immer mehr Wirtschattsbereiche tendieren unter dem Wettbewerbsdruck zu einem weltweiten Gleichgewichtslohn.

02
Wirtschaftskraft im internationalen Vergleich

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Deutschland ist immer noch ein reiches Land, es ist aber nicht mehr Weltspitze. Die wirtschaftlichen Folgen der Einheit und die allmählich einsetzenden wirtschaftlichen Auswirkungen der demo

Zur Tabelle Seite 039

grafischen Alterung haben es in der Wohlstandsrangfolge zurückfallen lassen (siehe Tabelle z.l). Folgende Kräfte wirken auf das BIP ein:

- der technische Fortschritt und die Investitionsintensität

- die Entwicklung der Arbeitsproduktivität

- die Zahl der Erwerbspersonen und ihr Beschäftigungsgrad

- die Entwicklung der Nachfrage des Staates, der Privaten und des Auslands.

Nachfrageveränderungen haben aber eher Auswirkungen auf die zyklische Bewegung der Wirtschaft. Auf längere Sicht wachsen in jeder Volkswirtschaft Nachfrage und Angebot im Gleichschritt, wobei das Angebot an Kapital und Arbeit der Engpassfaktor ist.

Die Investitionsintensität und der technische Fortschritt wirken sich nicht direkt, sondern über die Arbeitsproduktivität auf das Wachstum aus, Die Investitionsintensität zeigt sich - gemessen am Kapitaleinsatz pro Einheit des Sozialprodukts - seit Jahrzehnten ziemlich stabil. Für den gesamtwirtschaftlichen technischen Fortschritt gilt die Arbeitsproduktivität als wichtigster Maßstab. Ob sich die Betriebsorganisation verbessert, die Automation von Produktionsschritten zunimmt, die Zahlungs- und Buchungsvorgänge (etwa dank Scannerkassen im Handel) oder die informationstechnischen Abläufe rationalisiert werden: Die gesamtgesellschaftlichen Wirkungen lassen sich nur erfassen am Output je Arbeitsstunde. Auf die Arbeitsproduktivität wirken aber auch Motivation, Qualifikation sowie der Fleiß und generell die Qualität der Arbeitskräfte ein. Diese sogenannten weichen Faktoren, die sich meist nur indirekt messen lassen, sind bestimmend dafür, dass Deutschland, obwohl es ein Hochlohnland ist, seine starke Stellung in der verarbeitenden Industrie behaupten konnte. Wie sehr auf Deutschland die Bezeichnung Hochlohnland zutrifft, zeigt die Tabelle 2.2.

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Die Arbeitskostenunterschiede sind großenteils durch die Produktivitätsunterschiede gerechtfertigt und erklärbar (siehe Tabelle z.3). Auffällige Abweichungen zwischen dem Index der industriellen Arbeitskosten einerseits und dem Produktivitätsniveau andererseits gibt es in den USA, in Frankreich und in Italien. Erstere haben nach der Dollarabwertung der letzten Jahre produktivitätsbereinigt deutliche Lohnkostenvorteile gegenüber Deutschland; Frankreich und Italien dagegen haben produktivitätsbereinigt deutliche Lohnkostennachteile gegenüber Deutschland. Aufschlussreich ist die Gegenüberstellung der Indizes für das BIP pro Kopf, die Lohnkosten und die Produktivität. Diese zeigt, dass Produktivitätsunterschiede zur Erklärung von Wohlstandsunterschieden nicht ausreichen (siehe Tabelle 2.4).

Natürlich sind die Zahlen nur beschränkt vergleichbar. Die im BIP zum Ausdruck kommende gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung umfasst mehr als das verarbeitende Gewerbe. Zudem sind Arbeitskosten und Produktivität zu geltenden Wechselkursen, das Volkseinkommen dagegen nach der Kaufkraftparität dargestellt.

Tabelle 2.2 Internationaler Vergleich der industriellen Arbeitskosten pro Stunde

Zur Tabelle Seite 041

03
Arbeitsproduktivität

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Die Abweichung von Produktivität und Arbeitskosten einerseits und dem Volkseinkommen andererseits ergibt sich aus der unterschiedlichen Arbeitsmenge. In der Schweiz zum Beispiel ist die Zahl der geleisteten Arbeitstunden pro Kopf der Bevölkerung um 35 Prozent höher als in Deutschland, das durchschnittliche Arbeitsentgelt pro Stunde - Dienstleistungen eingerechnet - dagegen niedriger. Das führt in der Summe zu einem um 20 Prozent höheren Volkseinkommen pro Kopf. Noch 1960 lag bei den 15 »alten« EU-Staaten (EU 15) die jährliche Gesamtarbeitszeit je Einwohner rund 18 Prozent über dem amerikanischen Niveau. Bis 1975 glichen sich die Verhältnisse an. Mittlerweile erreichen die EU 15 nur noch 70 bis 80 Prozent des amerikanischen Niveaus. Das ist nur zu einem Drittel auf längere Urlaubs- und kürzere Wochenarbeitszeiten zurückzuführen, die anderen zwei Drittel sind dagegen der geringeren Erwerbsbeteiligung junger Erwerbstätiger bis 30 und älterer ab 50 Jahren geschuldet. Dieser Arbeitszeiteffekt relativiert auch die Unterschiede in der Höhe des Volkseinkommens. Dass bestimmte Dienstleistungen in Europa familiär erbracht, in den USA aber am Markt nachgefragt werden, erhöht zwar statistisch das amerikanische Volkseinkommen, ist aber für den Wohlstandsvergleich irrelevant. Die Tabelle 2.5 zeigt, dass die Unterschiede in der Gesamtarbeitszeit je Einwohner den größten Teil der am kaufkraftbereinigten BIP gemessenen Wohlstandunterschiede erklären.

Nur dort, wo mehr gearbeitet wird, gibt es auch mehr zu verteilen. In Deutschland wird lange ausgebildet, die Älteren scheiden eher aus, das senkt das deutsche Wohlstandsniveau deutlich unter die Verhältnisse in den USA, der Schweiz oder in den Niederlanden. Die Arbeitszeitverkürzung der letzten Jahrzehnte hat Deutschland ärmer gemacht, als es eigentlich sein müsste.

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Neben den gesamtwirtschaftlichen Arbeitsstunden bestimmt die Produktivität die Wohlstandsentwicklung. Unbestritten ist, dass in Deutschland künftig sowohl die Gesamtbevölkerung als auch die Zahl der Erwerbspersonen schrumpfen wird. Diese Einbuße könnte

Zur Tabelle Seite 043

ausgeglichen werden, wenn die Arbeitsproduktivität entsprechend stark stiege. In Deutschland sinkt der Zuwachs der Arbeitsproduktivität aber seit vielen Jahren, wobei dieser Trend konjunkturellen Schwankungen unterliegt. Leider beziehen sich die meisten Untersuchungen zur Produktivitätsentwicklung auf zu kurze Stützzeiträume, so dass der Einfluss von Sonderfaktoren und Trendwirkung nicht zu unterscheiden ist. Exakte Beweise für künftige Produktivitätstrends lassen sich ohnehin nicht liefern. Wenn es aber keine Beweise gibt, droht man leicht dem Wunschdenken zu verfallen. Ein bisschen hat man den Eindruck, dass dies beim Zweiten Tragfähigkeitsbericht der Bundesregierung geschehen ist. In dem Bericht sollen vor allem die Auswirkungen der künftigen demografischen Entwicklung auf die öffentlichen Finanzen dargestellt werden.

Das wesentliche Ergebnis des Tragfähigkeitsberichtes der Bundesregierung von 2008 ist, dass die Auswirkungen der künftigen Abnahme der Bevölkerung auf das Wirtschaftswachstum durch mehr Wirtschaftswachstum kompensiert werden können. Wenn die Zahl der Erwerbspersonen schrumpft, lässt sich Wirtschaftswachstum aber ausschließlich durch eine höhere Arbeitsproduktivität pro Stunde erreichen. Die entsprechenden Analysen und Berechnungen hierzu hat nicht die Bundesregierung, sondern das Ifo-Institut angestellt. Das Ifo-Institut - und damit der Tragfähigkeitsbericht der Bundesregierung - unterstellen ein künftiges jährliches Wachstum der Arbeitsproduktivität von 1,4 bis 1,6 Prozent (ungünstige Variante)

Zur Tabelle Seite 045

beziehungsweise 1,7 bis 1,8 Prozent (günstige Variante). Das IfoInstitut hat nach eigenen Angaben die Produktivitätsannahmen aus einer »einfachen Trendfortschreibung« der »jeweiligen Durchschnittswerte der Jahre 1991 bis 2004« abgeleitet. Dieser Stützzeitraum ist für eine über viele Jahrzehnte gehende Projektion entschieden zu kurz. Sowohl das langfristige strukturelle Absinken des

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Annahmen zur wirtschaftlichen und demografischen Enwicklung bis zum Jahr 2050

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Produktivitätstrends bleibt dabei unberücksichtigt als auch die negative Trendentwicklung im Stützzeitraum selber.

In der Senatsverwaltung für Finanzen des Landes Berlin wurde der langfristige Produktivitätstrend in Deutschland intensiver analysiert mit dem Ergebnis: Die Zunahme der Arbeitsproduktivität pro Stunde nähert sich im langfristigen Trend asymptotisch einer jährlichen Zunahme von einem Prozent an (Schaubild 2.I). Diese Annahme ist auch theoretisch schlüssig, weil zwei tendenziell produktivitätssenkende Elemente sich künftig verstärken werden:

- Die Konsumstruktur verschiebt sich allmählich aus dem Bereich der Waren in Richtung persönliche Dienstleistungen. Das senkt den Produktivitätsfortschritt, denn hier gibt es weniger Produktivitätsreserven.

- Das ständig steigende Durchschnittsalter der Erwerbsbevölkerung verschiebt den Schwerpunkt der Erwerbspersonenen in Altersgruppen, die bei innovativen oder körperlich anstrengenden Tätigkeiten weniger leistungsfähig sind. Auch dies wirkt tendenziell produktivitätssenkend.

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Die Produktivitätsannahme des Tragfähigkeitsberichtes ist nach meiner Ansicht unhaltbar. Der Bericht arbeitet aber die Implikationen kleinerer Annahmeänderungen für die langfristige wirtschaftliche, finanzielle und demografische Entwicklung sehr exakt heraus:

- Die positive Variante T+ unterstellt einen Anstieg der Geburtenziffer von jetzt 1,4 auf 1,6, einen jährlichen Wanderungssaldo von 200 000 Menschen und eine leicht erhöhte Produktivität.

- Die vorsichtigere Variante T- unterstellt ein Verharren bei der jetzigen Geburtenziffer von 1,4, einen jährlichen Wanderungssaldo von 100 000 Menschen und eine etwas niedrigere Produktivität.

Der Unterschied beider Varianten ist dramatisch: Das BIP 2050 ist bei T+ um 30 Prozent höher als bei der vorsichtigen Variante T-. Die Staatsverschuldung sinkt bei der positiven Variante auf 20 Prozent des BIP von 2050, bei der vorsichtigen steigt sie auf 120 Prozent.

Ganz abgesehen davon, dass die unterstellten Produktivitätsannahmen in beiden Fällen zu hoch ausfallen, zeigt eine von Wunschdenken freie Betrachtung, dass eine Zunahme der Geburtenziffer von 1,4 auf 1,6 viel zu optimistisch ist, denn die Geburtenentwicklung der Jahre 2008 und 2009 hat die aufkeimenden Hoffnungen auf eine Trendwende längst wieder zunichte gemacht. Ganz offenbar hat das Elterngeld vor allem einen Vorzieheffekt ausgelöst. Ferner mag es zwar sein, dass die künftige jährliche Zuwanderungsrate 200 000 beträgt. Das wäre dann aber eine Zuwanderung weit unter dem Produktivitätsniveau der vorhandenen Arbeitskräfte, denn die Zuwanderung aus Osteuropa wird wegen des dortigen Geburtenrückgangs und des wirtschaftlichen Aufholprozesses in naher Zukunft ganz zum Erliegen kommen. Die Zuwanderung aus Indien und Fernost wird nicht in großem Umfang stattfinden, nachdem die Industrialisierung dort mit Macht Boden gewinnt und der Wohlstand schnell steigt. So bleibt nur die problematische - und hier noch näher zu betrachtende - Zuwanderung aus Afrika sowie Nah- und Mittelost. Angesichts dieser Entwicklung muss man wohl von einer niedrigeren Zuwanderung ausgehen. Meiner eigenen Projektion liegen die Vorgaben der u. Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung zugrunde, die auf den Ist-Zahlen des Jahres 2005 basiert (siehe Anhang Tabelle A), sowie folgende Annahmen:

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- Die Zunahme der Produktivität pro Arbeitsstunde verläuft nach dem von der Berliner Senatsverwaltung dargestellten langfristigen Trend und pendelt sich in den nächsten Jahren asymptotisch bei einer durchschnittlichen jährlichen Zuwachsrate von 1,25 Prozent ein (Anhang Tabelle B). Die Geburtenziffer verharrt bei 1,4, das heißt, jede Generation ist um 30 Prozent kleiner als die vorhergehende.

- Die jährliche Zuwanderung liegt bei 50 000.

Die Erwerbsbeteiligung der Männer bleibt für die 20- bis unter 50-Jährigen mit gegenwärtig 80 Prozent konstant und steigt bei den 50- bis unter 65-Jährigen stufenweise von heute 64 auf 70 Prozent an. Die Erwerbsbeteiligung der Frauen steigt bei den 20- bis unter 50-Jährigen stufenweise von heute 75 Prozent auf 78 Prozent an und erhöht sich bei den 50- bis unter 65-Jährigen stufenweise von heute 60 auf 65 Prozent (Anhang Tabelle C).

Dieses Set von Annahmen ist aus meiner Sicht gemäßigt optimistisch, aber relativ frei von Wunschdenken. Das größte Risiko liegt in der Produktivitäts- und Wachstumsannahme. Es wird nämlich unterstellt, dass größere wirtschaftliche Einbrüche, die grundsätzlich unvermeidlich sind, immer wieder aufgeholt werden. Ob dies in den nächsten 40 Jahren so sein wird, wissen wir nicht, denn wir kennen die langfristigen Folgen der Finanzkrise von 2007/2009 nicht. Wir wissen auch nicht, welche Folgen der Klimawandel auf das langfristige Wachstum der Weltwirtschaft haben wird oder wie sich künftige disruptive Entwicklungen in Afrika und im islamischen Raum auswirken werden.

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Erläuterung der Projektionsergebnisse

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Wirtschaftswachstum

- Das reale Bruttoinlandsprodukt steigt - ausgehend von dem Index 100 im Jahre 2005 - bis 2025 auf einen Indexstand von 112,8, es sinkt sodann bis 2035 auf einen Indexstand von 109,6 und wird bis 2050 auf diesem Niveau stagnieren (Anhang Tabelle D).

Das reale BIP pro Einwohner steigt zwischen 2005 und 2050 um 0,7 Prozent; kumuliert über den Gesamtzeitraum sind das 36,1 Prozent (Anhang Tabelle E).

Altenlast

- Die Altenlast wird für diese Projektion definiert als die Summe der - staatlichen Ausgaben für Altersversorgung (Renten, Pensionen, Grundsicherung im Alter)

- auf die Rentner entfallenden Ausgaben für die gesetzliche Krankenversicherung

- Ausgaben der Pflegeversicherung.

Insgesamt beliefen sich diese Ausgaben 2005 je Renten-/Pensionsbezieher auf 14 021 Euro (Anhang Tabelle G). Der Anteil dieser Ausgaben am BIP betrug 12,4 Prozent (Anhang Tabelle H). Gemessen am Volkseinkommen erreichten die Ausgaben für Rentner und Pensionäre 16,5 Prozent (Anhang Tabelle 1). Die Kosten für Krankheit und Pflege, die 2005 nicht aus den Beitragseinnahmen abgedeckt wurden (2005 waren das 31 Milliarden Euro), wurden bis 2050 fortgeschrieben unter Berücksichtigung der steigenden Rentnerzahlen sowie des wachsenden Anteils Hochbetagter.

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Zu fragen ist, wie sich die Altenlast unter verschiedenen Voraussetzungen verändert (Anhang Tabelle F), und zwar:

1. bei Entwicklung des Versorgungsniveaus analog zum BIP je Einwohner

Wenn die schwache Zunahme des BIP von jahresdurchschnittlich 0,7 Prozent je Einwohner gleichmäßig auf alle Einwohner verteilt wird, dann verdoppelt sich der Anteil der Altenlast am Sozialprodukt: Der Anteil am BIP steigt von 12,4 auf 24,3 Prozent, der Anteil am Volkseinkommen von 16,5 auf 32,3 Prozent. Das bedeutet, dass die Abgabenquote um 11,9 Prozentpunkte steigen müsste, von 35,7 Prozent im Jahre 2005 auf 47,6 Prozent im Jahre 2050 (Anhang Tabelle G - zum Vergleich: Die aktuelle Abgabenquote in Schweden liegt bei 50,1 Prozent).

2. bei gleichbleibendem Versorgungsniveau

In diesem Falle werden die Alterseinkommen pro Kopf auf dem heutigen Niveau eingefroren. Die Ausgaben für Krankenversicherung und Pflege steigen allerdings wie im Fall 1. Indem das Versorgungsniveau stabil gehalten wird, schwächt sich der relative Anstieg der Altenlast deutlich ab: Der Anteil am BIP steigt von 12,4 auf ig,a Prozent, der Anteil am Volkseinkommen von 16,5 auf 25,6 Prozent (Anhang Tabelle H).

Freude machen diese Ergebnisse wahrlich nicht. Aber eine realistische Alternative ist nicht zu erkennen. Die Annahme, dass die Produktivitätje Erwerbstätigenstunde sich bei einem Prozent einpendeln wird, ist sowohl aufgrund des Trendverlaufs der letzten Jahrzehnte als auch aufgrund inhaltlicher Überlegungen realistisch. Die Erwerbspersonen werden älter, und was deren Qualifikation angeht, liegt im stark wachsenden Anteil bildungsferner Schichten an den nachrückenden Generationen ein erhebliches Risiko.

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Für die Hoffnung, die Fertilitätsrate könne wieder steigen, gibt es bei einem seit mehr als 40 Jahre andauernden stabilen Abwärtstrend gegenwärtig keine Belege, es sei denn, man steuert durch eine gezielte Bevölkerungspolitik (vgl. Kapitel 8) dagegen. Ein Mehr an Zuwanderung könnte nur entlastend wirken, wenn diese auf die Qualifizierten beschränkt bleibt. Das aber setzt voraus, dass Deutschland für diese Gruppe attraktiv ist.

Noch gar nicht berücksichtigt sind in der Projektion die finanziellen Auswirkungen der steigenden Lebenserwartung auf die Gesundheitskosten und der wachsende Anteil Pflegebedürftiger. Auch sonst enthält sie viel Optimismus, denn sie geht beispielsweise davon aus, dass

- die Folgen der gegenwärtigen Wirtschaftskrise mittelfristig aufgeholt werden

 - Deutschland infolge der Globalisierung keine Einbußen beim Wohlstand erleidet

- der Klimawandel sich nicht negativ auswirkt.

Man kann nur hoffen, dass dieser Optimismus berechtigt ist, denn auch so sind die Schwierigkeiten schon groß genug. Verfall und Gefährdung sind schon lange nicht mehr zu übersehen.

nach oben   nächster 05. Zeichen des Verfalls