Th. Sarrazin - Deutschland schafft sich ab

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IV

05 Zeichen des Verfalls

05.01

Wir werden älter und weniger an Zahl

05.02

Unsere Gesellschaft wird heterogener

05.03

Wir werden weniger leistungsfähig

05.04

Die bildungsfernen Milieus und die Unterschichtphänomene verfestigen sich

05.05

Zur Geschichte der Unterschicht

05.06

Die Armutsdiskussion

05.07

Intelligenz und Demografie

Eine Bestandsaufnahme

Etwas ist faul im Staate Dänemark.

WILLIAM SHAKESPEARE, HAMLET

Die Projektionen zur Entwicklung Deutschlands stimmen nicht froh, denn sie zeigen unmissverständlich, dass der Trend zu immer mehr Wohlstand gebrochen ist und die Konflikte zunehmen werden, die aus der wachsenden Zahl der Menschen im Rentenalter einerseits und der schrumpfenden Zahl der Erwerbstätigen andererseits erwachsen. Immerhin wird noch ein Produktivitätswachstum von einem Prozent jährlich angenommen, und das bedeutet, dass das BIP pro Erwerbstätigem bis 2050 um 58 Prozent und das BIP pro Einwohner um 36 Prozent steigen könnte. Das ist allerdings weder sicher noch selbstverständlich. Selbst wenn wir die Unwägbarkeiten des Klimawandels außer Acht lassen, wissen wir nicht, wie sich die künftigen "Terms of Trade" entwickeln und was Rohstoffe künftig kosten werden. Wir wissen auch nicht, wo die deutsche Industrie in 30 Jahren international stehen wird.

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Wir werden älter und weniger an Zahl

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Deutschland hält sich sehr viel zugute auf die Qualifikation und den Fleiß seiner Arbeitskräfte, seinen Unternehmergeist, auf den technologischen Vorsprung seiner Produkte und seine Spitzenstellung in Wissenschaft und Technik. Es mag offen bleiben, inwieweit wir hier von vergangenem Ruhm zehren oder Wunschdenken erliegen. Selbst wenn wir gut sind und bleiben, wird es schwieriger, denn die anderen werden besser und vor allem zahlreicher. Diese Probleme teilen wir mit der gesamten westlichen Welt, aber ein stark schrumpfendes, alterndes und vergleichweise kleines Land wie Deutschland trifft diese Entwicklung besonders hart.

Letztlich beruhen unsere Wettbewerbsstärken vor allem auf dem Ausbildungsgrad, den Ideen, den Fertigkeiten, dem Fleiß und der Motivation der Menschen in unserem Land. Denn wir müssen ständig neue Produkte und Dienstleistungen auf den Markt bringen, und diese müssen nicht nur unter Lohnkostenaspekten wettbewerbsfähig sein, denn die Produktion von lohnkostenintensiven Produkten haben wir schon weitgehend abgegeben.

Eine funktionierende arbeitsteilige Volkswirtschaft ist eine komplexe Maschinerie. Sie braucht ein Angebot an einfachen Dienstleistungen und qualifizierter Handarbeit, ein solides Rechtssystem, eine geordnete Verwaltung und gute Lehrer genauso dringend wie Mathematiker, Ingenieure, Naturwissenschaftler und Techniker. Aber nur Letztere bilden die Gruppe, die den eigentlichen technischen Fortschritt vorantreibt, die für Richtung und Umfang technischer Innovationen bestimmend ist und die Entwicklung neuer oder besserer Produkte und Verfahren vorantreibt.

Die Zahl deutscher Hochschulabsolventen in den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) ist zwischen 1993 und 2007 von 69 000 auf 76 000 gestiegen) Im OECD-Vergleich absolvierten im Jahr 2006 aber 7,8 Prozent eines Altersjahrgangs ein MINT-Studium; Deutschland und die USA erreichten hier mit 5,8 Prozent und 5,5 Prozent nicht einmal den Durchschnitt, während Schweden mit 10,9, Japan mit 9,5 und Großbritannien mit 9,0 Prozent deutlich darüber lagen. Selbst wenn der prozentuale Anteil deutscher MINT-Absolventen künftig steigen sollte, muss das infolge des demografischen Schwunds bei den kommenden Jahrgängen keinen absoluten Zuwachs bedeuten. Aufgrund der starken Zunahme der MINT-Absolventen in Fernost wird der Anteil Deutscher unter den MINT-Absolventen weltweit stark fallen und damit auch der deutsche Anteil an den Innovationen.

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Exzellenz im Weltmaßstab ist erst recht schwer zu erreichen.

Das britische Hochschulmagazin Times Higher Education veröffentlicht regelmäßig eine Rangliste der weltbesten Hochschulen. Auf den ersten 30 Plätzen findet man 14 amerikanische, sieben britische sowie eine chinesische Universität. Als beste deutsche Hochschule kommt die TU München auf Platz 55. Derartige Ranglisten sind immer fragwürdig, doch sie liefern eine Indikation relativer Bedeutung. Längst vorbei sind auf jeden Fall die goldenen zwanziger Jahre, als weltweit rund die Hälfte der wissenschaftlichen Veröffentlichungen auf Deutsch erschienen, Heute waten wir durch ein Meer deutscher Forschungspapiere, deren unbeholfenes Englisch uns oft traurig stimmt - allerdings würden sie auf Deutsch auch nicht mehr Witz und literarische Qualität gewinnen.

Die kontinuierliche Abnahme des quantitativen Potentials an wissenschaftlich-technischer Intelligenz wird sich fortsetzen. Dass die Zahl der Geburten in Deutschland zwischen 1965 und 2009 auf die Hälfte gesunken ist und sich bis 2050 noch einmal halbieren wird, bedeutet auch, dass in Deutschland heute nur noch halb so viele und in weiteren zwei Generationen allein aus demografischen Gründen nur noch ein Viertel der talentierten Köpfe des Geburtsjahrgangs 1965 geboren werden wird. Natürlich vermindert sich dann auch die Zahl der Untalentierten entsprechend, aber die tragen ohnehin nichts zur Vermeidung von Engpässen in der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung bei. Letztlich ist die schiere Größe einer Bevölkerung für sich genommen gar kein Argument: Im Jahre 1800 hatten die USA eine Bevölkerung von 5,5 Millionen, in England lebten 9 Millionen Menschen, in Deutschland 23 Millionen, in Frankreich 28 Millionen und in China 400 Millionen. Gemessen an der Zahl der Einwohner je Quadratkilometer wird Deutschland 2050 immer noch dreimal so dicht besiedelt sein wie im Jahre 1800.

Bis 2050 wird die Bevölkerungszahl in Deutschland um rund 10 Prozent sinken, die Zahl der Erwerbstätigen sogar insgesamt um 30 Prozent und die Zahl der Erwerbstätigen zwischen 20 und 50 Jahren noch mehr, nämlich um 40 Prozent. Die Zahl der Menschen im Rentenalter wird dagegen um rund 50 Prozent zunehmen. Es ist aber ein Unterschied, ob in Deutschland auf jeden Rentner zwei Erwerbstätige kommen, wie das gegenwärtig der Fall ist, oder ob die Relation eins zu eins ist, was 2050 eingetreten sein wird.

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An die materielle Opferbereitschaft, aber auch an die Leistungsfähigkeit der Erwerbstätigen werden in Zukunft ganz andere Ansprüche gestellt werden als heute. Diese höheren Anforderungen werden an Menschen gerichet sein, die im Schnitt deutlich älter sind: Heute sind 25 Prozent der Erwerbstätigen 50 Jahre und älter, 2050 werden es dagegen 35 Prozent sein. Bei den Ingenieuren ist bereits jetzt die Zahl der berufstätigen Ingenieure über 50 Jahre höher als die der unter 35-Jährigen. Das ist aus einem Grund zu begrüßen: Der Jugendwahn am Arbeitsmarkt wird keine Zukunft haben. Über Jahrzehnte war es üblich, Probleme in diesem Bereich möglichst durch Frühpensionierungen zu lösen. 2006 hatten rund 40 Prozent der Betriebe mit sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten keinen einzigen Mitarbeiter über 49 Jahre. Nur 56 Prozent der 55- bis 65jährigen Männer sind in Deutschland noch erwerbstätig, bei den 55- bis 65-jährigen Frauen sind es sogar nur 40 Prozent. Das muss und wird sich ändern (und ist in der Projektion in Kapitel 2 auch unterstellt).

Die moderne Altersforschung hat nachgewiesen, dass wichtige Qualitäten wie Sorgfalt, Zuverlässigkeit, Verantwortungsbewusstsein bis ins hohe Alter erhalten bleiben, während andere Qualitäten wie Schnelligkeit, Reaktions- und Kombinationsvermögen sowie viele Formen fluider Intelligenz einem Altersabbau unterliegen. Dieser vollzieht sich beim gesunden Menschen aber langsamer, als häufig unterstellt wird, und kann sogar durch Anforderungen und Training weiter verlangsamt werden. Wirklich signifikant wird der Abbau des Leistungsvermögens in der Regel erst ab dem 70. Lebensjahr.

Der Körper altert leider schneller als der Geist. Das Knochengerüst und die Sinnesorgane des Menschen sind phylogenetisch auf seine einstmalige Existenz als Jäger und Sammler abgestellt. Deshalb brauchen viele ab Mitte 40 eine Brille, ab Mitte 50 neue Hüften und ab Mitte 60 ein Hörgerät. Schwere körperliche Arbeit können die meisten Menschen ab 50 nicht mehr verrichten, aber dann ist es für die Umschulung und den Wechsel auf einen Posten mit mehr verwaltender oder geistiger Tätigkeit zu spät.

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Oft sind Menschen, die vorwiegend körperliche Arbeit verrichten, auch gar nicht geeignet für geistige oder verwaltende Tätigkeiten und schon gar nicht für Umschulungen in späteren Lebensjahren, weil sie, wie die Bildungspolitiker das bezeichnen, »eher praktisch begabt« sind. Sie stellen nach der Gaußschen Normalverteilung etwa ein Viertel der Bevölkerung. Für dieses Viertel sind schon infolge der Technisierung der Arbeitswelt die Arbeitsplätze knapper geworden. 1960 waren im Hamburger Hafen beim Be- und Entladen der Schiffe 14 000 Menschen beschäftigt, heute sind es noch 2400. Im selben Zeitraum ist aber der Hafenumschlag von 31 auf 110 Millionen Tonnen gestiegen. Ein Gabelstapler ersetzt etwa 100 Schauerleute. Im modernen Hochregallager fahren die Gabelstapler aber vollautomatisch, und so braucht man nicht einmal einen Fahrer. Der Mensch am Steuerpult des Hochregallagers benötigt eher Hirn als Muskelkraft und ist ganz sicher kein Hauptschulabsolvent, der bei einfachen Additionsaufgaben Schwierigkeiten hat.

In Zukunft wird es auf dem Arbeitsmarkt ein immer dürftigeres Angebot für das untere Viertel im Begabungs- und Leistungsprofil geben, denn auch Handwerksberufe, in denen man früher noch unterkommen konnte, setzen inzwischen mehr voraus, als dieses Viertel mitbringt. Damit wird der Nachwuchsmangel in qualifizierten Lehrberufen zum ernsthaften Problem: Am oberen Ende werden immer mehr Begabte in die forcierte Akademisierung abgezogen, der Mittelbau der Begabungsprofile schrumpft mit der demografischen Entwicklung, und ein Ausweichen in das untere Begabungs- und Leistungsdrittel ist wegen dort fehlender Voraussetzungen nur begrenzt möglich.

In den oberen Bereichen des Arbeitsmarktes ändern sich die Funktionen üblicherweise entsprechend dem Lebenszyklus. Der Diplomchemiker fängt in der Regel in der Forschungsabteilung an, leitet später als Techniker einen Produktionsbetrieb und steigt dann ins allgemeine Management auf, etwa als Personalchef oder Werksleiter. Schafft er einen solchen Aufstieg nicht, wird er gewöhnlich vorzeitig pensioniert. Der Informatiker startet als Systemprogrammierer, übernimmt dann die Leitung von Arbeitsgruppen oder Projekten, leitet schließlich eine Datenverarbeitungsabteilung oder geht in den Vertrieb und sitzt am Ende möglicherweise auf dem Sessel des CFO (Chief Financial Officer), also des kaufmännischen Geschäftsführers. Ähnlich ist es bei Physikern, Mathematikern und Ingenieuren aller Art. In jungen Jahren erfolgt der Einsatz dort, wo die Innovation unmittelbar entsteht, später findet man sie in Abteilungen, wo die Innovationen verwaltet und zu marktfähigen Produkten weiterentwickelt werden. Dies entspricht der biologischen Verlaufskurve menschlicher Intelligenz: Die fluide Intelligenz erreicht in relativ jungen Jahren ihr Hoch und sinkt dann kontinuierlich ab, die erfahrungsgeprägte kristalline Intelligenz hält sich bei entsprechender Beanspruchung lange auf hohem Niveau und kann sogar bis in höhere Lebensjahre ansteigen.

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Wirft man einen Blick auf die Liste der Nobelpreisträger in Physik und Chemie, so wird man feststellen, dass ihnen die Auszeichnung zumeist in späteren Lebensjahren zuteil wurde für Entdeckungen, die sie zwischen dem 30. und 45. Lebensjahr gemacht hatten. Der berühmte britische Mathematiker Bertrand Russell bekannte in seinen Memoiren, dass er sich nie so sehr auf der Höhe seiner geistigen Leistungskraft gefühlt habe wie mit 28 Jahren bei der Abfassung seines Hauptwerkes »Principia Mathematica«. Dazu äußerte der Historiker Golo Mann: »Rückblickend meint er (Russell), er sei zur Philosophie übergegangen, als er für die Mathematik zu dumm wurde, zur Geschichte und Politik, als er für die Philosophie zu dumm wurde. Da ich selber für die Mathematik von Anfang an zu dumm war und nur zu bald für die Philosophie, so kann ich gar nichts über Russells Grundlegung der Mathematik, über seine Philosophie das wenigste berichten.«

Wir wissen, dass die Zahl der 20- bis 30-Jährigen bis 2050 um mehr als 40 Prozent sinken wird. Damit wissen wir, dass "ceteris paribus" auch das deutsche Innovationspotential in den nächsten 30 Jahren um 40 Prozent sinken wird. Häufig hört man, der demografischen Bedrohung für das Innovationspotential könne man durch eine höhere Quote an Hochschulabsolventen begegnen. Dieses Rezept kann aber nur dann wirken, wenn unter denen, die heute nicht studieren, künftig aber studieren sollen, in größerem Umfang naturwissenschaftlich Hochbegabte zu finden sind. Das dürfte kaum der Fall sein, denn bei der heutigen Abiturientenquote werden 95 Prozent der wirklich Hochbegabten bereits zur Hochschulreife geführt, und von den besten Abiturienten studieren bereits an die 100 Prozent. All die Volkswirte, Betriebswirte, Juristen, Germanisten, Politologen, Soziologen und Philosophen, die unsere Universitäten verlassen, tragen durchaus zum allgemeinen Bildungsniveau bei, ihr Beitrag zum wissenschaftlich-technischen Fortschritt geht jedoch gegen null. Es gibt in den Kultur- und Sozialwissenschaften eben keinen systematischen Fortschritt, ebenso wenig wie es einen solchen bei der Dichtkunst oder den bildenden Künsten gibt. Die Werke von Andy Warhol sind nicht besser als die von Breughel, sie sind anders, James Joyce hat nicht besser geschrieben als Goethe, sondern anders, und Henry Moore nicht besser gestaltet als Schadow, nur eben anders. Verbrennungsmotoren dagegen sind heute anders als die vor 100 Jahren und vor allem in jeder Hinsicht besser. Dasselbe gilt für Glühlampen und Telefone.

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Während der Zugang zu Sprache, Kultur und Kunst - in unterschiedlichen Graden natürlich - allen Menschen möglich ist, die mit einer gewissen Grundintelligenz ausgestattet sind, gilt das für die Mathematik und die Naturwissenschaften nicht; ihr Charakter setzt ein bestimmtes formales Verständnis voraus, sonst ist der Zugang quasi digital versperrt. Das weiß jeder Schüler, der einmal bei einer mathematischen Ableitung an der Tafel gescheitert ist.

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Unsere Gesellschaft wird heterogener

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Vielfalt ist grundsätzlich erwünscht. Die damit verbundenen Reibungen erhöhen aber nicht zwangsläufig die Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft. Drei der Länder, die bei den diversen Pisa-Tests am besten abgeschnitten haben - Korea, Japan und Finnland -, haben eine sehr homogene Bevölkerung und dementsprechend sehr wenige Einwanderer. Ein viertes Land, das sehr gut abschneidet - Kanada - ist ein klassisches Einwanderungsland, das seine Einwanderungspolitik sehr restriktiv nach Bildungsniveau, Qualifikation und Mangelberufen am Arbeitsmarkt steuert.

Die Vereinigten Staaten, das größte Einwanderungsland, schneiden bei den Pisa-Tests traditionell unterdurchschnittlich ab. Beim letzten Mal lagen sie in puncto mathematische Kompetenz noch hinter dem deutschen Schlusslicht Bremen. Gleichzeitig ziehen die USA Spitzenintelligenz aus der ganzen Welt an ihre Universitäten und Forschungseinrichtungen. An der Universität Berkeley in Kalifornien setzen sich beispielsweise Absolventen fernöstlicher Herkunft mit überdurchschnittlichen Leistungen von anderen Ethnien deutlich ab. Diese eigentümliche Dichotomie ist kennzeichnend für die amerikanische Gesellschaft: wachsende Geistesferne an der Basis und eine unangefochtene Spitzenstellung in Wissenschaft und Technik, repräsentiert von den Besten der Welt, die sich in den amerikanischen Eliteeinrichtungen versammeln.

Nach Deutschland drängen die hochbegabten Inder und Chinesen leider nicht, denn hier entfällt schon einmal der Vorteil der Sprachkenntnis. Deutsch spielt als Wissenschaftssprache schon längst keine Rolle mehr. In der Regel studieren in Deutschland daher nur jene Chinesen, deren Profil für die amerikanischen Spitzenuniversitäten nicht reicht. Entscheidend ist aber etwas anderes: Die deutsche Einwanderungspolitik der letzten Jahrzehnte hat nicht die Leistungsträger fremder Völker angelockt, sondern vornehmlich Landbewohner aus eher archaischen Gesellschaften, die in ihren Heimatländern am unteren Ende der sozialen Rangskala wie auch der Bildungsskala angesiedelt sind.

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Betrachten wir einmal die letzten Jahrzehnte:

- In den sechziger Jahren sind in mehreren Einwanderungswellen Italiener, Griechen, Spanier und Portugiesen nach Deutschland gekommen. Das ist längst vorbei. Diese Menschen haben sich assimiliert oder sind in ihre prosperierenden Heimatländer zurückgekehrt.

- Die Einwanderungswelle aus Osteuropa ist abgeebbt. Die osteuropäischen Länder leiden mittlerweile - mit drei Jahrzehnten Verspätung - unter einer ebenso großen Geburtenarmut wie Deutschland und bieten überdies ihren Landsleuten immer bessere wirtschaftliche Perspektiven. Die Integration dieser Menschen war nie ein Problem, da sie sehr sprachbegabt sind und sich um Integration bemühen, wenn sie nach Deutschland kommen, um hier zu leben.

- Menschen aus dem Fernen Osten oder aus Indien, die den Weg nach Deutschland finden, machen sehr gute Integrationsfortschritte. Sie sind wirtschaftlich leistungsfähig, überwinden Hürden am Arbeitsmarkt schnell, und ihre Kinder zählen in den Schulen zu den Besten. Die Kinder der noch in die DDR geholten vietnamesischen Vertragsarbeiter haben in Berlin höhere Abiturientenquoten und weisen bessere Schulleistungen vor als die deutschen Schüler.

- Asylanten und Wirtschaftsflüchtlinge insbesondere aus Afrika sind dagegen schlecht ausgebildet und nicht immer leicht zu integrieren. Sie reihen sich ein am unteren Ende des Arbeitsmarktes, an dem wir bereits jetzt hohe Unterbeschäftigung haben, oder gehen in die informelle Wirtschaft.

- Die Zuwanderer aus dem ehemaligen Jugoslawien, der Türkei und den arabischen Ländern bilden den Kern des Integrationsproblems. Es gibt keinen erkennbaren Grund, weshalb sie es schwerer haben sollten als andere Immigranten. Ihre Schwierigkeiten im Schulsystem, am Arbeitsmarkt und generell in der Gesellschaft ergeben sich aus den Gruppen selbst, nicht aus der sie umgebenden Gesellschaft.

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- Die größte Einwanderungsgruppe stellen die Aussiedler. Bildungserfolge und Arbeitsmarktdaten zeigen, dass deren Integration bereits in der zweiten Generation sehr gut gelingt.

Objektive Benachteiligungen ergeben sich für alle Immigranten infolge mangelhafter Sprachkenntnisse, mangelnder Vertrautheit mit den Gebräuchen des Gastlandes und andersartigen Aussehens. Die ersten beiden Hemmnisse zu überwinden, obliegt den Immigranten selbst, wobei das Gastland Hilfe zur Selbsthilfe leisten muss. Auch das Aussehen ist kein unüberwindliches Hindernis. Inder und Vietnamesen wirken in Deutschland mindestens so fremdartig wie Türken und Araber und haben doch viel größere Erfolge in unserer Gesellschaft vorzuweisen. Ursachen für die Schwierigkeiten in der Schule, am Arbeitsmarkt und generell in der Gesellschaft müssen daher wohl auch in den Gruppen selbst gesucht werden; sie dürften also durchaus etwas mit deren eigenem Verhalten zu tun haben.

Alles in allem ist die Bevölkerung in Deutschland durch die Migration vielfältiger geworden. Die höheren Geburtenraten aller Migrantengruppen führen altersabhängig sogar zu einer starken Verschiebung der Bevölkerungsanteile. Bei den heute 65-Jährigen haben etwa 10 Prozent einen Migrationshintergrund, bei den 40-Jährigen sind es 17 Prozent, unter den jüngeren Müttern bereits 40 Prozent. In der Bevölkerung insgesamt liegt der Anteil derjenigen, die einen Migrationshintergrund haben, bei 17 Prozent, bei den unter 15-Jährigen aber bereits bei 30 Prozent.

Die Alterspyramide zur Bevölkerung in Deutschland (Schaubild 3.1) lässt deutlich erkennen, dass die Migration die quantitativen Wirkungen des Geburtenrückgangs erheblich abgemildert hat: Der Anteil der von der einheimischen Bevölkerung geborenen Kinder ist seit Mitte der sechziger Jahre um 65 Prozent gesunken, dank der Migranten hat sich die Gesamtzahl der in Deutschland Geborenen aber »nur« halbiert. Bleiben die Geburtenraten der Migranten über dem deutschen Durchschnitt, setzt sich auch ohne weitere Einwanderung die »Verdünnung« der einheimischen Bevölkerung fort. Das ist nicht weiter schlimm. Aber wenn sich dadurch das Bildungs- und Qualifikationsprofil verschlechtern sollte, würde sich das sehr nachteilig auf die deutsche Zukunftsfähigkeit auswirken.

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Müssen wir uns diesbezüglich Sorgen machen?

Die Aussiedler geben dazu keinen Anlass. Von ihren in Deutschland geborenen Nachkommen besuchen heute mehr die gymnasiale Oberstufe als von den Einheimischen, und die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei dieser Gruppe unter dem Durchschnitt. Die Einwanderer aus den EU 25 bereiten ebenso wenig Probleme. Deren in Deutschland

Zur Tabelle Seite 061

geborene Kinder erwerben in weitaus höherem Maße die Hochschulreife als die Einheimischen. Bei den Migranten aus dem Fernen Osten schaffen das in der zweiten Generation bis zu 63 Prozent, bei den Einheimischen sind es nur 38 Prozent. Diese Migranten stellen offenbar für das künftige deutsche Wissenspotential eine Bereicherung dar. Bei den Migranten aus dem Nahen Osten erwerben 55 Prozent der zweiten Generation die Hochschulreife, 22 Prozent schließen allerdings weder eine Schule noch eine Lehre ab. In der Gruppe besteht also eine erhebliche Disparität, was vermutlich auf große Unterschiede je nach Herkunftsland zurückzuführen ist (wobei Persien sicher besser abschneidet als der Jemen). Das statistische Material reicht aber nicht aus, um dies zu erhärten.

Unter den Immigranten aus Südeuropa sind die Bildungsindikatoren für Spanier und Griechen günstiger als bei Einheimischen, bei Italienern und Portugiesen ungünstiger. Im Falle Italiens mag das damit zusammenhängen, dass die ursprünglichen Gastarbeiter überwiegend aus Süditalien eingewandert sind.

Die Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien haben auch in der zweiten Generation deutliche Integrationsprobleme im Bildungsbereich: 14 Prozent bleiben ganz ohne Schul- oder Berufsabschluss, und die Quote derer, die das Abitur ablegen oder ein Studium abschließen, ist nur halb so hoch wie bei den Deutschen. Diese Gruppe ist allerdings sehr heterogen. Sie setzt sich zusammen aus den früheren Gastarbeitern und ihren Nachkommen einerseits und andererseits aus politischen Flüchtlingen, etwa aus dem Kosovo.

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Aus Afrika stammende Migranten haben zu 25 Prozent keinen Bildungsabschluss. Nur 20 Prozent der afrikanischstämmigen Schüler besuchen die gymnasiale Oberstufe. Es ist nicht erkennbar, dass sich die Integration in der zweiten Generation verbessert, sie wird teilweise eher schlechter. Allerdings gibt es in dieser Gruppe 35 Prozent bikulturelle Ehen (meist afrikanische Männer mit deutschen Frauen), dort sind die Integrationswerte etwas besser.

Die türkischstämmige Bevölkerung stellt unter den Absolventen des deutschen Bildungssystems die höchste Quote ohne Bildungsabschluss (30 Prozent) und die niedrigste mit Hochschulberechtigung (14 Prozent) und lässt darüber hinaus die geringsten Fortschritte bei den hier geborenen Generationen erkennen.

Die Bildungserfolge der verschiedenen Gruppen bestimmen wesentlich deren Erfolge auf dem Arbeitsmarkt, und diese wiederum sind ausschlaggebend dafür, ob man seinen Unterhalt selbst bestreiten kann oder auf staatliche Transferleistungen angewiesen ist. Von Transferleistungen leben in Deutschland:

8 Prozent der Einheimischen

9 Prozent der Migranten aus EU 24

10 Prozent der Migranten aus Südeuropa 12 Prozent der Aussiedler

13 Prozent der Migranten aus dem Fernen Osten

16 Prozent der aus der Türkei stammenden Migranten

18 Prozent der Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien

24 Prozent der Migranten aus afrikanischen Ländern.

Wer von staatlichen Transfers lebt, zahlt keine Steuern und Abgaben und hat wie jeder andere Bürger Anspruch auf staatliche Leistungen von der Schule bis zur Wohnung und zur Krankenversicherung. Hiervon ausgehend gibt es unterschiedliche Versuche, die Kosten und Nutzen der Einwanderung in Deutschland zu berechnen. Soweit dabei nachgekartet und an Entscheidungen der Vergangenheit Kritik geübt wird, ist dies allenfalls von theoretischem Interesse. Letztlich ist die Frage rein erkenntnislogisch kaum beantwortbar. Man müsste nämlich, ausgehend vom Jahr 1960, eine alternative Wirtschafts- und Sozialgeschichte für Deutschland schreiben, da ohne das Ventil der Einwanderung grundlegende Entwicklungen in der deutschen Politik anders verlaufen wären:

- Man hätte sich das exportorientierte deutsche Wirtschaftsmodell aus Gründen des Arbeitskräftemangels so gar nicht leisten können und eher mit der Verlagerung von Produktionen ins Ausland begonnen.

- Es wäre ein großer Druck entstanden, durch eine entsprechende Familien- und Bevölkerungspolitik die deutschen Geburtenzahlen zu erhöhen.

- Man hätte nie mit dem Frühpensionierungswahn begonnen.

 - Das Gewicht von Dienstleistungen und Bildung wäre gestiegen. Jede dieser Entscheidungen hätte Folgeanpassungen im In- und Ausland nach sich gezogen. Deutschland und Europa wären anders, als sie jetzt sind. Sich dies im Einzelnen auszudenken, streift die sozialutopische Geschichtsrevision - ganz abgesehen davon, dass eine solche Politik nur durchsetzbar gewesen wäre ohne den Asylparagraphen im Grundgesetz und anderen Regeln zur Niederlassungsfreiheit in der EU.

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Analysieren wir also lieber den Ist-Zustand: Die drei Migrantengruppen mit den größten Bildungsdefiziten und den höchsten Sozialkosten sind auch jene, die sich am stärksten vermehren. Menschen mit Migrationshintergrund Jugoslawien, Türkei, Nah- und Mittelost sowie Afrika stellen sechs Prozent der Bevölkerung in Deutschland, auf sie entfallen aber gut 11 Prozent aller unter 15-Jährigen und ein noch deutlich höherer Anteil an den Geburten. Die Gruppen mit der höchsten Bevölkerungsdynamik haben also die niedrigste Bildung und weisen auch die niedrigsten Bildungszuwächse in der Generation der hier Geborenen auf. Damit stellen sie nicht einen Teil der demografischen Lösung, sondern des demografischen Problems dar, Es ist nämlich zu befürchten, dass sie zur überdurchschnittlichen Vermehrung jener bildungsfernen und von Transfers abhängigen Unterschicht beitragen, welche die Entwicklungsaussichten Deutschlands verdüstert.

03
Wir werden weniger leistungsfähig

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Die deutsche Volkswirtschaft und Gesellschaft machen zur Zeit nicht den Eindruck, als könnten sie vor Kraft kaum laufen. In jeder zweiten Sonntagsrede hören wir, dass nur Spitzenleistungen in Wissenschaft und Technik Deutschlands Lebensstandard sichern und die Folgen der Globalisierung und des demografischen Wandels zum Positiven wenden können. In einer aktuellen Veröffentlichung schreibt etwa das Konsortium »Bildungsindikatoren und technologische Leistungsfähigkeit«:

»In allen fortgeschrittenen Volkswirtschaften ist ein Trend zur Wissenswirtschaft zu beobachten, ein Trend, der ökonomisch ohne Alternative ist und der zunehmenden Bedarf an hochqualifiziertem Humankapital schafft ... Der Trend zur Wissensgesellschaft beruht auf einem doppelten Strukturwandel:

- Zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten entstehen fast ausschließlich im Dienstleistungssektor und nur noch in Ausnahmefällen in der Industrie. Die Qualifikationsanforderungen sind im Dienstleistungssektor typischerweise höher.

- Sowohl im produzierenden Bereich als auch innerhalb des Dienstleistungssektors expandieren wissens- und forschungsintensive Wirtschaftszweige und Tätigkeitsbereiche zu Lasten derjenigen, die weniger auf den Einsatz von hoch qualifiziertem Personal angewiesen sind ...

Geringe Qualifikationen werden immer weniger nachgefragt. Deutschland hat seinen über lange Jahre gehaltenen Humankapitalvorsprung gegenüber anderen Ländern, der sich auch heute noch im vergleichsweise hohen Bildungsstand älterer Bevölkerungsgruppen niederschlägt, durch Versäunmisse in der Bildungspolitik der 1980er und 1990er Jahre sukzessive eingebüßt.«

»Humankapital« wird in internationalen Vergleichen an den Abschlussquoten vergleichbarer Bildungsgänge gemessen. Aussagekräftig sind diese nur, wenn die Abschlüsse auch vergleichbar sind. Das Niveau des traditionellen deutschen Abiturs ist zwar in den letzten Jahrzehnten gewaltig gesunken, liegt aber dennoch wohl eher in der Nähe des amerikanischen College-Abschlusses, weshalb es wenig sinnvoll ist, deutsche Abitur- mit amerikanischen Highschool-Quoten zu vergleichen. Dennoch geben die internationalen Vergleichsdaten zu denken.

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Im internationalen Vergleich hat Deutschland die mit Abstand niedrigste Quote an Hochschulabsolventen und vor allem die niedrigste Quote an MINT-Absolventen. Sicherlich stellen die Zahlen in der Tabelle 3.2

Zur Tabelle Seite 066

Deutschland in einem ungünstigen Licht dar, denn das deutsche Abitur hat gewöhnlich eine höhere Qualität als viele der ausländischen Studienberechtigungen. Zudem gibt es zahlreiche Einrichtungen, die in anderen Ländern als Hochschule geführt werden, bei uns diesen Status aber nicht haben, etwa Berufsakademien und Verwaltungshochschulen. Für bestimmte Ausbildungsgänge wird in Deutschland auch kein Studium vorausgesetzt, weil es Lehrberufe sind (Krankenpfleger/innen, Erzieher/innen), und überhaupt gibt es die ganze Breite der beruflichen Bildung in vielen anderen Ländern so nicht. Dennoch ist die niedrige deutsche Quote an MINT-Absolventen, die ja einen hohen Standard im wissenschaftlich-technischen Fortschritt garantieren sollen, besorgniserregend und verträgt sich nicht mit der hierzulande verbreiteten Einschätzung, Deutschland sei ein prädestinierter Hightech-Standort.

Die niedrige deutsche Quote an MINT-Absolventen hängt nicht mit Kapazitätsengpässen an den Hochschulen zusammen. Vielmehr sind die MINT-Fächer jene, in denen die deutschen Hochschulen durchaus noch freie Kapazitäten haben. So gab es 2006 folgende Auslastungsquoten:

Elektrotechnik 72 Prozent
Physik, Astronomie 74 Prozent
Maschinenbau/Verfahrenstechnik 81 Prozent
Chemie/Biocheinie 87 Prozent
Kunst, Kunstwissenschaften 90 Prozent
Sprach- und Kulturwissenschaften 102 Prozent
Rechts-, Wirtschafrs- und Sozialwissenschaften 116 Prozent

Man sieht: Je mehr formale Anforderungen ein Fach stellt, umso geringer ist das Studieninteresse. Es mangelt ganz offenbar nicht am Platz in den Labors und Hörsälen, sondern an geeigneten und in der Schule ausreichend vorgebildeten Köpfen. Zugleich gibt es in den MINT-Fächern extrem hohe Schwund- und Abbruchquoten, wie die Zahlen von 2006 zeigen:

Sprach- und Kulturwissenschaften, Sport - 24 Prozent

Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften - 26 Prozent

Mathematik - 53 Prozent

Physik, Geowissenschaft - 52 Prozent

Chemie  - 49 Prozent

Maschinenbau - 46 Prozent

Elektrotechnik - 48 Prozent

In Deutschland besteht also das doppelte Problem, dass zu wenig Studienberechtigte MINT-Fächer wählen und zu wenige, wenn sie es tun, ihr Studium erfolgreich abschließen. Michael Leszczensky und andere haben sich diesem doppelten Problem gewidmet und glauben nicht, dass sich etwas verbessern könnte:

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»Fachlich prädestiniert für ein MINT-Studienfach ist nur eine Minderheit von Schulabsolvent/innen von allgerneinbildenden Schulen. Für zusätzliche Impulse der Nachfrage nach diesen Studiengängen, die sich aus entsprechend veränderten schulischen Schwerpunktsetzungen ergeben würden, gibt es keine empirischen Hinweise.

Eine durchgreifende Ausweitung von bildungsbiografischen Verläufen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die Wahl eines ingenieurwissenschaftlichen Studienfaches zulaufen, ist auch an den beruflichen Schulen nicht zu erkennen. Zwar steigt die Gesamtzahl der Studienberechtigten mit technischer Ausrichtung wieder an, aber der Zuwachs fällt gegenüber den Bereichen Bildung und Sozialwesen nur unterdurchschnittlich auis.«

Dabei kann man es natürlich nicht bewenden lassen, doch dazu später mehr (siehe Kapitel 6).

In den Jahren 2006/07 schlossen 68 Prozent der alterstypischen Bevölkerung einen beruflichen Bildungsgang ab, davon 23 Prozent in den Kernberufen wissensintensiver Branchen. Dieser Anteil ist etwas höher als derjenige der in wissensintensiven Berufen tätigen Erwerbstätigen (rund 7 von 37 Millionen Erwerbstätigen, also 19 Prozent). 15,2 Prozent der jungen Erwachsenen zwischen 20 und 29 Jahren waren 2007 ungelernt, hatten also (noch) keinen beruflichen Abschluss. Das Risiko, keinen Abschluss zu erwerben, ist am unteren Ende der Skala naturgemäß am höchsten (siehe Tabelle 3.3). Auch der bloße Hauptschulabschluss birgt ein erhebliches Risiko, am Ende ohne beruflichen Abschluss dazustehen, und den jungen Erwachsenen ohne Schulabschluss droht unweigerlich das Dasein als ungelernte Arbeitskraft. Diese Entwicklung ist besonders beunruhigend, weil seit Ende der achtziger Jahre die Arbeitslosenquoten der Geringqualifizierten stark steigen. Im Jahre 2005 lagen sie bei 26 Prozent und waren damit fast dreimal so hoch wie bei denen mit abgeschlossener Berufsausbildung. Es ist bereits jetzt absehbar, dass diese jungen Menschen künftig den harten Kern der von Transfers abhängigen Bevölkerung bilden werden.

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Fassen wir zusammen: In der Hochschulbildung hat Deutschland - jedenfalls bei den MINT-Fächern - seinen Vorsprung beim Humankapital verloren. Bei der beruflichen Bildung scheint es ihn noch zu haben. Deutschland wird wegen der Qualität seiner beruflichen Bildung weltweit geschätzt und schreibt sich hier besondere Stärken zu. Es könnte sein, dass hier Vorsprünge in der Humankapitalbildung kompensiert werden, die bei der akademischen Ausbildung verloren gehen. Eine Analyse der Arbeitsproduktivität in jüngerer Zeit legt allerdings die Vermutung nahe, dass sich die Arbeitsproduktivität in Deutschland sektoral bereinigt ungünstiger entwickelt als in vergleichbaren Industriestaaten.

Zur Tabelle Seite 069

Zerlegt man das sektorale Wachstum der Arbeitsproduktivität in die Faktoren Humankapital, Sachkapital und Multifaktorproduktivität, so zeigt sich, dass Deutschland bei der Produktivitätssteigerung des Humankapitals und der Multifaktorproduktivität seit Mitte der neunziger Jahre eher schlecht abschneidet. Das kann seine Ursachen in der Qualität des Humankapitals haben, muss es aber nicht. Auf jeden Fall ist dies keine erfreuliche Indikation.

Klagen über die Qualität der Lehrstellenbewerber sind immer wieder zu hören, aber es ist schwer auszumachen, welches Gewicht ihnen zukommt. Die Ausbildungsumfragen des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) zur Ausbildungsreife der Bewerber geben hier einigen Aufschluss (Tabelle 3.4).24 Seit 2006 wird das Ausdrucksvermögen zwar etwas seltener bemängelt, die elementaren Rechenfertigkeiten, die Umgangsformen und die Belastbarkeit lassen aber weiter zu wünschen übrig.

Die BASF AG untersucht seit 1975 die Rechtschreib- und elementaren Rechenkenntnisse ihrer Ausbildungsplatzbewerber und hat über all die Jahre die gleichen Tests verwendet. Dabei hat sich ein stetiger und im Laufe der Zeit erheblicher Leistungsrückgang gezeigt (Tabelle 3.5). In die Testauswertung wurden nur Bewerber einbezogen, die ihre gesamte Schulzeit an einer deutschen Schule verbracht hatten. Erläuternd heißt es dazu:

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»Bezüglich der Rechenkenntnisse ist die Nutzung von Taschenrechnern zwar eine praktische Angelegenheit, die Regelkenntnisse, die ja alle einmal erworben haben, gehen aber mangels Anwendung verloren. Ebenso scheint es sich mit dem Transfervermögen zwischen dem beim elementaren Rechnen doch recht überschaubaren Zahlenraum und der konkreten Anwendung im Alltag zu verhalten.

Die deutsche Sprache zählt ja doch zu den schwierigeren, weshalb unter lernpsychologischen Gesichtspunkten eine multimodale (möglichst viele Sinne und Verhaltensanteile beinhaltende) Methode des Erwerbs den größten Erfolg verspricht. Tatsächlich dürfte aber sowohl die Sprechaktivität durch vorwiegend konsumatorische Haltungen als auch die Leseaktivität durch audio-visuelle Medien stark vernachlässigt sein. Zudem scheinen Sorgfalt und Akribie, wie sie beim Erstellen und Gestalten von Texten ja durchaus notwendig sind, in unserer Zeit in den Hintergrund getreten zu sein. Man analysiere einmal Tageszeitungen unter diesem Gesichtspunkt«

Es spricht viel dafür, die Ergebnisse dieser Langzeituntersuchung als repräsentativ für ganz Deutschland anzusehen, denn sie bestätigen die Erfahrungen zahlreicher älterer Lehrer.

Deutschland hat also in den MINT-Fächern seinen Vorsprung verloren, und die deutschen Schulen stellen nicht so viele geeignete Abiturienten bereit, dass der Standard der besseren OECD-Staaten wieder erreicht werden könnte. Darüber hinaus weisen die schulischen Leistungen der Haupt- und Realschüler große Mängel auf und sind in den letzten 35 Jahren kontinuierlich gesunken. Von einem leistungsfähigen Bildungssystem kann also keine Rede sein, denn dieses müsste erreichen, dass der Anteil der Schüler/Absolventen mit

- Spitzenkompetenz möglichst hoch ist, da diese allein den wissenschaftlich-technischen Fortschritt vorantreiben

- sehr geringen oder gänzlich fehlenden Kenntnissen möglichst niedrig ist, weil es für diese immer weniger Arbeitsplätze geben wird.

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Tabelle 3.4

Zur Tabelle Seite 071

Vor diesem Hintergrund sind einige Pisa-Ergebnisse von 2006 aufschlussreich. Im Schaubild 3.2 wird exemplarisch die mathematische Kompetenz der Schüler in den einzelnen Bundesländern dargestellt. Analoge Aufstellungen gibt es zur Lesekompetenz und zur naturwissenschaftlichen Kompetenz. Die Ergebnisse sind sechs Kompetenzstufen zugeordnet. Bei der niedrigsten, der Kompetenzstufe 1, können die Schüler »Routineverfahren in unmittelbar zugänglichen Situationen anwenden«, aber beispielsweise nicht »elementare Algorithmen, Formeln, Verfahren und Regeln anwenden«. Das wäre bereits Kompetenzstufe 2 In der höchsten Kompetenzstufe 6 können die Schüler »Informationen, die sie aus der Modellierung komplexer Problemsituationen erhalten, konzeptualisieren, verallgemeinern und auf neue Situationen anwenden«,

Bei Jugendlichen der Kompetenzstufe 1 und darunter ist zu erwarten, dass sie »aufgrund ihrer geringen mathematischen Kompetenzen im weiteren Ausbildungs- und Berufsleben wahrscheinlich erhebliche Probleme haben«. Da die Arbeitsplätze der Niedrigqualifizierten in Länder mit deutlich niedrigeren Lohnkosten verlagert werden, sagt die OECD bei einem höheren Anteil niedrig Qualifizierter steigende Soziallasten und mehr Ungleichheit voraus. Es ist also höchst beunruhigend, dass 20 Prozent der jugendlichen in Deutschland unter Kompetenzstufe II liegen und 7 Prozent nicht einmal Kompetenzstufe 1 erreichen. Das ist nur minimal besser als der OECD-Durchschnitt von 21 Prozent, liegt aber weit unter dem Niveau der Pisa-Spitzenländer. Lediglich 4,5 Prozent der Jugendlichen erreichen die Kompetenzstufe VI, das ist zwar etwas besser als der OECD-Durchschnitt von 3,3 Prozent, aber weit von den Pisa-Spitzenländern entfernt.

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Die Ergebnisprofile der deutschen Bundesländer weichen stark voneinander ab. Den höchsten Anteil an Spitzenleistungen hat Baden-Württemberg mit 5,8 Prozent, den höchsten Anteil an Kompetenzstufe 1 und darunter hat Bremen mit 29 Prozent. Es fällt auf, dass die Länder, die den niedrigsten Anteil bei den schlechten Leistungen zu verzeichnen haben, auch erfolgreicher sind bei den Spitzenleistungen. So haben die fünf besten Länder einen durchschnittlichen Anteil von 16 Prozent bei den schlechten Leistungen und im Spitzenbereich einen von 4,6 Prozent. Bei den fünf schlechtesten Ländern sind es dagegen 16 beziehungsweise 3,7 Prozent. Es fällt ferner auf, dass die Unterschiede offenbar nichts mit unterschiedlichen Schulsystemen zu tun haben: Bayern, das seit jeher einen hohen Hauptschul- und einen niedrigen Abiturientenanteil stellt, scheint sowohl die Leistungsschwächeren als auch die Spitze weitaus besser zu fördern als die drei Schlusslichter Berlin, Hamburg und Bremen, die traditionell einen niedrigen Hauptschul- und einen hohen Abiturientenanteil haben.

Zur Tabelle von Seite 073

Die besten deutschen Länder spielen in der internationalen Spitzenliga mit und sind auf dem Niveau von Japan, Neuseeland und Dänemark, erreichen allerdings nicht die Spitzenwerte von Finnland und Korea. Das schlechteste deutsche Land Bremen befindet sich auf dem Niveau von Spanien und den USA.

Als Berliner Finanzsenator habe ich mich mit den Pisa-Ergebnissen intensiv beschäftigt. Berlin hatte nämlich bei den Tests von 2003 uund 2006 katastrophal abgeschnitten, woraufhin unverzüglich massive politische Forderungen nach mehr Geld für die Bildung und mehr Lehrkräften für die Schulen erhoben wurden. Nach Auswertung

Schaubild 3.2 Mathematische Kompetenz im Ländervergleich

Zur Tabelle von Seite 074

der Statistiken der Kultusministerkonferenz konnte ich belegen, dass in Berlin auf jeden Lehrer wesentlich weniger Schüler entfallen als in den deutschen Pisa-Spitzenländern. Mit diesen Ergebnissen zog ich in den politischen Kampf.

Obwohl das Verhältnis von Schülern zu Lehrern in Berlin um 15 Prozent günstiger war als im Bundesdurchschnitt, erzielte Berlin neben Bremen die schlechtesten Pisa-Ergebnisse. In zahlreichen öffentlichen Auftritten zu diesem Thema legte ich eine Aufstellung der Ergebnisse (Tabelle 3.6) als Powerpoint-Folie auf und behauptete, hier sei der klare Beweis erbracht, dass Schulleistungen umso schlechter würden, je mehr Lehrer man auf die Schüler loslasse. Das war natürlich Unsinn, aber es bescherte dem Thema die nötige Aufmerksamkeit und war Teil meiner am Ende erfolgreichen Abwehr aller Versuche, den Berliner Ausstattungsvorsprung bei den Lehrerstellen noch weiter zu vergrößern. Darüber hinaus konnte ich belegen, dass Berlin auch bei den Ausgaben pro Schüler bundesweit mit an der Spitze stand. Das bewies, dass nicht Unterschiede bei den materiellen Inputs ins Bildungssystem für die Unterschiede zwischen den deutschen Bundesländern verantwortlich waren.

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Die Ergebnisrangfolge der Pisa-Vergleiche für die deutschen Bundesländer wird auch bestätigt durch die im Juni 2010 erschienene Untersuchung »Sprachliche Kompetenzen im Ländervergleich«. In der - hier als Beispiel herausgegriffenen - Lesekompetenz belegen die drei Stadtstaaten in der mittleren Kompetenz den letzten Platz. Wichtiger noch aber ist die Verteilung der Leistung auf die Kompetenzklassen: Am obersten Ende der Leistungsskala erbringen Neuntklässler aus Bayern und Berlin identische Leseleistungen, am unteren Ende aber sind die schlechten Schüler aus Berlin noch viel schlechter als die schlechten Schüler aus Bayern. Dieses besondere Auseinanderklaffen beobachtet man übrigens auch, wenn man nur die Schüler deutscher Herkunft betrachtet. Von den Schülern in Berlin, die nicht aufs Gymnasium gehen, blieben beim Lesen 62 Prozent auf den beiden unteren Kompetenzstufen hängen, beim englischen Leseverstehen waren es 86 Prozent."

Die Erhebungen der OECD zeigen übrigens auch generell, dass das mäßige deutsche Abschneiden im Bildungsvergleich, das so gar nicht ins Bild der Deutschen von sich selber passen will, nicht ohne weiteres auf die finanzielle Ausstattung zurückgeführt werden kann. In Deutschland liegen die jährlichen Ausgaben pro Schüler nämlich ziemlich genau im OECD-Durchschnitt, und zwar im Primarbereich leicht unter, im Sekundarbereich leicht über dem Durchschnitt. Im Tertiärbereich, der Hochschulausbildung, wendet Deutschland pro Student etwas mehr auf als der OECD-Durchschnitt (allerdings deutlich weniger als Kanada, die USA und die Schweiz).

Generell ließ die Pisa-Studie von 2006 keinen signifikanten Zusammenhang erkennen zwischen den Ausgaben in den Bildungsverlauf eines Schülers bis zum Pisa-Test einerseits und den Testergebnissen andererseits. Auch die von meinen Kollegen Bildungssenatoren (zunächst Klaus Böger, später Jürgen Zöllner) vorgebrachte Behauptung, der hohe Berliner Migrantenanteil mache die besondere Problematik Berlins aus, traf die Sache nicht, denn der Migrantenanteil ist in Baden-Württemberg höher als in Berlin, der Bayerns fast so hoch wie der Berlins. Die Unterschiede sind offenbar nur erklärbar mit der Qualität des Unterrichts und/oder der Qualität des Schülerbestands, nicht aber mit Unterschieden in den Bildungsausgaben oder dem Anteil der Migranten unter den Schülern.

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Durch all diese streitigen Diskussionen wuchs mein Interesse an der Sache weit über die Finanzen hinaus. Es ist schließlich paradox, wenn einige Länder mit weniger Ressourcen zu deutlich besseren Bildungsergebnissen kommen als andere, die besser ausgestattet sind. Beim Vergleich der deutschen Bundesländer fällt auf, dass die süddeutschen Länder besser abschneiden als die norddeutschen und die drei Stadtstaaten gemeinsam das Schlusslicht bilden. Der Pisa-Koordinator Manfred Prenzel wies die Berliner Behauptungen (die es ebenso in Hamburg und Bremen gab), der soziale Hintergrund oder der Migrationsanteil sei maßgebend für das schlechte Abschneiden, als unzutreffend zurück. Aus seiner Sicht sind die Unterschiede in der Unterrichtsqualität und in den Leistungserwartungen entscheidend. Das mag so sein und soll in Kapitel 6 noch näher untersucht werden.

Wenn man dagegen Indikatoren wie Vereinsmitgliedschaft, Besuch einer Musikschule, Medienkonsum und anderes zugrunde legt, lassen soziologische Untersuchungen ein Gefälle zwischen Nord- und Süddeutschland erkennen, das im Einklang mit den Pisa-Unterschieden verläuft. Ein ähnliches Gefälle zeigt sich innerhalb Berlins zwischen den Bezirken und Stadtvierteln. Es könnte also durchaus sein, dass die in den Stadtstaaten beobachteten Verhältnisse auch für andere deutsche Großstädte zutreffen und diese ähnlich schlechte Pisa-Ergebnisse vorzuweisen hätten, wenn man sie einzeln auswerten könnte.

Damit wären wir einer soziologischen Entwicklung auf der Spur, die im Zuge der weitergehenden Verstädterung und des wachsenden Gewichts der Ballungsräume für die Leistungs- und Bildungsfähigkeit in Deutschland nichts Gutes verheißt. Dazu passen die Erkenntnisse der Bundeswehr aus den Musterungsergebnissen von Wehrpflichtigen. Die dort gemessene »Intelligenzleistung« weist für die süddeutschen Länder signifikant bessere Ergebnisse aus. Es könnte also sein, dass es regionale systematische Unterschiede in der Bildungsfähigkeit einer Population gibt, an der sogar Mehrausgaben relativ wirkungslos abprallen.

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Die Ergebnisse der Bundeswehr weisen auf Wanderungseinflüsse hin. Es könnte sein, dass aufstrebende Regionen mobile, gut ausgebildete und intelligente Menschen anziehen, wobei die jungen Frauen sich besonders wanderfreudig zeigen. Das heißt ferner, dass sich die Ausstattung der anderen Regionen mit Humankapital verschlechtert. Es könnte aber auch sein, dass manche Regionen deshalb aufstreben, weil die Bevölkerung dort tüchtiger ist. Jedenfalls zeigen die Musterungsergebnisse der Bundeswehr, dass das Süd-Nord-Gefälle der gemessenen Intelligenzleistungen ziemlich stabil ist und in abgeschwächter Form auch für das Gebiet der ehemaligen DDR gilt. Solche überregionalen Selektionsprozesse können zur Herausbildung und Verfestigung »bildungsferner Milieus« und damit einer stabilen Unterschicht beitragen.

04
Die bildungsfernen Milieus und die Unterschichtphänomene verfestigen sich

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Im Land Berlin wird regelmäßig ein Sozialstrukturatlas veröffentlicht, der nach unterschiedlichsten Kriterien Sozialdaten für Bezirke und Stadtteile differenziert und generell eine hohe Korrelation zwischen Bildungsgrad, sozialen Verhaltensweisen, Lebenserwartung und anderem mehr feststellt sowie im Einzelnen analysiert. Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die Grundauswertung der Einschulungsdaten etwa für das Jahr 2007. Diese zeigen einen klaren und stringenten Zusammenhang zwischen Indikatoren für das Sozialverhalten - wie Übergewicht, Zahnpflege, Fernsehverhalten, Sprachentwicklung, motorische Mängel - einerseits und der sozialen Schichtzugehörigkeit andererseits. Dieser Zusammenhang besteht über alle Berliner Bezirke und Wohngebiete hinweg. Dabei ist die Feststellung wichtig, dass die gemessenen Indikatoren des Sozialverhaltens allesamt einkommensunabhängig sind (Tabelle 3.7).

Die Einschulungsdaten zeigen, dass die Mängel stark mit der Schichtzugehörigkeit korrelieren (Tabelle 3.8). Für die Berliner Erhebung werden die Kinder nach dem Bildungsabschluss und dem Erwerbsstatus der Eltern zu je einem Drittel einer unteren, einer mittleren oder einer oberen sozialen Schicht zugeordnet.

In Berlin sind 33 Prozent der Schulanfänger nichtdeutscher Herkunft. Das entspricht in etwa den bundesdeutschen Verhältnissen. Allerdings verteilt sich dieses Drittel sehr unterschiedlich. Im Bezirk Mitte sind nur noch 34 Prozent der Schulanfänger deutscher Herkunft, in Neukölln sind es 48 Prozent, in Pankow dagegen 90 Prozent. Da die Berliner Migranten überwiegend der Unterschicht angehören, ist kaum verwunderlich, dass die Schulanfänger aus diesen Gruppen die typischen Unterschichtdefizite aufweisen (Tabelle 3.9).

Zur Tabelle Seite 078

Es fällt auf, dass keiner der aufgeführten Mängel in irgendeiner Weise von der materiellen Versorgung abhängig ist. Da die Grundgesamtheit der Einschüler des Landes Berlin erfasst wurde, können die erhobenen Daten wohl auch auf vergleichbare soziale Schichten in Gesamtdeutschland übertragen werden.

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Ohne der Armutsdiskussion in Kapitel 4 vorzugreifen, möchte ich an dieser Stelle festhalten, dass die beobachteten Verhaltensdefizite der unteren Schicht zwar mit deren materiellem Status in engem Zusammenhang stehen, aber aus diesem kausal nicht erklärt werden können. Auch eine Familie, die über einen langen Zeitraum vom Arbeitslosengeld II lebt, kann darauf achten, dass die Kinder sich die Zähne regelmäßig putzen und nicht unbeaufsichtigt fernsehen, dass regelmäßig gekocht wird und man sich gesund und ausgewogen ernährt, dass die Kinder im Park oder auf dem Bolzplatz spielen und sich ausreichend bewegen. Mit Büchern kann man sich in der Leihbücherei eindecken und den Kindern regelmäßig vorlesen. Es gibt also keine materiellen Gründe, die es Empfängern von Arbeitslosengeld unmöglich machen, bei den untersuchten Merkmalen die Kennziffern der oberen sozialen Schicht zu erreichen.

05
Zur Geschichte der Unterschicht

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Zu allen Zeiten waren Gesellschaften geschichtet. Die Entwicklung zur modernen Industriegesellschaft und die Abschaffung überkommener Klassenprivilegien, eine wachsende Zahl von Arbeitsplätzen, die Schulpflicht und der leichtere Zugang zu weiterführenden Bildungseinrichtungen brachten aber bessere Aufstiegsmöglichkeiten und generell eine Durchmischung ehemals stabiler Schicht- und Klassenzugehörigkeiten mit sich. Während die Tüchtigen aufsteigen und die Unterschicht oder untere Mittelschicht verlassen, wurden und werden in einer arbeitsorientierten Leistungsgesellschaft nach »unten« vor allem jene abgegeben, die weniger tüchtig, weniger robust oder ganz schlicht ein bisschen dümmer und fauler sind.

Wie sich dies bis hinein in einzelne Stadtviertel auswirkt, hat der Soziologe Franz Walter ausführlich beschrieben. Besonders dramatisch war diese Entwicklung für die klassische Arbeiterpartei SPD. Die bereits beschriebene intellektuelle Ausdünnung der Unterschicht wirkt sich tendenziell zu Lasten der Arbeiterpartei SPD aus, weil das Mobilisierungspotential sinkt und Meinungsführer Mangelware werden. Dies schlägt sich nieder in schlechten Wahlergebnissen. Vom Reformpaket der Regierung Schröder, das 2004/05 unter den Stichworten Agenda 2010 oder Hartz IV Deutschland durcheinanderwirbelte, mag man halten, was man will. Entscheidend war, wie Walter ausführt, dass in großen Teilen der Unterschicht der Slogan »Fördern und fordern« nicht als Chance, sondern als Bedrohung und Anschlag auf erworbene Besitzstände empfunden wurde.

Mit dem an sich richtigen Reformpaket beschleunigte die SPD den Entfremdungsprozess von diesem Teil ihrer Stammwähler. Soweit diese überhaupt wählen gehen, sind sie jetzt bei der Linkspartei. Der aufgestiegene Teil der ehemaligen Stammwähler und deren Nachwuchs wählt dagegen mittlerweile die Grünen. Wer sich fortschrittlich fühlt, die Welt verbessern will, aber das eigene Aufstiegsproblem gelöst hat, für den haben die Sozialdemokraten offenbar nichts mehr zu bieten. Deren Programmaussagen mäandern mittlerweile irgendwo zwischen Linkspartei und CDU-Sozialausschüssen, und der Anteil derer, die die SPD noch für nötig hält, sinkt dramatisch.

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Dabei hat sich an den großen Blöcken der Parteienlandschaft gar nicht so viel geändert: SPD, Linkspartei und Grüne hatten nach den Umfragen von Ende Juli 2009 zusammen einen Wähleranteil von 47 Prozent. Der Wähleranteil von Union und FDP betrug zusammen 50 Prozent. Das entspricht der seit Gründung der Bundesrepublik leicht überwiegenden bürgerlichen Mehrheit in Deutschland und hat der SPD immer wieder einmal die Chance eröffnet, auf Bundesebene zu regieren, Aber mit der Linkspartei, die vor allem verbohrte Ideologen und ewig zu kurz Gekommene repräsentiert, ist ein strukturell weiterführendes Politikangebot nicht denkbar - insbesondere eines, das ein Rezept enthält gegen die Verfestigung einer leistungsabgewandten und zunehmend aus Wirtschaftskreisläufen ausgeschlossenen Unterschicht.

Das von Franz Walter soziologisch abgeleitete Mentalitätsprotil der Unterschicht stimmt mit aktuellen Umfrageergebnissen überein: Bei Befragungen des Instituts für Demoskopie Allensbach ordnen sich 33 Prozent der Bevölkerung der oberen Schicht und der oberen Mittelschicht zu, 55 Prozent der Mittelschicht und 8 Prozent der Unterschicht. Von den Angehörigen der Unterschicht glauben nur 18 Prozent, dass Aufstieg in Deutschland unabhängig von der gesellschaftlichen Schicht möglich ist, bei der Mittelschicht sind es 43 Prozent, bei der oberen 46 Prozent. Gleichzeitig sind 43 Prozent der Unterschicht der Ansicht, dass hauptsächlich der Staat für die Bürger verantwortlich sein sollte, und 57 Prozent äußern, dass sie sich nur wenig Gedanken machen, wie sich die Gesellschaft entwickelt und entwickeln sollte, während es in der Mittelschicht 23 und in der oberen Schicht nur 38 Prozent sind. Zwar meinen die Menschen über alle Bevölkerungsschichten hinweg zu 95 bis 99 Prozent, dass Erfolgs- und Zukunftschancen sehr stark oder stark von der Bildung abhängen. Aber nur 33 Prozent der Unterschicht finden es wichtig, dass ihr Kind liest oder Sport treibt, bei der oberen Schicht liegen die entsprechenden Anteile dagegen zwischen 58 und 65 Prozent. Extrem unterschiedlich ist auch das Medienverhalten: In der einfachen Schicht sitzen 55 Prozent der jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren täglich drei und mehr Stunden vor dem Fernseher oder dem Computer, bei der gehobenen Schicht sind es 32 Prozent. In der einfachen Schicht sagen 35 Prozent der Eltern und Großeltern der 3- bis 5-Jährigen, dass Fernseher und Computer auch schon mal helfen, das Kind zu beschäftigen, bei der gehobenen Schicht sind es 13 Prozent.

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Die Zahlen stimmen nachdenklich: Weit über 90 Prozent der Eltern aus allen Schichten sind der Ansicht, dass Bildung für den Aufstieg sehr wichtig ist, aber die Unterschicht zeigt sich besonders aufstiegspessimistisch und verhält sich, wenn es um die Bildung ihres Nachwuchses geht, selbst dort passiv, wo sie Einfluss nehmen könnte. Die allgemeinen Statusklagen der Unterschicht sind also begleitet von auffallend wenig Interesse an allgemeinen gesellschaftlichen Fragen, einer bequemen Grundhaltung sowie geringem Engagement bei der Erziehung der Kinder. Das passt zu ihrem Statusfatalismus: »Nur 14 Prozent erwarten, dass es ihnen in den nächsten 10 Jahren besser gehen wird. Auch die Aussichten der eigenen Kinder werden überwiegend skeptisch gesehen. Zwar wünschen sich 73 Prozent der Eltern aus den unteren sozialen Schichten, dass es ihren Kindern einmal besser geht als ihnen selbst; nur 30 Prozent sind jedoch zuversichtlich, dass dies tatsächlich der Fall sein wird.«

Der relativ geringe Anteil von Arbeiter- und Unterschichtkindern unter den Abiturienten und Studierenden in Deutschland wird häufig - unter anderem auch von der OECD - als Indiz für eine mangelhafte Durchlässigkeit des deutschen Bildungssystems gewertet. Man kann aber auch zu anderen Schlüssen gelangen: Von Anfang des 19. Jahrhunderts bis vor wenigen Jahrzehnten war das deutsche Bildungssystem weltweit führend und bot zumindest den Spitzenbegabungen der unteren und mittleren Schichten erhebliche Aufstiegschancen. Das passt, so scheint es, nicht zum ideologischen Mainstream. Als Gerhard Ertl, der deutsche Nobelpreisträger für Chemie im Jahre 2007, am 14. Oktober 2007 in der Sendung von Anne Will über den Unterricht in seiner schwäbischen Zwergschule voller Wärme erzählte, schnitt die Moderatorin ihm das Wort ab: »Ich sehe eigentlich gar keine Korrelation zwischen Herkunft und Bildung.« Und fertig war sie mit ihm.

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Je besser die Durchlässigkeit eines Bildungssystems ist, umso eher und umso nachhaltiger erschöpft sich das Potential an Höchst- und Hochbegabten aus den unteren Schichten. Ein besonders paradoxes - und schlagendes - Beispiel dafür lieferte die DDR, wo man Wert darauf legte, einen möglichst hohen Teil der Studenten aus der sogenannten Arbeiterklasse zu gewinnen. Zahlreiche Aufstiegsmöglichkeiten wurden geschaffen mit dem Ergebnis, dass das akademische Potential der Arbeiter in der DDR schrumpfte. 1964 stammten 12 Prozent der Studenten an den wissenschaftlichen Hochschulen der DDR aus der sogenannten Intelligenz (mindestens ein Elternteil mit Hoch- oder Fachschulbildung) und 48 Prozent aus der sogenannten Arbeiterklasse. Dieser Anteil sank in den 40 Jahren des Bestehens der DDR kontinuierlich. 1989, bei der letzten Erhebung, stammten 78 Prozent der Studenten aus der Intelligenzschicht, nur noch sieben bis zehn Prozent aus der Arbeiterklasse - und damit weniger als in der Bundesrepublik, wo der Anteil 1989 bei 15 Prozent lag.

Nun ist nicht überall Hochschule drin, wo Hochschule draufsteht. Intelligenzmessungen in der DDR zeigten, dass den durchschnittlich niedrigsten IQ die Studenten des Marxismus-Leninismus hatten. Die DDR hatte aber eine Einrichtung, die wirklich Hochbegabte förderte, das war die sogenannte Mathematik-Olympiade. Dort stellte sich bereits 1970 heraus, dass der Anteil von Arbeiter- und Bauernkindern an der Endauswahl kontinuierlich sank, weil die Eltern der Teilnehmer am Wettbewerb zunehmend bereits selber den sozialen Aufstieg geschafft hatten. Deshalb kam die DDR-Bildungsforschung - deren Ergebnisse großenteils geheim gehalten wurden - schließlich nicht mehr daran vorbei, sich mit der Erblichkeit von Intelligenz auseinanderzusetzen.

Es ist also gar nicht gesagt, dass der geringe Anteil von Arbeiter- und Unterschichtkindern in den deutschen Gymnasien und Hochschulen Ausdruck einer im Vergleich mit anderen Staaten überdurchschnittlichen sozialen Benachteiligung ist. Ebenso gut kann er auch die Folge von bereits vollzogenen Aufstiegen sein.

Auch die Qualität der Abschlüsse ist zu beachten. 95 Prozent der Schüler in den USA besuchen die Highschool, 70 Prozent machen dort den Abschluss. Wenn in Finnland 90 Prozent eines Jahrgangs die Hochschulreife erwerben, so sind unter diesen auch zahlreiche zukünftige Krankenschwestern und Erzieher, weil diese Berufe dort eine Hochschulausbildung erfordern, während sie bei uns Lehrberufe sind. Die Zahlen sind also kein Beleg dafür, dass die Schüler mit einem IQ von 120 und mehr (= 10 Prozent der normal verteilten Grundgesamtheit) in Deutschland nicht auch zu über 90 Prozent das Abitur machen und anschließend studieren.

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Egal wie durchlässig ein Bildungssystem ist, immer und überall gilt die Logik: Je durchlässiger das System, desto schneller und desto eher blutet die Unterschicht intellektuell aus. Übrig bleiben diejenigen, die nur einfache und mittlere Qualifikationen erwerben, und die sind am Arbeitsmarkt immer weniger gefragt. Diese Tendenz beobachten wir weltweit in allen Industriestaaten. Wer also sein Jura-Examen mit 6,5 Punkten besteht oder an einer Provinzuniversität nach 14 Semestern die Magisterprüfung in Germanistik ablegt, sollte sich gleich um eine Tätigkeit außerhalb seines Berufsfeldes bemühen, wenn er sein Einkommen stabilisieren will.

Infolge der negativen Auslese einerseits, die umso unvermeidlicher wird, je durchlässiger eine Gesellschaft ist, und des sinkenden Bedarfs an einfacher, wenig qualifizierter Tätigkeit andererseits wächst der Anteil der Bevölkerung, der der Unterschicht zuzurechnen ist, relativ und absolut. Diese Wachstumstendenz fördert der moderne Sozialstaat, indem er - zu Recht! - all jene Gefährdungen beseitigt, die über Jahrtausende die Lebenserwartung und die Reproduktionsfähigkeit der jeweils Schwächsten oder am wenigsten Begünstigten überdurchschnittlich beeinträchtigt haben: ungesunde Wohnverhältnisse, Mangelernährung und anderes mehr. Insofern ist es durchaus fraglich, ob die vielfach geäußerte Hoffnung berechtigt ist, dass eine höhere Durchlässigkeit innerhalb der Gesellschaft den Unterschichtanteil verringert. Erhöhte Durchlässigkeit bedeutet nämlich nicht nur, dass die Tüchtigen von unten verstärkt aufsteigen, sondern auch, dass die Untüchtigen von oben verstärkt absteigen.

06
Die Armutsdiskussion

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Die Unterschicht in Deutschland steht, das gehört zur Definition einer Unterschicht, im Durchschnitt auch am unteren Ende der Einkommenspyramide. Einkommensarmut ist aber keineswegs ihr einziges und auch nicht ihr wesentliches Merkmal. Ein alternder Künstler, der von der Grundsicherung lebt, oder ein Student, der mit dem Bafög auskommen muss, gehören selbstverständlich nicht zur Unterschicht.

Ob man Menschen, die in Deutschland das garantierte Grundeinkommen beziehen, als arm bezeichnet, ist eine Frage der Definition. Auf jeden Fall handelt es sich nicht um Armut im Sinne der Bibel, der christlichen Barmherzigkeit oder um Verhältnisse wie in den Slums der Dritten Welt, mit denen man in Deutschland üblicherweise Armut verbindet. Vor drückender materieller Not wird die Unterschicht in Deutschland durch das Arbeitslosengeld II und die Grundsicherung im Alter bewahrt. Der Empfänger von Grundsicherung oder Arbeitslosengeld II in Deutschland kann

- nach den Standards des sozialen Wohnungsbaus würdig wohnen, weil ihm Miete und Heizkosten erstattet werden

- Krankenversorgung auf dem Niveau der gesetzlichen Krankenversicherung beanspruchen

- sich sozial adäquat und unauffällig kleiden

- sich gesund und vitaminreich ernähren und so der Gefahr von Übergewicht entgehen

- seine Kinder vom Kindergarten bis zum Abitur unentgeltlich in öffentlichen Bildungseinrichtungen ausbilden lassen

- mit dem Sozialpass - jedenfalls in Berlin - unentgeltlich alle öffentlichen Bibliotheken und Museen besuchen sowie erhebliche Vergünstigungen im öffentlichen Personennahverkehr nutzen.

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»Arm« sind Empfänger von Grundsicherung in Deutschland nur, wenn man Armut als politischen Begriff auffasst, der sich inhaltlich von seiner ursprünglichen und historisch überkommenen Bedeutung gelöst hat. Ein führender Ideologe der deutschen Armutsdiskussion, der Kölner Politologe Christoph Butterwegge, gesteht indirekt ein, dass Armut für ihn ein politischer Kampfbegriff ist und in umfassendem Sinne auf die Verminderung von Ungleichheit zielt. Butterwegge hat das Kunststück fertiggebracht, ein 350 Seiten starkes Buch über Armut in Deutschland zu verfassen, das zwar viele Zahlen, aber keine einzige konsistente Statistik enthält. Nach eigenem Bekunden glaubt er wie Churchill nur an Statistiken, die er selber gefälscht hat. Mit folgender Begründung entzieht sich Butterwegge einer empirisch gehaltvollen und messbaren Armutsdefinition: »Wer die Situation der Betroffenen ändern will, tut gut daran, die offiziellen, politisch einflussreichen und massenmedial vermittelten Armutsbilder zu beeinflussen. Nur wenn diese verändert werden, lässt sich auch die Armut verringern und verhindern, dass neue entsteht.« Butterwegge ist damit ein typischer Vertreter jener Kaste von Wissenschaftlern, Politikern und Verbandsfunktionären, die Bedeutung daraus gewinnt, dass sie Armut in Deutschland extensiv definiert und intensiv beklagt. Mit der Selbstgerechtigkeit der moralisch Überlegenen bevölkern er und seinesgleichen die Talkshows, wo sie jene niedermachen, die es wagen, mit Daten und Fakten zu kommen.

Das in Deutschland garantierte Mindesteinkommen ist nicht anstößig niedrig, sondern kommt den unteren Arbeitseinkommen anstößig nahe. Dies macht zwar das Absinken in die Unterschicht weniger schmerzhaft und die Unterschichtexistenz erträglicher, fördert allerdings auch das Wachsen und die Verfestigung dieser Schicht und ihre allmähliche Abkopplung von der übrigen Gesellschaft.

Wenn eine ausgebildete Verkäuferin etwa 1200 Euro netto im Monat bekommt und die Arbeitslosengrundsicherung für einen Alleinstehenden bei rund 700 Euro liegt, dann arbeitet die Verkäuferin - berechnet auf das Nettoeinkommen über der Grundsicherung, die sie bekäme, wenn sie nicht arbeitet - für einen Stundenlohn von 3 Euro. Wenn man aber das Nettoeinkommen der Verkäuferin anhebt, gerät die gesamte Einkommenspyramide aus dem Gleichgewicht. Wenn ein junger, alleinstehender Arzt im Krankenhaus inklusive Bereitschaftsdienst etwa 2100 Euro netto im Monat nach Hause bringt, erscheint das Einkommen der Verkäuferin nämlich gar nicht mehr so niedrig. Was also sollte einen rational denkenden Bezieher des staatlich garantierten Mindesteinkommens veranlassen, sich auf dem Weg in den ersten Arbeitsmarkt wirklich anzustrengen? Wenn er die Möglichkeit hat, gelegentlich durch Schwarzarbeit Geld zu verdienen, wird er - solange er sich darauf verlassen kann, dass das staatlich garantierte Mindesteinkommen weder gekürzt noch gestrichen wird - erst recht keinen Sinn in solcher Anstrengung sehen, es sei denn, er verfügt über ein ungewöhnliches Maß an intrinsischer Motivation.

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Das Materielle stellt für den Einzelnen aber gar nicht so sehr das Problem dar, sondern der Mangel an Herausforderungen. Wer sich den Anforderungen des Arbeitsmarktes nicht stellen muss oder noch nie gestellt hat, verliert mit der Zeit viele Kompetenzen, die im sozialen Umgang wichtig sind. Das gilt vor allem für jene, die die Arbeitslosigkeit nicht erst im höheren Lebensalter trifft, und besonders für jene, die quasi in sie hineinwachsen. Und auch gesamtgesellschaftlich besteht das Problem einer zunehmenden Unterschicht nicht in den staatlich finanzierten Kosten ihrer Subsistenz - die deutsche Volkswirtschaft ist noch auf lange Sicht reich genug, diese Kosten irgendwie zu tragen -, sondern in der allmählichen gesellschaftlichen Abkopplung dieser Unterschicht und den Folgen, die daraus für das gesamte Staatswesen, seine gesellschaftliche Stabilität und seine Zukunftsfähigkeit erwachsen.

Soweit die strukturellen Überlegungen. Der Blick auf die betroffenen Menschen, ihre Befindlichkeiten, Hoffnungen und Leiden wird ganz andere Probleme offenbaren und kann durch solche Überlegungen nicht ersetzt werden. Umgekehrt gilt aber auch, dass Empathie und Mitleid kein Ersatz für strukturelle Überlegungen sein können.

In der bewegenden Reportage »Deutschland dritter Klasse« wird die Lebenssituation von Unterschichtangehörigen und von Menschen, die gegen den Abstieg kämpfen, aus der individuellen Sicht der Betroffenen gezeigt. Die Verfasser beziehen - darin liegt die Stärke des Berichts - keine Stellung zu den Ursachen und bieten auch keine Lösungen an. In der Studie »Arab Boy. Eine Jugend in Deutschland oder das kurze Leben des Rashid A.« wird genau und schonungslos die Parallelwelt der Verlierer beschrieben, in der sich große Teile der türkischen und arabischen Migranten eingerichtet haben, und es werden implizit Lösungsansätze angeboten (dazu mehr im Kapitel 7).

Inge Kloepfer beschreibt in ihrem Buch »Aufstand der Unterschicht« durchaus anschaulich das wachsende Armutsproblem in Deutschland und entwickelt in groben Zügen folgende These: Der Anteil der wenig gebildeten Menschen in relativer Armut steigt. Dieser Anstieg setzt sich fort, weil der Nachwuchs Defizite erbt und das vorgelebte Verhalten übernimmt. Die wachsenden demografischen Probleme und die sinkende Leistungsfähigkeit der Erwerbspersonen werden unsere finanziellen Sicherungsnetze mit der Zeit überfordern, Dies führt auf Dauer zu Spannungen und sozialen Unruhen und bedroht die bundesdeutschen Lebensverhältnisse. So weit der fraglos richtige Teil ihrer Analyse. Auch wenn sie es so nicht formuliert, impliziert Inge Kloepfer, dass die relative Armut die Ursache für die Bildungs- und Verhaltensdefizite ist. Sie lässt durchblicken, dass mit dem durch Hartz IV und Grundsicherung definierten staatlichen Mindesteinkommen eine würdige Lebensführung - vor allem eine vernünftige Ernährung und ausreichende Gesundheitsvorsorge - nicht möglich seien. Diese These kann man aufstellen, doch man sollte sie dann auch auf ihren empirischen Gehalt prüfen und genau darstellen, welche Kausalitäten zwischen Einkommensniveau und fehlerhaften Verhaltensweisen bestehen. Auch das Thema Kinderarmut analysiert sie nicht sorgfältig, sondern erklärt Kinder recht pauschal zum Armutsrisiko, ohne zu untersuchen, warum Menschen mit niedrigem Bildungsniveau und ohne stabile Einbindung in den Arbeitsmarkt tendenziell mehr Kinder haben.

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Ausgehend von der Armutsdefinition des indischen Ökonomen und Nobelpreisträgers Amartya Sen, dass Armut der »Mangel an elementaren Verwirklichungschancen« oder Entfaltungsmöglichkeiten sei, behauptet sie, »die Entfaltungsmöglichkeiten wiederum hängen hier [in Deutschland] stark von den materiellen Verhältnissen ab«. Das ist in seiner Unschärfe nicht falsch, aber es insinuiert, dass eine Verbesserung der materiellen Verhältnisse durch Erhöhung der Transfereinkommen die außermateriellen Entfaltungsmöglichkeiten der Unterschicht verbessern könnte. Das kann nicht in jedem Falle ausgeschlossen werden, aber dass ein höheres leistungsloses Mindesteinkommen Initiative, Fleiß und Anstrengungsbereitschaft nicht fördert, davon kann man wohl ausgehen.

Kloepfer bindet ihre Betrachtungen in die Rahmengeschichte von Jascha aus Berlin ein, der als drittes Kind einer alleinerziehenden Mutter in der Schule versagt und auch sonst sein Leben nicht meistert. Dabei bleibt unklar, wer für was Schuld trägt, und die Frage, wie man Jascha und seine Mutter stärker in die Verantwortung hätte nehmen können, bleibt unbeantwortet. Auffällig ist die Diskrepanz zur Analyse von Franz Walter, der davon ausgeht, dass für große Teile des Prekariats der leistungsbereite, arbeitsmarktorientierte Mensch gar nicht mehr die Leitfigur ist: »Ins Auge fällt auch, dass sich die unteren Schichten des Jahres 2008 anders als die qualifizierte Industriearbeiterschaft der Jahre 1890,1920 oder 1960 ganz überwiegend keine langfristigen Ziele mehr setzen, dass sie auch nicht mehr an eine bessere individuelle Zukunft durch Weiterqualifikation glauben. Emanzipation durch Bildung, Organisation und zähe, kontinuierliche Reformarbeit - tragende Leitvorstellungen der klassischen Arbeiterbewegung und Sozialdemokratie - gehören nicht mehr zu den Identitäten und Hoffnungen der Unterprivilegierten.«

Die Frage, wie man die Resilienz von unterprivilegiert Aufwachsenden stärken kann, wird von Kloepfer ebenfalls kaum erörtert. Der schwarze Amerikaner Roland Fryer, der mit 27 Jahren Professor in Harvard wurde und heute, mit 32 Jahren, ein bekannter Bildungsforscher ist, kam aus viel erbärmlicheren Verhältnissen als Jascha und konzentriert seine Forschungen auf die Frage, wie man die Bildungs- und Leistungsbereitschaft der Unterschicht fördern kann. Im Unterschied zu Kloepfer und manch anderem spricht Fryer die subjektiven Defizite klar an, weil er weiß, dass man diese bekämpfen muss, wenn man nachhaltig helfen will.

Kloepfers Buch ist typisch für eine gefühlsbetonte und mehr von Mitleid als von der klaren Analyse getriebene deutsche Diskussion, die an der Oberfläche bleibt und die Verhältnisse zwar gern skandalisiert, sich jedoch mit Kausalitäten und kausalen Lösungsmöglichkeiten kaum wirklich auseinandersetzt.

07
Intelligenz und Demografie

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Mikrozensusdaten haben schon vor längerer Zeit Hinweise darauf gegeben, dass in Deutschland Frauen mit Universitätsabschluss weniger Kinder bekommen als der Durchschnitt und sogar zu einem großen Teil kinderlos bleiben. Es wurde darüber diskutiert, ob nicht der durchschnittlich spätere Zeitpunkt der Erstgeburt bei Akademikerinnen zu statistischen Fehlinterpretationen führe. Selbst Kritiker der Interpretation bestreiten jedoch nicht, dass der Anteil der kinderlosen Universitätsabsolventinnen die 40-Prozent-Marke übersteigt, sie weisen allerdings darauf hin, dass er bei Fachhochschülern niedriger liegt.

Die Erfahrung lehrt, dass Erstgeburten jenseits des 40. Lebensjahres äußerst selten sind. Der 2009 veröffentlichte Bericht zum Mikrozensus 2008 kommt in Bezug auf die Kinderlosigkeit zu dem Ergebnis, dass bei den 40 bis 75 Jahre alten Frauen mit hoher Bildung 26 Prozent keine Kinder hatten, bei mittlerer Bildung waren es 16 Prozent und bei niedriger Bildung 11 Prozent. Auch die Gesamtzahl der Kinder pro Frau ist umso niedriger, je höher der Bildungsgrad ist. Von den Frauen mit niedriger Bildung hatten (Stand 2008) 39 Prozent drei und mehr Kinder, bei Frauen mit mittlerer Bildung waren es 21 Prozent und bei jenen mit hoher Bildung 19 Prozent (siehe dazu auch Kapitel 8).

Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes beziehen sich auf Jahrgangskohorten von Frauen, deren fruchtbare Phase ganz oder weitgehend abgeschlossen ist. Sie sind also vergangenheitsbezogen. Noch aufschlussreicher wäre es, wenn man die heute in Deutschland geborenen Kinder dem sozioökonomischen Status ihrer Mütter zuordnen könnte. Dies ist leider anhand der bei der Geburt amtlich erfassten statistischen Merkmale nicht möglich. Wichtige Hinweise gibt aber die bereits erwähnte Untersuchung der Grundgesamtheit der Berliner Einschüler. Aus den Daten dieser Studie lässt sich durch vertiefte Auswertung entnehmen, dass das generative Verhalten in hohem Maße schichtabhängig ist. In der Berliner Untersuchung wird die Schicht nicht durch Einkommen, sondern durch Bildung und Erwerbsbeteiligung definiert. Dabei wird, wie schon erwähnt, die Grundgesamtheit der Einschüler so aufgeteilt, dass auf die untere, mittlere und obere Schicht jeweils ein Drittel entfällt. Die Sonderauswertung ergibt, dass der Anteil der Unterschichtkinder umso mehr wächst, je größer die Familie des Einschülers ist: 49,5 Prozent der Einschüler deutscher Herkunft aus Familien mit vier und mehr Kindern entstammen der unteren Schicht, bei Familien nichtdeutscher Herkunft sind es sogar 78,5 Prozent.

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Es spricht auch in diesem Fall nichts dagegen, die bei den Berliner Einschulungsdaten belegte Schichtabhängigkeit des generativen Verhaltens auf das gesamte Bundesgebiet zu übertragen, zumal die statistische Evidenz mit der Alltagsbeobachtung an den Schulen übereinstimmt. Man muss demnach davon ausgehen, dass aus demografischen Gründen der Unterschichtanteil an der Bevölkerung kontinuierlich wächst. Bei den Migranten wurde bereits gezeigt, dass jene Migrantengruppen besonders viele Nachkommen haben, die als besonders bildungsfern eingestuft werden müssen, also vor allem die Migranten aus der Türkei, dem Nahen Osten und aus Afrika (vgl. Tabelle 3.1). In dieselbe Richtung weisen Erkenntnisse der Arbeitsmarktforschung. Danach tendieren Frauen, die nicht so gut oder gar nicht in den Arbeitsmarkt integriert sind, stärker dazu, Kinder zu bekommen oder die Schar ihrer Kinder noch zu vergrößern.

Die schulische Bildung und Erziehung dieser Kinder aus sogenannten bildungsfernen Schichten ist wesentlich schwieriger zu bewerkstelligen und mit geringeren Erfolgen verbunden als bei anderen Kindern. Die Bildungsforscher führen das auf Sozialisationsdefizite zurück, die sich durch die Herkunft ergeben. Folgerichtig dient der hohe Anteil von Kindern aus bildungsfernen Schichten den Bildungspolitikern als Erklärung für die überaus schlechten Pisa-Ergebnisse in den deutschen Stadtstaaten, obwohl dort die Bildungsausgaben pro Kopf deutlich höher sind als in den deutschen Flächenstaaten. Die diagnostizierten Sozialisationsdefizite würden also selbst dann auftreten, wenn Intelligenz gar nicht oder nur in geringem Umfang erblich wäre. Intelligenz ist aber zu 50 bis 80 Prozent erblich. Deshalb bedeutet ein schichtabhängig unterschiedliches generatives Verhalten leider auch, dass sich das vererbte intellektuelle Potential der Bevölkerung kontinuierlich verdünnt. Dieser qualitative Effekt wirkt sich langfristig entscheidend auf die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft aus.

Damit verschärft sich das Problem, dass am unteren Ende der Begabungs- und Qualifikationspyramide die Nachfrage und am oberen Ende das Angebot zu gering ist. Drängend wurde es mit dem Aufkommen der Industriegesellschaft und der Herausbildung des modernen Sozialstaates, weil dadurch jahrtausendealte Selektionsmuster außer Kraft gesetzt wurden. Noch im 19. Jahrhundert war die Reproduktionsrate der Unterschicht wesentlich geringer, weil viele Menschen zu arm waren, um eine Familie zu gründen, und zudem viele Kinder starben. Diese Verhältnisse wünscht sich niemand zurück. Es gilt vielmehr, die Probleme zu lösen, die die Existenz des Sozialstaats bedrohen. Wie sich Quantität und Qualität dabei auswirken, darauf hat schon ein früher Theoretiker des Sozialstaats wie Gunnar Myrdal hingewiesen (dazu mehr in Kapitel 6 und 8).

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Seit Charles Darwin 1859 sein Werk »Die Entstehung der Arten« veröffentlicht hat und Johann Gregor Mendel 1865 seinen Aufsatz »Versuche über Pflanzenhybriden«, ist klar, dass sich die belebte Natur - und damit auch der Mensch - grundsätzlich über Selektionsmechanismen und die Vererbung von Eigenschaften weiterentwickelt. Zu den vererblichen Eigenschaften gehören auch die Fähigkeiten des Gehirns. Nur so ist es möglich, dass Säugetiere bei grundsätzlich ähnlicher Grundstruktur des Hirns unterschiedliche Intelligenzprofile und unterschiedliche Intelligenzniveaus entwickeln, dass die Primaten unter den Säugetieren hinsichtlich der Intelligenz besonders hervorstechen und dass sich der Mensch von den übrigen Primaten insbesondere durch seine Intelligenz unterscheidet. Jeder Hunde- oder Pferdezüchter lebt davon, dass es große Unterschiede im Temperament und im Begabungsprofil der Tiere gibt und dass diese Unterschiede erblich sind. Das heißt auch, dass manche Tiere schlichtweg wesentlich dümmer oder wesentlich intelligenter sind als vergleichbare Tiere ihrer Rasse.

Francis Galton war der Erste, der sich - aufbauend auf Darwins Theorie zur Entstehung der Arten - mit der Entwicklung und Vererbung der menschlichen Intelligenz befasst hat. Er war der Vater der frühen Intelligenzforschung. Diese Forschungen lösten Befürchtungen aus, dass eine unterschiedliche Fruchtbarkeit verschiedener Bevölkerungsgruppen auch dysgenische Wirkungen haben und die natürliche Selektion quasi auf den Kopf stellen könnte. Diesen Befürchtungen lag ein einfacher logische Gedanke zugrunde: Wenn es richtig ist, dass Intelligenz teilweise erblich ist, und wenn es richtig ist, dass Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlicher Intelligenz eine unterschiedliche Fruchtbarkeit haben, dann hat eine unterschiedliche Fruchtbarkeit Auswirkungen auf das durchschnittliche Intelligenzniveau der betreffenden Bevölkerung.

Die Schichtabhängigkeit des generativen Verhaltens in Deutschland ist als stabiler Trend empirisch belegt, belegt ist auch, dass zwischen Schichtzugehörigkeit und Intelligenzleistung ein recht enger Zusammenhang besteht. Unter seriösen Wissenschaftlern besteht heute zudem kein Zweifel mehr, dass die menschliche Intelligenz zu 50 bis 80 Prozent erblich ist. Der Umstand, dass bei unterschiedlicher Fruchtbarkeit von Bevölkerungsgruppen unterschiedlicher Intelligenz eugenische oder dysgenische Effekte auftreten können, wird daher nicht mehr grundsätzlich bestritten.

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Ein Beispiel dafür liefert die evangelische Kirche. Seit der Reformation hat sie die intelligentesten Knaben für die geistliche Laufbahn ausgewählt. Evangelische Pfarrersfamilien waren traditionell sehr kinderreich, und diese Kinder hatten in geräumigen Pfarrhäusern bei guter Ernährung auch überdurchschnittliche Überlebenschancen. Bei den Katholiken hat das Zölibat eine Vermehrung dieses Teils der intelligenten Bevölkerung verhindert (jedenfalls soweit es beachtet wurde). Ein erstaunlich großer Teil der deutschen wissenschaftlichen Elite des 19. und 20. Jahrhunderts zählt deutsche Pfarrer zu seinen Vorfahren. Noch in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts waren die deutschen Professoren zum weit überwiegenden Teil evangelisch.

Bereits die frühe Intelligenzforschung hat bei Juden europäischer Provenienz einen um 15 Punkte höheren IQ festgestellt als bei den anderen Mitgliedern europäischer Völker und deren Nachfahren in Nordamerika. Dieses Ergebnis korreliert mit dem weit überdurchschnittlichen wissenschaftlichen und beruflichen Erfolg dieses doch recht kleinen Bevölkerungsteils:

- Seit Stiftung des Nobelpreises im Jahre 1901 wurden 204 Preise in Physik und Chemie an 344 Wissenschaftler vergeben. 22 Prozent der Preisträger waren jüdischer Herkunft.

- In Deutschland hatten die Juden 1933 einen Bevölkerungsanteil von 0,8 Prozent. Sie konzentrierten sich aber in den großen Städten, vor allem in Berlin und Hamburg, und waren vorwiegend in den Bereichen Handel, Verkehr und Dienstleistungen tätig. Im Bankwesen, in der Wissenschaft, in den Medien, unter Ärzten und Rechtsanwälten waren sie weit überdurchschnittlich vertreten, weshalb ihr beruflicher und damit wirtschaftlicher Erfolg weit über dem Durchschnitt der Bevölkerung lag. In Berlin belief sich der jüdische Bevölkerungsanteil 1905 auf fünf Prozent, aber die Juden stellten 14 Prozent der Einkommensteuerpflichtigen und erwirtschafteten 31 Prozent des Einkommensteueraufkommens. 1928 stellten sie 80 Prozent der führenden Mitglieder der Berliner Börse.

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- Im Jahr 1910 waren an den deutschen Universitäten 19 Prozent aller Hochschullehrer jüdisch. In den Fachbereichen Jura und Medizin hatten jüdische Studenten einen Anteil von 25 Prozent, in Philosophie einen von 31 Prozent. Von 1905 bis 1931 gingen 32 Nobelpreise für wissenschaftliche Leistungen an deutsche Preisträger, zehn der Preisträger waren Juden.

- Groß war in Deutschland die Rolle der Juden auch in den Bereichen Kunst und Literatur sowie in den Medien: 1931 waren 50 Prozent der 234 Theaterdirektoren jüdisch, in Berlin sogar 80 Prozent, und 75 Prozent der 1930 produzierten Theaterstücke hatten Juden geschrieben. Ihr Anteil unter den Journalisten lag bereits 1881 bei neun Prozent und stieg bis 1930 weiter stark an. Karl Marx und Sigmund Freud, die Begründer der beiden einflussreichsten modernen Heilslehren, waren jüdischer Herkunft.

- Ähnlich waren die Verhältnisse in Osterreich-Ungarn: 1910 betrug der Bevölkerungsanteil der Juden im ungarischen Teil der Doppelmonarchie fünf Prozent, in der Hauptstadt Budapest waren es 20 Prozent. Die ungarisch-amerikanische Journalistin Kati Marton hat die Weltkarriere von neun jüdischen Emigranten aus Budapest nachgezeichnet, die nach dem Ersten Weltkrieg wegen der Repressionen des Horthy-Regimes Ungarn verlassen hatten und später berühmt wurden, unter ihnen der Physiker Edward Teller, der Mathematiker John von Neumann und der Fotograf Robert Capa. »Um 1910 waren die Hälfte der Ärzte und Anwälte, ein Drittel der Ingenieure und ein Viertel der Künstler und Schriftsteller von Budapest Juden. Mehr als vierzig Prozent der Journalisten, die für die neununddreißig Budapester Zeitungen arbeiteten, waren Juden.«

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Im Mittelalter waren die Juden aus England und Frankreich vollständig und aus Deutschland zum größten Teil vertrieben worden und hatten sich meistenteils in Polen, in der Ukraine und im Baltikum angesiedelt. Dort entwickelten sie das typische Jiddisch mit den slawischen Elementen und vor allem eine besondere Kultur. Die spezifische Kultur der osteuropäischen Juden und der hohe Status, den Intellektuelle und Gelehrte in ihren Gemeinwesen besaßen, führten hier zu einer überdurchschnittlichen Vermehrung der besonders Intelligenten. Wiederholt überstanden sie Pogrome. Die Juden im Deutschen Reich und in der Habsburgermonarchie stammten größtenteils von Rückwanderern aus den osteuropäischen Siedlungsgebieten ab.

Erklärt wird die durchschnittliche höhere Intelligenz der Juden mit dem außerordentlichen Selektionsdruck, dem sie sich im christlichen Abendland ausgesetzt sahen. Herkömmliche Handwerksberufe wie auch die Landwirtschaft waren ihnen lange versperrt, umgekehrt waren die Christen lange im Geld- und Finanzwesen durch das Zinsverbot behindert. Die Juden wurden in Handel, Banken und intellektuelle Berufe abgedrängt. Die Schriftgelehrten genossen besonderes Ansehen. Der Rabbi hatte hohe Fortpflanzungschancen, weil er die reiche jüdische Kaufmannstochter heiraten konnte. Eine über Jahrhunderte betriebene Familien- und Heiratspolitik, die dem intellektuellen Element überdurchschnittliche Fortpflanzungschancen gab, führte allmählich zur Ausbildung der überdurchschnittlichen Intelligenz. Der vor dem Weltkrieg ermittelte Intelligenzvorsprung der europäischen Juden kam in einem gemessenen IQ von durchschnittlich 115 zum Ausdruck. Noch heute wird bei den Juden Nordamerikas eine solche Größenordnung ermittelt, und auch sie sind weit überdurchschnittlich in der Wissenschaft, in den intellektuellen Berufen und im Geschäftsleben repräsentiert.

Deutsche Wissenschaftler jüdischer Herkunft waren vor dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich an der Grundlegung der Intelligenzforschung beteiligt, etwa der Psychologe Wilhelm Stern (geb. 1871 in Berlin), Mitbegründer der Universität Hamburg, der sich vor dem Ersten Weltkrieg ein Jahrzehnt um die Normierung von Intelligenztestwerten bemühte und 1912 den Begriff des Intelligenzquotienten prägte. Er emigrierte 1935 in die USA und verstarb dort 1938.

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Der Psychologe Wilhelm Peters (geb. 1880 in Wien) untersuchte anhand von Zeugnissen den Zusammenhang zwischen den Schulleistungen von Eltern und Kindern sowie den Einfluss der Vererbung auf die geistige Leistung von Kindern und errechnete eine durch Vererbung zu erklärende Geschwisterkorrelation von 0,42. Wenn man natürliche Selektion als Ergebnis der unterschiedlichen Lebensbedingungen von Ethnien annehmen müsse, so sein Schluss aus den vertiefenden Studien zur Vererbung von Begabungen, könne man die Möglichkeit erblicher Unterschiede zwischen Ethnien auch im Psychischen nicht ausschließen. Peters musste am 28. April 1933 seinen Lehrstuhl in Erfurt räumen. Er emigrierte in die Türkei, wo er 1937 an die Universität Istanbul berufen wurde. Sein 1923 unterlegener Bewerber um den Lehrstuhl in Erfurt wurde später Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychologie und wetterte 1938 auf dem 16. Kongress dieser Gesellschaft gegen die »jüdischen Intelligenztests von William Stern«, die »eindeutig auf einen bei Juden stark vorwaltenden Intelligenztypus eingerichtet« seien.

Für die deutschen Herrenmenschen war ein Intelligenztest, bei dem Juden mit 115 abschnitten, deutsche Herrenmenschen dagegen durchschnittlich nur mit 100, inakzeptabel. Doch nicht nur die Nazis lehnten Intelligenztests wegen des angeblichen jüdischen Charakters ab. Auch in der Sowjetunion wurde 1931 die Anwendung von Fragebögen und Tests verboten, weil die Ergebnisse von Intelligenztests aus den zwanziger Jahren den Machthabern ideologisch nicht passten. Genetiker wurden während der großen Säuberungen massiv verfolgt, denn in der Sowjetunion war man nicht nur gegen Intelligenztests, sondern bestritt auch die Gültigkeit der Mendelschen Gesetze. Das Verbot von Intelligenztests wurde nach 1945 auf alle sozialistischen Bruderstaaten ausgedehnt. Dieses Verbot wurde in der DDR seit Anfang der siebziger Jahre unterlaufen, die Ergebnisse blieben unter Verschluss.

Ich bin auf die deutsch-jüdischen Ursprünge der Intelligenzforschung etwas näher eingegangen, weil die Diskussion der genetischen Komponente von Intelligenz häufig auf große emotionale Widerstände stößt. Die Erkenntnis, dass Intelligenz zum Teil erblich ist, verträgt sich nur schwer mit Gleichheitsvorstellungen, nach denen die Ursachen von Ungleichheit unter den Menschen möglichst weitgehend in den sozialen und politischen Verhältnissen zu suchen sind.

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Die in Intelligenztests gemessenen unterschiedlichen geistigen Fähigkeiten korrelieren positiv miteinander und führen für jede untersuchte Person mit gewissen Schwankungen zu wiederholbaren stabilen Ergebnissen. Die hohe positive Korrelation deutet darauf hin, dass alle Tests dasselbe messen, nämlich eine generelle geistige Fähigkeit. Die gemessene Intelligenz korreliert positiv mit den beruflichen Leistungen und dem gesamten Lebenserfolg der Testpersonen. Das heißt aber nicht, dass Umwelteinflüsse im weitesten Sinne keine Rolle spielen. Gleichwohl lässt sich zeigen, dass in den Fällen, wo man den Einfluss der gemessenen Intelligenz und des sozioökonomischen Hintergrundes auf den Schulerfolg beziehungsweise auf den späteren akademischen Erfolg untersucht, der Einfluss der gemessenen Intelligenz weitaus überwiegt.

Entscheidend ist letztlich nicht das Ergebnis einzelner Intelligenztests, sondern die Erkenntnis, dass sich die geistigen Fähigkeiten von Menschen wesentlich unterscheiden und diese Unterschiede zum Teil erblich sind. Wäre die Intelligenz im vollen Umfang erblich und das sexuelle Partnerverhalten zufallsverteilt, dann müsste nach den Gesetzen der Mendelschen Vererbungslehre die Korrelation der Intelligenz von einengen Zwillingen bei 1 liegen, die von Geschwistern bei 0,5, zwischen Eltern und Kindern läge sie auch bei 0,5 zwischen Enkeln und Großeltern bei 0,25. Tatsächlich ergeben empirische Untersuchungen, dass die Korrelation der Intelligenz von einengen Zwillingen bei 86 Prozent liegt, wenn sie gemeinsam aufwuchsen, und bei 78 Prozent, wenn sie bei der Geburt getrennt wurden. Bei zweieiigen Zwillingen mit gemeinsamem Zuhause liegt die Korrelation bei 60 Prozent, bei gemeinsam aufwachsenden Geschwistern bei 47 Prozent." Die gemessene hohe Korrelation bei einengen Zwillingen, egal ob sie getrennt aufwachsen oder nicht, ist der stärkste Gradmesser für die Erblichkeit von Intelligenz und lässt eine Erblichkeitsannahme von 80 Prozent grundsätzlich schlüssig erscheinen. Die Erblichkeit ändert sich aber in Abhängigkeit vom Alter und variiert je nach Art der Intelligenzleistung. Eine schwedische Studie kommt zu dem Ergebnis, dass 40 Prozent der Intelligenz auf Umwelteinflüsse zurückzuführen und demnach 60 Prozent erblich sind. Generell gilt, dass die kristalline Intelligenz, die teilweise auf der Anwendung erworbener Fertigkeiten aufbaut, bei Zwillingen und auch sonst bei Geschwistern höher korreliert als die fluide Intelligenz. Letztere weist aber, wie nicht anders zu erwarten, besonders große Unterschiede auf bei eineiingen und nicht eineiigen Zwillingen. Der aktuelle Forschungsstand ist also der, dass jene, die die Erblichkeit von Intelligenz besonders betonen, deren Anteil mit 60 bis 80 Prozent ansetzen, während jene, die besonders auf Umwelteinflüsse abstellen, auf einen Erbanteil von 40 Prozent bis 60 Prozent kommen. Seriöse Zweifel an diesem Forschungsstand gibt es nicht.

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Für den Zusammenhang, um den es hier geht, ist es egal, ob die Erblichkeit von Intelligenz bei 40, 60 oder 80 Prozent liegt. Denn ganz gleich, wie die Intelligenz zustande kommt: Bei höherer relativer Fruchtbarkeit der weniger Intelligenten sinkt die durchschnittliche Intelligenz der Grundgesamtheit. Das ist in Deutschland gegenwärtig und in der alten Bundesrepublik schon seit längerem der Fall. Innerhalb einer Generation wirkt sich das kaum aus, aber in einer Reihe von Generationen hat es statistisch signifikante Effekte. Für die USA wird geschätzt, dass der Durchschnitts-IQ der gebärenden Frauen bei 98 liegt. In der DDR war der Effekt umgekehrt: Während in den alten Bundesländern die Kinderlosigkeit der Frauen mit Fachschul- oder Hochschulabschluss doppelt so hoch war wie bei an- und ungelernten Frauen, war sie in der DDR bei den gebildeten Frauen unterdurchschnittlich. Die Studentinnen bekamen ihre Kinder früh, und bis auf eine kleine Minderheit bekamen fast alle welche. Das wirkte sich positiv aus auf die durchschnittliche Intelligenz der dort geborenen Kinder. Die damit einhergehenden Wirkungen beschleunigen sich, wenn die Bestimmungsgründe der Partnerwahl nicht zufallsverteilt sind, sondern sich intelligente Frauen vorzugsweise mit intelligenten Männern verbinden, dümmere Frauen eher mit dümmeren Männern.

Generell kommen verschiedene Untersuchungen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass die gemessene Intelligenz stark mit der Schichtzugehörigkeit korreliert. Aus der Oberschicht und der oberen Mittelschicht stammen in Deutschland die meisten Hochbegabten. Untersuchungen in den USA haben ergeben, dass der gemessene Zusammenhang der Intelligenz von Ehepaaren zwischen 40 und 45 Prozent liegt, also nahezu so hoch wie die Korrelation der Intelligenz leiblicher Geschwister. Eine seit 1979 laufende groß angelegte Langzeitstudie, die auf einer Stichprobe von über 12 000 jungen Leuten beruht, die 1979 zwischen 14 und 22 Jahre alt waren, belegt ziemlich eindeutig, dass die gemessene Intelligenz und der an Bildungsabschlüssen und Einkommen gemessene Lebenserfolg hochgradig miteinander korrelieren. So gibt es eine 90-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind aus einer armen Unterschichtfamilie mit einem Durchschnitts-IQ von 100 der Armut entkommt, während es gut sein kann, dass ein dümmeres Kind aus einer Mittelschichtfamilie in Armut gerät.

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Ein ähnlicher Zusammenhang gilt weltweit, wenn man den gemessenen Durchschnitts-IQ von Nationen und deren wirtschaftlichen Erfolg untersucht. Man mag diese Grundtatsache unterschiedlich interpretieren und mit unterschiedlichen kausalen Erklärungen belegen. Der statistische Zusammenhang als solcher ist jedoch unangreifbar. Er wird gestützt durch eine neue Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, die davon ausgeht, dass unter anderem eine überdurchschnittliche Fruchtbarkeit der wirtschaftlich Erfolgreichen notwendig ist, um einen Entwicklungsprozess nachhaltig in Gang zu setzen.

Ein nationaler IQ wird stets so normiert, dass der Durchschnitt bei 100 liegt. Dabei zeigt sich in den westlichen Industriestaaten von den I930er bis in die 1980er Jahre ein Anstieg des durchschnittlichen IQ von zwei bis drei Prozent pro Jahrzehnt. Dieser Anstieg vollzog sich allerdings im Wesentlichen im Bereich der unterdurchschnittlichen Intelligenz, nicht bei den Hochbegabungen. Dieser nach seinem Entdecker so genannte Flynn-Effekt wird auf die Anregungen der modernen Industriegesellschaft, auf bessere Bildung und bessere Ernährung zurückgeführt, die es früher Benachteiligten möglich machen, ihr genetisches Potential besser auszuschöpfen. Dieser Effekt wirkt allerdings nicht mehr. Wie Untersuchungen in Dänemark und Norwegen zeigen, kehrt er sich sogar allmählich um, was sich im Absinken der gemessenen durchschnittlichen Intelligenz äußert. Für Deutschland können die Pisa-Studien, die teilweise Intelligenztests ähneln, in eine analoge Richtung interpretiert werden.

Fassen wir zusammen: Unsere Gesellschaft schrumpft, sie wird älter, heterogener und gemessen an Bildungsindikatoren weniger leistungsfähig. Dass in Deutschland überdurchschnittlich viele Kinder in sogenannten bildungsfernen Schichten mit häufig unterdurchschnittlicher Intelligenz aufwachsen, lässt uns schon aus rein demografischen Gründen durchschnittlich dümmer werden. Der Anteil der Menschen, der aufgrund mangelhafter Bildung sowie intellektueller Mängel nur schwer in das moderne Arbeitsleben integriert werden kann, nimmt strukturell zu.

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Es gibt Dinge, die man relativ leicht beeinflussen kann, etwa das Ernährungsverhalten. Alle Untersuchungen zeigen, dass ein ausgewogenes Frühstück die Leistungsfähigkeit und -bereitschaft von Kindern deutlich erhöht. In Unterschichtfamilien gibt es häufig aber gar kein Frühstück, so dass die Kinder bereits mit eingeschränkter Leistungsfähigkeit in die Schule kommen. Andererseits senkt eine reichliche, aber nicht ausgewogene und vor allem zu fette und zu zuckerhaltige Mahlzeit die geistige Leistungsfähigkeit ganz erheblich. Hier könnte durch das gemeinsame Mittagessen in der Schule Abhilfe geschaffen werden. Dies wäre dann die Antwort der Gesellschaft darauf, dass ein stetig wachsender Teil der Eltern seinen Nachwuchs vernachlässigt.

Eine strukturelle Dauerlösung ist das nicht. Wenn nämlich am unteren Ende der sozialen Rangskala die Zahl der Kinder deutlich über dem Durchschnitt einer sowieso schrumpfenden Gesellschaft liegt, dann hat die betroffene Nation oder Gesellschaft ein Nachhaltigkeitsproblem, und dem ist mit gesunder Ernähung alleine nicht beizukommen.

Im folgenden werde ich zeigen, welche Mängel und Fehlentwicklungen

- bei der Armutsbekämpfung

- der Organisation des Arbeitsmarktes und der Gestaltung der Arbeitsmarktpolitik

- in der Bildungspolitik

- im Umgang mit Migration und Integration

- in der Bevölkerungs- und Familienpolitik

die bestehenden Negativtrends verursachen und Überlegungen anstellen, was man auf dem jeweiligen Politikfeld ändern kann.

Zwangsläufig ist diese besorgniserregende Entwicklung nur dann, wenn wir das Sosein von Politik und der jeweils herrschenden rechtlichen und materiellen Rahmenbedingungen als unveränderlich hinnehmen. Offen bleibt, ob eine gesellschaftliche Mehrheit, die zu einer politischen Mehrheit werden müsste, bereit ist zu solch weitgehenden Änderungen, wie ich sie vorschlagen werde, und - wenn ja - wie solch ein Prozess organisiert werden soll. Die Trennlinien verlaufen hier nämlich nicht längs der Parteigrenzen oder nach dem klassischen Links-Rechts-Schema. Sie verlaufen vielmehr zum einen zwischen jenen, die kurzfristig, und jenen, die langfristig denken, zum anderen zwischen jenen, die Veränderung eher als externes Ereignis, und jenen, die Veränderung als Gestaltungsaufgabe auffassen.

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