Th. Sarrazin - Deutschland schafft sich ab

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IV

09 Zuwanderung und Integration

09.01

Zu- und Abwanderung in Deutschland

09.02

Migranten muslimischer Herkunft

09.03

Islam ja, Islamismus nein?

09.04

Ökonomische Integrationsprobleme

09.05

Kulturelle Integrationsprobleme

09.06

Parallelgesellschaften?

09.07

Das Beispiel Neukölln

09.08

Was wollen wir?

09.09

Assimilation - ein Verbrechen?

09.10

Eroberung durch Fertilität?

09.11

Sozialstaat und Integration

09.12

Was tun?

Mehr erwarten, weniger bieten

Gottes ist der Orient!
Gottes ist der Occident!
Nord- und südliches Gelände
Ruht im Frieden seiner Hände.

JOHANN WOLFGANG GOETHE,
West-Östlicher Diwan

Der Mensch ist ein territorial orientiertes Wesen. Diesbezügliche Instinkte sind tief in ihm angelegt. Das beginnt bei der eigenen Wohnung, setzt sich fort am Gartenzaun und reicht bis zur Staatsgrenze. Kriegerische Ereignisse - von den Fehden um die Jagdreviere der Steinzeit über die Schlacht im Teutoburger Wald bis hin zum Zweiten Weltkrieg - waren zunächst und vor allem immer Kämpfe um Territorien. Denn daran hing die mögliche Jagdausbeute, hingen die landwirtschaftlichen Erträge oder die Möglichkeiten zur Ausbeutung von Bodenschätzen. Das Territorium war auch die Basis für das Wachsen der Bevölkerung und die Akkumulation wirtschaftlicher und politischer Macht.

Daneben ist der Mensch ein gruppenorientiertes Wesen. Die Zugehörigkeit zur einen Gruppe impliziert folgerichtig die Abgrenzung zur anderen. Wer Schalke-Fan ist, kann eben nicht gleichzeitig Bayern-Fan sein. Dabei kann sich der Mensch auf unterschiedlichen Ebenen ganz unterschiedlichen Gruppen zugehörig fühlen: Ob Fußballfan, Parteimitglied, Familienmitglied, Bewohner einer Gemeinde, Angehöriger eines Berufsstandes, Mitarbeiter eines Unternehmens, Angehöriger einer Nation, einer Volksgruppe, eines Kulturkreises oder einer Religionsgemeinschaft: Überall wirkt der Gegensatz von »Die« und »Wir« und schafft Bindung und Solidarität durch Abgrenzung, ist aber stets auch der Ausgangspunkt für Streit, Aggression und Gewalt.

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Das in der Gruppenzugehörigkeit liegende Bindungs- und Kooperationsverhalten ist neben der menschlichen Intelligenz die wesentliche Quelle seines Erfolgs als Gattung, es ist allerdings gleichzeitig die Quelle aller Kriege und eines großen Teils der Gewalt, die Menschen gegen Menschen ausüben.

Die Kulturleistung der modernen Zivilisation und Staatlichkeit besteht darin, die unaufhebbaren menschlichen Instinkte, die um Territorialprinzip und Gruppenzugehörigkeit kreisen, mit mehr oder weniger Erfolg in staatliche und überstaatliche Organisationen einzubinden. So gelang es dem Römischen Reich rund ein halbes Jahrtausend lang, den Mittelmeerraum und Westeuropa durch die »Pax Romana« zu befrieden. Auch deren Basis war allerdings die intelligente Gewalt der überlegenen Militärorganisation der Römer. Am anderen Ende der Welt vollbrachte das chinesische Großreich eine ähnliche Leistung. Neuere Großreiche sind die Vereinigten Staaten oder - als halbstaatliches Gebilde - die Europäische Union.

Die Aufhebung von Binnengrenzen in staatlichen Organisationen hatte aber immer die Abgrenzung nach außen zur Voraussetzung, und das staatliche Großgebilde war umso stabiler und überdauerte umso länger, je besser die Sicherung der Außengrenzen gelang. Diese dienten nicht nur dem Schutz vor militärischen Einfällen, sondern auch der Zuwanderungskontrolle. Ungesteuerte Zuwanderung konnte zu jeder Zeit staatliche Gebilde gefährden und die Stabilität einer Gesellschaft unterminieren. Das chinesische Kaiserreich hatte deshalb seine Chinesische Mauer, die Römer hatten ihren Limes. Beide schützten und sicherten die Reiche für Jahrhunderte. Die USA haben es leichter mit den Weltmeeren links und rechts. Sie bauen jetzt ergänzend für Milliarden Dollar ihren Grenzzaun zu Mexiko aus. Für die EU ist die Frage noch offen, wie sie die Außengrenzen des Schengen-Abkommens dauerhaft sichern will.

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Zu keiner Zeit waren die Sicherung des Territoriums und die Regulierung von Zuwanderung trivial. Die um diese Fragen entstehenden Verwicklungen bedrohten Staaten und Gesellschaften häufig im Kern und prägten sie tief, und immer wieder waren sie begleitet von blutigen Orgien und Gewalt.

In deutschen Medien wird dies häufig ausgeblendet. Zuwanderungsfragen werden dort oft mit mahnend erhobenem Zeigefinger behandelt und mit einer Attitüde, die wohl am treffendsten charakterisiert wird durch das Sprüchlein: »Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb.« Dieser Ansatz ist so unhistorisch wie albern. Umso bedauerlicher ist es, dass sich die deutsche politische Klasse ihre Haltung zu Migrationsfragen weitgehend von Stimmen aus den Medien diktieren lässt. Sie läuft damit Gefahr, sich sowohl vom Kern der Probleme als auch vom Volk zu entfernen. In anderen europäischen Ländern ist die Lage aber nicht viel besser. Der wachsende Zulauf, den rechte populistische Bewegungen in vielen europäischen Ländern zu verzeichnen haben - oder auch die Volksabstimmung zur Zulässigkeit von Minaretten, wie sie in der Schweiz durchgeführt wurde -, sind Folgen der überwiegend unhistorischen, naiven und opportunistischen staatlichen Migrationspolitik in Europa.

Die großen Wanderungsbewegungen verliefen selten unblutig, es sei denn, die Einwanderer ließen sich auf unbesiedeltem Terrain nieder. Das ist infolge des rapiden Bevölkerungswachstums nicht mehr möglich. Heute würde sich an den Bevölkerungsproblemen Afrikas oder des Nahen Ostens vermutlich nicht einmal das Geringste ändern, wenn Europa 100 oder 200 Millionen Zuwanderer aufnähme. »Das Schlüsselproblem für die Zukunft bleibt die Vermehrung des Menschen. Wenn der Weltfriede nicht gestört werden soll, muss jedes Volk seine Bevölkerung auf die Tragekapazität seines Landes abstimmen. In einer übervölkerten Welt darf Vermehrung kein Argument für Landnahme sein.« Dieser richtigen Feststellung von Irenäus Eibl-Eibesfeldt ist eine weitere hinzuzufügen: Auch die natürliche Bevölkerungsabnahme in einem Land oder einer Gruppe von Ländern darf kein Grund zur moralischen oder politischen Rechtfertigung von Immigration und Landnahme sein. Das Territorialprinzip ist unantastbarer Bestandteil staatlicher Souveränität, seine Beachtung hat eine friedensstiftende Funktion.

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In der globalisierten Welt können Kapital und Güter frei fließen, doch es ist ganz undenkbar, dass dies auch für Arbeitskräfte gelten soll, denn an diesen hängen Familien, Gesellschaften und Völker.

Letztlich hat die Arbeitsmigration der 1960er Jahre eine neue europäische Völkerwanderung in Gang gesetzt, an deren Folgen wir laborieren. Heute wissen wir, dass Fabriken und Dienstleistungen wandern müssen und nicht die Menschen. Das abendländische Europa würde, alternd und schrumpfend, wie es ist, in seiner kulturellen Substanz auch gar nicht überleben. Die geografische und kulturelle Grenze Europas ist dabei ganz klar am Bosporus zu ziehen und nicht, wie in vielen Statistiken, an der türkischen Grenze zum Irak und zum Iran.

01
Zu- und Abwanderung in Deutschland

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Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen die vier Besatzungszonen, in die Restdeutschland aufgeteilt war, rund 14 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Siedlungsgebieten im Osten und dem ehemaligen Reichsgebiet östlich von Oder und Neiße auf. Im Osten war die deutsche Sprachgrenze 1950 etwa wieder da angekommen, wo sie 800 Jahre zuvor gestanden hatte.

Die Landsleute wurden in die stürmisch wachsende westdeutsche Wirtschaft schnell integriert, reichten aber für den Arbeitskräftebedarf der Wirtschaft ab Anfang der sechziger Jahre nicht mehr aus: Von Ende der fünfziger Jahre bis 1973 (Anwerbestopp) holte die Bundesrepublik Deutschland Millionen von »Gastarbeitern« nach Deutschland. Zur Zeit des Anwerbestopps 1973 betrug deren Zahl etwa 2,6 Millionen. Bereits seit Ende der sechziger Jahre hatte bei vielen Gastarbeitern der Familiennachzug eingesetzt. Hier gab es allerdings sehr unterschiedliche Verhaltensmuster. So gingen von den etwa 2 Millionen italienischen Gastarbeitern, die bis 1973 angeworben wurden, die meisten nach einigen Jahren wieder in ihre Heimat zurück. Heute leben noch etwa 550 000 Italiener in Deutschland. Von den etwa 750 000 Türken, die ebenfalls bis 1973 angeworben wurden, blieben dagegen die meisten in Deutschland und holten ihre Familien nach. Heute leben rund 3 Millionen Menschen türkischer Herkunft in Deutschland. Ihr Anteil an den Geburten ist doppelt so hoch wie der Bevölkerungsanteil und nimmt weiter zu.

Die Zuwanderung aus Ost- und Südeuropa ist schon seit Jahren weitgehend zum Erliegen gekommen. Die südeuropäischen Einwanderer sind, soweit sie hierblieben, gut integriert. Die knapp 4 Millionen zugewanderten Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion machen nach anfänglichen Schwierigkeiten sehr gute Integrationsfortschritte, ihre Erfolge im Bildungswesen sind überdurchschnittlich. Gleiches gilt für andere Zuwanderer aus osteuropäischen Ländern. Für den Arbeitsmarkt und für das Bildungswesen sind sie durchweg eine Bereicherung.

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Aus heutiger Sicht war die Gastarbeitereinwanderung in den sechziger und siebziger Jahren ein gigantischer Irrtum: Großenteils wurden die Arbeiter eingesetzt in Industrien, die sterbende Industrien waren. Dies verlangsamte den unvermeidlichen Strukturwandel und verstellte den Blick auf das Beunruhigende des Geburtenrückgangs in Deutschland. Dessen Folgen werden durch den Zuzug von Migranten nur aufgeschoben, aber nicht aufgehoben. Gleicht sich nämlich die Geburtenrate der Migranten mit der Zeit der niedrigen deutschen Geburtenrate an, so ändert sich nichts an dem grundsätzlichen Problem, dass die Generation der Enkel immer nur halb so groß ist wie die Generation der Großeltern, denn das ist der Fall bei einer Fertilitätsrate von 1,4. Das bedeutet zugleich, dass die Bevölkerung in vier Generationen um drei Viertel schrumpft und stets die Hälfte der Einwohner älter ist als 50 Jahre. Das soziale und wirtschaftliche Leben muss unter solchen Bedingungen ganz anders organisiert werden. Bleibt die Geburtenrate der Migranten dagegen dauerhaft höher als die der autochthonen Bevölkerung, so werden Staat und Gesellschaft im Laufe weniger Generationen von den Migranten übernommen. Damit wäre das Argument widerlegt, die niedrige deutsche Geburtenrate sei die quasi schicksalhafte Konsequenz der Modernisierung, denn wenn das zuträfe, könnten ja auch die Migranten dauerhaft keine höhere Geburtenrate haben.

Viele Deutsche geben sich gerne der Illusion hin, Zuwanderung könne irgendeines unserer demografischen Probleme lösen, und es könne sogar gelingen, in großer Zahl qualifizierte Zuwanderer anzuziehen. Dabei stehen diese - und das gilt für ganz Europa - gar nicht zur Verfügung beziehungsweise gehen lieber in ein englischsprachiges Land. Für Deutschland und Europa bleibt nur der Zuzug aus Nordafrika und Nahost eine realistische Option - ob es eine wünschenswerte ist, werden wir sehen.

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Stets gilt, dass jene, die arbeiten, für die bezahlen müssen, die nicht arbeiten: 2007 kamen in Deutschland auf 100 Menschen mit einem überwiegenden Einkommen aus Erwerbstätigkeit 68 Menschen, die von Renten oder Sozialtransfers lebten. Für Menschen ohne Migrationshintergrund betrug die Relation 70,6 Prozent. Die Migranten haben also trotz ihres wesentlich günstigeren Altersaufbaus gemessen an dieser Relation demografisch kaum entlastend gewirkt.

Belastbare empirisch-statistische Analysen, ob die Gastarbeiter und deren Familien für Deutschland überhaupt einen Beitrag zum Wohlstand erbracht haben oder erbringen werden, gibt es nicht. Für Italiener, Spanier und Portugiesen wird man diese Frage wohl bejahen können, weil ihr Familiennachzug geringer war und die meisten wieder in ihre Heimatländer zurückgekehrt sind. Für Türken und Marokkaner wird man sie womöglich verneinen müssen. Zu groß ist das Missverhältnis zwischen der Zahl der ursprünglichen Gastarbeiter und dem dadurch ausgelösten Nachzug großer Familienverbände.

02
Migranten muslimischer Herkunft

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Eine Zuwanderungs- und Integrationsproblematik, die der Rede wert ist und sich nicht mit der Zeit automatisch erledigt, gibt es heute in Deutschland ausschließlich mit Migranten aus der Türkei, Afrika, Nah- und Mittelost, die zu mehr als 95 Prozent muslimischen Glaubens sind. Die Integrationspolitik ist aber gegenüber diesem Sachverhalt weitgehend blind, wie der im Auftrag der Bundesregierung erstellte Bericht »Integration in Deutschland« belegt. In dem umfangreichen Indikatorenwerk wird ausschließlich auf die Gesamtheit der Menschen mit Integrationshintergrund geblickt. Aussagen zu Bildung, Arbeitsmarkt, Transferabhängigkeit, Kriminalität werden nicht nach Herkunftsregionen beziehungsweise Volksgruppen differenziert. Dieser Mangel an Differenzierung war offenbar beabsichtigt, denn eine Diskussion darüber, ob kulturelle Unterschiede zwischen den Migrantengruppen Integrationswillen und Integrationsfähigkeit beeinflussen, war politisch nicht gewünscht.

Der Integrationsbericht 2009 der Bundesregierung benennt Probleme generell nur sehr zaghaft und tendenziell verharmlosend. Besonders deutlich zeigt sich dies bei den Aussagen zur Abhängigkeit von Migration und Sozialtransfers sowie Kriminalität. Völlig konturlos werden diese Aussagen, weil sie stets auf die Migrationsbevölkerung insgesamt abheben und nicht nach Gruppen differenzieren. Es fehlen auch Aussagen zur unterschiedlichen Fruchtbarkeit der verschiedenen Migrantengruppen und den damit verbundenen demografischen Implikationen.

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Laut Mikrozensus 2007 leben in Deutschland 15,4 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Davon entfallen auf Bürger der EU 3,7 Millionen, auf die Herkunftsgebiete Bosnien und Herzegowina, Türkei, Naher und Mittlerer Osten sowie Afrika 4,0 Millionen. Die Migranten aus diesen Herkunftsgebieten werden im Folgenden muslimische Migranten genannt. Sicherlich gibt es unter ihnen auch einige mit christlichem oder anderem religiösen Hintergrund. Aber diese fallen kaum ins Gewicht und verändern den statistischen Ausweis der Integrationsproblematik zudem durchweg in eine günstige Richtung, weil Christen und Juden aus diesen Gebieten stets ein überdurchschnittliches Integrationsverhalten zeigen.

4,6 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund können im Mikrozensus wegen inkonsistenter oder fehlender Angaben nicht einer bestimmten regionalen Herkunft zugerechnet werden. Geht man davon aus, dass beim Mikrozensus die Quote der fehlerhaften oder fehlenden Angaben über alle Menschen mit Migrationshintergrund gleichmäßig streut, dann bedeutet dies, dass die Zahl der muslimischen Migranten tatsächlich um 43 Prozent höher ist, also bei rund 5,7 Millionen liegt. Die sehr hohe Kinderzahl in dieser Gruppe deutet aber darauf hin, dass unter den Migranten mit fehlenden oder inkonsistenten Angaben Muslime überdurchschnittlich stark vertreten sind. Die Zahl der muslimischen Migranten in Deutschland könnte also auch 6 bis 7 Millionen betragen.

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Das mittlere Alter der muslimischen Migranten liegt unter 30 Jahren, während das mittlere Alter der autochthonen deutschen Bevölkerung etwa 45 Jahre beträgt. Der Anteil der Muslime an der Bevölkerung unter 15 Jahren liegt heute bereits bei 10 Prozent, ihr Geburtenanteil noch deutlich höher (vgl. Tabelle 8.8, Seite 359). Berücksichtigt man die Zuordnungsproblematik, erhöhen sich die Zahlen entsprechend.

Von den gut 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland stammen also 25 bis 45 Prozent aus muslimischen Ländern. Auf diese Gruppe sind aber 70 bis 80 Prozent aller Probleme von Migranten in den Bereichen Bildung, Arbeitsmarkt, Transferleistungen und Kriminalität zurückzuführen. Das unterschiedslose Zusammenwerfen aller Migranten in der Berichterstattung der Bundesregierung (die im Kapitel 3 aufgeführten Zahlen des Berlin-Institutsg zeigen, dass es auch anders geht) erweist sich hier als irreführend, denn es übertreibt die Probleme der erfolgreicheren Gruppen unter den Migranten beziehungsweise unterstellt dort Probleme, wo gar keine sind. Gleichzeitig verharmlost die Darstellung die spezifischen Integrationsprobleme, die es mit der Migration aus muslimischen Ländern gibt. Weit ausgeprägter noch als andere Migrantengruppen haben Muslime in Deutschland eine unterdurchschnittliche Beteiligung am Arbeitsmarkt, unterdurchschnittliche Erfolge im Bildungswesen und eine überdurchschnittliche Quote von Transferleistungsempfängern sowie eine überdurchschnittliche Beteiligung an der Gewaltkriminalität.

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Die Hoffnung, dass die an Bildung, Auftreten auf dem Arbeitsmarkt und Sprache gemessene Integration der muslimischen Migranten mit den Jahren Fortschritte macht, hat sich kaum erfüllt. Integrationsgrad und -bereitschaft scheinen im Gegenteil vielfach eher zu sinken. Ursachen dafür sind die unzureichenden Erfolge der Muslime im Bildungs- und Beschäftigungssystem, der ganz erhebliche Familiennachzug von Heiratspartnern aus den Heimatländern, aber auch eine starke Fixierung auf die heimatliche Kultur.

Um das Jahr 1950 lebten praktisch keine Muslime in Westeuropa. Um das Jahr 1970 waren es etwa 2 Millionen, im Wesentlichen Algerier in Frankreich, Pakistani in England und Türken in Deutschland. Heute beträgt ihre Zahl 15 bis 20 Millionen, und sie wächst weiter schnell. Dieses Wachstum trifft überall in Europa auf eine - in unterschiedlichem Maße, aber doch durchweg - alternde und schrumpfende einheimische Bevölkerung.

Im Jahr 1968 betrug die Zahl der westindischen, indischen und pakistanischen Einwanderer in Großbritannien rund eine Million. Die Einwanderung hatte sich zunächst quasi zufällig ergeben, weil im britischen Empire alle Einwohner als "british subject" galten. Es dauerte viele Jahre, bis das Pass- und Zuzugsrecht restriktiver gestaltet war. Aber die Aufregung in England war schon über diese niedrigen Zahlen groß. Der konservative Politiker Enoch Powell nahm sich des Themas an. Er prognostizierte 1968, dass bei unverändertem Immigrationstempo nach 30 Jahren große Teile von Yorkshire, der Midlands und der Home Counties vorwiegend oder ausschließlich afroasiatisch bevölkert sein würden, und warnte eindringlich vor den Folgen. Seine Äußerungen verursachten einen Skandal, und er verlor sein Amt als Schattenverteidigungsminister. Aber die Zustimmung aus der Bevölkerung war überwältigend: Powell erhielt in zehn Tagen 100 000 Briefe, nur in 800 davon wurde ihm widersprochen. In der Sache behielt er Recht. Er hatte vorausgesagt, dass die afroasiatische Bevölkerung in Großbritannien bis 2002 von einer Million auf 4,5 Millionen steigen würde, exakt waren es dann 4,63 Millionen. Dennoch gab es in Großbritannien und - ebenso - in Frankreich, Holland oder Deutschland keinen Politikwechsel.

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Wieso ließ man die Entwicklung einfach weiterlaufen? Christopher Caldwell erklärt dies mit dem Schamfaktor: Großbritannien hatte in 15 Nachkriegsjahren ein Weltreich verloren und verwaltete mit angeschlagenem Selbstbewusstsein die Trümmer seines Empires. Frankreich hatte das Trauma des Algerienkrieges, Holland das Trauma des verlorenen Kolonialkrieges in Indonesien, und die Deutschen hatten das Nazitrauma. »Even those who felt that such shame was misplaced were forced to admit its power.«

In England waren seit den fünfziger Jahren drei Gruppen zugezogen: Westinder aus der Karibik (vorwiegend Schwarze), Inder sowie Pakistani und Bangladeshi. Nur die letzte Gruppe war islamischen Glaubens, und diese Einwanderer machten die größten Probleme: Schulleistung und Arbeitsmarktintegration der Pakistani und Bangladeshi fallen weit hinter die der Inder zurück, das gilt auch für die zweite und dritte Einwanderergeneration.

Die besondere Problematik islamischer Einwanderer ist nicht auf England beschränkt. In allen betroffenen Ländern - ob England, Frankreich, Deutschland, Niederlande, Belgien, Dänemark oder Norwegen - macht man bei der Gruppe der muslimischen Migranten vergleichbare Beobachtungen, nämlich

- unterdurchschnittliche Integration in den Arbeitsmarkt

- überdurchschnittliche Abhängigkeit von Sozialtransfers

- unterdurchschnittliche Bildungsbeteiligung

- überdurchschnittliche Fertilität

- räumliche Segregation mit der Tendenz zur Bildung von Parallelgesellschaften

- überdurchschnittliche Religiosität mit wachsender Tendenz zu traditionalen beziehungsweise fundamentalistischen Strömungen des Islam

- überdurchschnittliche Kriminalität, von der »einfachen« Gewaltkriminalität auf der Straße bis hin zur Teilnahme an terroristischen Aktivitäten.

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Überall in Europa ging man zunächst - nachträglich erscheint das naiv - davon aus, dass diese Migranten das abendländische Wertsystem - Demokratie, kulturelle und religiöse Freiheit, individuelles Streben nach Wohlstand und Selbstverwirklichung - teilen und dass sich die Unterschiede in zwei, spätestens drei Generationen verwischen würden. Das geschah nicht, im Gegenteil: Unter den eingewanderten Muslimen und ihren Nachkommen nahm die Tendenz zu, sich kulturell und räumlich abzugrenzen. Das europäische Sozialsystem behinderte die Integration in den Arbeitsmarkt und erleichterte es, unter sich zu bleiben - auf Kosten der europäischen öffentlichen Kassen. Die traditionalen autoritären Familienstrukturen blieben erhalten. Der soziale Druck auf Mädchen und Frauen, ein Kopftuch zu tragen, sich zu verhüllen und traditionell zu kleiden, stieg, und die optische Abgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft trat immer deutlicher hervor. Das hatte zur Folge, dass in allen betroffenen europäischen Ländern die Aggressionen der autochthonen Mehrheitsbevölkerung gegen diese fremde Bevölkerungsgruppe wuchsen, die in überdurchschnittlichem Maße von öffentlicher Unterstützung abhängig ist. Der niederländische Soziologe Paul Scheffer schreibt dazu:

»Die Welt hat sich in unseren Stadtvierteln eingenistet, und das ist eine verwirrende und schockierende Erfahrung. Die Märkte, die Gotteshäuser, die Schulen und die Sportvereine: Alles und jeder ist von dieser Völkerwanderung berührt, die gerade stattfindet und deren Ende noch längst nicht absehbar ist. Wir erleben tiefgreifende Veränderungen, und es ist nicht klug, sie herunterzuspielen oder sie zu ignorieren,«

Oft wird die aktuelle muslimische Einwanderung in Europa mit der aktuellen hispanischen Einwanderung in die USA verglichen. Christopher Caldwell weist darauf hin, dass es da grundlegende Unterschiede gibt: Die Einwanderer aus Mittel- und Südamerika sprechen eine europäische Sprache, sie sind christlichen Glaubens und repräsentieren eine traditionelle Version der kulturellen Werte der USA »like white working class culture forty years ago«. Die hispanischen Einwanderer stärken und bereichern die abendländische Kultur und Zivilisation der USA, anstatt sie in Frage zu stellen.

03
Islam ja, Islamismus nein?

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Paul Scheffer hatte im Jahr 2000 mit seinem Artikel »Das multikulturelle Drama« eine Diskussion über die muslimischen Migranten in den Niederlanden angestoßen. Diese erfuhr eine erhebliche Beschleunigung und Emotionalisierung durch drei Ereignisse: den Anschlag auf das World Trade Center 2001, die Ermordung von Pim Fortuyn 2002 und die Ermordung von Theo van Gogh 2004. In der Folge breitete sie sich über ganz Europa aus. Scheffer kritisiert die Versuche, die besondere Qualität der muslimischen Migration mit der »Binsenweisheit« herunterzuspielen, Migration habe es zu allen Zeiten gegeben:

»Die Migration, die wir zur Zeit erleben, hat unsere Gesellschaften in vielerlei Hinsicht nicht offener gemacht. Durch die traditionellen Ansichten, die viele Migranten mitbringen, werden plötzlich wieder alle Fragen hinsichtlich der Stellung der Frau diskutiert, und das Recht auf freie Meinungsäußerung ist wieder umstritten. Mit einem Mal reden wir wieder von Gotteslästerung und über das Verbot, vom Glauben abzufallen. Auch wenn es dabei um Überzeugungen geht, die wir aus unserer eigenen Geschichte kennen, ist es dennoch kein Fortschritt, die Emanzipation von vor fünfzig Jahren wiederholen zu müssen.«

Das ist wohl wahr, und damit ist man im emotionalen Kern des Problems: Das westliche Abendland sieht sich durch die muslimische Immigration und den wachsenden Einfluss islamistischer Glaubensrichtungen mit autoritären, vormodernen, auch antidemokratischen Tendenzen konfrontiert, die nicht nur das eigene Selbstverständnis herausfordern, sondern auch eine direkte Bedrohung unseres Lebensstils darstellen.

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Deutlich wurde dies erstmals, als Ajatollah Chomeini eine Fatwa gegen den indisch-britischen Autor Salman Rushdie aussprach, weil dieser sich ein paar dichterische Freiheiten erlaubt hatte. Wegen einiger Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Zeitung gab es dann 2005 weltweit islamische Demonstrationen und Gewalttätigkeiten mit 150 Toten. Der Zeichner Kurt Westergaard, Jahrgang 1935, lebt seither in wechselnden Wohnungen unter Polizeischutz und entging in den Weihnachtstagen 2009 nur knapp dem Mordversuch eines jungen Somaliers mit Aufenthaltserlaubnis in Dänemark. Dänische Milchprodukte werden in islamischen Ländern wegen der Mohammed-Karikaturen boykottiert. Millionen Frauen in unserer Mitte werden durch den sozialen Druck ihrer Religion und Kultur zur Beachtung von Kleidervorschriften gezwungen, die sie als selbstständige Individuen herabwürdigen, und von ihren Familien an ihrer beruflichen und persönlichen Entfaltung gehindert.

Das alles haben wir eigentlich gar nicht nötig. Wirtschaftlich brauchen wir die muslimische Migration in Europa nicht. In jedem Land kosten die muslimischen Migranten aufgrund ihrer niedrigen Erwerbsbeteiligung und hohen Inanspruchnahme von Sozialleistungen die Staatskasse mehr, als sie an wirtschaftlichem Mehrwert einbringen. Kulturell und zivilisatorisch bedeuten die Gesellschaftsbilder und Wertvorstellungen, die sie vertreten, einen Rückschritt. Demografisch stellt die enorme Fruchtbarkeit der muslimischen Migranten auf lange Sicht eine Bedrohung für das kulturelle und zivilisatorische Gleichgewicht im alternden Europa dar.

Wer dies deutlich ausspricht, sieht sich Anfeindungen ausgesetzt, unter denen der Vorwurf der »Islamophobie« noch der geringste ist. Zwar scheint in der deutschen Politik das Bewusstsein zu wachsen, dass dem Islam problematische Kräfte innewohnen, aber man scheut das Thema weiterhin. »Der Islam ist uns willkommen, der Islamismus nicht«, sagte Bundesinnenminister de Maiziere in seiner ersten Parlamentsrede nach Amtsantritt. Er sollte sich einmal mit dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan unterhalten, der 2008 erklärte: »Es gibt keinen Islam und Islamismus. Es gibt nur einen Islam. Wer etwas anderes sagt, beleidigt den Islam.« Bassam Tibi, Politikwissenschaftler syrischer Herkunft und führender Vertreter des sogenannten Euro-Islam, meint dazu:

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»Der Islam ist sehr vielfältig, er schließt gleichermaßen Toleranz und Intoleranz ein. Als eine spirituelle Religion ist er indes keine politische Denkweise. Im Gegensatz dazu ist der Islamismus als Spielart des religiösen Fundamentalismus eine totalitäre Ideologie mit rechtsradikalen Zügen, der man nicht erlauben darf, Kapital aus einer Öffnung Deutschlands für andere Kulturen zu schlagen.«

Auch das Christentum hatte eine fundamentalistische Phase, es gab Religionskriege und Scheiterhaufen, auf denen Ketzer starben. Das endete erst vor 300 Jahren mit den Vorläufern der Aufklärung. Die eigentlich gut recherchierte Titelgeschichte des Spiegel »Wer hat den stärkeren Gott?« stellt das heutige Christentum und den heutigen Islam dennoch hinsichtlich Missionsbewusstsein und Ausbreitungswillen auf eine Ebene. Das ist falsch - jedenfalls für Europa. Das Christentum hat viele Jahrhunderte Säkularisierung hinter sich, und die katholische Kirche ist längst nicht mehr jene, die sie zur Zeit der Inquisition war. Das Problematische am heutigen Islam ist die Kombination von im Grunde rückständigen Gesellschaften, jugendlichen, stark wachsenden Völkern und einem Sendungsbewusstsein, dessen Facetten von aggressionsfreier Frömmigkeit bis zum Djihad reichen, wobei die Übergänge fließend sind. 1997 sagte Erdogan, damals noch Oppositionsführer, übrigens: »Die Minarette sind unsere Lanzen, die Kuppeln unsere Helme, die Gläubigen sind unsere Armee.«

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Liberale Muslime wehren sich dagegen, »dem Islam« als solchem bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben, und damit haben sie Recht. Der Schriftsteller Navid Kermani, aufgewachsen in Deutschland als Sohn eines persischen Arztes, betont die fehlende Eindeutigkeit des Islam und das fragwürdige Konstrukt einer »islamischen Identität«: »Identität ist per se etwas Vereinfachendes, etwas Einschränkendes, wie jede Art von Definition.« Es gebe unterschiedliche Formen, den Islam zu leben. »Der saudische Wahhabismus, der Frauen vom Autofahren abhält, oder die Ideologie Ajatollah Chomeinis, die anstelle des Menschen Gott zum Souverän des Staates erklärt, stehen zweifellos im Widerspruch zur Demokratie, zur Toleranz und zu den Menschenrechten«, räumt Kermani ein, besteht aber darauf, dass dies nicht der ganze Islam sei: »Wer behauptet, dass der Islam mit der westlichen Moderne unvereinbar ist«, müsse »solche >aufgeklärte< Muslime exkommunizieren, um auf dem eigenen Standpunkt beharren zu können«.

Leider ist aber nicht zu bestreiten, dass unter den vielen teils uneindeutigen, teils widersprüchlichen Strömungen des Islam ein Gesellschaftsbild dominiert, bei dem die Trennung von Religion und Staat weitgehend noch nicht angekommen ist, die Gleichberechtigung der Geschlechter kaum existiert, wo vormoderne Lebensformen eine weitere deutliche Vermehrung der sowieso jungen Gesellschaften, auch bei den Migranten, begünstigen und insgesamt zu unseren Lebensformen eine große kulturelle Distanz besteht.

Die meisten islamischen Glaubensrichtungen haben den gesellschaftlichen Entwicklungsprozess noch vor sich, den die Richtungen des Christentums in den letzten 500 Jahren mehrheitlich hinter sich gebracht haben. Wie Abdelwahab Meddeb, französischer Islamkritiker tunesischer Herkunft, anschaulich beschreibt, gab es auch im Islam jene Ansätze zur Verweltlichung, die sich im Christentum letztlich durchgesetzt haben, sie kamen nur nicht zum Zuge, sondern wurden in den letzten Jahrzehnten zunehmend durch fundamentalistische Glaubensströmungen verdrängt.

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Der heute dominierende Islamismus ist zugleich ein Antiokzidentalismus, bei dem alle Übergänge fließend sind und theologische Grundsatzpositionen mit dem Kampf der Araber gegen den Staat Israel, der Gründung der Islamischen Republik Iran und dem Krieg in Afghanistan in Zusammenhang gebracht werden, »wo«, wie Meddeb sagt, »schließlich der Antiokzidentalismus prosperierte, indem der ägyptische und zentralasiatische Integralismus mit dem Wahhabismus zusammenfloss, um eine Internationale von Anhängern des Heiligen Krieges (dschihad) zu bilden, und ,.. auch die ideologische und strategische Rekrutierungsbasis von al-qaida entstand«.

Der innerislamische Krieg zwischen Okzidentalimus und Antiokzidentalismus ist noch in vollem Gange, sein Ausgang ungewiss. Wie die Gewichte im islamischen Meinungsspektrum verteilt sind, ist von außen nicht erkennbar. Nachdenklich stimmen sollte das bei Meddeb zitierte Wort von Claude Levi-Strauss:

»In einer dem Islam gewidmeten Passage am Ende von Traurige Tropen schreibt er, dass er Angst vor dem Islam habe. Als Grund nennt er zum einen das Prinzip kriegerischer Männlichkeit, das in ihm triumphiere, dann seine Verschlossenheit gegenüber dem Anderen, schließlich seine mögliche Hegemonie sowie künftige Konflikte mit dem Okzident - der Islam stelle nämlich eine Entität dar, die eine Universalität geschaffen habe, die genauso vollendet und exklusiv sei wie die des Okzidents.«

Der westliche Blick kann nicht unterscheiden, welchem Islam wel cher Teil der 15 bis 17 Millionen Muslime in Europa anhängt. Kaum jemand weiß, was in den Moscheen gepredigt wird. Tatsache ist, dass es sich um eine sehr abgeschlossene Religion und Kultur handelt, deren Anhänger sich für das umgebende westliche Abendland kaum interessieren - es sei denn als Quelle materieller Leistungen.

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Welche Illusionen man sich machen kann, aber an verantwortlicher Stelle nicht machen darf, zeigt der Aufsatz des Altbundeskanzlers Gerhard Schröder, den er als Reaktion auf die Schweizer Volksabstimmung zum Minarettverbot veröffentliche. Schröder meint: Wir müssten anerkennen, dass der Islam Teil unserer Gesellschaft und der europäischen Gesellschaft geworden sei.

Kommentar: Das müssen wir nicht. Anerkennen müssen wir, dass die bei uns lebenden Muslime ebenso wie Katholiken, Freikirchler und die Zeugen Jehovas das Recht auf freie Religionsausübung haben. Nicht mehr, nicht weniger.

- Der Islam sei keine politische Ideologie, sondern eine friedliche Religion. Das lehre der Koran.

Kommentar: Der Koran lehrt auch das Gegenteil, das ist ja das Problem mit dem Islam.

- Der Begriff der Aufklärung dürfe nicht zur Abgrenzung benutzt werden.

Kommentar: Doch, gerade! Die Haltung zur abendländischen Aufklärung bringt nämlich die Sache auf den Punkt.

- Der Blick auf muslimische Staaten müsse sich ändern. Die Türkei habe sich grundlegend demokratisiert.

Kommentar: Es ist unser Recht und unsere Pflicht, muslimische Staaten mit westlichen Augen zu sehen und an unseren Normen zu messen.

Necla Kelek veröffentlichte zwei Tage später eine scharfzüngige Antwort auf Schröders schiefen Normenkatalog. Im Unterschied zu Schröder kennt sie die Türkei und den Islam

Der Islam habe 1000 Jahre lang von der Schlacht bei Tours und Poltiers bis zur Belagerung Wiens durch Suleiman gegen den Westen einen Heiligen Krieg geführt.

- Der Islam sei der Glaube an einen Gott. Seine Lehre kenne keine Trennung von Kirche und Staat. Einzelne Muslime seien aufgeklärt, der Islam sei es nicht.

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- Die universelle Geltung der Aufklärung bedeute, dass nicht alle kulturellen und religiösen Unterschiede akzeptabel seien, sonst müsse man auch den Heiratszwang akzeptieren.

- Erdogans Demokratisierung der Türkei sei mit Fragezeichen zu versehen. Unter seiner Herrschaft würden die Frauen wieder weiter an den Rand, also ins Haus, gedrängt, nur noch jede vierte türkische Frau sei erwerbstätig, vor Erdogan war es jede dritte.

Necla Kelek schließt: »Dass der Islam ein System ist und nicht nur der Glaube an den einen Gott, will auch Schröder nicht verstehen, und wieder sind es Europäer und ihre Medien, die sich ändern sollen, die die Muslime >mit verändertem Blick< betrachten müssen. Mit dieser wieder nur an den Westen gerichteten Aufforderung fällt der Altkanzler uns säkularen Muslimen im Streit mit den Wächtern des Islam in den Rücken.«

Religionsfreiheit - und damit Gedankenfreiheit - ist im Islam bestenfalls ein zartes Pflänzchen, das hier und da auf kargem Boden sprießt. In ein und demselben Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung waren zwei Nachrichten kombiniert. Erste Nachricht: Der türkische Ministerpräsident Erdogan bewertete den Volksentscheid zum Minarettverbot »als Zeichen einer zusehends rassistischen und faschistischen Haltung in Europa«. Islamophobie sei wie Antisemitismus ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Zweite Nachricht: Die Europäische Kommission kritisiert in ihrem jüngsten Fortschrittsbericht, dass in der Türkei noch immer Anschläge gegen religiöse Minderheiten stattfinden. Zudem fehle ein Rechtsrahmen, innerhalb dessen alle Nichtmuslime und alle Alewiten frei agieren und ihre Geistlichen ausbilden können.

In der Türkei wird alteingesessenen christlichen Gemeinschaften der Bau neuer Kirchen untersagt. Die Wiedereröffnung der vor 30 Jahren geschlossenen kirchlichen Hochschulen bleibt verboten. Das Kleinasien des frühen Mittelalters war rein christlich, und am Vorabend des Ersten Weltkriegs waren immerhin noch 25 Prozent der Einwohner der heutigen Türkei christlich. Dieser Anteil ist seit dem Genozid an 1,5 Millionen Armeniern und mehreren Hunderttausend aramäischsprachigen Assyrern im Ersten Weltkrieg sowie der Massenvertreibung von 1,5 Millionen griechisch-orthodoxen Gläubigen nach dem Ersten Weltkrieg auf 0,2 Prozent zurückgegangen.

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Kronzeuge für religiöse Toleranz ist die heutige Türkei beim besten Willen nicht, und die maßlose beziehungsweise anmaßende Sprache ihres Ministerpräsidenten ist alles andere als ein leuchtendes Beispiel fürToleranz. Die christlichen Kirchen wurden über die Jahrhunderte zu einem säkularen, pluralistischen Selbstverständnis gezwungen. Das fehlt dem Islam bis heute. In nahezu allen islamischen Ländern - von Ägpypten bis Malaysia - verschärft sich gegenwärtig sogar der Druck auf die christlichen Minderheiten bis hin zu regelrechter Verfolgung und physischer Bedrohung. Wie die Bibel, so ist auch der Koran vielfach dunkel und widersprüchlich, dazu bildhaft und zeitbezogen. Der absolute Wahrheitsanspruch, der dem wörtlichen Text der Suren des Koran beigemessen wird, kann je nach Vorverständnis und Textauswahl zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen führen. Auch zur Rechtfertigung terroristischer Aktivitäten gibt es genügend passende Suren. Man kann daraus jede beliebige, auch die schlechteste Behandlung der Ungläubigen ableiten. So dürfen die Ungläubigen bei Bedarf getäuscht und belogen werden.

So richtig es ist, immer wieder mit jedem zu reden, so naiv ist die Vorstellung, ein institutionalisierter Dialog mit unseren muslimischen Migranten könne eine generelle Läuterung des Islam im Sinne der Aufklärung bewirken. Christopher Caldwell hat daher für die in allen europäischen Ländern mit muslimischen Migranten aus dem Boden sprießenden Islamkonferenzen nur beißenden Spott übrig: »All countries pursue roughly the same strategy for assimilating Islam, elevating Muslim pressure groups to pseudo-governmental status and declaring that doing so will produce an Islam that reflects the values of Europe rather than vice versa.«

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Es ist längst nicht überall Dialog drin, wo Dialog draufsteht: König Abdullah von Saudi-Arabien will zwar den interkulturellen Dialog, gleichzeitig möchte er den Export der Scharia. Und mit der Tradition von Toleranz war es selbst im viel gerühmten maurischen Andalusien nicht weit her: Die muslimischen Herrscher duldeten zwar die jüdische und christliche Minderheit, deren Mitglieder waren aber Bürger zweiter Klasse, sogenannte Schutzbefohlene, denen Religionsfreiheit gewährt wurde, wofür sie hohe Kopfsteuern zu entrichten hatten.

Wenn der Berliner Innensenator Ehrhart Körting mit den »Religionen« (er meint nur die verschiedenen Richtungen des Islam) reden will, um »Radikalisierung zu verhindern«, so ist das nie falsch: »Ich habe den Eindruck, dass diese Religionen viel von ihren Traditionen abstreifen, wenn man sie einbindet. Ich vertraue darauf, dass es wie bei den christlichen Kirchen auch im Islam in der Auseinandersetzung mit der säkularen Welt Bewegung geben wird.« Welch ein Gottvertrauen! Bei den christlichen Kirchen dauerte dieser Prozess viele hundert Jahre, und es flossen Ströme von Blut. Am Ende setzte die säkulare Staatsmacht überall die Säkularisierung gegen die Kirchen durch, nicht im Dialog mit den Kirchen, sondern durch Entscheidung der Monarchen beziehungsweise der Bürger gegen die Kirchen.

In Bezug auf den Dialog mit dem Islam gilt die nüchterne Einschätzung von Kermani; »... bitte schön, sprecht mit den Moderaten, aber die werfen ohnehin keine Bomben, worüber also wollt ihr mit ihnen sprechen? ... Illusorisch ist es, zu meinen, eine Version des Islam, die nur endlich mit den Menschenrechten kompatibel ist, werde dem Terror den Boden entziehen.«

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Interessant sind die Schwierigkeiten, die liberale Geister in Deutschland mit der Forderung nach einem säkularen Islam haben. Der Zeit-Redakteur Thomas Assheuer nennt Vorkämpfer eines säkularen Islam »Säkularisten«. Er ist der Ansicht, der Kampf von »Säkularisten« wie Hirsi All und Necla Kelek habe selbst eine fundamentalistische Schlagseite, und zitiert Timothy Gordon Ash: »Wenn wir religiösen Extremismus besiegen wollen, müssen wir den Mainstream der Muslime als Verbündete gewinnen.« Thomas Steinfeld von der Süddeutschen Zeitung und Claudius Seidl von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hauen in dieselbe Kerbe: Wer westliche Werte so kämpferisch vertrete wie der radikale Islam seine heiligen Schriften, werde selbst zum Fundamentalisten.» Necla Kelek bemerkt hierzu, an solchen Beiträgen werde deutlich, wie fremd den Kritikern die Kultur des Islam sei, denn letztlich werde von ihnen die Verteidigung der Menschenrechte gegen religiöse Radikalität als Fundamentalismus denunziert.

Es ist eine intellektuelle Anmaßung, wenn ein liberaler Gutmensch säkulare Muslime und Vorkämpfer für Frauenrechte wie Hirsi All und Necla Kelek als »Säkularisten« bezeichnet und ihnen damit etwas Sektenhaftes anheftet. Darüber hinaus leidet die Kritik an gedanklicher Unschärfe: Säkulare Grundhaltung und Dialog sind nicht der Widerspruch, der hier impliziert wird. Auf deutsch: Reden hat noch nie geschadet. Dialog ist aber auch nicht das Heilmittel für alles und jedes, was naive oder bequeme Liberale zu glauben scheinen. Gewisse Punkte sind nicht verhandelbar!

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Überdies haftet jeder Werthaltung letztlich etwas Fundamentalistisches an, das gilt auch für die Grundgedanken der Aufklärung und die sich daraus ergebende Trennung von Kirche und Staat. Gandhi war in diesem Sinne Fundamentalist, wenn auch für eine gute Sache. Hitler war Fundamentalist, leider für eine böse Sache. Jedweder Fundamentalismus ist in der Falle, wenn er sich selbst begründen soll. Er hat nämlich keine Ebene mehr, auf die er zurückfallen kann. Das gilt für alle »letzten Glaubenssätze«, auch für den Glauben an die Menschenrechte, die bürgerlichen Freiheiten und die Aufklärung. Der Fundamentalismusvorwurf an die Islamkritiker läuft daher ins Leere, weil er zutrifft. Was man allerdings tun kann, ist, den Nachweis der fehlenden logischen Kompatibilität unterschiedlicher Fundamentalismen zu führen. Wer dem traditionellen Islam zuneigt, kann eben nicht dem Geist der Aufklärung verpflichtet sein, und Kritiker, für die alles gleich und alles wertrelativ ist, sind es auch nicht.

In der deutschen Islamdiskussion setzen liberale Gutmenschen und Multikulturalisten gerne den Fundamentalismus, mit dem jemand wie Necla Kelek die bürgerlichen Freiheiten und Menschenrechte gegen die Zumutungen bestimmter islamischer Glaubensrichtungen verteidigt, moralisch gleich mit den fundamentalistischen Positionen des Islam. Wie Regina Mönch schreibt, werden damit »der Hass, der den Tod bringen kann, und das >Wortgefecht<, eine Freiheit, die gerade die Kritiker des Islam so ungehemmt nutzen, ... auf eine Stufe gestellt«. Vollends ins Denunziatorische gleitet die Kritik ab, wenn den Kritikern des Islam »liberaler Rassismus« und das Predigen von »Fremdenhass« vorgeworfen werden, wie dies Carolin Emcke in der Zeit tat.

Rüdiger Safranski hat auf einen wesentlichen Unterschied hingewiesen. Er trennt zwischen »heißen« und »kalten« Religionen. Erstere können von ihrem absoluten Wahrheitsanspruch für die Belange der realen Welt nicht abstrahieren und neigen zur Intoleranz. Letztere akzeptieren die Trennung der Wertsphären, dazu gehört das Christentum der Gegenwart. Als »Zivilreligion« verbleiben dann der säkulare Glaube an die Unveräußerlichkeit der Menschenrechte und die Trennung von Kirche und Staat.

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Niemand im säkularen Staat verlangt von einer Religion, den Glauben an die überzeitliche Geltung offenbarter religiöser Grundwahrheiten aufzugeben, nur dürfen diese nicht das staatliche Recht und die Regeln des zivilen Lebens bestimmen, und sie dürfen nicht zur expliziten oder impliziten Beschneidung bürgerlicher Rechte führen. Jeder darf zum Beispiel Mohammed zeichnen, wann und wie er will: Mohammed ist tot, sonst könnte er auf Beleidigung klagen. Wenn sich dadurch aber Muslime beleidigt fühlen und fordern, solche Zeichnungen zu unterbinden, dann offenbaren sie ein grundlegendes Missverständnis des Konzepts der bürgerlichen Freiheit. Hier nachzugeben, wäre ein schwerwiegender Einbruch in den säkularen Rechtsstaat.

Jenseits der grundlegenden bürgerlichen Freiheiten bezeichnet Säkularisierung den Übergang von »ewigen« gottgegebenen zu »zeitlichen« Werten. Die Welt wird im historischen Kontext gesehen, auch Werte und Glaubensinhalte, das ist der Kern der Aufklärung. Necla Kelek sagt dazu in polemischer Zuspitzung: »Der Islam hat eine solche Aufklärung noch vor sich. Auf seine uns inzwischen leidlich bekannten Verbandsfunktionäre können wir dabei nicht hoffen.«

In der Theologie der christlichen Religionen entwickelte sich als Folge der Aufklärung und der allmählichen Säkularisierung die historisch-kritische Methode: Die Interpretation religiöser Texte und ihre Einbindung in das theologische Lehrgebäude wurde im Zusammenhang mit aktuellen historischen Erkenntnissen und der Gesamtheit der zeitgenössischen wissenschaftlichen, humanitären und philosophischen Auffassungen fortentwickelt, Diese Entwicklung schreitet fort mit dem immerwährenden Ziel, den Platz des religiösen Glaubens jeweils neu zu finden.

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In der islamischen Theologie gelang solch eine Weiterentwicklung nicht. Reza Hajatpour, ein ehemaliger schiitischer Geistlicher, der jetzt an der Universität Bamberg arbeitet, meint dazu: »Die historisch-kritische Methode, die sich seit der Aufklärung bis heute im westlichen Bildungswesen durchgesetzt hat, konnte nicht ansatzweise das Interesse der islamischen Theologen wecken ... Glaubensinhalte und Offenbarungstexte dürfen nach der offiziellen Theologie keiner historisch-kritischen Methode unterzogen werden.« Theologen, die dies taten oder tun, erhalten keine Lehrstühle oder werden sogar verfolgt. Dies gilt für Iran und Agypten gleichermaßen. Mit anderen Worten; Die vorherrschende Theologie des Islam verweigert sich in ihrer Gesamtheit der Aufklärung und bleibt damit vormodern.

Damit stehen gemäßigte und radikale, ja gewalttätige Auffassungen immer wieder unvermittelt nebeneinander: »Der Imam einer Genfer Moschee, Hani Ramadan, sorgte für Irritation, als er die Steinigung für Ehebrecherinnen verteidigte. Sein eigener Bruder, der Sozialwissenschaftler Tariq Ramadan, drängt dagegen auf ein Moratorium für körperliche Strafen in der islamischen Welt.« Der Spiegel resümiert: »Länger, so viel lässt sich sagen, scheint der Weg der Frauen im Islam jedenfalls zu sein.«

Der Koran habe »einen absoluten Wahrheitsanspruch«, schreibt der deutsche Orientalist Tilman Nagel, darum halten die meisten Muslime den Wechsel der Religion, die Apostasie, für eine schwere Sünde, für die nach Ansicht vieler Islamgelehrter in Saudi-Arabien und Afghanistan die Todesstrafe angemessen wäre. Dabei ist gerade der Wechsel der Religion oder der Übergang zum Atheismus der eigentliche Testfall für Religionsfreiheit. Wo dieser nicht ohne Gefahr und ohne Sanktionen möglich ist, kann von Religionsfreiheit nicht gesprochen werden. »Der wichtigste Indikator für das Versagen des Islam, endlich Frieden mit der Moderne zu machen«, sei »seine tiefverwurzelte Feindschaft gegenüber dem Pluralismus«, schreiben die britischen Journalisten John Micklethwait und Adrian Wooldridge. »Die Koexistenz verschiedener Weltsichten ist ein entscheidendes Kennzeichen der Moderne.«

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Aufgrund der Tatsache, dass sich der Islam in der großen Mehrheit seiner Strömungen der Aufklärung verweigert und dem Pluralismus ablehnend gegenübersteht, kann er nicht gedacht werden ohne Islamismus und Terrorismus, auch wenn 95 Prozent der Muslime friedliebend sind. Die Übergänge sind zu verschwommen, die Ideologien zu stark und die Dichte gewalttätiger und terroristischer Ereignisse ist zu groß.

Die Muslime in Deutschland und im übrigen Europa unterliegen einem fremden kulturellen und religiösen Einfluss, den wir nicht überblicken und schon gar nicht steuern können. Wir dulden das Anwachsen einer kulturell andersartigen Minderheit, deren Verwurzelung in der säkularen Gesellschaft mangelhaft ist, die nicht unsere Toleranzmaßstäbe hat und die sich stärker fortpflanzt als ihre Gastgesellschaft. Wir dürfen die widersprüchlichen Bewegungen in der islamischen Welt und die Tendenz zur Ausbreitung von Radikalisierung nicht ausblenden, die übrigens nichts mit Armut und Unbildung zu tun hat, wie immer wieder suggeriert wird. Die Geschichte des islamischen Terrorismus zeigt vielmehr, dass gerade gebildete junge Männer aus wohlhabenden muslimischen Familien - und zunehmend auch Konvertiten aus europäischen Ländern - besonders anfällig sind für radikale Positionen bis hin zur Unterstützung von Terror. Claude Berrely hat 285 Biografien von »Märtyrern« ausgewertet, deren Tod in Hamas-Zeitschriften gemeldet wurde. Sie kommen selten aus armen Familien und haben vielfach ein College oder eine Universität besucht.

Auch Navid Kermani beklagt die intellektuelle Auszehrung des orthodoxen Islam. Er weist darauf hin, dass die Attentäter und Terroristen eben nicht aus den Parallelgesellschaften kommen, sondern eher aus bürgerlichen, gebildeten Schichten, wo die Hinwendung zum Islamismus eine romantische Suche nach den vermeintlichen eigenen Wurzeln sei, deren Überlieferung aber falsch verstanden werde, weil im Islamismus Eindeutigkeit (und damit Radikalität) an die Stelle der überlieferten islamischen Vieldeutigkeit trete. Im Übrigen bestreitet er nicht, dass die islamistischen und damit potentiell auch terroristischen Tendenzen in der gesamten islamischen Welt zunehmen. Das bestätigt die Statistik: Gewalt und Terror aus der islamistischen Ecke nehmen weltweit nicht ab, sondern zu. Im Jahr 2009 gab es in den USA so viele terroristische Anschläge und Attentatsversuche wie in keinem Jahr seit dem 11. September 2001.

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Die unscharfe Trennlinie zwischen Islam und Radikalität, Fundamentalismus und Gewalt, die hohe Fertilität der muslimischen Migranten und die Einschränkung der Frauen, die viele abstößt, das alles bereitet der nicht-muslimischen Bevölkerung Sorgen und lässt ihre Ablehnung wachsen, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Diese Sorgen, ob berechtigt oder nicht, werden denunzierend als »Islamophobie« bezeichnet, ein Begriff, der gerne in einem Atemzug mit »Rassismus« und »Antisemitismus« genannt wird. Das soll einschüchternd wirken. Der türkische Ministerpräsident Erdogan benutzt das Wort besonders oft und wird sich etwas dabei denken.

Der gern angestellte Vergleich von »Antisemitismus« und » Islamophobie« verkennt, dass der Antisemitismus »auf hysterischen Ängsten, Erfindungen, Projektionen und Neidgefühlen« beruht, die »Islamophobie« aber nicht, denn die Terroranschläge, die Ehrenmorde, das Wüten der Taliban, die Kinderehen in Saudi-Arabien, die Steinigungen von Ehebrecherinnen und das Aufhängen von Homosexuellen, das alles sind Realitäten. Die ausgeübte Gewalt wie auch der maßlose und aggressiveTon, der gegenüber Kritikern mancher Erscheinungsformen des Islam angeschlagen wird, wirken einschüchternd und haben bereits schleichend Einfluss genommen auf die Offenheit des europäischen Meinungsklimas.

In Deutschland arbeiten ein Heer von Integrationsbeauftragten, Islamforschern, Soziologen, Politologen, Verbandsvertretern und eine Schar von naiven Politikern Hand in Hand und intensiv an Verharmlosung, Selbsttäuschung und Problemleugnung. Mir wurde beispielsweise »Rassismus« vorgeworfen, als ich mich in einem Interview kritisch mit der mangelhaften Bereitschaft vieler muslimischer Migranten zur Eingliederung in Deutschland auseinandersetzte. Kritiker betrieben mit dieser Diffamierung sogar meinen Ausschluss aus der SPD, der ich seit 1973 angehöre. Die Berliner Psychologieprofessorin Birgit Rommelspacher rückte die Positionen von islamischen Frauenrechtlerinnen wie Ayaan Hirsi All, Seyran Ates und Necla Kelek in die Nähe des Nationalsozialismus, wo auch schon »Frauen ihre >rassische< Überlegenheit mit dem Einsatz für Gleichstellung von Mann und Frau begründeten«, wie sie in der taz schrieb. An der Gleichsetzung von Islamkritik und »Islamophobie = Rassismus = Antisemitismus = Rechtsradikalismus = Nationalsozialismus« arbeiten in Deutschland viele kleine Brandstifter, und manche, denen der Durchblick fehlt, helfen ihnen dabei mit dem Ergebnis, dass jetzt auch schon muslimische Feministinnen in die rechte und rassistische Ecke gestellt werden.

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Besonders beliebt ist es, den Kritikern des Islam mangelnde Liberalität vorzuwerfen. Dabei geht ein wichtiger Unterschied unter: Liberal kann, ja muss man gegenüber Überzeugungen und Lebensformen sein, die sich von den eigenen unterscheiden, Diese Liberalität darf sich aber nicht auf jene erstrecken, die abweichende Überzeugungen und Lebensformen nicht dulden wollen. Der 18-jährige Mordschütze Ayham Sürücü, der im Februar 2005 in Berlin im Auftrag seiner strenggläubigen türkisch-kurdischen Großfamilie seine fünf Jahre ältere Schwester Hatun Sürücü erschoss, weil sie anders lebte, war streng religiös und Repräsentant einer breiten Meinungsrichtung unter Muslimen. Ist illiberal, wer solche Art von Religion mit einem Unwerturteil versieht, auch wenn sie nicht gleich zu einem Mord führt? Viele Stimmen in den deutschen Medien sind auf jeden Fall mit Begeisterung bereit, den Islamkritikern und mithin großen Teilen des deutschen Bürgertums Illiberalität und Xenophobie vorzuwerfen, und verlieren dabei das Gefühl für die Risiken zahlreicher Formen des Islam. Diese Auswüchse offenbarte auch die durch Birgit Rommelspachers taz-Artikel ausgelöste Diskussion.

Der um sein Leben bangende dänische Zeichner Kurt Westergaard hatte nach der Welle der Gewalttätigkeiten, die seine Karikaturen in der islamischen Welt ausgelöst hatten, zunächst Schwierigkeiten, seine Mohammed-Karikaturen in Europa überhaupt nachdrucken zu lassen. Er lebt unter Polizeischutz und war wiederholt Ziel von Attentatsversuchen. Besonders provozierend auf die islamischen Fanatiker wirkte offenbar der Umstand, dass die Karikaturen den Propheten Mohammed und den islamischen Glauben unmittelbar mit Gewalt in Verbindung bringen. Gegen diesen Zusammenhang protestierten und protestieren jene, die das Nachdenken darüber tabuisieren wollen. Dabei ist der Zusammenhang zwischen Gewalt und Islam seit dessen Geburtsstunde völlig offenkundig: Der Prophet Mohammed begann unmittelbar nach seinen Offenbarungen mit der gewaltsamen Ausbreitung des Islam, der Tötung und Vertreibung Andersgläubiger. Das Christentum dagegen überstand 350 Jahre Verfolgung und Unterdrückung, ehe es von Kaiser Konstantin als Religion anerkannt wurde. 1000 Jahre lang war die Geschichte des Islam von der gewaltsamen Eroberung christlicher Staaten begleitet, nur kurzzeitig unterbrochen durch die militärisch letztlich erfolglose Gegenbewegung der Kreuzzüge.

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Im Grunde hat der Islam bis heute ein belastetes Verhältnis zur abendländischen Moderne. Das wirtschaftliche und zivilisatorische Zurückfallen der islamischen Welt seit Beginn der Neuzeit hat bei den islamischen Führungsschichten zu einer narzisstischen Kränkung geführt, der V .S. Naipaul in seinem Buch »Eine islamische Reise« literarischen Ausdruck verliehen hat. Die relative Ferne der arabischen Welt von der abendländischen Kultur zeigt sich schon daran, dass von Beginn des Islam bis heute weniger Bücher ins Arabische übersetzt wurden, als heute in einem Jahr ins Spanische übersetzt werden. Auch dass der höchste Wolkenkratzer der Welt mittlerweile ölfinanziert im Wüstensand und nicht in New York steht, kann da nur für sehr naive Gemüter ein Trost sein. Wolfgang Günter Lerch bemerkt dazu:

»Als eine selbstbewusste Religion, die sich zudem als das Ende und der Abschluss der monotheistischen Offenbarung versteht, muss es der Islam als eine Art Skandalon empfinden, dass er in den vergangenen Jahrhunderten so in Rückstand geraten ist. Das Aufholen und die eigenständige Gestaltung der Moderne werden ihn in kommenden Jahrzehnten ... in Atem halten ... Der Ausgang der umfassenden Gärung, die den Islam zwischen Marokko und den indonesischen Inseln erfasst hat, ist offen, wobei gegenwärtig die islamistischen Kräfte in der Oberhand sind.«

Diese »umfassende Gärung« spiegelt sich in einer einzigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (1. November 2009)

- Seite 7: Samiras Brief. Wie ein türkisches Mädchen von ihrer Familie mit Gewalt an Bildung und Integration gehindert wird.

- Seite 8: Die EKD-Vorsitzende Margot Käßmann verweist auf die Unterschiede zum Islam: Verhältnis zur Gewalt, demokratisch-freiheitlicher Staat, Verhältnis Männer und Frauen. Bei gemeinsamen Gebeten mit Muslimen falle jedesmal Jesus Christus heraus.

- Seite 9: Ein Hamburger Hassprediger widerruft.

- Seite 11 (Kommentar): Flammen des Terrors. Die klerikalen Vordenker der internationalen Islamisten-Bewegung bekennen sich inzwischen offen zu ihrem langfristigen Ziel: der Errichtung eines weltweiten Kalifats.

- Seite 13: In Iran gibt es keine Wahrheit.

Dass das starke Wachstum einer muslimischen Minderheit in Europa Besorgnisse hervorruft, muss wahrhaftig nicht mit Fremdenhass erklärt werden.

04
Ökonomische Integrationsprobleme

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Tabelle 7.1 Bevölkerung in Deutschland 2007 nach Migrationshintergrund und überwiegendem Lebensunterhalt

Zur Tabelle Seite 283

Integration ist ein unscharfer Begriff und nur insoweit einer empirischen Analyse zugänglich, als er sich auf messbare und nachprüfbare Faktoren bezieht. »Integration wird anhand von Negativmerkmalen definiert: Mängel in Sprache, Bildung, Arbeitsmarkt und fehlende Akzeptanz der Grundregeln unseres Zusammenlebens.« Ökonomische Integration lässt sich beurteilen anhand der Beteiligung am Erwerbsleben, der Stellung im Beruf und dem Grad der Abhängigkeit von sozialer Unterstützung. Bildungsbeteiligung und Bildungserfolg sind dagegen Aspekte der kulturellen Integration.

Wie schon erwähnt, ergibt sich aus dem Mikrozensus 2007, dass rund 4 Millionen Menschen in Deutschland einen muslimischen Migrationshintergrund haben. Von den 4,6 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, bei denen der Mikrozensus keine Herkunftsangabe aufweist, dürfte ein Teil ebenfalls einen muslimischen Migrationshintergrund haben.

Für die muslimischen Migranten in Deutschland lässt sich eine unterdurchschnittliche Erwerbsbeteiligung feststellen. Nur 33,9 Prozent von ihnen beziehen ihren überwiegenden Lebensunterhalt aus Berufs- und Erwerbstätigkeit. Bei der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund sind es 43 Prozent. Der Unterschied wäre noch dramatischer, wenn die Daten erlauben würden, eine Altersbereinigung vorzunehmen; unter der deutschen Bevölkerung ist nämlich der Anteil der Menschen im Rentenalter viel höher.

Relativ zur Erwerbsbevölkerung leben bei den muslimischen Migranten viermal so viel Menschen von Arbeitslosengeld und Hartz IV wie bei der deutschen Bevölkerung: Bei den muslimischen Migranten entfallen auf 100 Menschen, die ihren Lebensunterhalt überwiegend aus Erwerbstätigkeit bestreiten, 43,6 Menschen, die überwiegend von Arbeitslosengeld und Hartz IV leben, bei der deutschen Bevölkerung sind es 10,4. Bei den Menschen mit Migrationshintergrund ohne Herkunftsangabe liegt die Erwerbsquote bei 31,9 Prozent, die Transferrelation bei 22,2 Prozent. Überdies ist bei ihnen die Zahl der Kinder unter 15 Jahren besonders groß. Auch von dieser Gruppe ist ein unbestimmter Teil den muslimischen Migranten zuzurechnen.

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Ganz anders stellt sich die Lage bei den Migranten aus den EU-Staaten dar. Deren Erwerbsquote ist mit 44,2 Prozent sogar noch etwas höher als die der einheimischen Deutschen, und die Transferrelation liegt nur bei 14,2 Prozent und damit kaum höher als bei den Deutschen. Es ist also nicht der Migrationsstatus als solcher, der die ökonomischen Integrationsprobleme verursacht.

Häufig wird darauf verwiesen, dass besonders viele muslimische Migranten selbstständig tätig seien. So gibt es in Deutschland rund 80 000 Selbstständige mit türkischem Migrationshintergrund, davon 40 000 im Lebensmitteleinzelhandel. Allerdings liegt auch die Selbstständigenquote der muslimischen Migranten weit unter der der deutschen Bevölkerung und anderer Migrantengruppen: 2007 waren 10,4 Prozent der Erwerbspersonen ohne Migrationshintergrund selbstständig tätig, bei den Migranten aus den EU-Staaten waren es 12,4 Prozent, bei den Migranten aus Südostasien sogar 13,9 Prozent, bei den muslimischen Migranten dagegen nur 6,8 Prozent und bei den Türken unter ihnen 6,6 Prozent. Am niedrigsten war die Selbstständigenquote mit 4,5 Prozent bei den Migranten ohne Herkunftsangabe.

Zur Tabelle Seite 284

Besorgniserregend ist, dass die in der mangelhaften Beteiligung am Arbeitsmarkt und der hohen Transferabhängigkeit zum Ausdruck kommenden Probleme der muslimischen Migranten auch bei der zweiten und dritten Generation auftreten, sich also quasi vererben, wie der Vergleich der Bildungsabschlüsse der 26- bis 35-Jährigen zeigt: In dieser Altersgruppe haben deutsche Spätaussiedler ein Qualifikationsprofil, das dem der Deutschen ohne Migrationshintergrund nahezu entspricht. 12 Prozent der Deutschen ohne Migrationshintergrund und 14 Prozent der Spätaussiedler haben keinen beruflichen Abschluss, 20 Prozent beziehungsweise 17 Prozent haben einen Hochschulabschluss. Dagegen haben türkische Staatsangehörige in dieser Altersgruppe zu 54 Prozent keinen Abschluss und nur zwei Prozent einen Hochschulabschluss. Auch bei den gleichaltrigen Deutschen türkischer Herkunft ist die Situation schlecht. 33 Prozent haben keinen Berufsabschluss und nur 10 Prozent einen Hochschulabschluss. Damit liegen sie noch hinter den sonstigen Ausländern.

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In Deutschland sind 168 000 Menschen mit türkischer Herkunft ohne eigene Migrationserfahrung erwerbstätig. Zum Vergleich: Abkömmlinge von EU-Migranten ohne eigene Migrationserfahrung sind zu immerhin 11,2 Prozent in den Bereichen Forschen, Entwerfen, Management, Gesundheit und Sozialdienste tätig. Bei den Menschen mit türkischer Herkunft ist dieser Anteil so niedrig, dass er gar nicht ausgewiesen wird. Überdurchschnittlich vertreten sind sie dagegen in der Fertigung, beim Transport und im Bereich der einfachen Dienstleistungen.

Die Bundesagentur für Arbeit weist in ihrer Statistik der Empfänger von Grundsicherung zwar die Nationalität der Empfänger nach, sie differenziert aber nicht nach dem Migrationshintergrund, und die Bedarfsgemeinschaften werden nicht nach Nationalität ausgewiesen. Die Statistik der Bundesagentur enthält also weder eine indirekte noch eine direkte Information zum Gewicht der muslimischen Migranten bei den Beziehern von Transfereinkommen. Immerhin erschien im Herbst 2009 ein im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales erstelltes Gutachten, das sich mit der Gesamtgruppe der Personen mit Migrationshintergrund unter den Transferempfängern befasst und Rückschlüsse auf die Lebensweise der muslimischen Migranten zulässt.

- 28 Prozent der erwerbsfähigen Hilfebedürftigen haben einen Migrationshintergrund. Sie leben häufiger in größeren Haushalten mit Kindern. Diese werden im Vorschulalter seltener als Kinder aus anderen Haushalten außerhäuslich betreut. Die Lebenszufriedenheit in diesen Haushalten ist höher als in Haushalten von Hilfebedürftigen ohne Migrationshintergrund. Man empfindet weniger, am unteren Ende der sozialen Hierarchie zu stehen. Es gibt auch seltener häusliche Konflikte. Die Türken unter den Hilfebedürftigen sind - relativ gesehen - am unzufriedensten.

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- Wenn es um Arbeitsbedingungen, Einkommen oder die Notwendigkeit externer Kinderbetreuung geht, sind die Migranten weniger konzessionsbereit als Transferempfänger ohne Migrationshintergrund.

- Die religiöse Bindung dieser Migranten ist stark. 50 Prozent der Transferempfänger mit Herkunft Türkei und übrige Welt erklären, dass die Befolgung religiöser Gebote auch bei der Arbeit wichtig sei. 15 Prozent der türkischen Frauen geben an, auf eine aus religiösen Gründen vorgeschriebene Art der Kleidung auch dann nicht verzichten zu wollen, wenn »neutrale« Kleidung Voraussetzung für die Arbeitsaufnahme wäre.

Aufschlussreich ist folgender Hinweis: »Bei Deutschen ohne Migrationshintergrund im SGB-Leistungsbezug wirkt sich die Äußerung einer relativ starken religiösen Bindung mit Relevanz für das Verhalten in der Arbeit positiv auf die Wahrscheinlichkeit der Arbeitsaufnahme und das Verlassen des Leistungsbezugs aus, dagegen negativ bei den Hilfebedürftigen mit türkischem Migrationshintergrund.« Das heißt: Eine starke christlich-religiöse Orientierung verstärkt den Willen zur beruflichen Leistung und zur Integration in den Arbeitsmarkt, eine starke muslimisch-religiöse Orientierung scheint den Integrations- und Leistungswillen eher zu bremsen.

Für Necla Kelek sind die Integrationsergebnisse der Türken entmutigend: »Sie weisen die größte Schulabbrecherquote, den geringsten Abiturientenanteil, die meisten Menschen ohne Berufsausbildung, die geringste Erwerbstätigenquote und die wenigsten Selbstständigen auf. Da gerade diese Gruppe stärker als andere Einwanderer zunimmt, während gleichzeitig die Noch-Mehrheitsgesellschaft rapide schrumpft, wird ihre mangelnde Integration zum zentralen Problem der ganzen Gesellschaft. Es droht, wird diese Entwicklung nicht aufgehalten, ein >Kulturabbruch<, wie der Demograf Herwig Birg schreibt.«

05
Kulturelle Integrationsprobleme

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Kulturelle Integrationsprobleme lassen sich quantitativ am besten am Ausbildungsgrad und am Schulerfolg festmachen.

Von den in Deutschland lebenden Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund haben 30 Prozent überhaupt keinen Schulabschluss und 14 Prozent Abitur. Darunter haben bei denen mit türkischem Migrationshintergrund 27 Prozent keinen Schulabschluss und acht Prozent Abitur, wenn sie keine eigene Migrationserfahrung

haben, erreichen neun Prozent keinen Abschluss und 12 Prozent schaffen das Abitur. Sie liegen damit weit hinter den gleichaltrigen Deutschen zurück, die zu i,6 Prozent keinen Abschluss haben und zu 34 Prozent Abitur. Aber auch der Abstand zu den Migranten aus der EU ist groß, diese haben zu sieben Prozent keinen Abschluss und zu 27 Prozent Abitur.(,() Es ist aufschlussreich, dass die Migranten aus der EU sowie aus Süd- und Ostasien vergleichbare Probleme nicht haben. Die Kinder von Vietnam-Vertragsarbeitern aus der ehemaligen DDR machen sogar zu 8o Prozent Abitur und schneiden damit noch weitaus besser ab als die Deutschen.

Die mit einer niedrigen Qualifikation verbundenen niedrigen Chancen auf eine gutbezahlte Arbeit lösen einen Sekundäreffekt im Sozialsystem aus: Eine Karriere als Empfänger von Transferleistungen wird umso attraktiver,je geringer die Chancen am Arbeitsmarkt sind. Die bei den muslimischen Migranten vorherrschenden Großfamilien profitieren davon, dass der Umfang der Sozialleistungen - anders als das Arbeitsentgelt - mit der Kopfzahl der Haushaltsmitglieder steigt.

Diskriminierung scheidet als Grund für die mangelhaften Erfolge der muslimischen Migranten im Bildungs- und Beschäftigungssystem aus, denn andere Migrantengruppen, die - aus Fernost oder Indien kommend - eher noch fremdartiger aussehen als Türken und Araber, schneiden teilweise sogar besser ab als die Deutschen. Der relative Misserfolg kann wohl auch kaum auf angeborene Fähigkeiten und Begabungen zurückgeführt werden, denn er betrifft muslimische Migranten unterschiedlicher Herkunft gleichermaßen. Rätsel gibt auch auf, warum die Fortschritte in der zweiten und dritten Generation, soweit sie überhaupt auftreten, bei muslimischen Migranten deutlich geringer sind als bei anderen Gruppen mit Migrationshintergrund.

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Interessant sind die in Großbritannien beobachteten Unterschiede zwischen den verschiedenen Migranten aus der ehemaligen Kolonie Indien: Indische Schüler schneiden in England doppelt so gut ab wie pakistanische Schüler. Schüler aus Fernost lassen in ihren Leistungen alle hinter sich, auch die britischen. Zwischen Indern und Pakistanern gibt es aber keine Unterschiede außer dem, dass die Pakistaner einen islamisch-kulturellen Hintergrund haben.

In Frankreich wanderten in mehreren Schüben Polen, Juden, Chinesen und Vietnamesen ein. Sie hatten wirtschaftlichen Erfolg, integrierten sich problemlos und verschmolzen allmählich mit der Mehrheitsgesellschaft, ohne jemals staatliche Hilfen in Anspruch zu nehmen. Ganz anders die Probleme Frankreichs mit den arabischen Migranten insbesondere aus Algerien. Walter Laqueur vermutet: »Es muss in der geistigen Einstellung jener, die sich marginalisiert fühlen, etwas geben, das es ihnen erschwert, im Leben Erfolg zu haben.«

Walter Laqueur, Paul Scheffer und Christopher Caldwell reflektieren auf jeweils eigene Art die Herausforderung und Bedrohung, die die muslimische Einwanderung und das starke Wachsen dieses Bevölkerungsteils für das alternde und schrumpfende abendländische Europa darstellen. Der erste ist israelischer Jude, aufgewachsen in Breslau, der zweite Niederländer und der dritte US-Amerikaner. Alle drei kommen aus sehr polyglotten Staaten und sind es selber auch. Alle drei sind liberal. Sie können mit ihren Sorgen also nicht ohne weiteres in die nationale, völkische oder gar »islamophobe« Ecke geschoben werden, wie dies gerne geschieht.

Necla Kelek, Seyran Ates, Güner Balci - in Deutschland aufgewachsene Autorinnen türkischer Herkunft - und die nach Holland geflohene Somalierin Hirsi Alidy verweisen seit Jahren auf den kollektivistischen Charakter islamischer Gesellschaften und die ihnen immanente Geringschätzung und Unterdrückung von Frauen, die nicht selten in Gewalttätigkeit ausartet. Die deutschtürkische Schauspielerin Sibel Kekilli (Jahrgang 1980) hat »das Gefühl, dass die Generation nach mir hier noch nationalistischer wird. Deren Eltern mussten sich kaum integrieren, aus der Türkei geholte Ehepartner mussten nicht mal einen Sprachkurs machen. Hier wurde ja immer nur weggeguckt und lächelnd toleriert, wenn ein Kind nicht zum Sportunterricht kommen durfte oder wenn ein Mädchen plötzlich nicht mehr zur Schule kam, weil es verheiratet worden war. Der Bevölkerungsforscher Herwig Birg stellt dazu fest:

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»Die wirksamsten Integrationsfaktoren für Einwanderungsgesellschaften sind das Bildungssystem, die Arbeitswelt und die zwischenmenschlichen Beziehungen durch Ehen oder eheähnliche Beziehungen. Die wirksamsten Desintegrationsfaktoren sind dogmatische fundamentalistische Religionen sowie die ethnisch, nationalistisch oder tribalistisch verankerten Kulturen der Migranten aus Entwicklungsländern, in deren Geschichte es nie eine Periode der Aufklärung gab. Der in Deutschland drohende Kulturabbruch durch Einwanderung bildungsferner Populationen ist im Gegensatz zu einem wirtschaftlichen Rückschlag ein für Generationen irreversibler Vorgang.«

Ein Teil der Deutschen - auch der Elite - hat das Problem noch gar nicht verstanden. In deren Lebens-, Wohn- und Arbeitswelt kommen muslimische Migranten ja nur als Reinigungskräfte oder als fremdartige Kulisse beim gelegentlichen Besuch in Berlin-Kreuzberg vor. Ein Teil der Intellektuellen und der liberalen Presse scheint sogar eine klammheimliche Freude zu empfinden, dass muslimische Einwanderung die deutsche Gesellschaft untergräbt.

Die Journalistin Ingrid Kloepfer nimmt das Leben einer islamischen Importbraut namens Dilek als Beleg für die fehlende Integrationsbemühung der deutschen Gesellschaft: 27 Jahre alt, zehn Jahre in Deutschland, drei Kinder, fünf Jahre Dorfschule in der Türkei. Dilek kennt nur den Haushalt und kann kaum Deutsch. Was tat denn der amerikanische Staat für die Integration der einwandernden Deutschen, Juden, Iren oder Italiener? Die integrierten sich selbst, weil sie gar keine andere Wahl hatten, wenn sie nicht untergehen wollten. Da gab es keine Sozialhilfe für Importbräute. Die mangelnde Integration liegt an den Attitüden der muslimischen Einwanderer. Das möchte die gutmenschelnde Liberale Inge Kloepfer nicht wahrhaben, die mit aggressivem Unterton erklärt: »Die deutsche Ethnie wird auf lange Sicht vielerorts auf eine der großen Minderheiten schrumpfen. So wird es aussehen - ob es dem Notenbanker Sarrazin passt oder nicht.«

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In bestimmten Kreisen ist es inzwischen üblich geworden, bereits den empirisch begründeten Hinweis auf das Bestehen von Unterschieden zwischen ethnischen Gruppen mit dem Rassismusvorwurf zu belegen. Das ist eine sehr wirkungsvolle Art, Andersdenkende mundtot zu machen und das Ansprechen unerwünschter Sachverhalte mit dem Bann des politisch Unkorrekten zu belegen. In Deutschland funktioniert das aufgrund der Last der Geschichte besonders gut. Necla Kelek hat festgestellt:

»Es gibt heute viele unter den Orientalisten und den Ausländerbeauftragten, bei den Grünen und den Vertretern der Kirchen, die aus lauter Angst davor, als ausländerfeindlich oder intolerant zu gelten, auch noch die wunderlichsten Argumente finden, >ihre< Ausländer zu verstehen und um jeden Preis zu verteidigen. Sie propagieren ein Toleranzverständnis, das einer Selbstaufgabe gleichkommt. Die Freiheitsrechte haben bei ihnen im Zweifel gegenüber dem Verständnis für eine andere Kultur hintan zu stehen.«

Unterschiede in der kulturellen Prägung sind nichts Ehrenrühriges. Man muss sie nur sehen und darf sie nicht verniedlichen. Dazu neigen gerade die Deutschen, und gerade die Intellektuellen unter ihnen haben bis heute kaum erkannt, wie sehr sie sich selbst etwa von den Italienern unterscheiden und wie nachhaltig selbst diese, im Vergleich zu den Muslimen minimalen Unterschiede fortwirken. Dirk Schümer schreibt, gerade die größten Italienschwärmer wie Goethe, Burckhardt und Hesse seien wohlweislich Teilzeititaliener gewesen. Er selbst sei noch nach zehn Jahren in Venedig trotz perfekter Sprachkenntnisse nicht wirklich gut integriert gewesen.

In Deutschland geben 47 Prozent der Menschen mit italienischem Migrationshintergrund an, sich gut integriert zu fühlen, aber nur 22 Prozent der Menschen mit türkischem Migrationshintergrund. Dagegen fühlen sich 42 Prozent der Letzteren schwach integriert, aber nur 23 Prozent der Ersteren. An der Benachteiligung in der Gesellschaft kann es nicht liegen: Nur sechs Prozent der Türken geben an, häufiger benachteiligt zu werden, bei den Italienern sind es drei Prozent.

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Die kulturelle Integration wird in zunehmendem Maße behindert durch die technisch-mediale Entwicklung (Satellitenfernsehen). Durch die Fernsehprogramme aus den Herkunftsländern wurde »>Heimat< viel stärker im Alltagsleben von Zuwanderern gegenwärtig, so dass der quantitative Aspekt umschlug in einen qualitativen ... Dies ließ ein Spannungsverhältnis entstehen, dessen Pole der Verbleib im Aufnahmeland und das Verhaftet-Sein mit dem Herkunftsland sind.«

Zu den kulturellen Unterschieden und den mit ihnen verbundenen Abgrenzungsritualen gehört auch die Neigung zur Gewalt, die bei Jugendlichen mit muslimischem Migrationshintergrund vermehrt registriert wird. Jugendliche Deutsche, die nicht zuschlagen und sich wehren, gelten als Schwächlinge. In Bonn erregten die systematischen Überfälle jugendlicher Migranten auf Gymnasiasten im ansonsten friedlichen Stadtteil Bad Godesberg Aufsehen. Ein Fußballverein klagte dort, dass sein Integrationsmodell von einem syrischen Club torpediert werde, der die jungen Araber abwerbe und ihnen alles durchgehen ließe. Als ein junger Marokkaner, der aussieht wie ein Deutscher, in die Fänge der Gewalttäter geriet und mit ihnen arabisch sprach, haben sie ihn gar nicht verstanden. Offenbar sind Teile dieser Jugend mittlerweile im sprachlichen Niemandsland angekommen. Ihre Integrationschancen erhöht das nicht.

Bonn ist ja keine Ausnahme, in Duisburg-Marxloh, in Essen-Katernberg, in München-Hasenbergl, im nördlichen Berlin-Neukölln und an den vielen hundert Orten in Deutschland, wo sich muslimische Migranten ballen, geht es ganz genauso zu. Viele besonnene Türken und Araber sehen das kulturelle Integrationsproblem ihrer Landsleute, doch die deutschen und muslimischen Anwälte der muslimischen Einwanderung scheinen es zu verdrängen. So warnt das European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia (EUMC) vor »Islamophobie« und kritisiert: »Muslims feel that acceptance by society is increasingly perceived as >assimilation< and the assumption that they should lose their Muslim identity.« Das ist falsch. Es reicht aus, dass Muslime unsere Gesetze beachten, ihre Frauen nicht unterdrücken, Zwangsheiraten abschaffen, ihre Jugendlichen an Gewalttätigkeiten hindern und für ihren Lebensunterhalt selbst aufkommen. Darum geht es. Wer diese Forderungen als Zwang zur Assimilation kritisiert, hat in der Tat ein Integrationsproblem. Vielleicht sollte er einmal einen Gedanken daran verschwenden, weshalb es in ganz Europa Vorbehalte gegen Muslime gibt - mit guten Gründen:

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- Keine andere Religion in Europa tritt so fordernd auf.

- Keine andere Immigration ist so stark wie die muslimische mit Inanspruchnahme des Sozialstaats und Kriminalität verbunden.

- Keine Gruppe betont in der Öffentlichkeit so sehr ihre Andersartigkeit, insbesondere durch die Kleidung der Frauen.

- Bei keiner anderen Religion ist der Übergang zu Gewalt, Diktatur und Terrorismus so fließend.

Der relative Misserfolg der ökonomischen und kulturellen Integration der muslimischen Migranten, der in ganz Europa zu beobachten ist, wird gern mit »Unterschichtung« erklärt, weil eben vorwiegend die rückständige Landbevölkerung emigriere, nicht die kultivierten Städter. Dagegen wird die Hypothese, die muslimische Kultur als solche könne die Integration behindern, von den Vertretern der Unterschichtungsthese als »kulturalistisch« abgetan. Es war aber zu allen Zeiten für gewöhnlich so, dass sich nicht die Gebildeten und Bessergestellten auf den Weg in die Fremde machten, sondern eher die unteren Schichten, zudem eher die Landbewohner als die Städter. Immer aber waren die, die emigrierten, eine Auslese von besonders Aktiven.

Die Probleme der muslimischen Integration auf den Kulturunterschied zwischen Stadt und Land zurückzuführen, ist eine Verharmlosungsstrategie. Es gibt hier auch keine unterschiedlichen Integrationsmuster, sondern einheitliche Muster der islamischen Immigration in ganz Europa. Richtig ist jedenfalls, dass den muslimischen Einwanderern in Europa eine besondere Mischung aus islamischer Religiosität und traditionellen Lebensformen anhaftet. Diese Mischung erschwert die ökonomische und kulturelle Integration und sorgt über die damit verbundene mangelhafte Emanzipation der Frauen für den besonderen Kinderreichtum der muslimischen Migranten, der durch die Segnungen des europäischen Sozialstaates noch gefördert wird, Eine Parallele zur deutschen Unterschicht ergibt sich nur in den Punkten mangelhafte Bildung und unzureichende Arbeitsmarktorientierung. Diese sind bei der deutschen Unterschicht aber das Ergebnis einer negativen Auslese. Niemand würde behaupten wollen, dass die muslimischen Migranten eine negative Auslese aus ihren Herkunftsländern darstellen, und darum können deren besondere Probleme auch nicht mit »Unterschichtung« erklärt werden.

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Die vielgelobte Rolle der türkischen Selbstständigen im Obst- und Gemüsehandel ist zwar erfreulich für die Kunden, die ihren Tante-Emma-Laden vermissen, aber letztlich ist die starke Ballung der türkischen Minderheit in einem übersättigten Marktsegment auch Ausdruck und Ergebnis des mangelhaften oder fehlenden Bildungsaufstiegs. Dieser ist zurückzuführen auf patriarchalische und autoritäre Strukturen in den türkischen Familien, welche weniger auf den individuellen Erfolg als auf das Wohl des Familienverbandes ausgerichtet sind. Das ist eine Sackgasse, denn kulturelle Integration kann nur gelingen, wenn die muslimischen Migranten unsere Pluralität anerkennen und auch innerlich akzeptieren. Necla Kelek hat dazu erklärt: »Der >Gesellschaftsvertrag< ist für mich das >Minimum<, an dem sich die Integration und damit unser aller Zukunft entscheidet.«

06
Parallelgesellschaften?

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Der Mensch bevorzugt das Vertraute und pflegt dem Fremden gegenüber Distanz zu zeigen. Das gilt für Sprache, Speisen, Sitten und Gebräuche. »Gleich und gleich gesellt sich gern«, heißt es. So ist es nur zu verständlich, dass Einwanderer in einer fremden Umgebung zunächst die Nähe der eigenen Landsleute, das vertraute Umfeld der eigenen Sprache, der eigenen Religion und der eigenen gewohnten Lebensweise suchen.

Mit der Zeit verliert sich das dort, wo die Menschen für ihren Lebensunterhalt selber aufkommen, denn dazu muss man hinaus ins »feindliche« Leben und Geld verdienen. Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, dass man die Landessprache erlernt. Parallelgesellschaften lösen sich umso schneller auf, je mehr eine Einwanderergruppe bereit ist, sich zu integrieren, und je erfolgreicher sie wirtschaftlich im Allgemeinen ist. Darum fielen die Juden und im Gegensatz etwa zu den Italienern auch die Deutschen in der amerikanischen Mehrheitsgesellschaft schon bald nicht mehr auf.

Parallelgesellschaften gehen meist mit regionaler Konzentration einher, dies ist aber nicht zwingend der Fall. Sie nehmen dort leicht einen Gettocharakter an, wo die Bevölkerung bei hoher Unterbeschäftigung großenteils von Sozialtransfers lebt, Das gilt für das nördliche Neukölln mit seiner türkischen und arabischen Bevölkerung genauso wie es früher für das schwarze Harlem in New York galt. Parallelgesellschaften bilden sich zudem umso leichter und existieren umso länger, je größer das Desinteresse der Migranten an der Mehrheitsgesellschaft ist und je mehr man es vorzieht, unter sich zu bleiben.

Ein Gradmesser für die Integrationsbereitschaft ist das Heiratsverhalten. Es steuert zudem das Tempo der Auflösung von Parallelgesellschaften beziehungsweise verhindert, dass sie in größerem Umfang entstehen. Hier sieht es schlecht aus, denn nur drei Prozent der jungen Männer und acht Prozent der jungen Frauen mit türkischem Migrationshintergrund heiraten einen deutschen Partner, bei den Russlanddeutschen sind es dagegen 67 Prozent.

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Necla Kelek berichtet von einer norddeutschen Kleinstadt. Dort »leben etwa 300 Migranten, die alle nur zu zwei Familien gehören. Vor dreißig Jahren war ein Kurde mit einem Freund aus Ostanatolien in die Stadt gekommen und hat nach und nach alle Verwandten nachgeholt. Wer mit wem verheiratet ist, wer wessen Kind, Enkel oder Cousin ist, erschließt sich Außenstehenden nicht.« Zum Kindergeburtstag bei einer wohlhabenden türkischen Familie erscheinen auch die Mütter der eingeladenen Kinder. Kein deutsches Kind ist dabei. Die Frauen, zwischen 18 und 35 Jahre alt, sind allesamt Importbräute und verheiratet mit türkischen Männern der zweiten und dritten Generation. Keine der Frauen kennt Deutsche privat, sie können kaum Deutsch. Eine spricht für alle, wenn sie sagt: »Wir können doch auch hier leben, ohne mit den anderen etwas zu tun zu haben. Wir haben unsere eigenen Vorstellungen. Wir haben doch hier alles, wir brauchen die Deutschen nicht.« Und natürlich soll der Sohn später eine Muslimin heiraten.

Diese Mentalität herrscht in weiten Kreisen der muslimischen Bevölkerung. Ob man sie für kulturell, religiös oder sonstwie bedingt hält, ist letztlich egal, denn es ist diese Art des kulturellen Abgeschiedenseins, die die Integration muslimischer Migranten hemmt und ihren wirtschaftlichen Erfolg beeinträchtigt. Ich nenne sie kulturell bedingt, es ändert aber nichts am Sachverhalt, wenn man dem Phänomen einen anderen Namen gibt, auch dann nicht, wenn man es mit dem akademischen Schimpfwort »kulturalistisch« belegt.

Parallelgesellschaften entstehen durch das klassische Einwanderungsmuster der Kettenwanderung, die homogene Siedlungsgebiete hervorbringt. Wie stark diese sich verfestigen und welche Auswirkungen sie auf ihr Umfeld haben, hängt von der Fähigkeit und Bereitschaft der Eingewanderten zur Integration ab. Die muslimische Einwanderung kämpft seit dem Anwerbestopp für Gastarbeiter 1973 mit dem Integrationshindernis, dass sie vorwiegend auf die Anziehungskraft des deutschen Sozialstaats zurückzuführen ist, was heißt, dass bei vielen der seitdem Eingewanderten nicht der eigene wirtschaftliche Erfolg durch Integration und berufliche Leistung im Vordergrund steht, sondern die Absicherung und Alimentierung durch den deutschen Sozialstaat. Ihre Aussichten sind gut, denn die Hilfe kommt jedem Eingewanderten unabhängig von seiner Integrationsbereitschaft und seinem Arbeitswillen zugute. Weitere Hindernisse bestehen in der geringen Neigung, die deutsche Sprache zu erlernen und auch privat zu gebrauchen, in der geringen Bildungsneigung, im Festhalten an den hierarchischen Familienstrukturen, im fortwährenden Familiennachzug, in dem ausschließlich auf die eigene Nationalität beziehungsweise auf Muslime ausgerichteten Heiratsverhalten.

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Im Unterschied zu Italienern, Spaniern oder Polen geht von den muslimischen Migranten auch kaum einer in sein Heimatland zurück. Dort sind nämlich die Löhne niedriger als hierzulande Arbeitslosengeld II und Kindergeld. Nur von den Qualifizierten kehrt ein Teil dorthin zurück, weil die in Deutschland erworbene Ausbildung auch in der alten Heimat Chancen bietet. Das Ergebnis ist eine negative Auslese innerhalb der muslimischen Parallelgesellschaften. Deutschland finanziert so einen Teil des muslimischen Proletariats, das in den Herkunftsländern keine Chancen sieht, die attraktiver wären als die deutsche Sozialhilfe. Ohne Änderung der sozialstaatlichen Rahmenbedingungen sind die Aussichten gering, dass sich die Parallelgesellschaften der muslimischen Migranten in Deutschland und Westeuropa mit der Zeit quasi automatisch auflösen.

Natürlich gelingt es den Parallelgesellschaften nicht, die Heimat vollständig zu simulieren. Die zum großen Teil arbeitslosen männlichen Familienoberhäupter haben zwar zu Hause das Sagen, aber nach außen können sie gegenüber ihren Söhnen nicht mit dem Prestige des Ernährers aufwarten. Umso eifriger vermitteln sie dem männlichen Nachwuchs übersteigerte Vorstellungen von einer tapferen, um der »Ehre« willen jederzeit gewaltbereiten Männlichkeit. Diese Rolle nehmen die jungen Männer umso eher an, je mehr ihre Erfolge im Schulsystem zu wünschen übrig lassen - und ihre Leistungen sind noch schlechter als die der muslimischen Mädchen.

Zum Schulfrust gesellt sich sexuelle Frustration, und beides trägt zum Aggressionsstau der jungen Männer bei, die in einer libertären, mit Sex und Porno allenthalben angereicherten Gesellschaft leben. Die muslimischen Mädchen sind aber aus religiösen Gründen vor der Heirat sexuell nicht verfügbar, ja selbst harmlose vorsexuelle Annäherungen sind vielfach nicht möglich. Und die »besseren« deutschen Mädchen lassen sich nicht auf jemanden ein, den sie im Bildungssystem als »Loser« wahrnehmen. Falsche Rollenvorbilder, mangelhafte Bildungserfolge und sexuelle Frustration können zu einer erhöhten Gewaltbereitschaft führen, die vornehmlich in Jugendgangs ausgelebt wird, der eigentlichen Heimat vieler junger muslimischer Migranten.

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Dort finden sie die Anerkennung, die sie suchen, wenn auch für das Falsche, nämlich Gesetzesbrüche, Diebstähle, Schlägereien.

Fadi Saad machte eine Gewaltkarriere als Mitglied einer Straßengang, bis er selbst von einer Gang zusammengeschlagen und schwer verletzt wurde. Das führte zu seiner Läuterung. Heute ist er Sozialarbeiter in Berlin-Neukölln. Am meisten am Herzen liegen ihm die » Deuraber«, die in Deutschland geborenen arabischen Flüchtlinge. »Mit Kuschelpädagogik kommt man bei diesen abgebrühten Jungs nicht weiter«, sagt er. Ein Zwölfjähriger, der gewalttätig werde, müsse sofort bestraft werden. Es reiche nicht aus, ihn erst Monate später zu sozialer Arbeit zu verdonnern. »Der geht raus und schlägt den Nächsten zusammen.« Mit Integrationsgerede kann Fadi Saad nicht viel anfangen: »Integrieren heißt eingliedern. Aber worin? Und wen soll ich integrieren? Ich kenne genügend Deutsche, die kein Deutsch sprechen. Soll ich die etwa auch integrieren?« Fadi Saad erzählt von seiner ersten Reise in den Libanon, davon, dass die Jungs dort vor Beginn des Unterrichts ihre Fingernägel vorzeigen müssen und keiner auch nur im Traum auf die Idee käme, seine Kumpels mit »Hurensohn« zu begrüßen.

In Berlin werden rund 20 Prozent aller Gewalttaten von nur 1000 türkischen und arabischen jugendlichen Tätern begangen, eine Gruppe, die 0,3 Promille der gesamten Berliner Bevölkerung stellt. Aber im Integrationsbericht der Bundesregierung wird deren Kriminalität relativiert. Es heißt dort: »Zumindest für die Gruppe junger Menschen gehen Kriminologen davon aus, dass bei einem Vergleich der Gruppe mit gleichen familiären, schulischen und sozialen Rahmenbedingen sowie übereinstimmenden Werteorientierungen eine höhere Belastung von Nichtdeutschen letztlich nicht mehr feststellbar« sei. Bei diesem Geschwurbel wird offenbar empirische Wissenschaft mit politischer Theologie verwechselt. Wem ist eigentlich geholfen, wenn man offenkundige Tatsachen unterdrückt, die selbst die einsichtigen Betroffenen nicht leugnen. Sicherlich weder der Wahrheit noch der klaren Analyse, noch der Integration. Die Autoren sollten einmal den Polizeikommissar Florian Södding auf einem Streifengang durch den Stadtteil Wedding im Bezirk Mitte begleiten.

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82 000 Menschen leben dort, die Hälfte mit türkischem und arabischem Migrationshintergrund. Die Gewalt, darunter 104 Übergriffe auf Polizisten in einem Jahr, kommt fast ausschließlich aus der Gruppe der Migranten.

Die Autoren des Integrationsberichts hätten sich auch mit Kirsten Heisig unterhalten können, Richterin in Berlin-Neukölln, die einen Zusammenhang herstellte zwischen der Gewaltfrage und der Existenz von Parallelgesellschaften. Über ihre »Klientel« sagte sie:

Ich rede von vornehmlich arabischen Straftätern, die bei mir im Gerichtssaal sitzen, Sie und ihre Familien versuchen, sich unserem Recht zu entziehen, indem sie die Vorfälle in ihrer Volksgruppe klären ... Es gibt in den Migranten-Vierteln ... eine besondere Ballung von Problemen, aus denen sich Kriminalität speist.«

Auf die Frage, ob dies ein soziales oder ethnisches Problem sei, antwortete Kirsten Heisig:

»Da kommt vieles zusammen: einerseits hohe Arbeitslosigkeit, Schuldistanz und allgemeine Verwahrlosung. Hinzu kommen kulturelle Faktoren: Der Männlichkeitswahn ist bei manchen Türken und Arabern besonders ausgeprägt. Ehre und Respekt sind so emotional entwickelt, dass es schnell zu Gewalt kommt. Prügeln ist in der Erziehung leider eine gängige Praxis. Wenn der Vater den Respekt nicht genießt, weil er arbeitslos ist, dann stellt er ihn durch Schläge her ... Es entwickeln sich geschlossene Gesellschaften mit eigenen Regeln. Darin sehe ich eine große Gefahr.«

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Kirsten Heisig machte unter den türkischen und arabischen Migranten in der Parallelgesellschaft von Neukölln auch eine ausgeprägte Deutschenfeindlichkeit aus und führte Beispiele dafür an: »Ein Zwölfjähriger beschimpfte eine Mitschülerin als Schlampe, weil sie kein Kopftuch trägt. Ein anderer Angeklagter erklärte gegenüber einem Polizeibeamten: >Du bist Dreck unter meinen Schuhen, ich scheiß auf Deutschland.< Jugendliche äußerten gegenüber deutschen Frauen: >Deutsche kann man vergasen.< Wenn Deutsche sich so gegenüber Ausländern verhalten, nennen wir das Rassismus.«

Sichtbares Zeichen für die muslimischen Parallelgesellschaften ist das Kopftuch. Seine zunehmende Verbreitung zeigt das Wachsen der Parallelgesellschaften an. Selbst das European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia gesteht zu, dass das Kopftuch unter den Muslimen auch auf Druck von Familien oder von Peergroups getragen wird. Einen Kopftuchbann an öffentlichen Orten inklusive Schulen befürworten 78 Prozent der Bevölkerung in Frankreich, 54 Prozent in Deutschland und 29 Prozent in England. Welch ein Druck muss auf den muslimischen Mädchen lasten, wenn an einer öffentlichen Schule deutsche Schülerinnen beschimpft werden, weil sie kein Kopftuch tragen.

Muslimische Familien, die abendländische Werte teilen und Liberalität ernst nehmen, halten ihre Töchter nicht dazu an, Kopftuch zu tragen, und ermutigen ihre Angehörigen auch sonst nicht, sich optisch von der Mehrheitsgesellschaft abzusetzen. Das Tragen des Kopftuchs drückt niemals nur Religiosität aus - eine gute Muslima kann man schließlich auch ohne Kopftuch sein -, sondern den Wunsch, sich von den »Ungläubigen« auch optisch abzugrenzen. Das Kopftuch bedeutet gleichzeitig die Akzeptanz der Unterordnung der Frau unter den Mann, das heißt die Ablehnung der Emanzipation der Frau nach abendländischem Muster.

07
Das Beispiel Neukölln

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Der Berliner Bezirk Neukölln hat 305 000 Einwohner. Nach den offiziösen Zahlen sind 120 000 migrantischer Herkunft, davon 60 000 Passausländer. Hinzu kommen 20 000 bis 30 000 Illegale (150 00o bis 200 000 sind es im gesamten Berlin). Manchmal wohnen zwischen 20 und 30 Leute in zwei Zimmern. Knapp die Hälfte der Einwohner Neuköllns hat einen Migrationshintergrund. In Nord-Neukölln sind es sogar 55 Prozent, an den dortigen Schulen 80 bis 100 Prozent. 30 Prozent der Bevölkerung unter 65 Jahren leben von Hartz IV, in Nord-Neukölln sind es 45 Prozent, bei den 25-Jährigen sogar 60 Prozent.

Neukölln wird auch als die größte türkische Stadt Deutschlands bezeichnet. Es gibt viele Neuköllns in Deutschland. Die Stadt Ahlen in Westfalen etwa hat gut 56 000 Einwohner, südlich der Bahnlinie aber eine kompakte muslimische Stadt von 15 000 Einwohnern, Es gibt heute Hunderte von Siedlungen und ganze Stadtviertel in Deutschland, in denen die türkischen und arabischen Migranten eine Mehrheit oder eine starke Minderheit bilden. In allen diesen Siedlungen treten ähnliche Probleme auf, Sie wachsen weitaus schneller als die Städte, in denen sie liegen (diese schrumpfen häufig sogar), und sie wachsen sowieso schneller als die deutsche Bevölkerung. Wer als Deutscher durch diese Viertel geht, kommt sich vor wie ein Fremder im eigenen Land.

Ein näherer Blick auf Neukölln lohnt sich, weil dieser Stadtteil exemplarisch ist. In Nord-Neukölln leben zwei Drittel bis drei Viertel aller Kinder von Hartz IV, Heinz Buschkowsky, der Bürgermeister dieses Berliner Bezirks, ist bundesweit bekannt geworden, weil er die Probleme mit profunder Erfahrung und Faktenkenntnis konkret benennt, dabei aber stets differenziert. In seiner eigenen Partei, der Berliner SPD, war er lange nicht beliebt, weil er unangenehm konkret ist und allgemeines Integrationsgesäusel sowie Gutmenschengetue ad absurdum zu führen pflegt. Die Probleme lassen sich aber nicht wegreden, und so wurde er allmählich immer bekannter. Die Empörung über mein Interview in Leftre International hatte den für ihn angenehmen Nebeneffekt, dass er plötzlich als der »Maßvolle« und »Vernünftige« wahrgenommen wurde. Ich habe mich oft mit Heinz Buschkowsky unterhalten. Die folgende mosaikartige Beschreibung von Neukölln baut darauf auf:

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Die Problembevölkerung in Neukölln stellen nicht die Arbeitsmigranten der sechziger und siebziger Jahre und deren Nachfahren, sondern die Familien, die seit 1980 im Rahmen des Familiennachzugs, als Armutsmigranten und als Kriegsflüchtlinge gekommen sind. Dies sind zu etwa 80 Prozent Araber, der Rest Türken. Die Araber in Neukölln waren die Ersten, die erkannt haben, dass man sich einbürgern muss. Wenn nämlich ein Kind in der Familie eingebürgert ist, dann ist die ganze Sippe vor der Abschiebung geschützt. Besondere Probleme bereiten die Libanesen und Palästinenser. Viele kurdische Türken haben sich erfolgreich als Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Libanon ausgegeben. Bei den Türken muss man differenzieren nach den religiösen Richtungen. Sunniten und Schiiten unterscheiden sich ganz erheblich von den Alewiten, die nicht zum Freitagsgebet gehen, nicht fasten und deren Frauen kein Kopftuch tragen. Aus Sicht der Sunniten und Schiiten sind sie gar keine echten Muslime. Die Alewiten sind praktisch die Protestanten des Islam.

Die Arbeitsmigranten der sechziger und siebziger Jahre waren Menschen, die sich auf den Weg machten, um mit ihrer Hände Arbeit Wohlstand zu generieren. Anders ist das bei den Migranten der achtziger und neunziger Jahre. Für diese gibt es ein Gelobtes Land, und das ist Deutschland, wo man ohne Arbeit reicher wird, als man in ihren Dörfern jemals werden könnte (Armutsmigration). Der türkische Mittelstand in Neukölln entstammt der Generation der Arbeitsimmigranten. Diese Familien machen keine Probleme, die sieht man auch nicht auf den Straßen.

Die Mädchen mit den strengsten Kopftüchern entstammen den religiös orthodoxen Familien und sind meist recht gebildet. Die besonders streng Verschleierten sind oft die Fittesten in der deutschen Sprache. Dagegen kommen die türkischen Mädchen, die Kopftuch tragen, aber bauchfrei gehen und gepierct sind, von der Hauptschule und gelten als blöd. Orthodox, gebildet und Kopftuch, das kann durchaus zusammengehen. Das entspricht der islamischen Einheit von Kirche und Staat.

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Der niederländische Schriftsteller Leon de Winter vertritt die Ansicht, dass ein Wohlfahrtsstaat nach europäischem Muster nie ein Integrationsland sein kann. >Wozu gibt es denn Hartz IV?«, fragen sich die migrantischen Hauptschüler und entwickeln erst gar keinen Ehrgeiz.

Die ersten Wellen der Armutsflüchtlinge aus Afrika, Nah- und Mittelost trafen Europa völlig überraschend. Die Politik in Norwegen beispielsweise war damals so liberal, dass man keine Jugendgefängnisse kannte und gar nicht wusste, wo man die prügelnden Schlägerbanden der jugendlichen Araber in Oslo lassen sollte.

Falsch verstandene Liberalität hindert uns vielfach daran, gegen diese Haltung die richtigen Maßnahmen zu ergreifen. So hat Berlin die Bestimmungen für Sprachtests verschärft und ein Kinderschutzgesetz erlassen. Es fehlen aber Sanktionsklauseln, und sei es nur, dass im Falle der Nichtbeachtung ein Ordnungsgeld erhoben wird.

»Je bunter die Mischung, desto klarer müssen die Regeln sein«, das ist die Erfahrung des Neuköllner Bürgermeisters. Sein ehemaliger Amtskollege in Rotterdam hatte diese Erkenntnis ebenfalls gewonnen und konsequent umgesetzt: »Wir haben Rotterdam für alle Rotterdamer Block für Block, Straße für Straße zurückerobert.« In Holland gewähren die Gemeinden das Niederlassungsrecht. Dieses kann aber auch entzogen werden. Familien, die sich schlecht benehmen, können so zum Umzug gezwungen werden. In der nächsten Gemeinde benehmen sie sich meist besser. Burkaträgerinnen wird in Holland die Sozialhilfe entzogen mit dem Argument, dass sie so nicht am Arbeitsmarkt vermittlungsfähig seien.

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Es ist sehr schwer, die migrantische Bevölkerung auch nur statistisch richtig zu erfassen. Es gibt viel Betrug: Bei der Versendung der Lohnsteuerkarten wurden allein in Neukölln 10 000 Scheinadressen entdeckt. Auf eine Ein-Zimmer-Wohnung in Köln entfielen 60 Adressen. Nach heutigem Melderecht kann ja jeder jede Adresse angeben, ohne dass dies überprüft wird. Ein schwunghafter Handel wird in Neukölln mit den Chipkarten der AOK getrieben. Auf einer Karte werden oft ganz unterschiedliche Leute behandelt, häufig Illegale aus den Heimatorten der migrantischen Familien. Die AOK zeigte sich bisher nicht daran interessiert mit der Begründung, es werde ja sowieso nur eine Quartalspauschale an die Ärzte gezahlt. Dass der Betrug der Migranten den Kostendruck im System erhöht und die Leistungen für die »echten« Beitragszahler einschränkt, scheint die Berliner AOK nicht zu interessieren. Darüber hinaus gibt es in den Apotheken Neuköllns auffällige Medikamentenabflüsse. Hier werden in großen Mengen Rezepte für oft sehr teure Medikamente vorgelegt; die Arzneien gehen dann in die Heimatdörfer der Migranten.

Erheblichen Missbrauch treiben die Migranten auch mit den Minijobs. Viele arbeiten viel mehr als die bei Transferbezug zulässigen zehn Stunden. Niemand kann die Einhaltung der Stundenbegrenzung kontrollieren. Wenn der Zoll auf Baustellen prüft, zeigen die Migranten ihre Sozialversicherungskarte vor und behaupten, innerhalb der zulässigen zehn Wochenstunden zu arbeiten. Der steuerfreie Minijob treibt die Beschäftigungsstatistik nach oben, weil mehr Menschen Arbeit erhalten. Reguläre Jobs werden von den Firmen aufgesplittet. Dies ist ein Massenphänomen. Im Endeffekt erfolgt die Gehaltszahlung zu Lasten des Steuerzahlers.

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Die Intensivtäter verbreiten auf den Straßen Neuköllns Angst und Schrecken und sind schlechte Vorbilder. Sie stellen nur ein Promille der Bevölkerung, begehen aber 20 Prozent aller Straftaten in Berlin. Heute verstreichen zwischen der Straftat eines Jugendlichen und dem Arrest 9 bis 12 Monate. Eine Renaissance der Ordnungsprinzipien ist dringend nötig. Alles, was nicht mit Strafe belegt ist, wird von den muslimischen Migranten als Schwäche ausgelegt. Über Bewährungsstrafen lachen sie nur. Da sie keine bürgerlichen Lebensziele haben, von Hartz IV und Schwarzarbeit leben, ist ihnen ihr polizeiliches Führungszeugnis völlig gleichgültig. In bildungsfernen migrantischen Familien wird Knast nicht als ehrenrührig angesehen. Bei der Unterstützung der Familie des Gefangenen zeigt sich, wie sehr der Clan zusammenhält.

Die Gewalt der jugendlichen Gangs richtet sich nicht nur gegen Deutsche. Eine türkische Geschäftsfrau erklärt beim Firmenbesuch ganz freimütig: »Herr Bürgermeister, wenn es dunkel ist, fahre ich nicht mehr durch die Sonnenallee, vor den Arabern habe ich Angst.«

Der Neuköllner Bürgermeister besucht immer wieder den Unterricht in Schulen seines Bezirks. Seine Erkenntnis: Zwischen gleichen Klassenstufen liegen Welten. Etwa 20 Prozent der Kinder in Neukölln sprechen bei der Einschulung gar kein oder nur ganz schlecht Deutsch. Weitere 30 Prozent verfügen nur über einen eingeschränkten, äußerst einfachen Wortschatz. Von den unter 25-Jährigen, die im Job-Center betreut werden, sind 90 Prozent ohne weitere Nachqualifikation objektiv nicht in den Arbeitsmarkt integrierbar.

Welche Maßnahmen würde Heinz Buschkowsky ergreifen, wenn er die Macht dazu hätte?

- Ubergang der Kompetenz für das Bildungswesen auf den Bund

- Einführung der Kindergartenpflicht

- Einführung der Ganztagsschule als alleinige Schulform

- grundlegende Veränderung der Curricula, Personal- und Sachausstattung der Schulen in sozialen Brennpunkten

- penibles Durchsetzen der Schulpflicht

- Reduzierung des Kindergeldes um 50 Prozent, stattdessen Erhöhung des Etats für Schulen, Kindergärten, Lehrer, kostenloses Essen in den Schulen (OECD-weit investieren die Länder etwa 50 Prozent ihrer Familienförderung in Einrichtungen für Kinder, in Deutschland ist es nur knapp die Hälfte. Wir geben das meiste Geld aller Länder für Familienförderung aus, liegen bei der Effizienz aber an drittletzter Stelle)

- konsequentere und schnellere Aburteilung von jugendlichen Straftätern.

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Die Situation in Neukölln bringt die Frage der muslimischen Zuwanderung exemplarisch auf den Punkt. Es geht um die geballte Mischung aus Mangel an Bildung, fehlenden Sprachkenntnissen, aus Transferabhängigkeit, traditionellen Lebensformen, Jugendkriminalität, kultureller Distanz, und es geht um die Tendenz zur Verfestigung dieser Mischung. Die Schülerzahlen zeigen, dass der Anteil der muslimischen Migranten in Neukölln weiter stark wachsen wird. Und die Schulabbrecherquote beziehungsweise Hauptschulquote von 60 Prozent bei den muslimischen Migranten lässt keinen Zweifel, dass sich die Probleme am Arbeitsmarkt auch in der nächsten Generation fortsetzen werden.

Es geht dabei hauptsächlich um die Flüchtlinge, Scheinflüchtlinge und Armutsmigranten, die seit Anfang der achtziger Jahre vor allem aus dem Libanon und aus kurdischen Großfamilien kamen. Buschkowsky sagt: »Diese Familien erhalten bei uns das Zehnfache von dem, was sie dort bestenfalls im Jahr verdienen können. Ihr Gebet lautet nicht: >Allah gib, dass ich mich aus meinen prekären Verhältnissen befreien kann<, sondern: >Bitte tu alles, dass unser Leben so bleibt, wie es ist.< Und natürlich unterstützen sie noch die Familien in der Heimat. Buschkowsky ist ein Spinner, denken Sie jetzt vielleicht, wie kann man denn von Hartz IV anderen Geld abgeben? Weil Konsumverhalten und Standards für Kleidung und Wohnungseinrichtung anders sind. Kinder haben keine Betten, sondern nur Matratzen. Es fehlen Tische, die Hausaufgaben werden liegend auf der Erde gemacht. Und immer ist der Flachbildschirm an, immer.«

Die Wirklichkeit ist viel beunruhigender, als die Statistik vermuten lässt. Buschkowsky erläutert: »Wir haben Schulen, wo 90 Prozent der Eltern von der Zuzahlung für Lernmittel befreit sind, das heißt, es geht so gut wie kein Elternteil arbeiten. Der Satz, ich möchte werden wie mein Vater, der ist Feuerwehrmann und rettet Menschen, kann gar nicht fallen, weil ein Erwerbsleben in dieser Sozialisation nicht stattfindet. Natürlich steht die Lehrerin auf verlorenem Posten, wenn sie sagt: >Kinder, ihr müsst tüchtig lernen, dann könnt ihr einen tollen Beruf ergreifen und richtig Geld verdienen.< >Frau Lehrerin<, sagen dann die Kinder, >das Geld kommt doch vom Amt.< Wenn man Jugendliche fragt, was sie werden wollen, antworten sie: >Ich werde Hartz IV<«

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Bei Heinz Buschkowskys letzter Schultournee wurde in der vierten Klasse mit Büchern der dritten Klasse gearbeitet. Und selbst die erwiesen sich als zu schwierig. »In der migrantischen Unterschicht beherrschen die Eltern die deutsche Sprache schlecht oder gar nicht. Manchmal ist es den Kindern sogar verboten, Deutsch zu sprechen, eben weil die Eltern es nicht verstehen ... Im Grunde haben wir ... nur eine Chance: Wir müssen die Kinder dieses Milieus gegen ihre Eltern erziehen.«

Die Deutschtürkin Güner Yasemin Balci wuchs als Kind eines türkischen Arbeitsmigranten in Neukölln auf. Sie hat das Wachstum und die Verfestigung einer muslimischen Parallelgesellschaft aus türkischer und arabischer Unterschicht selbst erlebt und hat die Gangkarriere des jungen Arabers Rashid im Neuköllner Rollbergviertel beschrieben. Die Kombination aus Bildungsferne, Männlichkeitswahn, Arroganz gegen Frauen und Gewalt ist erschütternd. Ein wirksames Rezept dagegen ist noch nicht gefunden. Allein das Mantra Bildung, Bildung, Bildung verfängt da nicht.

Necla Kelek kritisiert die linken und liberalen Multikultis: »Unter dem Signum der Toleranz haben sie die jeweiligen >Eigenheiten< der türkisch-muslimischen Gesellschaft in Deutschland verteidigt und damit die Selbstausgrenzung der Migranten befördert.« Diese Eigenheiten seien »Intoleranz und alltägliche Gewaltverhältnisse«, die man nicht einfach als Bestandteil »eines anderen kulturellen Kontextes« hinnehmen dürfe. Damit hätten die Multikultis der Aufklärung einen Bärendienst erwiesen. »Menschenrechte, Grundrechte sind nicht teilbar, nicht kulturell relativierbar ... Solange die deutsche Gesellschaft sich diesen - ihren eigenen - Identitätskern nicht wirklich bewusst macht und ihn nicht offensiv zu verteidigen bereit ist, wird die Integration nicht gelingen können.«"

Das ist starker Tobak, aber Necla Kelek legt noch nach: »Ich habe allerdings Zweifel, ob die Mehrheit der in Deutschland lebenden Türken die Integration wirklich will - ihr vorherrschendes Verhalten spricht eher eine gegenteilige Sprache. Die meisten lesen keine deutsche Zeitung, schon gar keine deutschen Bücher. Die meisten sehen ausschließlich türkisches Fernsehen, kaufen in türkischen Läden und haben keine privaten Kontakte zu Deutschen. Das Land, in dem sie leben, ist ihnen fremd, und es bleibt ihnen fremd.« In diesem Verhalten werden sie nach Keleks Meinung von den türkischen Institutionen, Zeitungen, religiösen Vereinigungen bestärkt, sei es aus Überzeugung, sei es aus Angst, den Einfluss auf die hier lebenden Türken zu verlieren.

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Ich bin ganz froh, dass ich Necla Kelek zitieren kann. Es hätte aber auch Seyran Ates sein können, die - manchmal etwas freundlicher - dasselbe sagt, etwa wenn sie darauf hinweist, dass die meisten türkischen und kurdischen Familien Sendungen im türkischen Fernsehen schauen, weil sie sich für Deutschland nicht interessieren, weil sie dieses Land nicht als ihre Heimat betrachten. Hätte ich das so gesagt wie Necla Kelek, so würden mir Unkenntnis, Arroganz und Rassismus vorgeworfen werden. Natürlich teile ich ihre Meinung, denn sie entspricht meinen eigenen Kenntnissen und Erfahrungen und der verfügbaren empirischen Evidenz.

Necla Kelek ist wegen ihrer klaren Analysen und schlanken Werturteile erheblichen Anfeindungen ausgesetzt. Ich war dabei, als sie in einer Rede in der Paulskirche am 9. November 2009 den Antisemitismus des langjährigen Großmufti von Jerusalem ansprach und auch das Verhalten der Türkei im Zweiten Weltkrieg nicht aussparte. Daraufhin verließ der türkische Generalkonsul die Veranstaltung. Vielen Gutmenschen in deutschen Medien sind Frauen wie Necla Kelek, Seyran Ates oder Hirsi All lästig, weil sie nicht in deren liberales, lauwarmes, von unbequemen Widersprüchen befreites Weltbild eingepasst werden können. Man kann ja eine Deutschtürkin schlecht zur Deutschnationalen stempeln, aber sie probieren es dennoch.

Wo Verbandsvertreter die Misserfolge der Integration nicht mehr leugnen können, versuchen sie die Schuld dafür dem Aufnahmeland in die Schuhe zu schieben. Feuerwehrmann Ceyhun Heptaygun war 1984 der erste Türke bei der Berliner Feuerwehr; »Ich kam von der Hauptschule, wurde Elektrogerätemechaniker. Aber ich war zielbewusst. Man kann etwas erreichen, wenn man will. Aber man muss es selber wollen.« Kenan Kolat, Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, fordert dagegen »eine neue Willkommenskultur in Deutschland, ... denn nur wer sich sicher fühlt, kann sich auch öffnen«. Das ist eine merkwürdige Forderung, schließlich wurde allen die Tür gleich weit geöffnet, nur gehen die einen durch, die anderen eben nicht. Ohne die klare Unterstützung aus den Elternhäusern, an der es bei muslimischen Migranten zum großen Teil mangelt, hat es die Schule schwer. Letztlich stellen die Eltern die Weichen für Integration oder Segregation.

08
Was wollen wir?

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Es ist das Recht eines jeden Staates beziehungsweise einer jeden Gesellschaft, selbst zu entscheiden, wen sie in ihr Staatsgebiet beziehungsweise in ihre Gesellschaft aufnehmen wollen, und sie haben das Recht, dabei auf die Wahrung der Kultur und der Traditionen ihres Landes zu achten. Einwanderungsländer wie die USA, Kanada und Australien haben dieses Recht stets wahrgenommen und die Einwanderung immer wieder nach regionaler und kultureller Herkunft sowie nach Qualifikation gesteuert. Das war und das ist ihr gutes Recht. Auch in Deutschland und Europa sind solche Überlegungen legitim, und sie werden ja auch zunehmend angestellt. Dabei kommt man um Urteile nicht herum, und es wäre auch ganz falsch, ihnen auszuweichen, Diese Urteile, denen man nicht ausweichen kann und nicht ausweichen darf, betreffen sowohl die Anforderungen, die wir an die Integrationsfähigkeit und Integrationsbereitschaft von Migranten stellen, als auch die Frage, wen wir überhaupt als Migranten akzeptieren wollen.

Für mich ist es wichtig, dass Europa seine kulturelle Identität als europäisches Abendland und Deutschland seine als Land mit deutscher Sprache wahrt, als Land in Europa, vereint mit den umgebenden Franzosen, Niederländern, Dänen, Polen und anderen, aber doch mit deutscher Tradition. Dieses Europa der Vaterländer ist säkular, demokratisch und achtet die Menschenrechte.

Soweit Immigration stattfindet, sollten die Migranten zu diesem Profil passen beziehungsweise sich im Zuge der Integration anpassen. Ich möchte, dass auch meine Urenkel in 100 Jahren noch in Deutschland leben können, wenn sie dies wollen. Ich möchte nicht, dass das Land meiner Enkel und Urenkel zu großen Teilen muslimisch ist, dass dort über weite Strecken türkisch und arabisch gesprochen wird, die Frauen ein Kopftuch tragen und der Tagesrhythmus vom Ruf der Muezzine bestimmt wird. Wenn ich das erleben will, kann ich eine Urlaubsreise ins Morgenland buchen.

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Zum Deutschland und Europa der Zukunft gehört selbstverständlich Religionsfreiheit, und wenn die Imame der Zukunft die autochthonen Deutschen und Europäer zum Islam bekehren, wird man das genauso wenig verhindern können, wie das Römische Reich die Ausbreitung des Christentums verhindern konnte. Aber das muss man abwarten.

Ich möchte nicht, dass wir zu Fremden im eigenen Land werden, auch regional nicht. Der gefürchtete Rechtsradikalismus wird nicht dadurch gefördert, dass wir unsere legitimen Präferenzen klar äußern und das politische Handeln nach ihnen ausrichten, sondern dadurch, dass wir die Dinge schleifen lassen. In kleineren Ländern wie Holland, Belgien und Dänemark ist das Gefühl der Bedrohung bereits stärker als in Deutschland, darum sind dort die Diskussionen schärfer, die Einwanderungsgesetze strenger, und rechtsnationale Strömungen haben stärker an Boden gewonnen.

09
Assimilation - ein Verbrechen?

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Assimilation und Integration werden gern gegeneinander ausgespielt. Eigentlich ist es ein Scheingegensatz und ein Streit um Worte. Denn wer integriert ist, ist auch immer ein Stück weit assimiliert, und assimiliert kann man sowieso nicht sein, ohne integriert zu sein. Offenbar hat die Sache aber eine Bedeutung, und darum wollen wir uns ihr widmen.

Der Großmufti von Bosnien-Herzegowina, Mustafa Ceric, äußert sich vorsichtig und pragmatisch: Offenheit für andere Religionen und Kulturen sei »wichtig für die Integration. Sie ist der Mittelweg zwischen Assimilation und Isolation. Ich befürworte weder die Assimilation, bei der man seine Identität verliert und sich seiner Herkunft schämt, noch Isolation, bei der man von der Gesellschaft des Gastlandes abgeschnitten ist. An erster Stelle muss man die Gesetze des Gastlandes respektieren. Zweitens muss man die Sprache lernen. Drittens muss man für die Gesellschaft, in der man lebt, von Nutzen sein.«

Der Integrationsforscher Stefan Luft formuliert abstrakter, aber in ähnliche Richtung: »Bedingung erfolgreicher Integration ist ein gewisses Maß an Assimilation. Assimilation ist die Bedingung der Möglichkeit erfolgreicher Integration ... Auf der Ebene des Individuums bedeuten Integration und Assimilation nicht, dass Zuwanderer ihre Herkunft verleugnen, Traditionen und Präferenzen etc. ablegen müssen.« Aber es darf keine dauerhafte ethnische Differenzierung geben, denn »alle dauerhaft ethnisch differenzierten Gesellschaften sind, mehr oder weniger ausgeprägt, ethnische Schichtungen. Es gibt praktisch keine ethnisch differenzierte Gesellschaft, die nicht gleichzeitig eine ethnisch geschichtete Gesellschaft wäre.«

Hartmut Esser unterscheidet folgende Assimilationsebenen:

- kulturelle Assimilation (Wissen, Fertigkeiten, Sprache)

- strukturelle Assimilation (Behauptung in Bildung und auf dem Arbeitsmarkt)

- soziale Assimilation (Beziehungsnetz, Heiratsverhalten)

- emotionale Assimilation (die gefühlsmäßige Identifikation).

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Die Aufzählung bestätigt, dass Integration ohne ein gewisses Maß an Assimilation überhaupt nicht möglich ist. Im Grunde verdeckt die beliebte Formel »Integration ist keine Einbahnstraße«, mit der ein Aufeinander-zu-Bewegen der Aufnahmegesellschaft und der Zuwanderer suggeriert wird, die grundlegende Notwendigkeit der Anpassung, soll Integration gelingen.

Da ist es interessant, sich mit der Meinung des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan zur Assimilation auseinanderzusetzen. Die Türkei ist immerhin das wirtschaftlich am weitesten fortgeschrittene und am meisten demokratische Land des islamischen Kulturkreises. Ja, eigentlich ist es das einzige islamische Land, das die politischen Maßstäbe einer westlichen Demokratie halbwegs erfüllt. Zudem möchte die Türkei Mitglied der EU werden. 5 Millionen Türken leben bereits in der EU. Studieren wir also die Rede, die der türkische Ministerpräsident Erdogan am 10. Februar 2008 in Köln unter dem frenetischen Jubel von 20 000 Zuhörern mit türkischem Migrationshintergrund gehalten hat.

Erdogan beginnt: »Die türkische Gemeinschaft und der türkische Mensch, wohin sie auch immer gehen mögen, bringen nur Liebe, Freundschaft, Ruhe und Geborgenheit mit sich. Hass und Feindschaft können niemals unsere Sache sein.« Das heißt im Umkehrschluss: Hass und Feindschaft sind immer nur die Sache der anderen. Könnte man sich im Ernst vorstellen, dass ein westlicher Staatsmann Derartiges zu seinen Landsleuten im Ausland sagt, dass er das überhaupt sagt? Nein, er würde fürchten, sich lächerlich zu machen, und es würde ihm auch niemand glauben. Das ist - bestenfalls - eine Rhetorik, die noch dem naiven Nationalismus des späten 19. Jahrhunderts verhaftet ist oder einer uns fremden Kultur entstammt. Eigentlich aber ist es die Sprache des Chauvinismus. Erdogan fährt fort: »Sie haben nunmehr seit 47 Jahren mit Ihrer Arbeit, mit Ihrem Bemühen dazu beigetragen, dass Deutschland vorankommt, dass Deutschland in Europa und in der Welt zu einem mächtigen Land wird ... Ihre Augen und Ohren waren immer auf die Türkei gerichtet ... Ich verstehe die Sensibilität, die Sie gegenüber Assimilation zeigen, sehr gut. Niemand kann von Ihnen erwarten, Assimilation zu tolerieren. Niemand kann von Ihnen erwarten, dass Sie sich einer Assimilation unterwerfen. Denn Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.«

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Abgesehen von der Maßlosigkeit der Wortwahl ist diese Passage erkennbar kein Ausrutscher. Dazu ist sie zu sorgfältig komponiert. Erdogan lobt die Türken in Deutschland dafür, dass sie Türken geblieben sind; er fordert sie auf, dies auch weiterhin zu bleiben und sich nicht an die Gastgesellschaft anzupassen. Darüber hinaus erhebt er klar erkennbar den Anspruch, als türkischer Staatsmann für alle türkischen Migranten in Deutschland zu sprechen. Erdogan strebt also die dauerhafte Konservierung einer türkischen Minderheit in Deutschland an, die sich primär am Herkunftsland ausrichten soll. Auch das ist chauvinistisch.

Erdogan droht in Bezug auf den EU-Beitritt: »Ja, Sie sind bereits in der Europäischen Union ... Wir haben sowieso im Moment fast fünf Millionen Staatsbürger, die sich in der Europäischen Union befinden.« Man möchte hinzufügen: Alle 5 Millionen hören auf Erdogan und nicht auf ihre Gaststaaten. Wäre es anders, so wäre es Assimilation und damit »ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit«.

Wenige Tage zuvor hatte die ARD den Tatort Ludwigshafen gezeigt: Dort war es um Missbrauch und Mord in einer Familie türkischer Alewiten gegangen. Kaum verhüllt fordert Erdogan Zensur: »Die Pressefreiheit kann niemals unbeschränkt sein. Die Meinungsfreiheit kann niemals unbeschränkt sein. Die Freiheiten reichen nur bis zur Grenze eines anderen Freiheitsbereichs.« Das hat mit Pressefreiheit nichts zu tun. Wohlgemerkt: Es ging nicht um die Freigabe von Kinderpornografie, und es ging auch nicht um die Leugnung des Holocaust. Es ging nur um eine Kriminalgeschichte in einer Familie türkischer Migranten.

Sagen wir es zurückhaltend: Die Türkei Erdogans passt kulturell nicht nach Europa, und ein Land, das seine Migranten dafür lobt, dass sie sich nicht in den Gastländern assimiliert haben, ist ein Störenfried im friedlichen Zusammenleben.

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Wenn wir annehmen, und wir müssen dies wohl tun, dass Erdogans Rede ein Spiegel der türkischen Seele ist, dann dürfen wir uns über die mangelhaften Integrationserfolge der türkischen Migranten nicht wundern. Türken in Deutschland, die Erdogans Wunsch folgen, Türken zu bleiben, und sich noch dazu überdurchschnittlich vermehren, würden mit der Zeit die kulturelle Identität Deutschlands gefährden, weil sie die Gesetzmäßigkeit einer wirklichen Integration außer Kraft setzen: »Übersiedeln innerhalb Europas Personen einer bestimmten Volkszugehörigkeit in das Gebiet einer anderen, dann wechseln sie mit der Sprache allmählich auch ihre kulturelle Identität, und spätestens ihre Kinder werden zu voll integrierten Mitgliedern der Solidargemeinschaft des Landes ihrer Wahl. So wurden aus Franzosen, Italienern und Polen Deutsche und umgekehrt«, so stellt der österreichische Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt fest. Das scheint aber gerade die große Furcht der Türken zu sein. Zwar konsumieren sie in Deutschland nahezu ausschließlich türkische Medien, gleichwohl war die Reaktion auf die Einstellung einiger türkischer Sendungen im deutschen Rundfunk, die fast keine Nachfrage mehr hatten, einfach maßlos.

Die muslimischen Migranten und unter ihnen die Türken integrieren sich zwar wesentlich langsamer als andere Migranten, aber sie ändern sich eben doch. Wer in Deutschland aufgewachsen ist, merkt spätestens in der Türkei, dass er jetzt »Deutschländer« und kein richtiger Türke mehr ist. Schlimm nur, dass viele »Deutschländer« am Ende weder richtige Türken noch richtige Deutsche sind.

Integration habe mit Sorgen um die Identität zu tun, mit Schmerzen und Verlustängsten. Da gehe es nicht nur um Geld und Jobs. Der das sagt, weiß, wovon er spricht: Ahmed Aboutaleb, im Alter von 15 Jahren aus Marokko eingewandert, absolvierte ein Hochschulstudium der Telekommunikation, wurde Staatssekretär für soziale Angelegenheiten und ist seit Oktober 2008 Bürgermeister von Rotterdam. Heute sagt er: »Kulturelle Unterschiede nur als bereichernd zu sehen, lässt die Gefühle von weiten Teilen der Gesellschaft außer Acht.«

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Der sichtbare Unterschied zwischen den muslimischen Migranten und den aufnehmenden Gesellschaften liegt nicht in der Hautfarbe und im Schnitt der Gesichter. Die meisten Araber und Türken könnten auch für Griechen oder Süditaliener, die Pakistaner für Inder gehalten werden. Der sichtbare Unterschied, der ein Gefühl der Distanz schafft und wohl auch schaffen soll, besteht in der Kleidung der Frauen, vor allem im Kopftuch. Es wurde zum Zeichen dafür, dass der Islam eine gesellschaftspolitische Dimension jenseits der Religion hat.

Die Übergänge vom Kopftuch über den Schleier zur Burka sind gleitend. Ebenso ist der Übergang gleitend vom gehorsamen muslimischen Mädchen, das den vom Vater ausgesuchten jungen Mann deshalb heiratet, weil es der Tradition entspricht, zur unterdrückten jungen Frau, die gegen ihren Willen die Schule verlassen muss und in eine Ehe gezwungen wird, die sie nicht will. Wenn sie auszubrechen versucht, drohen Gewalt, Entführung in die Türkei und schlimmstenfalls der Ehrenmord.

Alle islamischen Gesellschaften beschränken die Freiheiten der Frau und weisen ihr einen niedrigeren Rang zu. Der Rangunterschied kommt schon darin zum Ausdruck, dass den Männern die Vielehe erlaubt ist, den Frauen aber nicht. Necla Kelek kritisiert: »Westliche Intellektuelle ermahnen gern zur Gelassenheit gegenüber solchen Kleiderfragen. Daran würde weder bei uns noch in der Türkei die Demokratie zugrunde gehen. Ich teile diese Meinung nicht, denn das Kopftuch ist die voranflatternde Fahne einer ganzen Ideologie, eines kollektivistischen und patriarchalischen Gesellschaftsbildes.«

Unter den muislimischen Frauen in Deutschland tragen 33 Prozent ein Kopftuch, 53 Prozent lehnen das ab. Unter den 18- bis 29-Jährigen tragen allerdings 34 Prozent ein Kopftuch, bei den 30 bis 39-Jährigen sind es 37 Prozent und bei den über 60-Jährigen nur 27 Prozent. Genau wie in der Türkei, wo mittlerweile 61 Prozent der Frauen ein Kopftuch tragen, nimmt die Verbreitung des Kopftuchs in Deutschland zu. Ob diese vom Bertelsmann Religionsmonitor in einer Umfrage ermittelten Zahlen zuverlässig sind, weiß man nicht. Es bleibt offen, ob traditionelle Kreise von dieser Umfrage voll erfasst wurden.

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Wer ein Kopftuch trägt, bekennt sich zu einer traditionellen Interpretation des Islam. Aus dem Koran ist nämlich das Gebot, ein Kopftuch oder gar einen Schleier zu tragen, nicht herauszulesen. Gleichzeitig bedeutet das Kopftuch die Anerkennung der Unterordnung der Frau unter den Mann und der Beschränkung ihrer Freiheiten. Während das Kopftuch unter den Älteren auch Ausdruck der bäuerlichen Tradition war, ist es unter den jüngeren, soweit es freiwillig getragen wird, ein bewusst gesetztes Signal.

Wenn muslimische Mädchen, weil sie den Geboten der Eltern folgen, in der Schule ein Kopftuch tragen und die Schule dies duldet, erkennt eine staatliche Einrichtung an, dass Mädchen stärkeren Beschränkungen unterliegen und mindere Rechte haben als jungen. Es ist falsch, wenn staatliche Stellen solch ein Signal setzen. Die vom Bundesinnenminister einberufene Islamkonferenz hat aber ein solches Signal gesetzt, als sie vorschlug, das Tragen religiöser Kleidung in die Entscheidung der Eltern beziehungsweise der Erziehungsberechtigten zu stellen. Damit hat erstmals ein Gedanke der Schari'a Eingang in das deutsche staatliche Normengefüge gefunden.

Die historische Quelle des hijab, des Kopftuchs oder Schleiers, ist der orthodox-konservative Islam mit seiner frauenfeindlichen Überlieferung, und dort sammeln sich auch die Kräfte, die auf dem Kopftuch bestehen.« Das Kopftuch steht nämlich nicht für das Bekenntnis zum Islam, sondern für die Einheit von religiöser und gesellschaftlicher Ordnung, die in der Schari'a normiert ist. Die Schari'a ist mit wenigen Ausnahmen in allen islamischen Ländern, aber auch in Teilen von Afrika und Südostasien wesentliche oder einzige Quelle des Rechts im Zivilprozess. Eine zivile, von religiösen Normen abgekoppelte Rechtsprechung existiert nicht. Eine Ausnahme ist die Türkei, wo seit 1926 nach dem schweizerischen Zivilgesetzbuch Recht gesprochen wird. Das ändert nichts daran, dass weiterhin das öffentliche wie private Leben den Gesetzen der Schari'a unterliegt.

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Muslime betrachten es im Allgemeinen als anerkannte Wahrheit, dass Frauen Männern nicht ebenbürtig sind. Diese Höherordnung des Mannes wird ursächlich aus dem Koran abgeleitet, insbesondere aus Versen wie der Sure 4,34* »Die Männer stehen den Frauen in Verantwortung vor, weil Allah die einen vor den anderen ausgezeichnet hat und weil sie von ihrem Vermögen hingeben. Darum sind tugendhafte Frauen die Gehorsamen.

Die Bildungs- und Aufstiegschancen von Frauen ergeben sich in Ländern wie Iran oder Saudi-Arabien zumeist aufgrund der doppelten Besetzung von Positionen infolge der Geschlechtertrennung. Es muss also auch weibliche Ärzte und weibliche Lehrer geben. Der Aufstieg der Frauen ist stets von der Zustimmung der Männer abhängig. Die konsequente Missachtung und Verletzung der Rechte der Frauen in der islamischen Kultur und die dort dem Mann zugeschriebene überlegene Stellung erklärt auch, weshalb säkulare männliche Muslime zu den traditionellen Aspekten ihrer Religion ein viel entspannteres Verhältnis haben als säkulare Muslima oder gar Frauenrechtlerinnen. Unterdrückung und Menschenrechtsverletzung im Islam betreffen nämlich zu 90 Prozent die Frauen. Deshalb hat die Schweizer Frauenrechtlerin Julia Onken für das Minarettverbot gestimmt: »Das Minarett ist das politische Symbol für eine Rechtsordnung, in der Frauenrechte nicht vorkommen und somit ein Zeichen für die staatliche Akzeptanz der Unterdrückung der Frau.«

Die Familienstruktur im Islam ist hierarchisch und strikt auf den Mann als Familienoberhaupt bezogen. Dieses Rollenvorbild macht für die muslimischen jungen Migranten die Anpassung doppelt schwer. Denn mit Ehre, Macht und Gewalt kommt man als junger Mann in Deutschland nicht weit. Der Regisseur Fatih Akin war in seiner Jugend in Hamburg Mitglied einer Türkengang und kriminell. Rückblickend sagt er: »Man könnte sagen, mein Vater hat mich durch sein Vorbild in diese Strukturen reingebracht. Meine Mutter hat mich da wieder rausgebracht.« Sie warf ihr ganzes Gewicht in die Waagschale und verlangte von ihm: »Du rettest mich jetzt, indem Du gut wirst in der Schule und aufhörst, Scheiße zu bauen. Sonst sterbe ich.«

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Der Familienverband bestimmt auch das Heiratsverhalten. Die türkischen Migranten heiraten zu über 90 Prozent wiederum Türken; rund 60 Prozent der Ehen türkischer Staatsbürger in Deutschland werden mit einem Partner aus der Türkei geschlossen. Diese Importpartner weisen durchweg eine sehr niedrige Bildung auf. In Berlin sind zehn Prozent von ihnen Analphabeten, 28 Prozent haben eine Schule nur bis zum fünften Schuljahr besucht. Durchweg kommen die Importpartner aus dem regionalen Umfeld und häufig auch aus der engen Verwandtschaft der Familie, in die sie einheiraten. Häufig sind es Vettern und Cousinen. Ganze Clans haben eine lange Tradition von Inzucht und entsprechend viele Behinderungen. Es ist bekannt, dass der Anteil der angeborenen Behinderungen unter den türkischen und kurdischen Migranten weit überdurchschnittlich ist.

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Eroberung durch Fertilität?

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Im Mai 2004 war in der Zeitung Hürriyet zu lesen, dass der deutschtürkische Unternehmer Vural Öger bei einem Essen mit türkischen Unternehmern geäußert habe: »Im Jahr 2100 wird es in Deutschland 35 Millionen Türken geben. Die Einwohnerzahl der Deutschen wird dann bei ungefähr 10 Millionen liegen.« Laut Hürriyet fügte er hinzu: »Das, was Kanuni Sultan Süleyman 1529 mit der Belagerung Wiens begonnen hat, werden wir über die Einwohner, mit unseren kräftigen Männern und gesunden Frauen, verwirklichen.« Später erklärte der Unternehmer, das sei ein Witz gewesen, er habe die deutschen Frauen nur dazu aufrufen wollen, mehr Kinder zu bekommen.

Witz oder nicht, die Zahlen stimmen jedenfalls: Bleibt die Fertilitätsrate der deutschen autochthonen Bevölkerung dort, wo sie seit 40 Jahren liegt, dann wird im Verlauf der nächsten drei Generationen die Zahl der Deutschen auf 20 Millionen sinken. Im Übrigen ist es absolut realistisch, dass die muslimische Bevölkerung durch eine Kombination von hoher Geburtenrate und fortgesetzter Einwanderung bis 2100 auf 35 Millionen wachsen kann. Viele Türken denken in solchen Kategorien. Dazu passt der halb drohende Hinweis von Erdogan in seiner Rede in der Köln-Arena, mit 5 Millionen Türken in EU-Staaten sei die Türkei bereits in der EU. Dazu passen zahlreiche andere Äußerungen von offiziöser Seite und auch die Entwicklung in der Türkei selber. Dort hat sich die Bevölkerung in den letzten 80 Jahren nämlich verfünffacht. Auch weil die Menschen im Durchschnitt sehr jung sind, ist die Zahl der Geburten pro 1000 Einwohner dort doppelt so hoch wie in Deutschland.

Im Vergleich zu anderen muslimischen Staaten ist dieses Bevölkerungswachstum aber noch gemäßigt. Der Bremer Soziologe Gunnar Heinsohn hat folgende Rechnung aufgemacht: Hätte die deutsche Bevölkerung seit dem 8. Mai 1945 dieselbe Geburtenrate gehabt wie die damalige Bevölkerung von Palästina, so gäbe es heute in Mitteleuropa 600 Millionen Deutsche. Das ist natürlich völlig undenkbar und eine rein theoretische Rechnung. Es zeigt aber sehr anschaulich die Dynamik unterschiedlicher Geburtenraten.

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Die Verschiebung von Bevölkerungsstrukturen durch unterschiedliche Vermehrungsraten ändert das Gesicht der Welt, einzelner Regionen und ganzer Staaten in historisch sehr kurzen Zeiträumen. Doris Lessing schrieb in ihren Memoiren, dass ihr Heimatland Rhodesien praktisch menschenleer gewesen sei, als es von Cecil Rhodes entdeckt wurde. Damals lebten etwa 250 000 Schwarze dort. Die Einführung des Maisanbaus durch die Kolonisten erhöhte dann die Subsistenzbasis der schwarzen Bevölkerung und ermöglichte ihre Vermehrung. Als Doris Lessing Rhodesien 1949 verließ, lebten dort 1,5 Millionen Schwarze, heute sind es 13 Millionen.

Die hohen Geburtenraten der muslimischen Migranten sind ein europaweites Phänomen: In Turin, wo Migranten seit den neunziger Jahren innerhalb kurzer Frist einen Bevölkerungsanteil von zehn Prozent erreichten, beträgt deren Geburtenanteil bereits 25 Prozent. Ein Fünftel der Kinder in Kopenhagen, ein Drittel der Kinder in Paris und die Hälfte der Kinder in London werden von Migranten geboren. In Frankreich haben die französischen Frauen durchschnittlich 1,7, die Migranten 2,8, aber die Migranten aus Tunesien, der Türkei und Marokko durchschnittlich 3,3 bis 3,4 Kinder und damit mehr als in ihren Heimatländern.

Leider werden in der deutschen Geburtenstatistik Religionszugehörigkeit und Herkunft der Mütter nicht statistisch erfasst. Weder die Geburtenziffern noch die Nettoreproduktionsraten der verschiedenen Herkunftsgruppen von Migranten können aus der Geburtenstatistik unmittelbar errechnet werden. Es sind aber indirekte Rückschlüsse möglich: Im Jahr 2007 lebten in Deutschland rund 3,4 Millionen Kinder unter fünf Jahren. Von diesen hatten rund 66,1 Prozent keinen und 5,1 Prozent einen muslimischen Migrationshintergrund. 18 Prozent lebten in Haushalten ohne oder mit unzutreffender Herkunftsangabe. Offenbar sind die migrantischen Haushalte mit fehlenden oder inkonsistenten Herkunftsangaben auch die besonders kinderreichen. Dies lässt den Schluss zu, dass ein sehr großer Teil dieser Kinder - wenn nicht die meisten - gleichfalls dem Bereich der muslimischen Migranten zuzuordnen ist. Daraus ergibt sich, dass der Anteil muslimischer Kinder bei den Kindern unter fünf Jahren in Deutschland bei 14 bis 23 Prozent liegt. Der Religionswissenschaftler Michael Blume schätzt, dass es 2030 etwa 7 Millionen Muslime in Deutschland geben wird. Diese werden vorwiegend in den großen und mittleren Städten wohnen und dort etwa ein Drittel der Einwohner stellen, ihre Geburtenrate wird immer noch höher sein als die der Deutschen.

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Auf die hohe Geburtenrate der muslimischen Bevölkerung Deutschland wirken mehrere Faktoren ein:

1.Die patriarchalischen Verhältrlisse in einem großen Teil der Familien muslirnischer Migranten. Mit diesen hängt der niedrige Emanzipationsgrad zusammen, die geringe Bildung und das frühe Heiratsalter der Mädchen und jungen Frauen.

2. die geringe Beteiligung arn Arbeitsmarkt, und zwar sowohl die der muslimischen Immigranten insgesamt als auch insbesondere die der Frauen. Das senkt die Opportunitätskosten des Kinderkriegens.

3. die hohe Transferabhängigkeit der migrantischen muslimischen Bevölkerung in Haushalten, die vorwiegend von Grundsicherung leben, steigt der Lebensstandard mit der Zahl der Kinder, und entsprechend ist das Geburtenverhalten. In dieser Gruppe senken Kinder nicht den Lebensstandard, sie erhöhen ihn.

4. die hohe Religiosität der muslimischen Migranten 44 Prozent der türkischen und 37 Prozent der arabischen Migranten bezeichnen sich als hochreligiös. Für 90 Prozent der Hochreligiösen unter den Muslimen sind Familie und Kinder sehr wichtig, und die jungen Muslime sind religiöser als die älteren.

Blume hat den Zusammenhang zwischen Religiosität und Fruchtbarkeit generell untersucht und kommt zu dem Ergebnis, dass in allen Kulturen und bei unterschiedlichen Glaubensrichtungen Religiöse fruchtbarer sind als Nichtreligiöse. Sofern die Integration der Muslime in die deutsche Bevölkerung erfolgreich verläuft, kann die fortschreitende Gleichberechtigung der Geschlechter sowie die Angleichung der Lebensstile und der beruflichen Karrieremuster auch für eine gewisse Angleichung des Fortpflanzungsverhaltens sorgen. Sofern allerdings die religiöse Bindung der Muslime überdurchschnittlich bleibt, ist zu vermuten, dass auch die Geburtenrate dauerhaft höher sein wird als bei der deutschen Bevölkerung.

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Unabhängig davon, dass die deutsche Bevölkerung abnimmt, deutet sich aufgrund der Fertilitätsunterschiede zwischen Autochthonen und muslimischen Einwanderern eine Verschiebung der Strukturen an, und dies gilt mehr oder weniger für ganz Europa. Seit der Völkerwanderung war der Einfluss von Wanderungsbewegungen auf die Zusammensetzung der Bevölkerung eher gering. In England beispielsweise zeigen genetische Untersuchungen, dass 75 Prozent des Erbguts von jener Bevölkerung stammen, die dort bereits vor 7500 Jahren lebte. In Irland stammen sogar nur 12 Prozent des Genmaterials aus der Zeit danach.

Man mag es einen Kulturbruch oder auch anders nennen: Wenn die beschriebenen Trends sich fortsetzen, dann wird die säkulare und aus unserer Sicht kulturell vorzuziehende Lebensform Europas letztlich unterlaufen durch die höhere Fertilität der muslimischen Migranten und den durch sie ausgelösten Nachzug. Wer sich stärker vermehrt, wird am Ende Europa besitzen. Wollen wir das?

11
Sozialstaat und Integration

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In der Türkei gibt es keine Grundsicherung oder Sozialhilfe wie in Deutschland, in anderen muslimischen Ländern auch nicht. Wer es irgendwie nach Deutschland oder in ein anderes westeuropäisches Land schafft und dort einen legalen Status erreicht, der sichert sich allein durch die Sozialtransfers ohne Arbeit ein Einkommen, das weit über dem liegt, was er im Herkunftsland mit Arbeit erwerben könnte. Das gilt noch mehr, wenn man Familie hat. Unsere Form finanzieller Familienförderung ist in den Herkunftsländern gänzlich unbekannt.

In den klassischen Einwanderungsländern USA, Kanada und Australien gibt es so etwas nicht. Erst nach mehreren Jahren Aufenthalt hat man in den USA Anspruch auf Sozialhilfe, die aber im Vergleich zur deutschen Grundsicherung äußerst dürftig ist und zudem auf fünf Jahre begrenzt. Wer in die USA einwandert, ob legal oder illegal, muss Zutrauen in die eigenen Kräfte haben. Wer in Deutschland einwandert, ist versorgt - unabhängig von der eigenen Kraft und Leistungsbereitschaft.

Man sollte annehmen, dass die Einwanderer in Deutschland zufrieden und jene in den USA unzufrieden sind, aber es ist genau umgekehrt: Einwanderer in den USA wurden gefragt, wie lange es gedauert habe, bis sie sich »komfortabel« und als »Teil der Gemeinschaft« gefühlt hätten. 77 Prozent meinten, es habe weniger als fünf Jahre gedauert. Nur fünf Prozent sagten, dass sie sich nie heimisch gefühlt hätten. Im Gegensatz dazu äußern 58 Prozent der Menschen türkischer Abstammung in Deutschland, dass sie sich nicht willkommen fühlen, und 78 Prozent sagen, sie hätten nicht das Gefühl, dass Angela Merkel ihre Kanzlerin sei.

Die Erklärung für diese Aussagen liegt auf der Hand: In die USA geht nur, wer sich etwas zutraut. Wenn man es dann aus eigener Kraft schafft, sich in die Gesellschaft zu integrieren - auf welchem Niveau auch immer -, dann empfindet man Stolz auf die eigene Leistung und Dankbarkeit gegenüber der Gesellschaft, die einem eine Chance gegeben hat. Wer dagegen etwas geschenkt bekommt, ist höchstens oberflächlich und zumeist gar nicht dankbar. Der Beschenkte fühlt sich nicht respektiert und nicht ausreichend ernst genommen. Um sein Ego zu stützen, entwickelt er eine Abneigung gegen den Wohltäter. Das sind elementare psychologische Mechanismen, denen man sich kaum entziehen kann. Das erklärt beispielsweise auch zum Teil den nagenden Missmut, den das wiedervereinte Deutschland bei vielen Ostdeutschen hervorruft. Man bekam zu viel geschenkt und tat nicht genug aus eigener Kraft, darum fühlt man sich jetzt ungerecht behandelt. Die USA, die ihre Einwanderer nicht materiell unterstützen, bekommen dagegen die besseren Einwanderer, die sich zudem schneller integrieren:

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In die klassischen Einwanderungsländer strömen viel mehr leistungsbereite Einwanderer, weil die anderen dort keine Chancen für sich sehen, und sie vermitteln ihnen eine andere Sozialisation, weil die Versuchung der arbeitslosen Grundsicherung und des sozialen Netzes fehlt. Darüber hinaus finden sie nichts dabei, ihre Einwanderer allein nach wirtschaftlichen und soziologischen Kriterien auszusuchen. Die australischen Einwanderungsbehörden bedienten sich jahrzehntelang eines 500 Worte umfassenden »Dictation tests«, mit dem alle ausgesiebt wurden, die nicht ordentlich Englisch sprachen und nicht ein gewisses Bildungsniveau vorzuweisen hatten.

Natürlich bilden sich auch in den USA Parallelgesellschaften verschiedener Nationen, Sprachen und Ethnien. Aber diese haben einen anderen Charakter, weil jeder sein Brot verdienen muss und es auch tut, und sie lösen sich irgendwann wieder auf; wenn nicht, ist das auch nicht schlimm, weil jeder der Mehrheitskultur verpflichtet ist. In Deutschland dagegen etablieren sich ethnische Kolonien in großem Umfang durch den Zuzug in die Sozialsysteme. Rund 30 Prozent der zuziehenden Ehegatten müssen von den Gebühren für die Integrationskurse befreit werden, weil ihre Partner von Sozialtransfers leben.

Besonders eklatant wirken die Fehlanreize des deutschen Sozialstaats bei Familien mit Migrationshintergrund. Diese sind überdurchschnittlich unter den Empfängern von Grundsicherung vertreten. Während die Bedarfsgemeinschaft ohne Migrationshintergrund durchschnittlich 1,8 Personen umfasst, sind es bei den Haushalten mit Migrationshintergrund 2,8. Die migrantischen Haushalte, die Grundsicherung beziehen, sind mit ihrem Lebensstandard deutlich zufriedener als jene ohne Migrationshintergrund, und sie leisten sich auch mehr. Das ist verständlich: Durch die Größe der Familien kommen sie häufig auf Transferzahlungen von 3000 Euro und mehr im Monat, weit mehr als das, was man angesichts niedriger Bildung und mangelhafter Sprachkenntnisse am Arbeitsmarkt erzielen und weitaus mehr, als man jemals im Herkunftsland verdienen könnte. Wenn dann noch etwas Schwarzarbeit dazukommt - umso besser.

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Die abstrakten Erkenntnisse der Forscher werden bestätigt durch die Erfahrungen vor Ort: Astrid-Sabine Busse, Leiterin einer Ganztagsgrundschule in Neukölln mit 654 Schülern, davon 80 Prozent migrantisch und 80 Prozent aus sozial schwachen Familien, beklagt den enormen Zuzug von Arabern:

»Sie bleiben einfach untereinander, Man muss sich ja hier auch gar nicht mehr integrieren. Man nimmt das Viertel in Besitz, und man lässt sich pampern. Ich sehe doch an den Bescheiden für die Lebenstnittelzuschüsse, wie viel Geld in Wahrheit in diesen Familien ist, alles Sozialhilfe; wenn da viele Kinder sind, ergibt das 3000, 3500 Euro. Die wollten eine Sendung über Kinderarmut bei Migranten machen. Ist ganz unpassend bei uns, habe ich gesagt, denn arme berufstätige Menschen hätte ich zu bieten; meine Küchenfrauen, die kriegen 7 Euro brutto ..., und diese anderen Menschen, die arbeiten nicht und kriegen mehr. Wissen Sie, wie viel Sozialhilfe jeden Monat allein an die Eltern meiner Schule ausgegeben wird? 400 000 Euro!«

Das System ist pervers. Keine der arabischen Familien, deren Kinder die Neuköllner Grundschule besuchen, bekäme in den USA auch nur einen müden Cent. Deshalb sind sie auch nicht dort, sondern in Deutschland. Die indischen Informatiker gehen dagegen lieber in die USA. Aufgrund der üppigen Zahlungen des deutschen Sozialstaats ziehen wir eine negative Auslese von Zuwanderern an. Das Transfersystem setzt auf deren Fruchtbarkeit hohe Prämien aus und zieht so die migrantische Unterschicht von morgen heran. Die gute Versorgung bewirkt überdies, dass jeder Integrationsdruck fehlt. Aus den männlichen arabischen Kindern dieser Grundschule werden die jugendlichen Gewalttäter von morgen, während die jungen Mädchen früh heiraten, viele Kinder bekommen und durch mehr Transferleistungen das Familieneinkommen sichern.

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Durch die Rundumversorgung, die der deutsche Sozialstaat garantiert, werden die muslimischen Migranten angelockt und zugleich alle Integrationsbemühungen unterlaufen. Die Zeit-Redakteurin Stefanie Flamm hat einen Bericht über jene Migranten verfasst, die regelmäßig im Berliner Tiergarten grillen. Er schließt mit den Worten: »Es sind beunruhigende Fragen, die der (dort regelmäßig liegenbleibende und nicht weggeräumte) Müll nebenbei stellt: Wie kann es sein, dass Mehmet und Aysu Henki nach mehr als 20 Jahren in Deutschland außer den Büschen im Tiergarten keinen Ort kennen, der ihnen gefällt? Dass niemand in Rayans Familie einer regulären Arbeit nachgeht? Dass Rayan mit einem Mann verheiratet ist, der ihr sagen soll, wo es langgeht, obwohl er nicht einmal einen Stadtplan lesen kann? Haben wir da ein Problem, das man allein mit Grillsheriffs nicht in den Griff bekommt?«

Mit den Attitüden, die muslimische Migranten im deutschen Sozialstaat sanktionslos entwickeln können, würden sie in ihren Heimatländern untergehen. Als sie zu uns kamen, waren sie großenteils ungebildet und unwissend, aber möglicherweise leistungsbereit. Indem der deutsche Sozialstaat ihnen mehr Unterstützung zukommen lässt, als sie durch Arbeit jemals verdienen könnten, werden sie systematisch, wenn auch ohne Absicht, korrumpiert.

Heinz Buschkowsky berichtet von einer türkischen Friseurmeisterin, die mit ihrem Geschäft von Neukölln an den Kurfürstendamm zog. Unter den Empfängern von Grundsicherung in Neukölln fand sie fast niemanden mehr, der ausreichend qualifiziert war und gleichzeitig bereit, für den Tariflohn zu arbeiten.

Uta Pasche berichtet über türkische Mädchen, die an einer überbetrieblichen Ausbildung bei der Arbeiterwohlfahrt in Hamm teilnahmen. Sie zitiert die Lehrerin: »Die Mädchen wollen nur die paar Jahre bis zur Hochzeit überbrücken und machen sich keine Gedanken über die Berufswahl.« Am liebsten arbeiten sie ungelernt in einer Bügelstube. Bei einem Besuch in der Türkei müssen die Mädchen allerdings erfahren, dass die Gleichaltrigen dort von ihrer AWO-Ausbildung wenig halten. Einem jungen der neunten Klasse fällt auf, dass die Schüler in der Türkei ehrgeiziger sind und mehr lernen wollen. Nach Deutschland kehrt er mit der Erkenntnis zurück: »In der Türkei kann man nicht leben, wenn man nicht arbeitet. Hier hat man trotzdem was zu essen.«

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Man muss also gar kein Sozialwissenschaftler sein, um zu erkennen, was falsch läuft mit den muslimischen Migranten in Deutschland. Die wenigen, die den Ausstieg und Aufstieg schaffen, leiden unter dem niedrigen Prestige ihrer Landsleute. Viele von ihnen werden gehen, wenn sich Chancen in den Herkunftsländern bieten. Bleiben und weiter überdurchschnittlich viele Kinder in die Welt setzen werden jene, die eine negative Auslese bilden.

Christa Ludwig, pensionierte Lehrerin aus Bonn, mutmaßt: »Offenbar haben die Schulbehörden, die Kultusminister und darüber hinaus große Teile der Politik Angst, die Einhaltung bestehender Gesetze und Verordnungen von den bildungsfernen Schichten einzufordern, weil sie damit einen Aufruhr in der Medienöffentlichkeit erzeugen könnten. Sie vernachlässigen dabei die Grundsätze der Selbstverantwortung und der Hilfe zur Selbsthilfe, die einer Demokratie schließlich zugrunde liegen.« Es bedarf einer Kultur der Anstrengung, aber wir fördern und belohnen eine Kultur der Hängematte.

Nihat Sorgec ist Geschäftsführer des Berliner Bildungswerks in Kreuzberg (BWK), das Berufsvorbereitung und Berufsausbildung für jugendliche - großenteils mit Migrationshintergrund - anbietet, die nach Abschluss der Schule nicht ausbildungsfähig sind beziehungsweise keine Lehrstelle finden. Sorgec kam 1977 mit 15 Jahren aus der Türkei nach Deutschland und brachte sich Deutsch bei, indem er in die Stadtbücherei ging und las. Jetzt versucht er, junge Migranten davon zu überzeugen, dass es vor allem an ihnen selbst liegt, ob sie Erfolg im Leben haben oder nicht. »Diese Jammermentalität einiger türkischer Organisationen ist nicht gut«, sagt er. Der Verweis darauf, man habe sowieso keine Chance, liefere vielen einen Vorwand, sich nicht anzustrengen.

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Was tun?

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Bei den vielen Antworten auf die Frage, wie man die Integration der muslimischen Migranten verbessern, ihre niedrige Erwerbsbeteilung erhöhen und ihre Abhängigkeit von Sozialtransfers verringern kann, steht stets der Dreiklang Sprache, frühkindliche Erziehung und Bildung im Vordergrund. Das ist richtig und bleibt auch richtig. Offen bleibt aber, weshalb sich Migranten aus muslimischen Herkunftsländern bei der Integration so viel schwerer tun als andere Migrantengruppen. Die unterschiedlichen Erklärungsansätze - kulturelle Prägung, Heiratsverhalten, Unterschichtung - sind hier diskutiert worden. Was immer man dagegen unternimmt, Voraussetzung muss sein, dass das sozialpsychologische Klima der aufnehmenden Gesellschaft eine klare Erwartungshaltung vermittelt. Solch eine Erwartung ist gleichzeitig die beste »Willkommenskultur«, um eine beliebte Forderung muslimischer Verbandsvertreter aufzugreifen. Daran hat es in den letzten Jahrzehnten gehapert. Der Tenor muss sein; Wer da ist und einen legalen Aufenthaltsstatus hat, ist willkommen. Aber wir erwarten von euch, dass ihr die Sprache lernt, dass ihr euren Lebensunterhalt mit Arbeit verdient, dass ihr Bildungsehrgeiz für eure Kinder habt, dass ihr euch an die Sitten und Gebräuche Deutschlands anpasst und dass ihr mit der Zeit Deutsche werdet - wenn nicht ihr, dann spätestens eure Kinder. Wenn ihr muslimischen Glaubens seid, o.k. Damit habt ihr dieselben Rechte und Pflichten wie heidnische, evangelische oder katholische Deutsche. Aber wir wollen keine nationalen Minderheiten. Wer Türke oder Araber bleiben will und dies auch für seine Kinder möchte, der ist in seinem Herkunftsland besser aufgehoben. Und wer vor allem an den Segnungen des deutschen Sozialstaats interessiert ist, der ist bei uns schon gar nicht willkommen.

Die muslimischen Verbandsvertreter verstehen unter »Willkommenskultur« natürlich etwas anderes. Sie möchten, dass wir die muslimischen Migranten bedauern wegen der schweren Lasten, die das Leben in Deutschland mit sich bringt, und dass wir uns schuldig fühlen, weil es uns so viel besser geht. Wir möchten das nicht. Wir wünschen uns für Deutschland eine klare Erwartungskultur, in der Integration primär eine Bringschuld von Migranten ist. Die Vertreter der »Willkommenskultur« fassen Integration dagegen als Holschuld der aufnehmenden Gesellschaft auf. Typisch dafür ist der Ausspruch: »Wir müssen sie dort abholen, wo sie stehen.« Das ist Unsinn! Niemand hat die Deutschen, die Italiener, die Polen, die Juden, die in die USA einwanderten, irgendwo »abgeholt«, höchstens die Verwandten am Kai in New York oder am Bahnhof in Chicago.

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Bei uns muss sich niemand integrieren. Es reicht, wenn er jemanden findet, der ihm den Antrag auf Grundsicherung ausfüllt und bei der Wohnungssuche behilflich ist. Die Integration, die in klassischen Einwanderungsländern durch die Teilnahme am Arbeitsleben erzwungen wird, wird für muslimische Migranten in Deutschland zum Luxus, den man sich leisten kann, aber nicht leisten muss.

An diesem Punkt muss sich etwas ändern. Auch der Weg in den deutschen Sozialstaat darf nicht ohne »Wegezoll« möglich sein. Die klare Erwartung, dass die Migranten eine Integrationsleistung zu erbringen haben, muss die gesamte Gesellschaft durchdringen. Sie muss - freundlich, aber fest und absolut eindeutig - auf allen Ebenen der Gesellschaft dort zum Ausdruck kommen, wo Kontakt mit Migranten besteht. Diese Erwartungshaltung müssen der Sachbearbeiter im Sozialamt, die Erzieherin in der Kita und die Lehrkraft in der Schule gleichermaßen nicht nur verbal zum Ausdruck bringen, sondern täglich vorleben.

Hilfsangebote müssen sein. Aber sie müssen einen eindeutigen Aufforderungscharakter haben. Und dort, wo sie nicht angenommen werden, wo vielleicht sogar gesetzliche Pflichten verletzt werden, müssen die finanziellen Folgen schnell und eindeutig sein:

- Das in Kapitel 5 vorgeschlagene Workfare-Konzept muss natürlich auch für muslimische Migranten in der Grundsicherung gelten. Das heißt, jeder Arbeitsfähige muss sich an gesetzlichen Arbeitstagen zur festgesetzten Uhrzeit dort einfinden, wo er eingeteilt ist. An die Stelle gemeinnütziger Arbeit treten bei jenen Migranten, die der deutschen Sprache nicht ausreichend mächtig sind, Sprachkurse. Unpünktlichkeit und Nichtteilnahme haben Abzüge beim Arbeitslosengeld II zur Folge, Krankmeldungen werden überprüft. Durch das System wird die Schwarzarbeit der Transferempfänger wirksam verhindert, der Anreiz, sich eine bezahlte Arbeit am regulären Arbeitsmarkt zu besorgen, wird erhöht.

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- Für Kinder ab dem dritten Lebensjahr besteht Kindergartenpflicht. Der Ganztagskindergarten wird zur Regelleistung. Verkehrssprache im Kindergarten ist Deutsch, darauf achten die Erzieherinnen. Der Schwerpunkt der Arbeit im Kindergarten ist das Gespräch, es wird viel vorgelesen. Bei unentschuldigtem Fehlen wird die Grundsicherung für das Kind auf den anteiligen Regelsatz für Lebensmittel abgesenkt, abzüglich des Gegenwerts der Mahlzeiten im Kindergarten. Diese Abzüge werden tagesscharf berechnet. Ebenso wird an den Schulen verfahren, Die Ganztagsschule wird zum Regelbetrieb. Die Teilnahme an ergänzender Hausaufgabenbetreuung ist für alle jene Schüler verbindlich, die die Leistungsstandards nicht in befriedigendem Umfang erfüllen. Es gibt keine Befreiung von bestimmten Unterrichtsstunden aus religiösen Gründen, etwa in den Fächern Sport und Biologie. Wie in Frankreich wird das Kopftuch an Schulen untersagt. Den Schulen steht es frei, Schuluniformen einzuführen.

- Die sprachlichen Voraussetzungen für den Erwerb der Staatsbürgerschaft werden verschärft. Die Anforderungen des Sprachtests bei Ehegattenzuzug werden erhöht. Es wird auf die tatsächliche Verständigungsfähigkeit in Alltagssituationen abgestellt. Zuzug ist nur möglich, wenn der in Deutschland lebende Ehegatte in den vorangegangenen drei Jahren seinen Lebensunterhalt ohne Inanspruchnahme von Grundsicherung bestreiten konnte. Der zuziehende Ehegatte hat für zehn Jahre keinen Anspruch auf Grundsicherung.

- Für die weitere Zuwanderung gelten äußerst restriktive Bedingungen, die im Prinzip nur noch Spezialisten am obersten Ende der Qualifikationsskala erfüllen. Wer über die Qualifikationsvoraussetzungen verfügt, die in Deutschland unter dem Stichwort » Greencard« diskutiert werden, kann selbstverständlich auch aus einem muslimischen Land kommen. Für die Aufnahme und Beherbergung von Illegalen werden empfindliche einkommensabhängige Geldstrafen festgesetzt, die auch zu Abschlägen bei der Grundsicherung führen. Ein fälschungssicherer biometrischer Ausweis hält den Aufenthaltsstatus fest. Für alle, die nicht deutsche Staatsbürger sind, wird eine zentrale bundesweite Datenbank eingerichtet.

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Das Ziel des vorgeschlagenen Maßnahmenbündels besteht darin, die Integration der bereits Zugewanderten zu verbessern und zu beschleunigen, im Übrigen aber weitere Zuwanderung nach Deutschland mit Ausnahme hochqualifizierter Experten generell zu beenden. Alle diese Maßnahmen sind pragmatisch, maßvoll und vernünftig, aber gleichzeitig höchst umstritten. Das deutsche Sozial- und Aufenthaltsrecht muss entsprechend geändert werden. Dies geht aber nur, wenn politischer Konsens herrscht. In solch grundsätzlichen politischen Fragen ist nichts alberner als der Hinweis, dieses oder jenes sei rechtlich nicht möglich. Was vernünftig ist, ist stets auch möglich. Das Grundgesetz ist schon für weitaus unbedeutendere Fragen geändert worden.

Weshalb ist die Frage so bedeutend? Weil es darum geht, ob wir die Grundzüge unserer Kultur, unserer Identität und unseres Way of life bewahren und an unsere Urenkel weitergeben wollen oder ob wir den Abschied davon organisieren und verwalten wollen. Die Bevölkerung in Nah- und Mittelost, in der Türkei und Nordafrika ist seit 1980 von 200 Millionen auf 450 Millionen Menschen gestiegen. Sie wächst trotz auch dort fallender Geburtenraten weiter rapide. Entsprechend wird der Druck auf die Grenzen Deutschlands und Europas zunehmen.

Diesem Druck nachzugeben, hilft den Herkunftsstaaten nicht wirklich, weil die Entlastung durch Auswanderung dort demografisch kaum fühlbar ist. Dem Druck nachzugeben, löst auch keine Probleme in Deutschland und Europa. Die letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass die finanziellen und sozialen Kosten der muslimischen Einwanderung weitaus höher waren als der daraus fließende wirtschaftliche Ertrag. Wenn wir den Zuzug nicht steuern, lassen wir letztlich eine Veränderung unserer Kultur, unserer Zivilisation und unseres Volkscharakters in eine Richtung zu, die wir gar nicht wünschen. Es würde nur wenige Generationen dauern, bis wir zur Minderheit im eigenen Land geworden sind. Das ist nicht nur ein Problem Deutschlands, sondern aller Völker Europas.

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