Th. Sarrazin - Deutschland schafft sich ab

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IV

10 Demografie und Bevölkerungspolitik

10.01

Demografische Trends in den entwickelten Industriegesellschaften (G 7)

10.02

Der demografische Trend in Deutschland

10.03

Die Folgen des Trends

10.04

Einflüsse auf die demografische Entwicklung

10.05

Das wird nicht möglich sein ohne eine Umkehr in der demografischen Entwicklung.

10.06

Ein kleines Bevölkerungsmodell

10.07

Weshalb Einwanderung für Deutschland keine Lösung ist

10.08

Weshalb die Nettoreproduktionsrate kein Schicksal sein darf

10.09

Sozialisation und die Logik des gelebten Lebens

10.10

Überlegungen zur Trendumkehr

10.11

Betreungsangebote, Ganztagsschulen

10.12

Ausbildungsdauer, Karrieremuster

10.13

Elterngeld, Elternzeit

10.14

Anreize in der Rentenversicherung

10.15

Besteuerung der Familien

10.16

Nichts ist unabänderlich

Mehr Kinder von den Klugen, bevor es zu spät ist

»Frommt's den Schleier aufzuheben, wo das nahe Schrecknis droht?
Nur der Irrtum ist das Leben, und das Wissen ist der Tod...«

FRIEDRICH SCHILLER, Kassandra

Das generative Verhalten einer Gesellschaft wird grundsätzlich bestimmt von ihrem Entwicklungsstand und Modernisierungsgrad. Mit der Industrialisierung setzt in allen Staaten beziehungsweise Volkswirtschaften die gleiche Entwicklung ein: Sinkende Kindersterblichkeit und steigende Lebenserwartung bewirken zunächst einen starken Anstieg der Bevölkerung, der nach einigen Jahrzehnten infolge geringerer Geburtenraten abgebremst wird. Eine stabile oder nur noch langsam steigende Lebenserwartung und eine stabile Nettoreproduktionsrate münden dann in einen langfristigen Entwicklungspfad, für den der Anstieg des Durchschnittsalters und - bei einer Nettoreproduktionsrate unter die permanente Schrumpfung der Bevölkerungszahl typische Merkmale sind.

Unterschiedliche Staaten scheinen sich trotz vergleichbarer Lebensverhältnisse dennoch auf unterschiedliche Nettoreproduktionsraten einzupendeln. Es ist eine Diskussion darüber im Gange, ob die Zeit der besonders niedrigen Nettoreproduktionsraten von 0,65 und weniger vorbei ist oder ob es eine quasi natürliche Untergrenze des Fruchtbarkeitsrückgangs gibt. Das mag dahingestellt bleiben; Schwankungen hat es auch in der Vergangenheit immer wieder gegeben. Für Deutschland jedenfalls zeigt die nähere Analyse, dass ein Wiederanstieg der Geburtenrate nicht erkennbar ist.

Das Muster von zunächst fallenden Sterblichkeitsraten und erst später sinkenden Geburtenzahlen vollzieht sich überall auf der Welt. Wegen des zeitlichen Vorsprungs von Europa und Nordamerika in der Industrialisierung stieg zuerst deren Bevölkerung stark, ist aber jetzt - sieht man von Migrationseffekten ab - in eine Phase der Stagnation beziehungsweise des Sinkens der Bevölkerungszahlen eingetreten.

Die UNO erstellt seit Mitte der fünfziger Jahre regelmäßig Prognosen zur Entwicklung der Weltbevölkerung und hat dabei in der Summe erstaunlich richtig gelegen. Für die Entwicklung der Bevölkerung ist neben der Anderung der Lebenserwartung der entscheidende Faktor die Entwicklung der Zahl der Töchter pro Frau, die sogenannte Nettoreproduktionsrate, denn nur Frauen können ja Kinder gebären. Wenn dieser Wert auf eins zusteuert, ist die Bevölkerungszahl einer Gesellschaft langfristig stationär, auch wenn sie wegen des hohen Anteils junger Menschen zunächst noch weiter wächst.

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Anfang der fünfziger Jahre wurden im Durchschnitt der Weltbevölkerung pro Frau 1,66 Mädchen geboren, also war jede Generation um die Hälfte größer als die vorhergehende. Für Europa lag diese Kennziffer Anfang der fünfziger Jahre bei 1,17, für Deutschland - bedingt durch die Kriegsfolgen - allerdings nur bei 0,85.

Das westliche Asien, auch als der Nahe und Mittlere Osten bezeichnet, hatte Anfang der fünfziger Jahre eine Nettoreproduktionsrate von 2,17. Im Jahr 1950 lebten dort 51,5 Millionen Menschen, also weitaus weniger als in Deutschland, das damals 68,4 Millionen Einwohner hatte. Heute leben im westlichen Asien 233 Millionen Menschen, 2050 werden es 372 Millionen sein.

Ähnlich ist die Entwicklung in Afrika, das Anfang der fünfziger Jahre eine Nettoreproduktionsrate von I,92 hatte, die bis heute nur unwesentlich auf 1,78 gesunken ist. Die afrikanische Bevölkerung wuchs von 227 Millionen Menschen im Jahr 1950 auf heute 1,033 Milliarden, hat sich also in 60 Jahren knapp verfünffacht. Die UNO geht von einer weiteren Verdoppelung in den nächsten 40 Jahren auf knapp 2 Milliarden Menschen aus.

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Weitgehend parallel zu Afrika verläuft der Trend in den am wenigsten entwickelten Ländern. In der UNO-Abgrenzung ist das die Gruppe der wirtschaftlich besonders erfolglosen Entwicklungsländer. Der größte Teil dieser Länder liegt in Afrika. Diese Gruppe hatte Anfang der fünfziger Jahre eine Nettoreproduktionsrate von 1,81 und hat jetzt immer noch eine von 1,73. Die Bevölkerungszahl stieg dort von 200 Millionen im Jahr 1950 auf heute 856 Millionen; sie wird sich nach der UNO-Prognose bis 2050 auf 1,67 Milliarden verdoppeln. Wirtschaftliche Erfolglosigkeit und soziale Rückständigkeit sind wesentliche Antriebe für hohe Geburtenraten. Wir sehen in China, mittlerweile auch in Indien und zahlreichen anderen Entwicklungsländern, dass wachsender Wohlstand die Nettoreproduktionsrate sinken lässt. Ohne die großen Entwicklungserfolge in weiten Teilen der Welt wäre die mittlerweile zu beobachtende Verlangsamung des Wachstums der Weltbevölkerung nicht eingetreten.

Die Bevölkerungsentwicklung in Afrika sowie im Nahen und Mittleren Osten ist für Europa besonders bedeutsam, weil inzwischen 90 Prozent aller Einwanderer nach Europa aus diesen Gebieten kommen. Doch wie hoch diese Migrationsraten auch immer sein mögen, sie können niemals hoch genug sein, um eine wirkliche Entlastung in den Herkunftsländern zu bewirken: 2010 stehen den 7,7 Millionen Geburten in ganz Europa und den 650 000 Geburten in Deutschland über 40 Millionen Geburten in Afrika und dem westlichen Asien gegenüber. Wenn sich nach der Prognose der UNO die Bevölkerung dort in den nächsten 40 Jahren »nur« verdoppelt, dann deshalb, weil die UNO in diesen Ländern eine positive wirtschaftliche Entwicklung und damit einen starken Rückgang der Nettoreproduktionsrate auf 0,95 im westlichen Asien und auf 1,08 in Afrika unterstellt.

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Die aktuelle UNO-Prognose ergibt, dass die Nettoreproduktionsrate der Weltbevölkerung bis 2050 auf 0,95 fallen wird und somit das Wachstum einige Jahrzehnte später ausläuft. Über die Hälfte des bis 2050 noch zu erwartenden Bevölkerungswachstums entfällt auf Afrika und das westliche Asien und betrifft Europa damit viel unmittelbarer als etwa das Bevölkerungswachstum in Fernost und Südamerika.

In den letzten 60 Jahren ist die Weltbevölkerung von 2,5 auf 6,9 Milliarden Menschen gewachsen, bis 2050 wird sie um weitere 2,2 Milliarden auf 9,1 Milliarden zunehmen.

Tabelle 8.1 Die Welt, Europa und Deutschland im demografischen Vergleich ...

Zur Tabelle auf Seite 334

In diesem Wachstumsprozess verschieben sich die Gewichte gewaltig: Noch 1950 hatte Europa einen Anteil von 22 Prozent an der Weltbevölkerung, jetzt sind es noch 11,6 Prozent, und 2050 werden es 7,5 Prozent sein. Der Geburtenanteil Europas ist auf 5,7 Prozent gefallen, der Anteil Afrikas auf 25,8 gestiegen. Der Geburtenanteil des westlichen Asiens hat in den letzten 60 Jahren von 2,6 auf 3,9 Prozent zugenommen.

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Bevölkerung ist auch nicht gleich Bevölkerung: Das mittlere Lebensalter liegt heute in Europa bei 40,2 Jahren (in Deutschland sind es 44,3 Jahre) gegenüber 25 Jahren im westlichen Asien und 19,7 Jahren in Afrika. Bis 2050 wird das mittlere Alter in Europa auf knapp 47 Jahre gestiegen sein und in Deutschland sogar knapp 52 Jahre betragen. Der durchschnittliche Afrikaner wird es dann immer noch nur auf 28 Jahre bringen, ein Bewohner des westlichen Asiens durchschnittlich auf 36 Jahre, so alt, wie der durchschnittliche Deutsche 1950 war. 2050 werden 27,4 Prozent der Europäer und 32,5 Prozent der Deutschen 65 Jahre oder älter sein. In Afrika wird diese Quote bei 7,1 und im westlichen Asien bei 13,4 Prozent liegen.

Die von mir genannten Prognosezahlen entstammen der sogenannten mittleren Variante der Bevölkerungsprognose der UNO. Sie unterstellen für Europa eine jährliche Einwanderung von 900 000 und für Deutschland eine von 110 000 Menschen. Ferner wird angenommen, dass die Nettoreproduktionsrate wieder deutlich steigt: von 0,71 auf 0,87 im europäischen Durchschnitt und in Deutschland von 0,64 auf 0,82. Der Wiederanstieg der Nettoreproduktionsrate ist sicherlich wünschenswert, aber nach 40 Jahren stabiler Abwärtsentwicklung wenig wahrscheinlich. Auch der in der UNO-Prognose unterstellte starke Rückgang der Nettoreproduktionsrate in Afrika und den am wenigsten entwickelten Ländern ist als sehr optimistisch zu bewerten. Es könnte durchaus sein, dass die Bevölkerungszahl in der entwickelten Welt stärker abnimmt und in den Entwicklungsländern stärker wächst, als von der UNO unterstellt.

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Demografische Trends in den entwickelten Industriegesellschaften (G 7)

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In den Industriestaaten ist im Allgemeinen die Nettoreproduktionsrate auf oder unter das Bestanderhaltungsniveau gesunken. In einer Reihe von Industriestaaten ist aber ein gewisser Wiederanstieg zu verzeichnen. So lässt die zusammengefasste Geburtenziffer beziehungsweise die Nettoreproduktionsrate in Frankreich, Großbritannien, Spanien, Italien, den Benelux-Staaten und den skandinavischen Ländern in den letzten 10 bis 15 Jahren einen Anstieg erwarten. Für Deutschland, Österreich und die Schweiz gilt das allerdings nicht. Zudem gibt es erhebliche Niveauunterschiede zwischen ansonsten vergleichbaren Industrieländern. In Tabelle 8.2 sind Eckwerte für die Mitglieder der G 7 gegenübergestellt, weil sie die größten und bekanntesten unter den traditionellen Industrieländern sind.

Deutschland, Italien und Japan sind unter den G 7-Ländern jene mit den niedrigsten Nettoreproduktionsraten zwischen 0,61 und 0,66 Prozent. Das bedeutet: Jede Generation ist um 39 bis 35 Prozent kleiner als die vorherige. Wenn die Nettoreproduktionsraten auf diesem Niveau bleiben, ist nach drei Generationen die Generationsstärke auf 26 Prozent des Ausgangsbestandes geschrumpft, in fünf Generationen auf zehn Prozent.

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Ganz anders ist es in den USA. Dort liegt die Nettoreproduktionsrate bei 1,01, und damit gibt es aufgrund der natürlichen Bevölkerungsbewegung keine Schrumpfung. Die französische Nettoreproduktionsrate von 0,91 wiederum bedeutet, dass die natürliche Bevölkerungsbewegung zwar Schrumpfung bewirkt, aber die dritte Generation liegt immerhin noch bei 75 Prozent, die fünfte bei 62 Prozent der Ausgangsstärke. Im Vergleich zu den deutschen Zahlen wird damit aus dem Absturz ein Sinkflug.

Die bereits eingetretenen Unterschiede zeigen sich im Medianalter und in der Altenquote: Der durchschnittliche Deutsche, Italiener oder Japaner ist heute acht Jahre älter als der durchschnittliche Amerikaner und immer noch vier Jahre älter als ein Franzose, Engländer oder Kanadier. In Deutschland sind bereits 20,5 Prozent aller Menschen 65 Jahre und älter, in Japan sogar 22,6 Prozent, in den USA dagegen nur 13 und in Frankreich nur 17 Prozent. 2050 werden 33 Prozent der deutschen und italienischen sowie 38 Prozent der japanischen Bevölkerung 65 Jahre und älter sein, aber nur 22 Prozent der amerikanischen und 23 Prozent der britischen.

Betrachtet man die Unterschiede, kommt Skepsis auf, ob diese wirklich vorrangig durch verschiedene Grade der sozialstaatlichen Absicherung, durch das Fehlen von Betreuungsangeboten und anderem mehr erklärt werden können, denn dann müssten die USA ganz schlecht dastehen.

Tabelle 8.2 Klassische Industrieländer im demografischen Vergleich ...

Zur Tabelle auf Seite 337

Klar ist jedenfalls, dass die niedrige Nettoreproduktionsrate in Deutschland sich keineswegs zwingend aus dem hohen Entwicklungsstand unserer Industriegesellschaft ergibt, denn dann müssten die USA mit einem um 35 Prozent höheren Sozialprodukt pro Kopf, längerer Arbeitzeit, höherer Erwerbsbeteiligung und weniger Urlaub noch weniger Kinder haben als wir.

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Die UNO hat in ihrer Projektion das Niveau der zuletzt beobachteten Wanderungssalden der Industrieländer bis 2050 fortgeschrieben. Das relative Gewicht der Zuwanderung ergibt sich, wenn man sie zu den Geburtenzahlen desselben Zeitraums in Beziehung setzt:

Tabelle 8.3 Wanderungssalden in den entwickelten Industriegesellschaften ...

Zur Tabelle auf Seite 338         

In Deutschland soll demnach die Immigration in den nächsten 40 Jahren knapp 18 Prozent der für denselben Zeitraum unterstellten Geburten betragen, in Italien sind es 31 Prozent, in den USA 24 und in Kanada sogar 50 Prozent.

In den USA und in Kanada ist eine Zuwanderung in den Sozialstaat ausgeschlossen, weil es die - im Vergleich zu europäischen Verhältnissen sowieso deutlich magereren - Transferleistungen für Migranten entweder gar nicht oder erst nach einer langen Übergangszeit gibt. Migranten müssen also, um im Gastland zu überleben, von Anfang an und dauerhaft produktive Beiträge leisten. Das kanadische Auswahlsystem gewährleistet zudem, dass die Qualifikationsprofile und Fähigkeiten der Einwanderer jenen der Einheimischen zumindest gleichwertig, wenn nicht überlegen sind. In den USA gibt es zwar viele illegale hispanische Einwanderer für einfache und ungelernte Tätigkeiten, daneben aber üben die Vereinigten Staaten eine große Anziehungskraft aus auf die geistige und technische Elite aus Indien, China und anderen fernöstlichen Staaten. Das hat mittlerweile dazu geführt, dass Japaner, Koreaner und Chinesen, die nicht einmal vier Prozent der amerikanischen Bevölkerung ausmachen, fast 30 Prozent aller Software-Ingenieure stellen. Überdies trifft die Einwanderung in den USA und Kanada mit einer einheimischen Bevölkerung zusammen, die nicht oder kaum schrumpft. Die Einwanderung in diese klassischen Einwanderungsländer ist also ganz anders zu bewerten als der Zuzug zumeist völlig ungebildeter Armutsmigranten aus Afrika sowie Nah- und Mittelost in die europäischen Staaten mit ihren umfassenden Transfersystemen.

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Viele halten es für einen Akt christlicher Barmherzigkeit, Armutsmigration in die reichen Länder zuzulassen. Wer so denkt, sollte sich die Zahlen genau ansehen: Nach der UNO-Prognose werden in den nächsten 40 Jahren 5 Milliarden Menschen geboren, davon knapp 500 Millionen in Europa und Nordamerika, 1,2 Milliarden in den am wenigsten entwickelten Ländern und 3,3 Milliarden im Rest der Welt. Gleichzeitig werden jährlich 900 000 Menschen in Europa und knapp 1,3 Millionen in Nordamerika zuwandern, in der Summe 87 Millionen in 80 Jahren. Bei einer Menschenflut von 4,5 Milliarden Geburten im selben Zeitraum außerhalb von Europa und Nordamerika ist die demografische Entlastungswirkung für die Auswanderungsländer zu vernachlässigen. Den Einwanderungsländern steht daher alles Recht der Welt zu, die Einwanderung ausschließlich aus der Perspektive des eigenen Vorteils zu betrachten.

02
Der demografische Trend in Deutschland

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In Deutschland zeigt die Kurve der Geburtenrate, also der durchschnittlichen Kinderzahl pro Frau, einen recht steilen Abfall von über fünf Kindern pro Frau um das Jahr 1890 auf 2,1 Kinder pro Frau Mitte der 1920er Jahre. Die Wirtschaftskrise und die Folgen des Zweiten Weltkriegs bis Anfang der fünfziger Jahre führten zu einem weiteren Rückgang auf 1,9 Kinder pro Frau. Das Wirtschaftswunder und der den Aufschwung begleitende Babyboom bewirkten dann aber bis Mitte der sechziger Jahre einen erneuten Anstieg auf 2,2 Kinder. Seitdem gab es zunächst einen steilen, dann verlangsamten aber kontinuierlichen Rückgang auf zuletzt 1,31 Kinder pro Frau. Diese Rate entspricht der aktuellen Nettoreproduktionsrate (Töchter pro Frau) von 0,64. Der Beitritt der neuen Bundesländer änderte an dieser Entwicklung grundsätzlich nichts. Die familienpolitisch bedingt etwas höheren Geburtenzahlen in der DDR sackten infolge des ökonomischen Schocks der Einheit zunächst stark ab, stiegen dann aber wieder leicht an.

Schaubild 8.1 Die langfristige Entwicklung der Geburtenrate ...

Zur Tabelle auf Seite 340

Sie liegen jetzt auf dem Niveau der alten Bundesländer.

Eine ähnliche Entwicklung vollzog sich in allen Industriestaaten, doch ein langanhaltender Absturz bis unter das Bestandserhaltungsniveau, wie Deutschland ihn zu verzeichnen hat, ist unter den Industrieländern einmalig;

Zur Tabelle auf Seite 341

seine Auswirkungen waren so erheblich, dass sie auch durch die in den sechziger Jahren einsetzende Einwanderungswelle nicht kompensiert werden konnten. Seit Anfang der sechziger Jahre ist die Geburtenzahl in Deutschland um rund 50 Prozent zurückgegangen. Mittlerweile haben 40 Prozent der in Deutschland geborenen Kinder einen Migrationshintergrund, Die Zahl der Geburten der autochthonen Bevölkerung beträgt jährlich noch rund 400 000. Sie hat sich also in 45 Jahren - in nur anderthalb Generationen - um rund 70 Prozent verringert. Rein physisch gesehen ist die Bevölkerung, die Anfang der sechziger Jahre in Deutschland lebte, am Aussterben; sie hat den Weg zu ihrem Ende - gemessen an den Geburtenzahlen - bereits zu zwei Dritteln zurückgelegt. Das ist keine Klage, sondern an dieser Stelle eine wertfreie und sachlich ganz unbestreitbare Feststellung.

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Die Prognosevarianten des Statistischen Bundesamtes liegen auf einer Linie mit den Prognoseergebnissen der UNO, wenn man vergleichbare Annahmen zum Wanderungssaldo und zur Geburtenhäufigkeit trifft. Das mittlere Alter steigt in jedem Fall auf deutlich über 50 Jahre, der Anteil der Menschen, die 65 Jahre und älter sind, liegt deutlich über 30 Prozent, teilweise bei 35 Prozent und mehr.

Zur Tabelle auf Seite 342

Tabelle 8.5 Bevölkerungsprognosen für Deutschland ...

Das Statistische Bundesamt hat auch Varianten mit einer höheren Zuwanderung von jährlich 200 000 Menschen berechnet. Die sind hier nicht mit aufgeführt, weil noch mehr Zuwanderung als die unterstellten 100 000 ganz sicher nicht zuträglich wäre. Daneben hat das Statistische Bundesamt auch »Modellrechnungen« für eine Zuwanderung von null und einen Wiederanstieg der Geburtenhäufigkeit auf 2,1 Kinder je Frau durchgeführt (Tabelle 8.6). Diesen Modellrechnungen wurde nicht das Prädikat Prognose verliehen, weil sie wohl zu unrealistisch schienen. Sie liefern allerdings interessante Erkenntnisse, wie der Vergleich ihrer Eckwerte mit der Basisprognose zeigt.

Die Verschlechterung der Bevölkerungsstruktur und die wachsende Sozialbelastung kommen am besten im Anstieg des Altenquotienten (Menschen über 65 Jahre im Verhältnis zur Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter) zum Ausdruck. Dieser verdoppelt sich von bereits jetzt sehr hohen 33,7 auf 67,4 Prozent, während die Entlastung beim Jugendquotienten durch den Geburtenrückgang bereits konsumiert ist (siehe Schaubild 8.1, Seite 340).

Zur Tabelle auf Seite 343

Interessant ist, dass sich an diesen Relationen wenig ändert, wenn man den Wanderungssaldo auf null setzt. Zwar leben dann zo6o noch einmal 6,5 Millionen Menschen weniger in Deutschland, aber die Belastungskoeffizienten ändern sich kaum. Gegenüber der Variante mit Einwanderung fällt der Jugendquotient leicht von 30,9 auf 30,6 Prozent. Aber der Altenquotient erhöht sich eben auch nur von 67,4 auf 72,9 Prozent. Man könnte sagen, darauf kommt es im Jahr 2060 auch schon nicht mehr an. Migration verbessert die künftige Bevölkerungsstruktur also nicht wesentlich beziehungsweise kann die durch den Geburtenrückgang verursachten - und auf Deutschland unweigerlich zukommenden - gewaltigen Strukturverschlechterungen nicht auffangen. Das zeigt die Modellrechnung ganz deutlich. Aber die kulturellen, finanziellen und moralischen Belastungen einer weiteren Migration aus Afrika, Nah- und Mittelost (Inder und Chinesen werden nicht kommen) fallen umso mehr ins Gewicht.

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Der eigentliche und einzige Hebel für die Verbesserung der Bevölkerungsstruktur bleibt eine Erhöhung der Geburtenrate möglichst auf das Niveau der Bestandserhaltung. Das zeigt die zweite Modellrechnung. Sicherlich ist es unrealistisch zu hoffen, dass die Deutschen in wenigen Jahren ihre Mentalität ändern und der Anteil der Kinder- und Familienlosen wieder auf das Niveau der sechziger Jahre sinkt. Aber was unterscheidet uns denn so sehr von den Amerikanern und Franzosen, dass dies gänzlich unmöglich sein sollte?

Gesetzt, es gelänge, dann würde uns die hohe Altenlast zwar noch einige Zeit begleiten, aber die Strukturen würden sich schon nach wenigen Jahrzehnten ändern: Ein Anstieg der Geburtenrate auf 2,1 würde bedeuten, dass der Altenquotient bis 2050 statt auf 67,4 »nur« auf 53,5 Prozent ansteigt. Allerdings würde der Jugendquotient 2060 statt bei 30,9 bei 48,2 Prozent liegen und hätte damit wieder ein langfristig normales Niveau erreicht. Belastungen für die Jugend nimmt man auch lieber und leichter auf sich, denn sie sind auf die Zukunft gerichtet und nicht auf die Vergangenheit wie die Versorgung der Hochbetagten in Alten- und Pflegeheimen. 2060 wäre die Zahl der Kinder und jugendlichen nahezu doppelt so hoch wie in der Basisprognose. Eine solche Umkehrung des demografischen Trends würde auf allen Gebieten erhebliche Wachstumsimpulse setzen.

Doch warum soll das so sein? Es gibt schließlich keine rationale Begründung dafür, weshalb sich Individuen, Familien, ein Stamm, ein Volk überhaupt fortpflanzen. Völker gehen ja nicht nur unter durch Hungersnot, Krankheiten, Eroberung oder Genozid. Sie können auch still sterben. Wer fragt schon nach ihnen? Andere Stämme und Völker treten an ihre Stelle. Jeder muss selber entscheiden, ob er es für wertvoll erachtet, Nachkommen zu haben, dass seine Familie sich fortpflanzt und sein Volk in seiner kulturellen und physischen Eigenart eine Zukunft hat.

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In der Geschichte der Menschheit ist der »stille« Untergang von Völkern und Stämmen infolge mangelhafter Fruchtbarkeit gar keine Seltenheit. Wenn jemand kein Interesse an eigenen Nachkommen hat, ist dies ganz alleine seine Sache genauso wie seine sexuelle Präferenz, sein künstlerischer Geschmack und seine Religion. Wissenschaftlich und soziologisch interessant aber bleibt die Frage, weshalb ein bestimmtes Volk in höherem Maße die Fortpflanzung verweigert als ein anderes. Für die Lebenden ist jedenfalls von Interesse, wie es auf der Welt weitergeht, wenn sie einmal nicht mehr dabei sein werden.

Das Phänomen des Übergangs aus einer traditionalen Gesellschaft mit hoher Sterblichkeit und hohen Geburtenzahlen zu einer entwickelten Industriegesellschaft mit niedriger Sterblichkeit und niedrigen Geburtenzahlen ist heute ausreichend erforscht und erklärt. Es tritt weltweit überall dort auf, wo sich die Wirtschaft dauerhaft günstig entwickelt. Allgemein anerkannte Erklärungsfaktoren sind

- das Streben nach Erhöhung und Sicherung des Lebensstandards

- die Vielfalt unterschiedlichster Lebensentwürfe in der modernen Welt, die eben auch zu Kindern und Familie in Konkurrenz stehen

- die Loslösung der Alterssicherung von Nachkommen

- der Umstand, dass Kinder von einem Vorsorge- und Ertragsfaktor zu einem Kostenfaktor werden

- die Emanzipation und Erwerbstätigkeit der Frau

- die abschreckenden Zwänge eines traditionellen Familienbildes

- der Rückgang der religiösen Orientierung und damit das sinkende Interesse an der Zeit nach dem eigenen Tod.

All dies macht den Wunsch nach weniger Kindern oder den gänzlichen Verzicht auf die eigene Familie verständlich, erklärt aber nicht, warum in Frankreich oder in den USA, aber auch in den nordeuropäischen Ländern die Geburtenrate deutlich höher ist als bei uns.

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Häufig wird vermutet, die Geburtenarmut sei auf einen Trend zur Ein-Kind-Familie zurückzuführen. Das ist unrichtig. Bei den Frauen in Deutschland, die überhaupt Kinder haben, ist die Verteilung auf Familiengrößen ziemlich stabil. Es dominiert die Zwei-Kind-Familie, und im Durchschnitt haben Frauen mit Kindern etwa 2,2 Kinder. Entscheidend ist der wachsende Anteil der lebenslang kinderlosen Frauen: Beim Geburtsjahrgang 1940 hatten 10,6 Prozent der Frauen lebenslang keine Kinder, beim Geburtsjahrgang 1965 waren es bereits über 30 Prozent, und dieser Anteil scheint sich in den jüngeren Geburtsjahrgängen weiter zu erhöhen.Auch der Unterschied in der deutschen und französischen Geburtenrate kann wesentlich aus dem unterschiedlichen Anteil lebenslang kinderloser Frauen erklärt werden.

03
Die Folgen des Trends

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Diskutiert man über Demografie, so hat man es vor allem mit zwei Gruppen von Diskussionspartnern zu tun. Die einen fragen: »Wo liegt überhaupt das Problem?« Das sind die Vertreter des Multikultifeuilletons, die eine transnationale Menschheitszukunft erträumen und heimlich Trauer tragen, dass sie überhaupt als Deutsche geboren wurden. Die anderen sagen: »Man kann doch nichts tun, also braucht man auch nicht darüber zu jammern.« Das ist die Mehrheit der Politiker in allen Parteien, die sich lieber darüber aufregen, dass die Temperatur in 100 Jahren um zwei bis vier Grad steigen, anstatt darüber, dass die Zahl der Deutschen im selben Zeitraum um 80 Prozent sinken wird. Den Letzteren kann man sagen, dass die deutsche Geburtenrate allemal leichter zu beeinflussen ist als die durchschnittliche Welttemperatur. Wer sich bei der Geburtenrate nichts zutraut, braucht bei der Welttemperatur gar nicht erst anzutreten. Den Ersteren muss man sagen: Wer dem Umstand, dass es eine deutsche Sprache und Kultur gibt, keinen eigenen Wert zumisst, dem kann es auch gleichgültig sein, ob es künftig Menschen gibt, die diese Sprache und Kultur weitertragen. Im Übrigen unterliegen die Multikultifreunde einem Irrtum: Es wird niemals eine transnationale Weltgesellschaft geben. Solange die Menschheit existiert, wird sie sich in Staaten und Völker gliedern, unterschiedliche Sprachen sprechen und unterschiedliche Sitten pflegen.

Was wird denn in Deutschland geschehen, wenn das deutsche Volk still dahinscheidet? Wird man hier dann mehrheitlich türkisch sprechen oder arabisch, vielleicht auch französisch oder polnisch, wenn diese Völker ihre Probleme besser lösen?

Sachlich lässt sich die Problematik der demografischen Entwicklung in Deutschland in folgenden fünf Punkten zusammenfassen:

1. Die erste demografische Grundlast besteht in der Verschiebung zwischen den Menschen im erwerbsfähigen Alter und den Menschen jenseits des erwerbsfähigen Alters. 2005 kamen in Deutschland auf einen Rentner zwei Erwerbstätige, 2050 wird es noch ein Erwerbstätiger sein.

2. Die zweite demografische Grundlast besteht in der Alterung der Erwerbstätigen: 30 Prozent von ihnen werden 2050 mindestens 55 Jahre alt sein, nur 20 Prozent zwischen 25 und 35. Dies senkt schon für sich genommen die Produktivität und Innovationskraft der Gesellschaft (siehe Tabelle im Anhang).

3. Die dritte Grundlast besteht in der Schrumpfung von Generation zu Generation. Ein auf längere Sicht stabiles Staatswesen ist schlechterdings nicht vorstellbar, wenn die Geburtenzahl in jeder Generation um 36 Prozent, in drei Generationen also um 74 Prozent zurückgeht. Das ist nämlich die logische Konsequenz der gegenwärtigen deutschen Nettoreproduktionsrate von 0,64.

4. Die vierte Grundlast besteht in der unterschiedlichen Fruchtbarkeit von bildungsnahen und bildungsfernen Schichten. Das hat in nur wenigen Generationen erhebliche Auswirkungen auf das intellektuelle Potential der Gesellschaft.

5. Die fünfte Grundlast besteht in der Zunahme des Anteils von Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund an der Gesamtbevölkerung, teils aufgrund von Einwanderung, teils aufgrund höherer Fruchtbarkeit. Ungünstig wirken sich überdies die kulturelle Fremdheit dieser Migranten und ihre großenteils bildungsferne Herkunft aus, die sich in entsprechend schlechten Bildungsleistungen zeigt. Damit verschärft die fünfte Grundlast die Problematik der vierten Grundlast.

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Diese fünf demografischen Grundlasten haben Folgen:

- Die vierte und fünfte Grundlast - Verschiebung der Bevölkerungsstruktur zu bildungsferneren Schichten - gehen einher mit einer durchschnittlich geringeren Aufgeschlossenheit gegenüber dem Erwerb von Wissen sowie mit einer geringeren Fähigkeit, dieses zu erwerben.

- Nach der Gaußschen Normalverteilung der Intelligenz gilt, dass jeder geringfügige Rückgang der durchschnittlichen Intelligenz mit einer überdurchschnittlichen Abnahme des Anteils der Hochbegabten verbunden ist, weil sich der auslaufende rechte Ast der Normalverteilung quasi nach links verschiebt. Dieser Effekt wirkt auch umgekehrt: Die Nachfahren der osteuropäischen Juden mit einem durchschnittlichen IQ von 115 waren in intellektuellen Berufen und Zirkeln bis hin zu den Nobelpreisträgern lange Zeit überrepräsentiert.

- Die Kombination von weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter, steigendem Durchschnittsalter, sinkender durchschnittlicher Intelligenz sowie wachsender Bildungs- und Kulturferne beeinträchtigt in der Summe das künftige intellektuelle Potential Deutschlands erheblich.

Die notwendige weitere Verbesserung der Bildungsanstrengungen kann den aus der Demografie herrührenden Grundlastverschiebungen aber nur begrenzt entgegenwirken, weil

1. die guten Begabungen und die Spitzenbegabungen bereits heute weitgehend gefördert werden. Da ist nicht mehr so viel zu holen.

2. das Bildungssystem leider die Tendenz hat, die Maßstäbe und Anforderungen abzusenken, wenn die Leistungsfähigkeit der Grundgesamtheit nachlässt. Das hat zu dem kolossal unterschiedlichen Niveau des Abiturs in Deutschland geführt.

3. möglicherweise die international beobachteten Pisa-Unterschiede zumindest teilweise auch auf eine unterschiedliche Bildungsfähigkeit der jeweiligen Populationen zurückzuführen sind.

Das heißt, sie sind nicht nur Ausdruck unterschiedlich leistungsfähiger Bildungssysteme, sondern auch einer regional unterschiedlichen Intelligenzverteilung und unterschiedlicher Bildungsferne. Das würde erklären, warum die drei deutschen Stadtstaaten mit ihrem hohen Anteil an Migranten und transferabhängiger Bevölkerung trotz höherer Bildungsausgaben pro Kopf so viel schlechter abschneiden als der Durchschnitt der Bundesländer, insbesondere aber die süddeutschen Länder.

4. im Zuge der künftigen demografischen Entwicklung das Potential an qualitativ guten Lehrern sinken wird in dern Maße, wie der Wettbewerbsdruck arlderer Professionen um die besten und knapper werdenden Köpfe steigt.

04
Einflüsse auf die demografische Entwicklung

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Quantität und Qualität

Abstammungsgeschichtlich hat sich der Mensch aus niederen Arten entwickelt, und seine Entwicklung wird wie die anderer Säugetiere niemals abgeschlossen sein. Menschen sind - wie andere Lebewesen auch - mit unterschiedlichen Eigenschaften ausgestattet, die im Erbgut verankert sind. Das heißt nicht, dass alle Eigenschaften erblich sind; einige - wie Haar- und Augenfarbe - sind es vollständig, andere - wie Temperament, geistige Fähigkeiten, besondere Begabungen, Erbkrankheiten - nur zum Teil, zum andern Teil sind sie umweltbedingt.

Im Jahr 2009 wurde der 200. Geburtstag von Charles Darwin gefeiert. Die weltweite Rezeption zeigte, dass die Darwinsche Evolutionstheorie keine ernsthaften wissenschaftlichen Gegner mehr hat. Abgelehnt wird sie weiterhin von fundamentalistischen Christen in den USA und in weiten Teilen der muslimischen Welt. Muslimische Studenten in den Niederlanden lehnen die Evolutionstheorie fast ausnahmslos ab, ebenso 75 Prozent der Türken, 86 Prozent der Pakistaner und 92 Prozent der Ägypter.

Zwölf Jahre nach seinem bahnbrechenden Werk »Die Entstehung der Arten« veröffentlichte Charles Darwin 1871 »Die Abstammung des Menschen«. Er wandte in einer Fülle von Beobachtungen die Evolutionstheorie auf die Entwicklung des Menschen an. Darwin betonte die weitgehende Ähnlichkeit der menschlichen Rassen, wie sich an der Leichtigkeit ihrer Mischung zeige, und die große Verschiedenheit der Individuen innerhalb der Rassen und Stämme. Er zeigte aber auch, dass unterschiedliche Lebensbedingungen durch natürliche Selektion unterschiedliche Ausprägungen hervorbringen, etwa bei der Hautfarbe, beim Körperbau, die unterschiedliche Anfälligkeit bei bestimmten klimatischen Bedingungen oder Krankheiten, aber auch unterschiedliche Entwicklungen der Sinnesorgane.

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Ausführlich äußert sich Darwin zur großen Unterschiedlichkeit der Geistesgaben und zur Erblichkeit dieser Unterschiede. Auch in diesem Punkt unterscheidet sich der Mensch nicht von der höheren Tierwelt, insbesondere den Primaten:

 »Allen sind dieselben Sinne, Anschauungen und Empfindungen eigen, - sie sind ähnlichen Leidenschaften, Neigungen und Gemütsbewegungen unterworfen; selbst die komplizierteren, wie Eifersucht, Argwohn, Ehrgeiz, Dankbarkeit, Großmut, treffen wir bei beiden; sie versuchen zu täuschen und kennen die Rache; sie sind manchmal für das Lächerliche empfänglich und zeigen sogar Sinn für Humor; sie fühlen Erstaunen und Neugierde; sie besitzen dieselben Fähigkeiten: die Nachahmung, die Aufmerksamkeit, die Überlegung, die Vergleichung und Wahl, das Gedächtnis, die Phantasie, die Ideenassoziation und den Verstand, wenn auch in den verschiedensten Abstufungen. Individuen derselben Gattung differieren in Hinsicht auf ihren Intellekt zwischen absolutem Stumpfsinn und höchster Schärfe.«

Das gilt gerade auch für den Menschen: »Die Variabilität oder Verschiedenheit der geistigen Fähigkeiten ... ist so notorisch, dass kein Wort darüber gesagt zu werden braucht.« Und genau wie bei der höheren Tierwelt werden diese Unterschiede vererbt: »So ist z. B. die erbliche Überlieferung von geistigen Eigenschaften bei unseren Hunden, Pferden und anderen Haustieren unbestreitbar. Außer speziellen Neigungen und Gewohnheiten werden sicherlich auch allgemeine Intelligenz, Mut, bösartiges und gutes Temperament usw. vererbt. Beim Menschen beobachten wir Ähnliches in fast jeder Familie ... Andererseits ist es ebenso gewiss, dass Wahnsinn und Geisteskrankheiten gleicherweise durch ganze Familien laufen.« Darwin kannte bei Abfassung seines Werkes »Die Abstammung des Menschen« nicht die Forschungsergebnisse von Gregor Mendel über die Gesetze der Vererbung, die sich sehr gut in die Evolutionstheorie einfügen. Auch geistige Fähigkeiten unterliegen den Mendelschen Gesetzen. Wie in Kapitel 3 und Kapitel 6 bereits dargestellt, kann nach dem aktuellen Forschungsstand als belegt gelten, dass die menschliche Intelligenz zu 50 bis 80 Prozent erblich ist.

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Während die Erblichkeit von Haar- und Augenfarbe für niemanden ein Problem darstellt und auch eine Erbkomponente bei Temperament und Charakter für die meisten akzeptabel ist, tun sich viele mit der Erblichkeit geistiger Fähigkeiten schwer. Richtig ist, dass über der Erblichkeit geistiger Potentiale die kolossale Bildsamkeit des menschlichen Geistes nicht vernachlässigt werden darf. Richtig ist auch, dass sich die menschliche Entwicklung aus der kulturellen Evolution ergibt, die durch die geistigen Anlagen des Menschen ermöglicht wird. Erst das überlieferte und vom Individuum jeweils neu zu erwerbende Wissen macht menschliche Zivilisation und Gesellschaft möglich. Wäre Intelligenz nicht erblich, hätten die geistigen Fähigkeiten der Lebewesen nicht durch natürliche Selektion zunehmen können. In Darwins Worten: »Die auf keinen direkten Beweis gestützte Behauptung, dass kein Tier im Lauf der Zeiten seine Intelligenz oder anderen geistigen Fähigkeiten weiter entwickelt hätte, heißt die Frage nach der Entwickelung der Arten überhaupt verneinen. Wir haben gesehen, dass nach Lartet [Edouard Armand Lartet, IBot - 1871, Paläontologe, d. Uerf.] jetzt lebende Säugetiere der verschiedensten Ordnungen größere Gehirne haben als ihre Vorfahren in der Tertiärzeit.«

Die Darwinsche Evolutionstheorie, die Mendelschen Gesetze» und die empirischen Befunde zur Vererbbarkeit geistiger Eigenschaften, darunter auch der menschlichen Intelligenz, ergeben zusammen ein empirisch-logisches Gedankengebäude, gegen das man mit Anspruch auf wissenschaftliche Seriosität kaum etwas vorbringen kann.

Die kontinuierliche Höherentwicklung der menschlichen Geistesgaben erfolgte durch natürliche Selektion, bei der sich auch die sozialen Instinkte verfeinerten und die Sprache entwickelte. Die dadurch beförderte höhere Kooperationsfähigkeit des Menschen bestimmte seine wachsende Überlegenheit, wobei in der natürlichen Selektion Unterschiede in der Fruchtbarkeit und der Überlebensfähigkeit eine Rolle spielten. Der Mensch trat in zunehmende Konkurrenz nicht nur zu den Tieren, sondern auch zu seinesgleichen. Stämme und Völker mit niedrigerer Fruchtbarkeit beziehungsweise geringeren Überlebensraten wurden verdrängt oder gingen in anderen auf. Dabei engten zivilisierte Völker den Raum der Naturvölker, bei Darwin »Wilde« genannt, allmählich ein.

Ausführlich setzt sich Darwin mit dem Einfluss der Zivilisation auf die natürliche Zuchtwahl auseinander und stellt fest: »Wir müssen uns daher mit den ohne Zweifel nachteiligen Folgen der Erhaltung und Vermehrung der Schwachen abfinden,« Er erwähnt die Besorgnis eines Greg und Francis Galtons, »nämlich die Tatsache, dass die Besitzlosen und Leichtsinnigen, die häufig genug noch durch Laster aller Art hinabgezogen werden, fast ausnahmslos früh heiraten, während die Sorgsamen und Mäßigen, welche meist auch in anderen Beziehungen gewissenhaft leben, in vorgeschrittenerem Alter heiraten, um mit ihren Kindern ohne Sorgen leben zu können. Die frühzeitig Verheirateten rufen innerhalb einer gewissen Periode nicht nur eine größere Zahl von Generationen hervor, sie zeugen auch, wie Duncan gezeigt hat, viel mehr Kinder ... So neigen also die leichtsinnigen, heruntergekommenen und lasterhaften Glieder der Menschheit dazu, sich schneller zu vermehren als die gewissenhaften, pflichtbewussten Menschen.« Wenn sich solche Gruppen »schneller als die besseren Klassen ... vermehren, so wird das Volk zurückgehen, wie die Weltgeschichte oft genug gezeigt hat. Wir müssen bedenken, dass der Fortschritt kein unabänderliches Gesetz ist.« Der Fortschritt einer Nation hängt für Darwin zusammen »mit der Vermehrung intellektuell und moralisch hochbegabter Menschen und mit der Erhöhung des allgemeinen Niveaus«.

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Darwin zeigt die Gefahren der Zivilisation auf, bemerkt aber hoffnungsvoll: »Nichtsdestoweniger werden im Laufe der Zeit innerhalb derselben Gemeinschaft die intelligenteren Glieder erfolgreicher sein als die minderbegabten und eine höhere Nachkommenschaft hinterlassen, und dies ist eine Form der natürlichen Zuchtwahl.« In seinem späteren Leben äußert er sich allerdings pessimistischer. Alfred Russel Wallace, der die Theorie der Evolution unabhängig von Darwin parallel entwickelt hatte, berichtete über eines seiner letzten Gespräche mit diesem: Darwin »expressed himself very gloomily on the future of humanity, on the ground that in our modern civilization natural selection had no play ... It is notorious that our population is more largely renewed in each generation from the lower than fron; the middle and upper classes.«

Die Frage, ob demografische Effekte zu dysgenischen Wirkungen führen können, wurde im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts intensiv erforscht und diskutiert. Der britische Biologe Julian Huxley integrierte Darwins Theorie in die Mendelsche Genetik und analysierte die dysgenischen Folgen einer unterdurchschnittlichen Fruchtbarkeit der gebildeten Schichten. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es immer mehr Angriffe auf die Fragestellung. Diese Attacken waren letztlich Ausdruck von Wertungen, die gewisse Fragen als unzulässig verwarfen. Aber sie waren nicht empirisch begründet. Die empirische Evidenz, dass Intelligenz - ebenso wie viele andere menschliche Eigenschaften - eine starke Erbkomponente hat, ist heute in der Sache unstreitig. Damit kann auch die Möglichkeit, dass Verschiebungen in der Bevölkerungsstruktur dysgenische Wirkungen haben, nicht grundsätzlich geleugnet werden.

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In Gesellschaften mit besonders hoher Geburtenarmut der gebildeten Schichten - wie in Deutschland - hat der dysgenische Wirkungszusammenhang eine besonders hohe praktische Relevanz. Hier ist Darwins Mahnung zu beherzigen: »Wir müssen bedenken, dass der Fortschritt kein unabänderliches Gesetz ist.« Die qualitativen Verschiebungen in der Geburtenentwicklung Deutschlands und deren langfristige Folgen, nämlich

- relative Zunahme bildungsferner autochthoner Schichten

- Zunahme des Anteils bildungsferner Migranten

- starke Abnahme der Nachfahren bildungsnaher Schichten

- homogame Partnerwahl der bildungsnahen Schichten bewirken, dass der Anteil wie auch die Anzahl der intelligenteren Glieder in der deutschen Gesellschaft abnehmen wird, während der Anteil der nach heutigen Maßstäben unterdurchschnittlich Intelligenten wächst.

Das Muster des generativen Verhaltens in Deutschland seit Mitte der sechziger Jahre ist keine Darwinsche natürliche Zuchtwahl im Sinne von »survival of the fittest«, sondern eine kulturell bedingte, vom Menschen selbst gesteuerte Auswahl, die den einzigen nachwachsenden Rohstoff, den Deutschland hat, nämlich Intelligenz, relativ und absolut in hohem Tempo vermindert. Seltene Erden und Metalle, wie man sie beispielsweise für die moderne Batterietechnik braucht, gibt es ja nicht mehr in Deutschland und Europa. Die einzige Währung, mit der wir dafür an den Weltmärkten zahlen könnten, sind die Produkte unserer Intelligenz.

Leo Apotheker, der ehemalige Vorstandssprecher des Softwarekonzerns SAP, bemerkte 2009 zu den Aussichten Deutschlands:

»Es fehlen Ingenieure ..., alle jagen den paar deutschen Ingenieuren nach ... Wenn das so bleibt, bekommen wir hier ein Problem. In Indien und China dagegen verlassen jedes Jahr ca. 700 000 Ingenieure die Universitäten ... Talente zu finden, wird nach der Wirtschaftskrise die größte Herausforderung ...Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Ingenieure die am besten ausgebildeten der Welt sind und unsere Infrastruktur exzellent ist ... Die anderen holen auf. Wir müssen also immer besser werden, eine Alternative dazu gibt es nicht.«

05
Das wird nicht möglich sein ohne eine Umkehr in der demografischen Entwicklung.

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Soziale Schicht

Bevölkerungsentwicklung ist nicht einfach Wachstum oder Schrumpfung beziehungsweise Älterwerden oder Verjüngung. Vielmehr ändert sich die Zusammensetzung der Bevölkerung, und es ändern sich die kulturell überlieferten sowie die genetischen Eigenschaften, wenn sich unterschiedliche Teile der Bevölkerung mit unterschiedlicher Intensität fortpflanzen. Die Wirkungen der Migration auf die Zusammensetzung der Bevölkerung treten hinzu. Diese Themen stoßen auf ein merkwürdiges Desinteresse bei der demografischen Forschung. Man untersuchte alles Mögliche, nur nicht die Auswirkungen der unterschiedlichen Fruchtbarkeit nach Herkunft und sozialer Schichtung. Dabei ist diese Frage viel wichtiger als irgendwelche Feinheiten bei der Entwicklung der zusammengefassten Geburtenziffer.

In Deutschland ist zu beobachten, dass die Nettoreproduktionsrate der bildungsferneren Schichten beziehungsweise der Unterschicht über dem nationalen Durchschnitt, die Nettoreproduktionsrate der bildungsnahen Schichten beziehungsweise der Mittel- und Oberschicht dagegen darunter liegt.

Tabelle 8.7 Modellrechnung zur Verteilung der Geburten nach Bildungsstand ...

Zur Tabelle auf Seite 355           

Deutlich über dem Durchschnitt liegt auch die Nettoreproduktionsrate der muslimischen Migranten. Diese gehören in Deutschland zum überwiegenden Teil zur bildungsfernen Schicht beziehungsweise zur Unterschicht.

Im Mikrozensus 2008 hat das Statistische Bundesamt die Kinderzahl der Frauen nach Geburtsjahrgängen und Bildungsstand erhoben. Für die Jahrgänge, deren fruchtbare Phase abgeschlossen ist, kann man aus den Daten die Geburtenrate über die Lebenszeit und damit auch die Nettoreproduktionsrate abhängig vom Bildungsstand ermitteln. Für die Jahrgangsgruppe 1964 bis 1968 lasssen sich aus den Daten folgende endgültige Zahlen ermitteln:

- niedriger Bildungsstand 1,86 Kinder pro Frau
- mittlerer Bildungsstand  1,45 Kinder pro Frau
- hoher Bildungsstand     1,26 Kinder pro Frau

Unterstellt man Stabilität im Geburtenverhalten über einige Generationen hinweg, so entwickeln sich die Anteile an der Gesamtzahl der Geburten wie in Tabelle 8.7 dargestellt: In nur drei Generationen hat sich der Bevölkerungsanteil der unteren Gruppe verdoppelt und in vier Generationen der Anteil der oberen halbiert. Abweichungen in den Geburtenraten führen also sehr schnell zu Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur. Diese Mechanik wirkt immer dann, wenn die Nettoreproduktionsraten unterschiedlich sind, und zwar nach Größe des Unterschieds in unterschiedlichem Ausmaß.

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Man kann diese Daten zusätzlich mit dem IQ der verschiedenen Gruppen normieren: Wenn man unterstellt, dass in der Ausgangslage der durchschnittliche IQ aller Gruppen bei 100 und derjenige für die Gruppe mit dem hohen Bildungsstand bei 120 liegt, dann ergibt sich für die Gruppe mit dem mittleren Bildungsstand ein IQ von gut 96 und für die mit dem niedrigen Bildungsstand ein IQ von 85. Die Verschiebung der Bevölkerungsanteile zwischen den Gruppen bewirkt nun, dass der Durchschnitts-IQ der Bevölkerung in jeder Generation um gut einen Punkt sinkt und nach vier Generationen noch bei 95 liegt. Nach demselben Prinzip, nur in die andere Richtung, hat sich über Jahrhunderte hinweg der Anstieg des IQ bei den osteuropäischen Juden ergeben. An dieser Entwicklung ändert sich auch nichts, wenn man einen Austausch zwischen den Gruppen unterstellt, wie er auch tatsächlich ständig vorkommt: Den Intelligenteren und Tüchtigeren gelingt der Aufstieg aus dem niedrigen Schicht- und Bildungsstatus, andere steigen dafür ab. Vielmehr trägt diese Tatsache zusätzlich dazu bei, dass sich tendenziell der Mangel an Begabung unten und die Begabung oben konzentriert.

Die Problematik liegt in der schichtspezifisch unterschiedlichen Nettoreproduktionsrate. Diese führt zwingend dazu, dass sich der Anteil der weniger Tüchtigen und weniger Intelligenten von Generation zu Generation erhöht, solange die Gruppen je nach sozialer Stellung eine unterschiedliche Fruchtbarkeit haben. Eine andere Analyse könnte sich nur ergeben, wenn man davon ausgeht, dass es überhaupt keinen Zusammenhang zwischen den vererblichen Fähigkeiten einerseits, dem Bildungsstand und der sozialen Stellung andererseits gibt. Das wird aber wohl niemand behaupten wollen. Selbst wenn der Zusammenhang nur gering ausgeprägt ist, wirkt er in Verbindung mit schichtspezifisch unterschiedlichen Fruchtbarkeiten selektiv.

In der Unterteilung des Statistischen Bundesamtes bedeutet »hoher« Bildungsstand einen akademischen Abschluss, Fachschulabschluss oder Abschluss als Meister/Techniker. Die Problematik verschärft sich noch, wenn man allein den Hochschul- und Universitätsabschluss betrachtet. Hier liegt der Anteil der kinderlosen Frauen in der Jahrgangskohorte 40 bis 45 Jahre mittlerweile bei über 40 Prozent. In dieser Gruppe ist in den letzten Jahrzehnten auch die Kinderlosigkeit am stärksten gestiegen. Zwar ist überdurchschnittliche Kinderlosigkeit bei Akademikerinnen generell nichts Neues, aber das Gewicht des Phänomens steigt durch die doppelte Wirkung des steigenden Anteils der Frauen mit Universitätsabschluss und des steigenden Anteils der Kinderlosen unter ihnen.

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Noch krasser als bei der Gesamtheit der Frauen mit Universitätsabschluss ist allerdings die Entwicklung bei den wissenschaftlich Tätigen; 73 Prozent der im Mittelbau der Universitäten Tätigen in der Altersgruppe von 22 bis 44 Jahren haben keine Kinder, bei den Frauen sind es sogar 75 Prozent. Besonders wenige Kinder haben Paare, bei denen beide Wissenschaftler sind. Von den Professorinnen hat nur ein Drittel Kinder.

Soweit auch nur ein geringer Teil der menschlichen Intelligenz erblich ist - und es gibt keinen wissenschaftlich begründbaren Zweifel daran, dass der Erbanteil der Intelligenz bei mindestens 50 Prozent liegt -, führt eine unterdurchschnittliche Fruchtbarkeit der intelligentesten Frauen (die ja infolge der homogamen Partnerwahl mit einer unterdurchschnittlichen Fruchtbarkeit der intelligentesten Männer einhergeht) zwingend zu einem Absinken der durchschnittlich ererbten Intelligenz. Diese Entwicklung vollzieht sich natürlich graduell und wird darum leicht unterschätzt, aber graduell war auch die Entwicklung der Arten von der Amöbe zum Menschen.

Generell ist für Deutschland empirisch belegt, dass die Fruchtbarkeit der Menschen umso höher ist, je niedriger der Bildungsgrad, der sozioökonomische Status, das Einkommen und - kausal mit den drei Punkten zusammenhängend - die Intelligenz ist. Mit diesen dysgenischen Wirkungen müssen sich alle Industriegesellschaften auseinandersetzen. Die Wirkungen sind allerdings umso größer, je weiter die schichtabhängigen Geburtenraten auseinanderklaffen und je weniger Migration, soweit sie stattfindet, aufgrund ihrer Struktur kompensierend wirkt.

Migration

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Migration nimmt im Wesentlichen über zwei Kanäle auf die Demografie Einfluss: durch die unmittelbaren Wirkungen der Zu- und Abwanderung selber und durch die Geburten der Migranten und ihrer Nachfahren. Deutschland konnte auch deshalb über viele Jahrzehnte die Bedeutung des Geburtenrückgangs für die demografische Entwicklung verdrängen, weil sich mehrere Wellen von Einwanderern quasi ablösten: In den sechziger und siebziger Jahren kamen die Gastarbeiter und holten ihre Familien nach, in den achtziger und neunziger Jahren folgten die Aussiedler aus der Sowjetunion, aber auch aus Polen und Rumänien, zu Beginn der achtziger Jahre, und vor allem in den neunziger Jahren, kamen die Kriegsflüchtlinge und Asylanten.

Bei den jüngeren Frauen entfallen mittlerweile 40 Prozent der Geburten auf Frauen mit Migrationshintergrund, darunter sind wiederum ein Drittel Frauen mit Migrationshintergrund Nah- und Mittelost sowie Afrika. Diese Frauen stellen in der Altersgruppe der 15- bis unter 35-Jährigen 6,5 Prozent, auf sie entfallen aber 13,5 Prozent der Geburten in dieser Gruppe, also mehr als das Doppelte. Frauen mit anderem Migrationshintergrund machen 18,6 Prozent dieser Altersgruppe aus, auf sie entfallen 26,3 Prozent der Geburten. Der Anteil der Frauen ohne Migrationshintergrund beträgt demnach 74,9 Prozent, ihr Anteil an den Geburten aber nur 60,2 Prozent (Tabelle 8.8).

Der Anteil der Frauen mit muslimischem beziehungsweise afrikanischem Migrationshintergrund wächst in den jüngeren Altersgruppen rapide, und noch stärker wächst ihr Geburtenanteil. Interessant ist, dass der im Verhältnis zum Bevölkerungsanteil überdurchschnittliche Geburtenanteil mit den jüngeren Jahrgängen nicht fällt, sondern steigt. Zwar lässt sich für die Gruppe der Frauen mit türkischem Migrationshintergrund beobachten, dass die Geburtenzahlen bei den jüngeren Frauen, die in Deutschland geboren wurden, niedriger sind, doch das wird offenbar überkompensiert durch den »Importeffekt« der im Wege des Familiennachzugs zuziehenden Ehepartner.

Wie kolossal die Dynamik ist, die sich durch die Kombination von hohen Geburtenraten und weiterem Zuzug entwickelt hat, kann man daran ermessen, dass sich der Anteil der muslimisch/afrikanischen Migranten in der Altersgruppe 15 bis unter 35 Jahren dreieinhalbmal so hoch darstellt wie in der Altersgruppe 50 bis unter 75 Jahren, bei den Kindern dieser Altersgruppe sogar viermal so hoch.

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Tabelle 8.8 Geburtenanteile mit Migrationshintergrund ...

Zur Tabelle auf Seite 359

Selbst ein maßvoll erscheinender Zuzug von 100 000 Migranten pro Jahr bedeutet im Lauf einer Generation 3 Millionen Migranten, die Hälfte davon Frauen. Unterstellt man nun, dass der Durchschnitt der zugezogenen Migranten und der bereits in Deutschland lebenden Frauen mit Migrationshintergrund eine Nettoreproduktionsrate von eins hat, der Durchschnitt der übrigen Frauen in Deutschland aber eine solche von 0,65, so ergibt sich daraus in der Abfolge der Generationen eine grundsätzliche Verschiebung der Bevölkerungsanteile (Tabelle 8.9)

Es handelt sich bei der Tabelle, das muss betont werden, um eine Modellrechnung und nicht um eine Prognose. Es gibt nämlich keine wissenschaftlich zuverlässige Methode, Geburtenverhalten und Zuwanderung über mehrere Jahrzehnte verlässlich vorherzusagen. Die Modellrechnung bestätigt in der Tendenz die bereits zitierte Aussage von Vural Öger, im Deutschland des Jahres 2100 werde es 35 Millionen Türken und ungefähr 20 Millionen Deutsche geben. Wem diese dynamische Anteilsveränderung unwahrscheinlich erscheint, der möge in die Jahre 1980 oder 1965 zurückschauen: Die seitdem bereits eingetretenen Anteilsveränderungen in der Bevölkerungsstruktur sind in ihrer Dynamik exakt vergleichbar. Die obige Modellrechnung ist nichts als die mathematisch zwingende Folge unter drei Annahmen. Der jährliche Zuzug liegt bei 100 000 Menschen, die Nettoreproduktionsrate der Migranten aus Nah- und Mittelost sowie Afrika bei eins und die durchschnittliche Nettoreproduktionsrate der übrigen Bevölkerung beträgt 0,65. Trifft man andere Annahmen - etwa dass die Zuwanderung über 100 000 Menschen jährlich liegt, dass ein Teil der jüngeren Deutschen abwandert, dass der Unterschied der Nettoreproduktionsraten größer ist -, sind die Relationsverschiebungen noch viel krasser. In der Modellrechnung wird eine Zuwanderung ausschließlich aus Nah- und Mittelost sowie Afrika unterstellt, denn nur das ist realistisch, weil Deutschland aus den bereits dargestellten Gründen für andere Zuwanderergruppen nicht in Frage kommen wird. Kühn in ihrem Optimismus und hinsichtlich der Größenordnung eher vorsichtig ist die Annahme, die Zuwanderung ließe sich auf 100 000 Menschen jährlich begrenzen. Werden es mehr, was viele glauben, dürfte die obige Modellrechnung äußerst blauäugig sein.

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Dass die autochthonen Deutschen innerhalb kurzer Zeit zur Minderheit in einem mehrheitlich muslimischen Land mit einer gemischten, vorwiegend türkischen, arabischen und afrikanischen Bevölkerung werden, wäre die logische und zwingende Konsequenz aus dem Umstand, dass wir als Volk und Gesellschaft zu träge und zu indolent sind, selbst für ein bestanderhaltendes, unsere Zukunft sicherndes Geburtenniveau Sorge zu tragen, und diese Aufgabe quasi an Migranten delegieren. Ein Zyniker könnte argumentieren: Die können dann auch all die anderen niedrigen Arbeiten verrichten, die viele Deutsche - wie die Zeugung und Aufzucht von Kindern - nicht gerne selber erledigen. Ganz nebenbei wirkt der Strom der Migranten lohndrückend, da diese in Konkurrenz zur deutschen Unterschicht treten. Die deutsche Mittel- und Oberschicht lebt dagegen kinderlos oder kinderarm und komfortabel in ihren Vorstadtvillen und schmucken Altbauwohnungen. Sie registriert nicht einmal, dass sich das Land infolge der demografischen Entwicklung bis zur Unkenntlichkeit verändert, dass es sich selbst aufzugeben droht - um das Mindeste zu sagen. Wenn sie es merkt, könnte es zu spät sein. Wie sagt Hegel so poetisch und so dunkel: »Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.«

Religion

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Häufig wird behauptet, dass sich die Fertilität von Migranten mit der Angleichung der Mentalitäten und Lebensgewohnheiten schnell der Fertilität im Gastland annähere. Dies trifft nach den Beobachtungen in Deutschland bei den Migranten aus der EU und aus Osteuropa zu. Bei den muslimischen Migranten verhält es sich allerdings anders. Nicht nur, dass bei diesen die gesamte kulturelle Anpassung recht zögerlich verläuft - soweit sie überhaupt stattfindet (es wurde die teilweise sogar rückläufige Entwicklung in der zweiten Generation mehr als ausgeglichen durch die Effekte des Familiennachzugs). Aber auch ein anderer Faktor mag eine Rolle spielen, nämlich die recht starke Religiosität der muslimischen Migranten, eine Erscheinung, die in der jungen Generation sogar noch zuzunehmen scheint.

Der Zusammenhang zwischen Fertilität und Religiosität ist seit langem bekannt. Meistens wurde er auf den traditionalen Charakter von Gesellschaften mit hoher Religiosität zurückgeführt. Die Verweltlichung der Gesellschaft und der Geburtenrückgang erschienen dann als zwei Teilaspekte ein und desselben gesellschaftlichen Modernisierungsvorgangs. Das scheint aber bestenfalls eine Teilwahrheit zu sein. So ist auffallend, dass in den USA besonders religiöse Gruppen wie die Evangelikalen oder die Mormonen eine überdurchschnittliche Geburtenrate haben, was wenigstens teilweise den Umstand erklären mag, dass in den USA trotz des fast vollständigen Fehlens einer staatlichen Familienpolitik die Nettoreproduktionsrate der ansässigen Bevölkerung über alle Gruppen hinweg bei eins liegt.

Unterschiedliche Untersuchungen in unterschiedlichen Ländern belegen weltweit auch für die heutige Zeit einen positiven Zusammenhang zwischen Religiosität und Fertilität. Der Religionswissenschaftler Michael Blume konnte zeigen, dass mit der Religiosität die Zahl der Kinder umso mehr steigt, je bindungsstärker die Religionsgemeinschaft ist, der die Menschen angehören, und das gilt umso mehr, je stärker sie sich ihr zugehörig fühlen. Blume versucht zu belegen, dass dieser Zusammenhang über die Zeiten hinweg systematisch besteht: Je säkularer und glaubensferner ein Volk oder eine soziale Gruppe ist, umso niedriger ist auch die Geburtenrate.

Religion war niemals zu trennen vom Tod und von der Entstehung des Lebens, damit auch nicht von Sex und Fortpflanzung. Die Erhaltung und Vermehrung des Lebens war zu allen Zeiten ein religiöses Gebot. Religiöse Bindung stärkt das Gruppenverhalten, fördert den Altruismus und lenkt den Blick generell mehr auf jene Werte und Ziele, die das eigene Ich transzendieren. Wenn die von Blume schlüssig begründete und sauber belegte Verbindung zwischen Religiosität und generativem Verhalten tatsächlich besteht, so hätte dies zur Folge, dass sich die demografischen Gewichte immer wieder neu zu religiösen Gruppen hin verschieben, wobei dahingestellt bleiben mag, ob Religiosität durch die soziale Überlieferung und den kulturellen Kontext vermittelt wird oder ob auch eine genetische Komponente eine Rolle spielt. Letzteres ist wahrscheinlich, da es zu allen Zeiten unter allen Menschen irgendeine Form von Religiosität gab. Wie immer die Erklärung auch lautet, die rein empirische Tatsache, dass die Nettoreproduktionsrate mit der Religionsnähe steigt, ist vielfach belegt. Ein besonders starker Beleg ist die von Michael Blume vorgenomrnene Auswertung der Schweizer Volkszählung vom Jahr 2000. Die Teilnahme war gesetzlich verpflichtend. Über 96 Prozent der Schweizer gaben dabei ihre Religionszugehörigkeit an. Differenziert nach der Zahl der Lebendgeborenen je Frau ergab sich dabei folgendes Bild:

Zur Tabelle Seite 363

Hinduismus 2,79
Islam 2,44
jüdisch 2,06
freikirchlich 2,04
Evangelikale 2,02
Schweizer Durchschnitt 1,43
römisch-katholisch 1,41
evangelisch-reformiert 1,35
keine Religion 1,11

Blume behauptet: »In einem gewissen Sinne wächst Religiosität ... auch nach Perioden der Säkularisierung immer wieder in neuen Formen nach, sowohl durch demografisch erfolgreich adaptierte religiöse Minderheiten im Inneren wie durch (meist aus religiös-kinderreicheren Familien stammende) Zuwanderung. Und diese Befunde sind natürlich auch für die Evolutionsforschung des Menschen außerordentlich interessant, legen sie doch nahe, dass auch Religiosität als erfolgreiches, genetisch veranlagtes Merkmal evolviert sein könnte - und weiter evolviert.« Und Friedrich August von Hayek, selbst ein Agnostiker, schrieb der religiösen Gesinnung einen natürlichen Selektionsvorteil zu, wenn sie Altruismus, die Existenz der Familie und Sondereigentum befördert, mithin Sachverhalte, die günstig sind für die weitere kulturelle und wirtschaftliche Enrwicklung.

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Die vergleichsweise starke Religiosität der Muslime in Deutschland macht es wahrscheinlich, dass deren Fruchtbarkeit dauerhaft über dem deutschen Durchschnitt liegen wird. Umgekehrt bedeutet der hohe und wachsende Anteil konfessionsloser Menschen unter den Deutschen einen dauernden Druck auf die deutsche Geburtenrate. Die Schweizer Verhältnisse lassen sich durchaus auf Deutschland übertragen: Bei den Konfessionslosen gibt es nur 1,11 Lebendgeborene je Frau gegenüber 1,43 im Schweizer Durchschnitt, 2,02 bis 2,06 bei den Evangelikalen, Freikirchlichen und Juden und 2,44 bei den Muslimen.

06
Ein kleines Bevölkerungsmodell

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Tabelle 8.10 Migrantenanteil und Schichtzugehörigkeit ...

Zur Tabelle auf Seite 365

Die Zahlen lassen es gerechtfertigt, ja geradezu geboten erscheinen, eine höhere Fruchtbarkeit der Bevölkerung muslimischen Glaubens als langfristig stabilen Trend zu konstatieren. Daneben besteht der ebenfalls langfristig stabile Trend, dass Menschen mit niedriger Bildung eine überdurchschnittliche und Menschen mit hoher Bildung eine unterdurchschnittliche Geburtenrate haben. Kombiniert man die beiden bereits durchgeführten Modellrechnungen für die Bevölkerungsstruktur nach der sozialen Schichtung und dem Migrantenanteil, so ergibt sich die in Tabelle 8.10 aufgeführte Entwicklung.

Der wachsende Geburtenanteil der muslimischen Migranten führt übrigens dazu, dass der Rückgang der Bevölkerung nach einigen Generationen ausläuft und ein neues Wachstum einsetzt. Wie sich dies in den einzelnen Bevölkerungsgruppen auswirkt, zeigt Tabelle 8.11. Es soll noch einmal betont werden, dass es sich um eine reine Modellrechnung und keine Projektion oder gar Prognose handelt. Wenn man dennoch unterstellt, dass es bei der gegenwärtigen Nettoreproduktionsrate der Menschen mit hoher Bildung bleibt, dann sinkt ihr Anteil von heute 21 Prozent nach drei Generationen auf 5,9 Prozent, ihre absolute Zahl geht um 83 Prozent auf rund 17 Prozent des heutigen Bestandes zurück. Das Problem ist dabei nicht, dass die Zahl der Nachfahren von Menschen mit hoher Bildung von Generation zu Generation schrumpft. Das wäre nicht so wichtig, wenn alle Menschen gleich begabt wären, dann wäre Bildung nämlich eine reine Erziehungsfrage. Da Bildungsgrad und erbliche Intelligenz aber in einem befruchtenden Zusammenhang stehen, muss es mit der Zeit abträglich für das intellektuelle Potential der Bevölkerung sein, wenn Menschen mit hohem Bildungsgrad andauernd eine unterdurchschnittliche und Menschen mit niedrigem Bildungsgrad andauernd eine überdurchschnittliche Fertilität haben.

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Die Modellrechnung macht ferner deutlich, dass jedes Geburtendefizit - mögen die Fertilitätsraten der einzelnen Gruppen auch noch so unterschiedlich sein - sich allmählich selbst abbremst. Der Geburtenanteil der Gruppen mit höherer Fertilität nimmt nämlich zu und hebt damit auch die durchschnittliche Geburtenrate, während der Anteil der Gruppen mit niedriger Fertilität unwiderruflich sinkt, häufig auf einen infinitesimalen oder sehr niedrigen Wert - im Beispiel unserer Modellrechnung der Anteil der Nachfahren der Bevölkerungsgruppe mit hoher Bildung.

07
Weshalb Einwanderung für Deutschland keine Lösung ist

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Wachstum oder Schrumpfung einer Bevölkerung haben für sich genommen keinen Eigenwert. Die natürliche Bevölkerungsentwicklung ergibt sich aus der Entwicklung der Sterblichkeit und der freien Entscheidung der Menschen über die Zahl ihrer Kinder und den Zeitpunkt ihrer Geburt. Das ist grundsätzlich auch gut so. Zum legitimen Objekt für staatliches Handeln wird die Bevölkerungsgröße - lässt man außenpolitische, militärische und machtpolitische Überlegungen außer Acht - aber in zwei Fällen:

1. Wenn das natürliche Bevölkerungswachstum die Möglichkeiten eines Landes übersteigt, alle Einwohner zu ernähren und angemessen zu versorgen.

2. Wenn durch Schrumpfung der Bevölkerung die notwendige Balance zwischen den Erwerbsfähigen und den nicht (mehr) Erwerbsfähigen gefährdet ist.

Der erste Fall betrifft viele Entwicklungsländer. Eine ebenso rabiate wie effiziente Maßnahme war hier die Ein-Kind-Politik Chinas. Mit dem zweiten Fall ist eine Reihe alternder Industriestaaten konfrontiert, darunter auch Deutschland. In Zeiten des Booms und Arbeitskräftemangels wirkte der Import von Arbeitskräften kurzfristig entlastend und steigerte den Wohlstand der Einheimischen. Diese Erfahrung machten die Deutschen in den sechziger und der ersten Hälfte der siebziger Jahre. Zweifel am Erfolg des Unternehmens stellten sich ein, als es um die Folgen ging, nämlich volle Integration der Gastarbeiter in den deutschen Sozialstaat und Familiennachzug.

Grundsätzlich kann man sagen, dass gut gebildete migrantische Arbeitskräfte, die ihr Leben lang in Deutschland arbeiten oder nach Beendigung ihrer Beschäftigung Deutschland wieder verlassen, einen positiven Beitrag leisten. Jedenfalls wenn auch die Familien, die sie mitbringen oder nachholen, ausreichende Integrationsbereitschaft und Leistungsfähigkeit zeigen. Umgekehrt verursachen migrantische Gruppen mit unterdurchschnittlicher Erwerbsbeteiligung und überdurchschnittlicher Transferabhängigkeit fiskalisch mehr Kosten als Nutzen. Hinzu kommen die kulturellen Anpassungslasten, die nach Herkunft der Migranten unterschiedlich groß sind.

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Australien, Kanada und die USA nutzen die Möglichkeit, ihre Einwanderer nach Herkunftsland, Qualifikation und Vermögen handverlesen auszuwählen. In Kanada sind die Einwanderer durchschnittlich qualifizierter als die Einheimischen und heben so das intellektuelle wie auch das Qualifikationsniveau entsprechend. In Deutschland und in den meisten europäischen Ländern ist das nicht der Fall, weil sie viel weniger attraktiv sind für qualifizierte Einwanderer und daher nicht die Besten anlocken. Lediglich Großbritannien hat aufgrund der Sprache bessere Chancen, und Spanien ist aus demselben Grund attraktiv für Einwanderer aus Südamerika. Für das übrige Europa und Deutschland bleibt im Wesentlichen die muslimische Einwanderung aus Nah- und Mittelost sowie Afrika. Diese Einwanderer sind wenig qualifiziert und bildungsfern, sie werden vor allem angezogen durch die Sozialtransfers in Europa, und sie haben einen völlig anderen kulturellen Hintergrund.

Die international vergleichbaren Pisa-Ergebnisse machen es möglich, die Leistungen von Migrantenkindern international miteinander zu vergleichen: Die mathematische Kompetenz war im Pisa-Test von 2003 so normiert, dass der OECD-Durchschnitt bei 500 Punkten lag. Auf der Basis von Pisa 2003 wurde in einer Querschnittsuntersuchung die mathematische Kompetenz der Kinder von Migranten in 13 Bestimmungsländern, die aus 15 Herkunftsländern kamen, untersucht. Die Ergebnisse zeigt die Tabelle 8.12 (zur Interpretation der Zahlen muss man wissen, dass 25 Punkte etwa dem Kompetenzunterschied eines Schuljahres entsprechen). Welten trennen die mathematische Kompetenz eines Migrantenkindes aus Vietnam, China oder Indien von jener eines Migrantenkindes aus Pakistan oder der Türkei. Die unterschiedliche Struktur der Immigration in den Bestimmungsländern hat zur Folge, dass sich die durchschnittlichen Kompetenzprofile der Migranten je nach Bestimmungsland stark unterscheiden. Die qualifizierte Immigration in anderen Ländern erhöht dort die durchschnittliche Kompetenz (und wahrscheinlich auch Intelligenz), in Deutschland ist es dagegen umgekehrt. Bemerkenswert ist die Eindeutigkeit, mit der international Migranten aus Ostasien in der mathematischen Kompetenz an der Spitze und solche aus muslimischen Ländern am Ende stehen. Ein Beitrag zur Erhöhung des Kompetenzniveaus im Land ist muslimische Einwanderung also nicht.

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Aufgrund des unterschiedlichen kulturellen Hintergrundes nehmen Konflikte,

Tabelle 8.12 Pisa-Punktwerte von Migrantenkindern 2003

Zur Tabelle auf Seite 368

Reibungsverluste und Unzuträglichkeiten mit einem wachsenden Anteil muslimischer Migranten an der Bevölkerung progressiv zu. Da diese Migranten vorwiegend in den Städten und dort gerne in ethnischen Vierteln leben, würde eine weitere nennenswerte muslimische Einwanderung bedeuten, dass diese in einer wachsenden Zahl von Städten und Gemeinden zur Mehrheit werden. Das deutet sich bereits heute in vielen Städten und Gemeinden Deutschlands an. Leider gibt es dazu keine Statistiken und zuverlässigen Untersuchungen, die generalisierende quantitative Rückschlüsse zulassen. Aber der Augenschein bestätigt, dass es Hunderte von Vierteln wie Duisburg-Marxloh und Berlin-Neukölln gibt.

In den niederländischen Gemeinden werden Bevölkerungsbestand und Geburten nach Autochthonen und Allochthonen getrennt erfasst. Bereits 2003 hatte Amsterdam eine migrantische Bevölkerung von 47 Prozent, auf die 56 Prozent aller Geburten entfielen. Eine kontinuierliche Berichterstattung über die Entwicklung solcher innerstädtischer ethnischer Strukturen fehlt in Deutschland. Vorhandene Untersuchungen zeigen immerhin, dass türkische Staatsbürger sich am stärksten segregieren und dass »ein deutlicher Zusammenhang zwischen Ausländeranteil, Sozialhilfebezug und Arbeitslosigkeit in Wohnvierteln« besteht.

Deutschland wird sich kulturell bis zur Unkenntlichkeit verändern, wenn wir einer Entwicklung freien Lauf lassen, die dazu führen kann - und wahrscheinlich führen wird -, dass die großen Städte Deutschlands, vielleicht aber auch das ganz Land, nach wenigen Generationen von einer muslimischen Mehrheit türkischer, arabischer und afrikanischer Herkunft bewohnt wird. Nationale Identität und gesellschaftliche Stabilität bedürfen aber einer gewissen Homogenität in Werthaltungen und akzeptierten kulturellen Überlieferungen. Und es gilt die Mahnung von Stefan Luft: »Der Staat muss Gesetzesgehorsam verlangen, er wird aber zur Gesinnungsdiktatur, wenn er im Namen der Toleranz die Anerkennung bestimmter >Werte< verlangt, obwohl er dafür keine gesetzliche Grundlage hat.« Dieses Problem wird umso drängender, je höher der Anteil der Migranten mit anderer Wertestruktur ausfällt. Lösbar ist es nur, indem man das rapide Wachstum dieser Bevölkerungsanteile begrenzt.

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Viele muslimische Migranten tun sich besonders schwer damit, sich aus der frommen Tyrannei der Tradition zu lösen und die kulturelle Fremdheit in der neuen Umgebung zu überwinden. Kulturelle Überlieferungen kommen von den Eltern auf die Kinder und ändern sich umso langsamer - wenn überhaupt -, je größer die Migrantengruppe im Verhältnis zur autochthonen Bevölkerung ist. Amerikanische Untersuchungen belegen, dass die Meinungen der zweiten Generation von Immigranten zum Beispiel über Fragen der Umverteilung stark beeinflusst sind von Meinungen, die in den Ländern dominieren, aus denen ihre Eltern stammen. Das gilt selbst dann, wenn man Einflüsse wie Alter, Einkommen und Erziehung ausklammert. Dabei umfasst kulturelle Überlieferung keineswegs nur messbare »Ansichten«, sondern auch Mentalitäten, grundsätzliche Lebenseinstellungen, Werthaltungen, Weltsichten. Die Besorgnis von Herwig Birg, es könne ein »Kulturbruch« eintreten, wenn sich muslimische Bevölkerungsanteile über ein bestimmtes Maß hinaus erhöhen, erscheint durchaus realistisch.

Die kulturelle Fremdheit muslimischer Migranten könnte relativiert werden, wenn diese Migranten ein besonderes qualifikatorisches oder intellektuelles Potential verhießen. Das ist aber nicht erkennbar. Dass Einwanderung keine Lösung ist, sondern in der europäischen Variante das Problem weiter verschärft, wurde im letzten Kapitel dargelegt. Es ist nämlich keineswegs gleichgültig, wer zuwandert. Die für die Einwanderung nach Deutschland relevanten Herkunftsgebiete - Türkei, Nah- und Mittelost, Nordafrika - weisen sowohl bei den Pisa-Studien als auch bei den TiMSS-Studien (International Mathematics and Science Study) sehr niedrige Werte aus, die zur Schulleistung der entsprechenden Migrantengruppen in den Bestimmungsländern passen.

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Die beruflichen Qualifikationen wie auch die schulischen Leistungen ordnen die muslimischen Migranten selbst in der zweiten Generation hinsichtlich Qualifikation und Bildungspotential überwiegend der deutschen Unterschicht zu. Durch weitere Migration aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie aus Afrika vergrößern sich die strukturellen Probleme noch, die wir schon heute damit haben, dass der Anteil der intellektuell weniger leistungsstarken Schichten in Deutschland demografisch bedingt kontinuierlich zunimmt. Darüber hinaus wird immer wieder verdrängt, dass die Einwanderung nach Deutschland in den letzten Jahrzehnten nicht Einwanderung in die Erwerbstätigkeit, sondern überwiegend Einwanderung ins Sozialsystem war: Von 1970 bis 2003 stieg die Zahl der Ausländer in Deutschland von 3 auf 7,3 Millionen. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Ausländer blieb dagegen mit 1,8 Millionen konstant. Das deutsche System der Grundsicherung - so konstruiert, dass in Deutschland jeder mindestens 60 Prozent des mittleren Einkommens hat - verschafft den muslimischen Migranten in Deutschland anforderungsfrei und ohne Arbeit ein Einkommen, das nach den Maßstäben ihrer Heimat nur als traumhaft bezeichnet werden kann. Damit sind auch die Einkommensansprüche dieser Migranten von Anfang an großenteils weit über ihrem Qualifikationsniveau angesiedelt, ihre hohe Arbeitslosigkeit ist damit vorprogrammiert.

Wer aus Afrika, Nah- und Mittelost nach Deutschland einwandert, will seinen Lebensstandard verbessern. Das garantiert ihm das deutsche Sozialsystem auch ohne Arbeit. Wer dagegen in die USA oder nach Kanada einwandert, weiß genau, dass ihm nur seine Hände und sein Kopf zu einem besseren Leben verhelfen können. Wer sich wenig zutraut oder Anstrengungen nicht auf sich nehmen will, wird in diese Länder nicht einwandern. Die Einwanderer stellen dort also eine positive Auslese dar. Das ist in Deutschland und Europa nicht der Fall. Nach Deutschland einzuwandern lohnt sich auch für Unfähige und Faule, sofern ihr Heimatland nur arm genug ist.

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All diese Schwierigkeiten laden wir uns auf, obwohl Migration nicht einmal das Kernproblem lösen kann, das sie nach Meinung vieler lösen soll, nämlich für einen strukturellen Ausgleich des Geburtenrückgangs zu sorgen. Bereits 2000 zeigte eine UNO-Studie, dass der beständige Rückgang der erwerbsfähigen Bevölkerung in Deutschland nur durch jährlich knapp 500 000 Einwanderer aufgehalten werden könnte. Die seit 1996 Eingewanderten und ihre Nachfahren würden dann in Deutschland bereits 2050 einen Bevölkerungsanteil von annähernd 36 Prozent erreichen. Hätte man das Ziel, die Relation von alten Menschen zu Menschen im erwerbsfähigen Alter durch Einwanderung konstant zu halten, so betrüge der Anteil der seit 1996 Eingewanderten und ihrer Nachfahren an der Bevölkerung in Deutschland zur Jahrhundertmitte bereits 80 Prozent. Der künftige Mangel an qualifizierter Jugend ist bei der Struktur unserer Einwanderer aber auch unabhängig von ihrer Menge nicht zu lösen:

»Einwanderer ohne Hochschulabschluss und selbst länger arbeitende einheimische Akademiker können nämlich eines nicht - die kritische Masse begabter junger Leute bereitstellen, die von klein auf mit High-Tech heranwachsen, souverän mit ihr umgehen und sie dann ehrgeizig und voller Ungeduld auf neue Höhen führen wollen ... Nichtgeborene vollwertig zu ersetzen, ist kaum einfacher als Tote aufzuwecken.«

Vor dem Hintergrund dieser Fakten und Zusammenhänge mutet das von manchen Okonomen gern geübte allgemeine Lob der Migration naiv an. Manche Dinge lassen sich eben nur beurteilen, indem man sich über konkrete Fakten und Zusammenhänge beugt; allgemeines Gerede führt da nicht weiter.

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Für eine Übergangszeit von mehreren Jahrzehnten sind die demografischen Strukturverschlechterungen, die sich aus dem bereits eingetretenen Geburtenrückgang ergeben, nicht mehr aufzuhalten. Die Alterslastquote wird sich bis 2060 in jedem Fall dramatisch zum Schlechteren verändern. Selbst wenn ab sofort der Wanderungssaldo in Deutschland bei null läge, würde sie nicht viel schlechter sein. Das ist das überraschende Ergebnis der bereits angeführten Modellrechnung des Statistischen Bundesamtes (siehe Tabelle 8.6, Seite 343). Die einzige sinnvolle Handlungsperspektive kann daher nur sein, weitere Zuwanderung aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie aus Afrika weitgehend zu unterbinden. Dies erfordert freilich auch, dem hohen und in Zukunft wohl noch wachsenden Einwanderungsdruck mit Energie entgegenzutreten.

08
Weshalb die Nettoreproduktionsrate kein Schicksal sein darf

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Die Fremden, die Frommen und die Bildungsfernen sind in Deutschland überdurchschnittlich fruchtbar. Im Falle der muslimischen Migranten sind die drei Gruppen weitgehend deckungsgleich. Das wäre weniger schlimm, wenn nicht gleichzeitig die deutsche Bevölkerung mit mittlerer und hoher Bildung in jeder Generation um ein Drittel schrumpfen und zu den in Tabelle 8.ii (Seite 365) dargestellten absurden Verschiebungen in der Bevölkerungsstruktur führen würde.

Die Folgen für Deutschlands intellektuelles und technisches Potential, seinen Lebensstandard und seine Stellung in der Welt liegen auf der Hand. Wenn es so weitergeht, sind in einigen Generationen allerdings nur noch wenige Deutsche da, die das betrauern können. Herwig Birg befürchtet, »dass der demografische Niedergang Deutschlands (und Europas) rückblickend einmal als ein Vorzeichen für den Abschied unseres Landes aus seiner tausendjährigen Geschichte gedeutet werden könnte, ohne dass die Gefahr den heutigen Zeitgenossen überhaupt bewusst war«.

Birg ist pessimistisch: »Da politische Macht in einer Demokratie durch Wahlen errungen wird, für deren Erfolg sich das Versprechen einer sorglosen Zukunft als geeignetes Mittel erwiesen hat, ist die Verdrängung der demografischen Probleme zu einer heimlichen überparteilichen Staatsräson unseres demokratischen Wohlfahrtsstaats geworden.« Es kann einiges anders kommen, wenn die Nettoreproduktionsrate der deutschen Mittelschicht und insbesondere der Bevölkerung mit hohem Bildungsstand wieder steigt. Auch ohne Einwanderung könnte der Trend zur Vergreisung umgekehrt und in zwei Generationen wieder eine günstigere Bevölkerungsstruktur erreicht werden, weil sich auch die Intelligenten nicht mehr unterdurchschnittlich fortpflanzen. Dazu wird es aber nur kommen, wenn, ja wenn die Deutschen ziemlich rasch und recht radikal ihr Geburtenverhalten ändern, und das heißt, dass die Unterschicht weniger Kinder bekommt und die Mittel- und Oberschicht deutlich mehr als bisher.

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Hebel und Ansatzpunkte dafür gibt es, man muss sie allerdings auch bedienen wollen. Dafür sehe ich in Deutschland gegenwärtig leider weder gesellschaftliche noch politische Mehrheiten. Man hält es lieber mit der von Birg beklagten Verdrängung. In wenigen Jahrzehnten, wenn die prognostizierten Bevölkerungsverschiebungen in voller Entfaltung sind, wird es aber zu spät sein. Jede der denkbaren Maßnahmen, die einen Umschwung bewirken könnten, trägt einen Widerspruch in sich. Fast alle können bei entsprechendem Blickwinkel als politisch anstößig bezeichnet werden.

Voraussetzung für jede tatsächliche Änderung ist ein gesellschaftlicher und politischer Konsens dahingehend, dass es dringend, zwingend und alternativlos ist, die Geburtenrate in Deutschland erheblich zu steigern und gleichzeitig die Anteile der Mittel- und Oberschicht an den Geburten deutlich zu erhöhen. Wenn darüber Einigkeit herrscht, lässt sich ganz anders über die zu ergreifenden Maßnahmen diskutieren. Ohne solch einen Konsens wird alles zerredet werden und an inneren Widersprüchen scheitern.

Der schwedische Soziologe Gunnar Myrdal hat sich am Beispiel seines Heimatlandes bereits in den 1930er Jahren intensiv damit auseinandergesetzt, dass eine entwickelte westliche Gesellschaft in der Summe die Tendenz hat, weniger fruchtbar zu sein, als es für die Nachhaltigkeit ihres Fortbestandes notwendig wäre, und er hat sich auch damit auseinandergesetzt, dass es darüber hinaus nicht gleichgültig ist, wer die Kinder bekommt.

09
Sozialisation und die Logik des gelebten Lebens

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Die bürgerliche westfälische Familie Sarrazin, der ich väterlicherseits entstamme, ist im 19. Jahrhundert stark gewachsen. Das nahezu einheitliche Muster der Familiengründung lässt sich anhand des Familienarchivs gut verfolgen: Die jungen Männer machten eine Ausbildung und erste berufliche Schritte, bis sie eine auskömmliche Anstellung hatten. Im Alter zwischen 27 und 32 hielten sie um die Hand einer Tochter aus gutem Hause an, also um ein Mädchen mit guter Erziehung und einer gewissen Mitgift. Die jungen Frauen waren mindestens 19, aber kaum älter als 25 Jahre. Dann kamen in rascher Folge vier bis sieben Kinder, und wenn die Frau Anfang bis Mitte 30 war, war die Phase der Familienbildung abgeschlossen. Scheidungen sind mir aus dem Familienarchiv nicht überliefert. Mütterlicherseits war das Muster bei meinen Vorfahren ähnlich, und es setzte sich fort bis zur Generation meiner Eltern.

Im 19. Jahrhundert konnte keine Rede davon sein, dass die gebildeten Schichten unterdurchschnittlich fruchtbar waren, im Gegenteil: Ein erstaunlich großer Teil der Menschen heiratete gar nicht, weil er nicht die Mittel zur Gründung einer Familie hatte, und die Kindersterblichkeit unter den Armen war hoch. Wer heiratete, hatte allerdings umso mehr Kinder. In einer Hinsicht stand die DDR noch in der Tradition des 19. Jahrhunderts; Die Frauen bekamen früh Kinder, selbst die Studentinnen und späteren Akademikerinnen, und zwar großenteils noch während des Studiums. Das hatte sogar Vorteile, denn man erhielt eher eine Wohnung. Überdies gab es genügend Kitas und Krippenplätze, so dass man trotz Kindern studieren konnte. Das in der Bundesrepublik seit Jahrzehnten bekannte Phänomen, dass Frauen mit hoher Bildung weniger Kinder bekommen, kannte man in der DDR nicht. Es »lohnte« sich dort aber auch nicht, Kinder zu bekommen und auf diese Weise durch Geldleistungen den Lebensstandard zu verbessern. Die Grundbedürfnisse waren für alle gedeckt, und kaufen konnte man nicht so viel. Darum gab es auch keine überdurchschnittliche Geburtenhäufigkeit in der Unterschicht.

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Die im Verhältnis zur alten Bundesrepublik höhere Fruchtbarkeit der Gebildeten und niedrigere Fruchtbarkeit der Unterschicht wirkten sich günstig auf die durchschnittliche Intelligenz in der DDR aus. Der Intelligenzforscher Volkmar Weiss schätzt den Durchschnitts-IQ der zuletzt in der DDR geborenen Kinder wegen der Zusammensetzung der Elternschaft auf 102, für die heute in Gesamtdeutschland Geborenen schätzt er wegen des hohen Unterschichtanteils die durchschnittliche Intelligenz auf 95 Punkte (siehe Kapitel 3, Anmerkung 79).

Ganz anders ist die Lebenslage im heutigen Deutschland, wie zwei typische Fallbeispiele deutlich machen:

-  Fall 1:

Wenn ein Mädchen die Hauptschule nicht abschließt oder keine Berufsausbildung macht und in jungen Jahren ein Kind bekommt, wird es über die Grundsicherung mit Wohnung und Familieneinkommen ausgestattet, mit oder ohne Arbeit, mit oder ohne Partner, mit einem oder mehreren Kindern. Ein bescheidener Lebensstandard ist gesichert, und er verbessert sich mit jedem Kind. Zu beobachten ist eine überdurchschnittliche Fruchtbarkeit der transferabhängigen oder jedenfalls in prekären Verhältnissen lebenden Unterschicht sowie der Gruppe der Bildungsfernen. Zieht die Frau mit einem Partner zusammen, verschlechtert sich aus Gründen der Transferarithmetik der Lebensstandard. Das System prämiert das Fernbleiben vom Arbeitsmarkt und das Alleinerziehen, und es bestraft die traditionelle Familienstruktur.

- Fall 2:

Eine Abiturientin absolviert ein Studium in der in Deutschland üblichen Studienzeit, macht Examen und etabliert sich im Beruf. Jetzt ist sie 28 bis 30 Jahre alt und sucht einen Partner. Wenn sie eine Familie gründet, so ist sie in dem Alter, in dem Frauen früher das dritte, vierte oder fünfte, jedenfalls das letzte Kind bekamen. Die sogenannte biologische Uhr tickt, da bereits die Hälfte der fruchtbaren Jahre, also die Zeit zwischen dem 15. und dem 49. Lebensjahr, verstrichen ist und weil vor allem ab Mitte 20 die Empfängniswahrscheinlichkeit von Jahr zu Jahr sinkt. Wenn dann das erwünschte Kind kommt, ist vielleicht noch Zeit und Kraft für ein zweites, aber nicht mehr für ein drittes oder viertes Kind.

In beiden Fällen ist es nicht leicht, vorhandene Muster zu überwinden, denn wo sollte das Motiv für die Betroffenen liegen? Die junge Frau ohne abgeschlossene Ausbildung hat keine anderen Perspektiven, die sich aufdrängen. Wenn sie wenig Ehrgeiz hat und nicht sehr intelligent ist, wird sie darin kein Problem sehen. Mit Not und Schande ist ihre Lebenslage ja nicht verbunden. Mit mehr Intelligenz und Ehrgeiz wäre sie allerdings nie in diese Lage gekommen. Auf der anderen Seite weiß die Abiturientin/Hochschulabsolventin, dass die Ehe keine lebenslange Versorgung mehr verspricht. Sie möchte im Regelfall auch einen mindestens gleichrangigen Partner, was die Partnersuche für gebildete, erfolgreiche Frauen besonders schwierig macht, und sie wird nur begrenzt bereit sein, ihre eigene berufliche Zukunft der Familiengründung unterzuordnen. Das logische Resultat ist ein Anteil Kinderloser von 30 bis 40 Prozent und eine Nettoreproduktionsrare von um die 5,5 in der Gruppe der Gebildeten.

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Generell bewirkt die Sozialisation in der modernen Gesellschaft, dass die Optimierung des eigenen Lebenslaufs - Selbstverwirklichung ist vielleicht ein zu großes Wort - im Mittelpunkt steht. Das ist vollkommen legitim; zahlreiche Künstler und Wissenschaftler haben immer schon so gehandelt. Partnerschaft, Familie und Kinder sind keine Selbstverständlichkeiten mehr, sondern Bausteine eines Lebensentwurfs, in dessen Rahmen sie nicht mehr Ziel, sondern Instrument sind. Hohe Scheidungsraten und häufige Partnerwechsel müssen nicht bedeuten, dass Ehen und Partnerschaften schlechter funktionieren als früher, sondern dass die Ansprüche an sie höher geworden sind. Aus ökonomischer Sicht könnte man sagen, dass der einigermaßen erfolgreiche moderne Mensch, der unter vielen Lebensentwürfen wählen kann, sein Leben optimiert, indem er den Grenznutzen unterschiedlicher Aktivitäten zum Ausgleich bringt, und das bedeutet eben weniger stabile Partnerschaften und in diesen Partnerschaften weniger Kinder.

Vorsicht ist geboten bei der eilfertigen Aufzählung aller Hindernisse, die der Zeugung und Erziehung von Kindern in der modernen Welt entgegenstehen: Noch nie wurden Familien in Deutschland so breit unterstützt wie heute, noch nie waren sowohl die materiellen Hilfen als auch die Betreuungs- und Bildungsangebote so umfangreich. Betrachtet man die »Hindernisse«, müssten die Geburtenziffern in Großbritannien und in den USA noch viel niedriger sein als bei uns, da es gerade in den Vereinigten Staaten nichts gibt, was man mit unserer »Familienpolitik« vergleichen könnte. In beiden Ländern bringen die gebildeten Schichten zudem erhebliche Summen für die Erziehung und Ausbildung ihrer Kinder auf, die in dem deutschen vorwiegend staatlich finanzierten System gar nicht anfallen, und sie tun dies ganz selbstverständlich. Doch auch jene Industrieländer, die eine deutlich höhere Geburtenrate aufweisen als Deutschland - nämlich die USA, Großbritannien, Frankreich und die skandinavischen Länder -, haben eine gewisse dysgenisch wirkende Schieflage in der Geburtenstruktur: In jedem dieser Länder sind die gebildeten Schichten von unterdurchschnittlicher Fruchtbarkeit, jedoch ist die Abweichung vom Durchschnitt bei weitem nicht so krass wie in Deutschland, und das Geburtenniveau ist generell höher.

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Will man die in den beiden geschilderten Falltypen zum Ausdruck kommenden Trends brechen oder umkehren, so bedarf es starker und mit Sicherheit kontrovers wirkender Mittel, also Mittel, denen starke politische Kontraindikationen innewohnen und die ihre Widerlegung quasi in sich selbst tragen. Eine Trendumkehr wird daher nur möglich sein, wenn eine gesellschaftliche Mehrheit der Überzeugung ist, dass gegen die politische und gesellschaftliche Priorität des Umlenkens keine vernünftigen Bedenken vorzubringen sind.

Die unterschiedlichen Gegenmaßnahmen werden hier unter zwei Aspekten diskutiert: Was ist geeignet, die Geburtenrate zu heben, und was ist geeignet, eine dysgenisch wirkende Geburtenstruktur zu verhindern? Der ausschließliche Beurteilungsmaßstab ist dabei die Wirksamkeit der Maßnahmen und die ihnen zugrunde liegende pragmatische Vernunft. Sie werden nicht danach bewertet, ob sie deutschen verfassungsrechtlichen Grundsätzen genügen. Besteht der politische Wille, eine vernünftige Maßnahme durchzusetzen, so wird sich ein Weg finden, sie verfassungsgerecht zu gestalten - notfalls, indem man die Verfassung ändert.

10
Überlegungen zur Trendumkehr

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Vom Paar zur Familie

Unsere Scheidungsraten werden niemals wieder jene des 19. Jahrhunderts sein, dazu ist die Lebenserwartung vielleicht auch zu hoch geworden. Andererseits kann man Zweifel hegen, ob es der familienpolitischen Weisheit letzter Schluss ist, dass im Bundesdurchschnitt 14 Prozent der Kinder - in den drei Stadtstaaten sind es sogar 27 Prozent - bei Alleinerziehenden aufwachsen, und das mit steigender Tendenz.

Es gibt eine große Schnittmenge von Unterschicht, Transferabhängigkeit und dem Status der(s) Alleinerziehenden. Das Transfersystem macht die Trennung leicht und für viele finanziell weitgehend sanktionsfrei, ja, es kann sogar finanziell unattraktiv sein, als Alleinerziehende(r) mit Kindern auf den Arbeitsmarkt zu streben. Kinder gedeihen in einer nicht so gut funktionierenden vollständigen Familie aber oft besser als bei einem Elternteil, wo sie Partnerbindungs- und Partnerfindungsversuche miterleben. Da gesunde Kinder ziemlich viel aushalten, richten auch ungeordnete Familienverhältnisse in den meisten Fällen keinen allzu großen Schaden an, aber die Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder beschneiden sie schon.

Die Menschen heiraten später, sie trennen sich häufiger, und sie bleiben weit öfter unverheiratet als früher. Auch wenn man die wachsende Zahl von Lebensgemeinschaften ohne Trauschein zu den Ehen dazuzählt, ändert sich an diesem Bild nichts. Dies drückt die Geburtenrate und nimmt vielen Kindern die Möglichkeit, in einer vollständigen Familie mit Geschwistern aufzuwachsen. Die Statistik zeigt zudem, dass aus dauerhaften Partnerschaften häufiger und nicht selten auch mehr Kinder hervorgehen als aus kurzlebigen Beziehungen.

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Was kann der Staat also tun, um die Neigung zu dauerhaften Partnerbindungen zu fördern? Das Grundgesetz stellt Ehe und Familie unter seinen besonderen Schutz. Dieser ist allerdings im Laufe der Jahrzehnte zur Leerformel geworden. Der einzige Sinn einer Privilegierung der Ehe besteht darin, sie als bevorzugten Ort der Zeugung und Erziehung von Kindern zu schützen. Wo Kinder nicht gezeugt werden können, ist die Privilegierung von Partnerschaften aber generell sinnlos. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften sind eine Angelegenheit sui generis und haben mit einer Ehe höchstens in dem Sinne zu tun, dass zwei Menschen zusammenleben und vielleicht auch sexuelle Beziehungen haben. Kinder, um die es beim Schutz der Ehe ganz wesentlich geht, sind hier allerdings nicht zu erwarten. Der Sinn der Privilegierung der Ehe war es, dafür einen staatlich geschützten Raum zu erzeugen.

Nachdem die familien-, unterhalts- und erbrechtlichen Vorteile der Ehe und der aus ihr hervorgehenden Kinder weitgehend beseitigt worden sind, ist von der Privilegierung nur eine leere Hülse geblieben. Das soll hier nicht beklagt werden, es liegt eine gesellschaftspolitische Logik darin, aber es ist doch festzustellen, dass damit der ehelichen Bindung und somit der dauerhaften Partnerschaft jeglicher institutioneller Reiz genommen wurde.

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Wenn man davon ausgeht, dass möglichst viele dauerhafte Partnerschaften von Männern und Frauen erstens die potentielle Zahl der Kinder erhöhen und zweitens die beste Voraussetzung für deren Gedeihen und gute Erziehung sind, dann sollte man die Attraktivität und die gesellschaftliche Wertschätzung dauerhafter Partnerschaften so stützen und fördern, dass dies auch das gesellschaftliche Klima beeinflusst. Menschen glauben zwar immer, sie agierten vorrangig aus individuellen Antrieben und eigener Entscheidung, in Wahrheit reagieren sie aber zu großen Teilen vorrangig auf die Erwartungen der Gesellschaft und folgen diesen gerne, solange das nicht ihren Instinkten widerspricht oder unmittelbare Nachteile mit sich bringt.

Wie man ein gesellschaftliches Klima, das dauerhafte Partnerschaften zwischen Männern und Frauen besonders wertschätzt, schafft und erhält, ist eine Frage mit vielen Facetten. Auf jeden Fall muss der Eindruck vermieden werden, jede Form von sozialer Organisation habe für die Gesellschaft denselben Wert.

11
Betreungsangebote, Ganztagsschulen

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Die klassische Arbeitsteilung - der Mann ist der Ernährer, die Frau kümmert sich um den Haushalt - hat sich als dominierendes Rollenmodell überlebt, und damit wird ein qualitativ hochwertiges, möglichst ganztägiges Betreuungsangebot - auf Wunsch vom Krippenalter an - zur ehernen Voraussetzung für jede moderne Familienpolitik. Jene europäischen Länder, die solch ein Betreuungsangebot traditionell vorhalten oder in den letzten Jahrzehnten aufgebaut haben, etwa Frankreich oder Skandinavien, haben nicht so extrem niedrige Geburtenraten, wie sie gegenwärtig in Südeuropa zu verzeichnen sind. In den USA lässt sich beobachten, dass in Staaten mit mehr Betreuungsangeboten mehr Frauen erwerbstätig sind, ohne dass die Geburtenhäufigkeit dadurch beeinträchtigt wird. In Ostdeutschland hat das sehr gute frühkindliche Betreuungsangebot das Absacken der Geburtenrate auf westdeutsches Niveau dagegen nicht verhindern können. Das mag an den spezifischen Bedingungen des ostdeutschen Arbeitsmarktes liegen. In den ostdeutschen Ländern stehen für 41 Prozent der Kleinkinder unter drei Jahren Plätze in Krippen oder bei Tagesmüttern zur Verfügung, in Westdeutschland liegt der Anteil erst bei 9,9 Prozent. Hier muss man noch einen weiten Weg gehen, bis das Betreuungsangebot bedarfsgerecht ausgebaut ist. Bei Kindergärten müsste vor allem der Anteil der Ganztagsbetreuung ausgebaut werden, denn nur dann wird, wenn man Rüst- und Wegezeiten einrechnet, eine Erwerbstätigkeit der Mutter - auch eine Teilzeittätigkeit - erst wirklich möglich.

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Im Schulsystem ist eine flächendeckende Umstellung auf Ganztagsschulen nach angelsächsischem oder französischem Muster notwendig. Es kann nicht darum gehen, die Kinder am Nachmittag in einem Hort zu betreuen, vielmehr müssen Schüler jeden Alters grundsätzlich von acht Uhr morgens bis vier Uhr nachmittags in der Schule sein. Letztlich muss jedes Kind in jedem Alter während der normalen Arbeitszeit an Werktagen verlässlich betreut werden, falls die Eltern dies wünschen. Wenn diese Zeit für eine vernünftige Erziehung, Bildungsangebote und konkrete Anforderungen an die Kinder genutzt wird, ist dies der beste Beitrag zur Chancengleichheit für die Kinder aus den unteren Schichten.

12
Ausbildungsdauer, Karrieremuster

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Die in Deutschland üblichen langen Ausbildungszeiten tragen dazu bei, dass Frauen mit hoher Bildung das erste Kind besonders spät bekommen, falls sie nicht ohnehin kinderlos bleiben. Es scheint aber auch soziologisch bedingt, dass man sich in Deutschland mit dem ersten Kind Zeit lässt, bis die wesentlichen Dinge im Leben ausreichend geregelt sind. In den USA herrscht offenbar eine andere Mentalität vor. Dort warten die Frauen mit dem ersten Kind zwar auch bis zum Ende der Ausbildung, aber diese ist eben weitaus eher beendet als in Deutschland. Und dann geht es wesentlich schneller: Die meisten Erstgeburten gibt es in den USA bei Frauen, die gerade ein » graduate or professional degree« abgeschlossen haben. Die weißen, nicht hispanischen Frauen gebären dort bis zum 40. Lebensjahr durchschnittlich 1,8, die Frauen mit Universitätsausbildung 1,7 Kinder, also kaum weniger als der Durchschnitt. Die meisten Gebärenden sind 20 bis 29 Jahre alt, in Deutschland sind sie im Schnitt fünf Jahre älter, nämlich zwischen 26 und 34. Auch die amerikanischen Frauen verbinden Ausbildung und erstes Kind in rationaler Weise, aber sie warten nicht so lange, wenn die Ausbildung beendet ist. Das durchschnittliche Lebensalter, in dem die akademische Ausbildung in Deutschland abgeschlossen wird, muss sinken. Aber das allein wird die Zögerlichkeit, mit der akademisch gebildete Frauen in Deutschland Familien gründen, nicht beseitigen.

13
Elterngeld, Elternzeit

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Das 1978 eingeführte Mutterschaftsgeld, das Erziehungsgeld (1986) sowie das Elterngeld (2006) sollen dazu beitragen, Kinder und Erwerbstätigkeit der Frau besser miteinander zu vereinbaren. Sie sehen eine Beurlaubung von der Arbeit für eine gewisse Zeit nach der Geburt vor und einen gewissen materiellen Ausgleich für den entgangenen Verdienst. Sehr erfreulich ist, dass die Elternzeit auch von einer wachsenden Zahl von Vätern in Anspruch genommen wird, Eine Auswirkung auf die Geburtenrate ist statistisch allerdings nicht nachweisbar. Nicht ausschließen lassen sich allenfalls gewisse Vorzieheffekte. Herwig Birg hat nachgewiesen, dass das Erziehungsgeld einen solchen minimalen Effekt bei zweiten und dritten Kindern auslöste, aber keine messbaren Wirkungen bei Zahl und Zeitpunkt der Erstgeburten hatte, Auch beim Elterngeld lässt sich der erhoffte Effekt auf die Gesamtzahl der Geburten bislang nicht beobachten, und es ist aus den bisherigen Daten nicht ersichtlich, dass die soziale Struktur der Elternschaft sich wie erhofft verbessert. Die Intention der Maßnahme wurde allerdings auch beschädigt, indem nicht erwerbstätigen Eltern oder Eltern mit niedrigem Einkommen ein Mindestsatz an Elterngeld zuerkannt wurde. Gleichwohl muss man weiterhin versuchen, die Fortpflanzungsbereitschaft erwerbstätiger Eltern durch geeignete Kombinationen von Freistellungsregeln und Lohnersatz anzuregen.

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Anreize in der Rentenversicherung

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Adenauers Ausspruch: »Kinder bekommen die Leute immer«, galt vielen 1958 als unwiderlegliches Substrat einer jahrtausendealten menschlichen Erfahrung. Adenauer hätte es besser wissen können, hätte er Gunnar Myrdals »Population - A Problem for Democracy« aus dem Jahre 1938 gelesen. Die Umstellung der gesetzlichen Rentenversicherung auf das Umlageverfahren und damit die garantierte Teilnahme aller Rentner an der allgemeinen Entwicklung des Lebensstandards unabhängig davon, ob sie selbst Kinder hatten und wie viele, beraubte die Zeugung und Aufzucht von Kindern um ein weiteres rationales Motiv: Wer Kinder aufzog, hatte künftig materielle Nachteile durch die entstandenen Kosten und Mühen und die entgangenen Verdienstmöglichkeiten, er hatte aber keine Vorteile mehr bei seiner Altersversorgung, die war nämlich kinderunabhängig. Viele glauben, dass dies den Geburtenrückgang seit Mitte der 1960er Jahre maßgeblich beeinflusst hat. Das mag hinsichtlich des Ausmaßes gerade in Deutschland so sein. Geburtenrückgang gab es allerdings auch in anderen Ländern mit vergleichbarem Entwicklungsstand, die keine so üppige kinderunabhängige Altersversorgung hatten,

Denkbar wäre es, die Beitragslast, deren Höhe durch die Zahl der jeweils gerade zu versorgenden Rentner beeinflusst wird, so umzuschichten, dass Menschen mit Kindern deutlich weniger und Menschen ohne Kinder deutlich mehr zahlen. Wäre die Differenz groß, hätte dies sicherlich auch eine Lenkungswirkung. Zu fragen ist, ob dann diejenigen, die bereits Kinder haben, veranlasst würden, noch mehr Kinder zu bekommen, und diejenigen, die (noch) keine haben, dies als Anreiz empfinden, welche zu bekommen. Tut man nicht genug, bleibt die Maßnahme wirkungslos. Übertreibt man, könnten gerade die Jungen und Beweglichen zu Ausweichmanövern veranlasst werden, etwa indem sie ins Ausland gehen. Für jene nämlich, die höhere Beiträge zahlen müssen, würde das heute schon krasse Missverhältnis in der Rentenversicherung zwischen Leistung und Gegenleistung noch krasser werden

Kindergeld, Sozialgeld

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In den USA gibt es keinen Familienlastenausgleich in unserem Sinne und auch keine Familienpolitik. Zwar werden dort 25 Prozent der Kinder von Müttern geboren, die nach dem Konzept der relativen Armut in Armut leben. Aber nur 6,4 Prozent der Frauen, die ein Kind bekommen, leben von öffentlicher Unterstützung. Die 1996 durchgeführte Reform des Welfare-Systems räumte den Staaten beträchtliche Möglichkeiten zur eigenen Gestaltung ein. Vielfach herrschte dabei der Wunsch vor, die Geburtenraten der »Welfare Mothers« zu senken und die Welfare-Karrieren generell einzuschränken. Das ist offenbar gelungen (allerdings haben jene Frauen, die immer noch Geldleistungen aus dem Welfare-System bekommen, eine dreimal so hohe Geburtenrate wie der nationale Durchschnitt).

Auch als Folge dieser Reform ist in den USA die Disparität in der Geburtenhäufigkeit nach dem Bildungsstand niedriger als bei uns. Frauen mit Universitätsabschluss bekommen durchschnittlich ebenfalls 1,6 bis 1,7 Kinder. 27 Prozent von ihnen bleiben kinderlos gegenüber 40 Prozent in Deutschland. Auf die 7,2 Prozent der Frauen mit Universitätsabschluss im gebärfähigen Alter entfallen immerhin 8,7 Prozent der Geburten. Bei den Frauen ohne Schulabschluss liegt die Geburtenrate über dem Durchschnitt. Diese Gruppe umfasst 19 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter und erreicht einen Anteil von 23 Prozent an den Geburten. Stark vereinfacht kann man sagen: Die USA betreiben keine allgemeine Familienförderung, für die in Deutschland Maßnahmen wie das Kindergeld oder der Familienlastenausgleich stehen. Sie haben gleichwohl deutlich höhere Geburtenraten, die in Abhängigkeit vom Bildungsstand wesentlich weniger streuen. Im klaren Gegensatz zur deutschen Politik wird eine überdurchschnittliche Häufigkeit von Unterschichtgeburten dadurch verhindert, dass die meisten Mütter mit niedrigem Einkommen in aller Regel keine Geldleistungen des Welfare-Systems erhalten.

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Deutschland wendet im Jahr 37 Milliarden Euro für Kindergeld auf. Das sind aber nicht die wirklichen Nettokosten. Würde man - rein fiktiv - das Kindergeld ganz entfallen lassen, so würde ein zusätzlicher Steuerausfall für Kinderfreibeträge von 19,5 Milliarden Euro entstehen. Die Nettosumme des deutschen Kindergeldes liegt also bei rund 17,5 Milliarden Euro. Für Kinder von Empfängern der Grundsicherung gibt es in Form von Zuschüssen für die Kosten der Unterkunft und Sozialgeld eine höhere Erstattung, als es dem reinen Kindergeld entspricht. In der Summe wird in der Grundsicherung für jedes Kind ein Betrag von 322 Euro netto angesetzt (siehe Tabelle 4.1, Seite 107). Ein arbeitsloses Ehepaar mit fünf Kindern erreicht so ein Nettoeinkommen von 2700 Furo, mit ein wenig Schwarzarbeit zusätzlich kommen leicht 3500 Euro und mehr zusammen.

Interessant ist es, die Höhe des Kindergeldes und der Bedarfssätze für Kinder in der Grundsicherung mit den tatsächlichen Ausgaben der Familien zu vergleichen:

- Das Kindergeld für das erste und zweite Kind beträgt monatlich je 185 Euro, für zwei Kinder sind das also 370 Euro. Der Mehrbetrag in der Grundsicherung für ein Kind beträgt 322 Euro, für zwei Kinder also 644 Euro.

- Ein Paar ohne Kinder hat in Deutschland durchschnittliche monatliche Konsumausgaben von 2398 Euro, die Konsumausgaben eines Paares mit Kind(ern) betragen 2820 Euro, sind also 422 Euro monatlich höher. Durchschnittlich leben in einem Haushalt mit Kindern zwei Kinder, das ist nach wie vor die übliche Familiengröße, sofern überhaupt Kinder vorhanden sind. Haushalte mit vier Personen (dies müssen keine Kinder sein) geben durchschnittlich 2964 Euro aus, also 566 Euro mehr als ein Paar.

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In der Grundsicherung für Kinder ist also ein Differenzbetrag vorgesehen, der über den Mehrausgaben liegt, die alle deutschen Haushalte für Kinder durchschnittlich aufwenden. Man kann für seine Kinder aber durchaus auch weniger ausgeben als der Durchschnitt, ohne dass diese hungern müssten. Das heißt letztlich, dass der Empfänger von Transferleistungen seinen Lebensstandard erhöhen kann, indem er Kinder bekommt. Damit ist die natürliche Ordnung der Welt auf den Kopf gestellt. Allein das Kindergeld ist heute schon so hoch, dass es die durchschnittlichen Mehrausgaben für Kinder nahezu abdeckt, bei kleineren Kindern sogar mehr als das.

Mit anderen Worten. Kinder und insbesondere viele Kinder machen es der Unterschicht leichter, das Leben ohne reguläre Arbeit recht angenehm zu gestalten, denn die Geldleistungen für Kinder können als »Deckungsbeitrag« für den Lebensstandard der Erwachsenen zweckentfremdet werden. Diese leider vielfach zu beobachtende Praxis lässt sich unterbinden, indem man die Bedarfssätze für Kinder im System der Grundsicherung senkt und die so eingesparten Gelder in die Ganztagsbetreuung und in Mahlzeiten in Schule und Kindergarten investiert. Die Einführung von Schuluniformen könnte zudem die Kosten für Bekleidung senken. Den Kindern wäre damit mehr gedient.

In gesunden Lebenszusammenhängen ist es normal, dass der Lebensstandard und die Konsummöglichkeiten von Erwachsenen sinken, wenn sie von ihrem Einkommen auch Kinder zu versorgen haben. Diese Normalität muss grundsätzlich auch für Eltern gelten, die Grundsicherung beziehen, ansonsten entstehen falsche Anreizstrukturen, was sich in der überdurchschnittlichen Geburtenrate dieser Personengruppe widerspiegelt.

Auch für das einkommensunabhängige Kindergeld in Deutschland gilt: Wenn überhaupt, dann entfaltet es Anreizwirkungen im Bereich niedriger Einkommen und damit bei den Falschen. Besser wäre es, gezielt jene Eltern zu entlasten, die ihren Lebensunterhalt durch Erwerbstätigkeit verdienen. Dazu eignen sich steuerliche Freibeträge, aber auch Freibeträge, Zuschüsse oder anderweitige Entlastungen bei den Beiträgen der Arbeitnehmer zur Sozialversicherung.

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Das Ziel aller Maßnahmen muss sein: Wer seinen Lebensunterhalt durch Arbeit verdient, soll durch Kinder nicht in Armut geraten. Wer aber vom Staat alimentiert wird, soll nicht dazu verführt werden, diese Unterstützung durch Kinder zu erhöhen.

Im deutschen System erhalten Familien mit niedrigem oder gar keinem Einkommen Prämien für ihre Kinder. Insoweit ist die soziale Schieflage in der deutschen Geburtenstruktur nicht verwunderlich. Die USA haben längst etwas gegen die hohe Zahl der Unterschichtgeburten in ihrem Land unternommen - mit Erfolg: Am 22. August 1996 unterschrieb Präsident Clinton den »Personal Responsibility and Work Opportunity Reconciliation Act«. Damit war die einfache Möglichkeit unterbunden, durch Kinder an Welfare-Zahlungen zu kommen. Bill Clinton musste sich dafür vielfach als Rassist beschimpfen lassen, denn unter den kinderreichen »Welfare Mothers« waren Schwarze und auch Hispanics weit überdurchschnittlich vertreten.

15
Besteuerung der Familien

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Das deutsche Steuerrecht kennt das Ehegattensplitting. Das heißt, Ehegatten werden auf Wunsch zusammen veranlagt, und die Steuer wird so ermittelt, als hätten beide jeweils das gleiche Einkommen erhalten. Dies senkt die Steuerbelastung. Das Ehegattensplitting wurde immer wieder mit der Begründung bekämpft, dass es die »Hausfrauenehe« begünstige. Tatsächlich begünstigt es die Fälle, in denen das Einkommen der Partner sehr unterschiedlich ist, meist sind das Paare mit Kindern. Zumindest in der heutigen Lebenswirklichkeit üben die Frauen durchweg eine Vollzeittätigkeit aus, solange sie (noch) kinderlos sind, und so lange sind sie durch das Ehegattensplitting auch nicht wesentlich begünstigt. Neben der Begünstigung der »Hausfrauenehe« stößt der Umstand auf Missfallen, dass der Splittingvorteil mit der Steuerprogression steigt. Das ist die systemimmanente Kehrseite des progressiven Steuertarifs.

Die mit dem Einkommen steigende Entlastungswirkung war auch stets der Haupteinwand gegen steuerliche Kinderfreibeträge, weil doch dem Staat jedes Kind unabhängig vom Einkommen der Eltern »gleich viel« wert sein sollte. Es gab mehrfach politische Anläufe, die Freibeträge zugunsten des Kindergeldes ganz abzuschaffen. Das scheiterte mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vorn 10. November 1998, wonach die Freibeträge für den Steuerpflichtigen und seinen Ehepartner wie auch die Freibeträge für die Kinder mindestens das soziale Existenzminimum abdecken müssen. Den Ausweg zur Gleichschaltung mittels Kindergeld fand man, indem man das einkommensunabhängige Kindergeld so hoch ansetzte, dass es für 95 Prozent der Bevölkerung günstiger ist als der Freibetrag, Für 2010 bedeutet das beispielsweise, dass der Freibetrag für das erste und zweite Kind erst bei einem Grenzsteuersatz von 31,5 Prozent Wirkung entfaltet. Eine Familie mit zwei Kindern hat bis zu einem Monatseinkommen von 3600 Euro überhaupt keine Steuerbelastung, wenn man das Kindergeld mit der entrichteten Steuer aufrechnet.

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Das Gesamtsystem aus Kindergeld, Ehegattensplitting, Kinderfreibeträgen und Elterngeld wird Familienlastenausgleich genannt. Das System ist mit rund 64 Milliarden Euro pro Jahr ungemein teuer. Es wurde in den letzten 45 Jahren immer teurer, ohne dass die Nettoreproduktionsrate günstig beeinflusst werden konnte, im Gegenteil: Bei unveränderter Geburtenrate hat der Unterschichtanteil an den Geburten deutlich zugenommen. Als Gesamtsystem, gemessen an der Zahl der Geburten und der Qualität der sozioökonomischen Struktur, ist der deutsche Familienlastenausgleich ein krasser Misserfolg.

Kosten für ein Kind entstehen auf drei Ebenen. Es sind dies

1. die unmittelbaren Ausgaben für Ernährung, Kleidung und Unterkunft. Diese halten sich in überschaubarem Rahmen und können, wie die Statistik der Verbrauchsausgaben zeigt, bereits weitgehend durch das Kindergeld abgedeckt werden. Bei der Grundsicherung verbleiben sogar freie Überschüsse, die die Transferempfänger anderweitig verwenden können,

2. der Verdienstausfall, der dadurch entsteht, dass ein Ehepartner bezahlte Arbeit zumindest teilweise aufgibt oder einschränkt. Hier sind die Opportunitätskosten am niedrigsten für den arbeitslosen Transferempfänger. Bei Berufstätigen steigen sie mit der Höhe des Einkommens, auf das man zugunsten von Kindern teilweise verzichtet. Insofern ist es richtig, dass das Elterngeld auch von der Höhe des vorherigen Arbeitseinkommens abhängt,

3. die Kosten, die dadurch entstehen, dass die Kinder am Lebensstandard der Eltern teilnehmen. Jeder, der seine Familie ab und zu ins Restaurant ausführt oder mit Kindern in den Skiurlaub fährt, weiß, was gemeint ist. Auch das Einfamilienhaus fällt mit Kindern größer aus.

Die Position 2 und 3 können durch ein einkommensunabhängiges Kindergeld selbstverständlich nicht ausgeglichen werden. Das wäre erstens unbezahlbar und würde zweitens bei Transferempfängern und Menschen mit niedrigem Einkommen zu Fehllenkungen führen.

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Während das deutsche System des Familienlastenausgleichs vorwiegend auf Umverteilung zielt, haben beim französischen System bevölkerungspolitische Aspekte ein höheres Gewicht. Kindergeld für das erste Kind gibt es dort gar nicht, für das zweite Kind ist es deutlich niedriger als bei uns. Dafür gibt es ein Familiensplitting, und das ist so angelegt, dass die Steuerbelastung mit der Zahl der Kinder sinkt. Das französische Familiensplitting ist sozial nicht gerecht, aber funktional wirksam, und zwar im doppelten Sinne: In Frankreich stieg die Zahl der Kinder, insbesondere der dritten und vierten, und es stieg die Zahl der Kinder aus den höheren Schichten.

Solch ein System lässt sich nahezu beliebig kalibrieren, je nachdem welches Gewicht im Splitting man dem ersten, zweiten und weiteren Kindern zuweist. Einem Übermaß an Umverteilung bei ganz hohen Einkommen könnte man durch Kappungsgrenzen begegnen. Will man solch eine Systemumstellung aufkommensneutral gestalten, bedeutet dies, dass die Steuerbelastung von Kinderlosen relativ steigt. Aber auch dies kann ein sinnvoller Steuerungseffekt sein.

Ein Familiensplitting wäre zwar geeignet, einen wesentlichen Mangel des einkommensunabhängigen Kindergeldes zu beseitigen, nämlich die mangelhaften Lenkungs- und Anreizwirkungen im Bereich höherer Einkommens- und Bildungsschichten. Gegen eine weitere wesentliche Ursache der Kinderarmut dieser Schichten kann es aber nichts ausrichten: Das erste Kind kommt - wenn überhaupt - erst spät, und infolgedessen ist die Gesamtzahl der Kinder bei Menschen mit hohem Bildungsstand gering. Es ist viel die Rede von der »Rush Hour« des Lebens: Studium, Einstieg ins Arbeitsleben, Partnersuche, das erste Kind - alles soll bis zur Vollendung des 30., spätestens des 35. Lebensjahres vollbracht sein. Dabei lässt sich die Familiengründung noch am ehesten aufschieben. Es kann ja auch ein Jahr später sein, meinen viele, aber oft ist es schließlich doch zu spät, und wenn es dennoch klappt, bleibt es bei einem oder zwei Kindern.

Möglicherweise könnte hier ein fühlbarer Anreiz - quasi mit Fristsetzung - helfen. Es könnte beispielsweise bei abgeschlossenem Studium für jedes Kind, das vor Vollendung des 30. Lebensjahres der Mutter geboren wird, eine staatliche Prämie von 50 000 Euro ausgesetzt werden. Man könnte diese Altersgrenze auch für das erste, zweite und dritte Kind variieren. Mit der Prämie für zwei Kinder hätten die jungen Eltern - beispielsweise - das notwendige Eigenkapital für Wohneigentum. Eine Prämie wäre gar nicht mal teurer als das heutige Kindergeld. Das kostet nämlich, über 25 Jahre gezahlt, pro Kind 55 500 Euro.

Die immer spätere Geburt des ersten Kindes gerade bei den Frauen mit hohem Bildungsstand ist ein wesentlicher Grund für die Kinderarmut dieser Gruppe. Eine Prämie könnte helfen und einen Vorzieh- und Anstoßeffekt auslösen. Erfahrungsgemäß gibt es weitere Kinder, wenn mit dem ersten Kind in nicht zu späten Jahren der Bann gebrochen ist. Die Prämie - und das wird die politische Klippe sein - dürfte allerdings nur selektiv eingesetzt werden, nämlich für jene Gruppen, bei denen eine höhere Fruchtbarkeit zur Verbesserung der sozioökonomischen Qualität der Geburtenstruktur besonders erwünscht ist.

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Nichts ist unabänderlich

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Die beschriebenen Ansatzpunkte haben gezeigt, dass es durchaus Instrumente gibt, deren beherzter Einsatz sowohl die Geburtenraten insgesamt erhöhen als auch die Struktur der Geburten verbessern könnte. Frankreich und die Vereinigten Staaten sind zwei Beispiele für große Länder unseres Entwicklungsstandes, in denen die Geburtenzahl nahe an die Bestandserhaltung heranreicht. Es ist bezeichnend, dass beide Länder über wesentlich bessere statistische Unterlagen verfügen als wir. Die Wege, die diese beiden Länder eingeschlagen haben, um den Problemen beizukommen, sind ganz unterschiedlich: Die USA haben keine Familienpolitik in unserem Sinne, aber sie haben auch keine Immigration in die Transfersysteme. Damit haben ihre Migranten eine andere Qualität. Auch sind die Unterschiede in der Geburtenhäufigkeit nach Bildungsstand nicht so ausgeprägt. Frankreich hat wie Deutschland ein Problem mit Migranten muslimischer Herkunft, aber in Frankreich ist die Geburtenrate deutlich höher als in Deutschland, und dort tragen die gebildeten Schichten auch deutlich mehr dazu bei.

Die Handlungsnotwendigkeit gibt es. Die Instrumente sind da. Werden wir etwas tun? Man darf gespannt sein.

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