Th. Sarrazin - Deutschland schafft sich ab

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IV

11 Ein Traum und ein Alptraum

11.01

Ein Alptraum ...

11.02

... und eine Alternative

Deutschland in 100 Jahren

Über allen Gipfeln Ist Ruh
In allen Wipfeln spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde ruhest du auch.

JOHANN WOLFGANG GOETHE

Wandrers Nachtlied (Ein Gleiches)

Die vergangenen acht Kapitel enthielten viele Zahlen und Analysen, Wertungen gab es auch. An dieser Stelle mache ich zwei Setzungen:

1. Jeder Staat hat das Recht, darüber zu entscheiden, wer in das Staatsgebiet zuziehen darf und wer nicht.

2. Die westlichen und europäischen Werte und die jeweilige kulturelle Eigenart der Völker sind es wert, bewahrt zu werden.

Dänen sollen auch in 100 Jahren als Dänen unter Dänen, Deutsche als Deutsche unter Deutschen leben können, wenn sie dies wollen.

Die in diesen beiden Setzungen zum Ausdruck kommende Werthaltung einer bürgerlichen Mitte wird in Deutschland seit Jahrzehnten bekämpft - teils offen, teils verdeckt. Wer so denkt, soll in die rechte Ecke abgedrängt werden. Eine in Deutschland verbreitete angebliche Liberalität mit häufig unbewusster Sozialisation in der Tradition der Achtundsechziger findet jede Art von Bevölkerungspolitik anrüchig und jedweden Zuzug erst einmal gut. Zuzugssteuerung oder -beschränkung hält man in diesen Kreisen eigentlich für illegitim beziehungsweise für unmoralisch, und zudem gilt es als Ausdruck dumpfer Nationalgefühle, den deutschen Charakter Deutschlands bewahren zu wollen.

Ich möchte aber, dass meine Nachfahren in 50 und auch in 100 Jahren noch in einem Deutschland leben, in dem die Verkehrssprache Deutsch ist und die Menschen sich als Deutsche fühlen, in einem Land, das seine kulturelle und geistige Leistungsfähigkeit bewahrt und weiterentwickelt hat, in einem Land, das eingebettet ist in einem Europa der Vaterländer. Ich finde das - mit Verlaub - wichtiger als die Frage, ob der Wasserspiegel der Nordsee in den nächsten 100 Jahren um 10 oder 20 Zentimeter steigt. Ich bin sicher, dass auch unsere östlichen Nachbarn in Polen in 50 oder 100 Jahren noch Polen sein wollen, genau wie die Franzosen, die Dänen, die Holländer und die Tschechen Entsprechendes für ihre Völker und ihre Länder wollen.

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Es geht um die richtige Erhaltung und Weiterentwicklung der Identität der Völker und Staaten. Dabei sind die Übergänge fließend: Die alemannischen Schwaben sind den Deutschschweizern in vieler Hinsicht ähnlich. Das Elsass wird niemals seine deutschen Wurzeln verleugnen, ebenso wie man in Nizza merkt, dass hier mal Italien war. Baustile und Stadtgestalten zeigen die gemeinsamen kulturellen Wurzeln des nördlichen europäischen Tieflandes von Brügge bis Tallinn, dem alten Reval.

Die Schweiz ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie sich unterschiedliche Identitäten in unmittelbarer Nachbarschaft auch über ein Jahrtausend hin erhalten können: Im Kanton Wallis - der Osten spricht deutsch, der Westen französisch - wanderte die Sprachgrenze in den letzten 1000 Jahren nur minimal hin und her: Saß der Bischof in Brig, dann wanderte sie nach Westen, saß er in Sion, dann wanderte sie nach Osten. Die Stadt auf halbem Wege zwischen Sion und Brig hieß mal Sierre und mal Siders.

Migration über die Grenzen hat es immer gegeben. Meine väterlichen Vorfahren wanderten über Lyon nach Genf und dann über Basel nach Deutschland, wo sie schließlich Westfalen wurden. Meine mütterlichen Vorfahren waren 1920 als pommersche Grundbesitzerfamilie im polnisch gewordenen Korridor plötzlich sogenannte Volksdeutsche, und was von ihnen übrig blieb, fand sich 1945 in Westfalen ein. Möglicherweise waren von dort ihre Vorfahren im 12. Jahrhundert aufgebrochen.

Migration kann und soll es auch in Zukunft geben. Die Beweglichen, die Tüchtigen sollen zu jeder Zeit aufbrechen können und ihr Brot verdienen, wo es ihnen gefällt - vorausgesetzt, sie fügen sich ein in die Kultur ihres Gastlandes und werden schließlich ein Teil von ihr, wenn sie sich dauerhaft dort niederlassen. Gut ausgebildete Fachkräfte und Experten, die nicht wegen der deutschen Sozialleistungen kommen, kann Deutschland jederzeit gebrauchen, auch aus der Türkei oder Ägypten. Aber die sind weltweit knapp, wie der relative Misserfolg der deutschen Greencard zeigt. Freuen wir uns über jeden, der kommt und bleibt. Aber das Gros der Fachkräfte, Tüftler und potentiellen Nobelpreisträger, die Deutschlands Zukunft in 50 und 100 Jahren sichern und gestalten sollen, müssen wir schon selber zeugen, aufziehen und ausbilden. Machen wir weiter wie in den letzten 40 Jahren, so wird unsere Bevölkerung nicht nur demografisch schrumpfen, sondern auch intellektuell verkümmern.

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Eine weitere Massenimmigration von bildungs- und kulturfernen Gruppen aus Afrika, aus Nah- und Mittelost wird kein Problem lösen, aber viele neue schaffen. Das wollen viele nicht hören. Wenn wir aber einfach weitermachen, wird jede Generation der Deutschen um ein Drittel kleiner sein als die vorhergehende, wobei die gebildeten Schichten besonders stark schrumpfen. Was uns fehlt, füllen wir teilweise mit anatolischen Bauern, palästinensischen Kriegsflüchtlingen und den unterschiedlichen Generationen von Flüchtlingen aus der Sahelzone auf.

Deutschland wird nicht mit einem Knall sterben. Es vergeht still mit den Deutschen und mit der demografisch bedingten Auszehrung ihres intellektuellen Potentials. Das Deutsche in Deutschland verdünnt sich immer mehr, und das intellektuelle Potential verdünnt sich noch schneller. Wer wird in 100 Jahren »Wanderers Nachtlied« noch kennen? Der Koranschüler in der Moschee nebenan wohl nicht.

Deutschlands Zukunft könnte es ergehen wie dem tragischen Helden in Jack Arnolds Film »The Incredible Shrinking Man«; Er steuert ein Segelboot. Eine Wolke zieht über ihm dahin. Seine Frau, die unter Deck war, kommt nach oben, und nun beginnt er unmerklich und langsam zu schrumpfen, bis er schließlich so mikroskopisch klein ist, dass er der Welt verloren geht.

Auch wenn es keine Deutschen mehr gibt, wird die Norddeutsche Tiefebene nicht menschenleer sein. Menschen werden immer in Mitteleuropa leben. Das Klima ist angenehm, die zentrale Lage ist von Vorteil, und die ererbte Infrastuktur ist gut, Nur die deutschen Inseln in der Gebietskörperschaft, die Deutschland heißt, werden immer kleiner werden, wenn sich nichts Grundlegendes ändert. Das wird gar nicht mehr lange dauern, unsere Enkel und Urenkel werden es erleben. Das Deutsche kann aus Mitteleuropa verschwinden, so wie das Griechische aus Kleinasien verschwand. Es wird nur schneller gehen und wahrscheinlich ohne Blutvergießen. Wir Deutschen müssen nicht vertrieben werden, wir ziehen uns still aus der Geschichte zurück nach der Gesetzmäßigkeit der Sterbetafel des Statistischen Bundesamtes.

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100 Jahre sind nicht lang. Die meisten kennen die 50 Jahre vor ihrer Geburt aus Erzählungen der Eltern- und Großelterngeneration. Ihre Enkel wiederum werden sie um 60 Jahre überleben. Jeder »schwimmt« deshalb in einem Zeitfenster von rund 200 Jahren, das ihn persönlich interessiert.

Versetzen wir uns zurück in das Jahr 1910. Damals war das Deutsche Reich mit seinen 65 Millionen Einwohnern nach China, Russland, der britischen Kronkolonie Indien und den USA auch im Weltmaßstab ein großes Land, mit 1,4 Millionen Geburten pro Jahr überdies sehr jung. Deutsch war Lingua franca in Mittel-, Ost- und Nordeuropa. Über die Hälfte der wissenschaftlichen Weltliteratur erschien auf Deutsch. Von den Katastrophen des Ersten und Zweiten Weltkriegs war nichts zu ahnen. Ein 21-jähriger Adolf Hitler schlug sich in Wien mit Gelegenheitsarbeiten durch, ein 40 jähriger Lenin schmiedete Umsturzpläne an Kaffeehaustischen in Genf, und ein 31-jähriger Josef Stalin verführte Frauen in der sibirischen Verbannung in Solwytschegodsk. Minimale historische Zufälligkeiten - der Schuss des Attentäters in Sarajevo wäre fehlgegangen, der Meldegänger Hitler wäre von einer Granate getroffen worden, der deutsche Generalstab hätte Lenin 1917 nicht im verplombten Waggon nach Russland geschafft - und die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts wären verhindert worden. Vielleicht hätte es stattdessen andere Katastrophen gegeben, wir wissen es nicht. Wäre es deshalb damals sinnlos gewesen, sich über die Trends der Zukunft Gedanken zu machen. Ist es heute sinnlos? Natürlich nicht. Alle damals angelegten und absehbaren technologischen Trends wirken noch heute. Brüche wie Kriege und Katastrophen kann man aber nicht vorhersagen.

Im Jahr 1910 waren die europäischen Großstädte elektrifiziert, die Kanalisationsrohre verlegt, und es gab Frischwasser in jedem Haus. In Berlin und anderswo fuhren die U-Bahn und die elektrische Straßenbahn. Jede Firma und alle wohlhabenden Privathaushalte hatten Telefon. Die ersten Flugzeuge zeigten sich am Himmel, und gegen Kopfschmerzen nahm man Aspirin. Das Kino war erfunden und lockte die Massen an. In der großen Politik gab es noch Kaiser. 1907 hatte Österreich-Ungarn Bosnien-Herzegowina annektiert und damit Serbien gegen sich aufgebracht. 1911/12 vertrieb der Balkankrieg das Osmanische Reich bis auf einen kleinen Brückenkopf endgültig aus Europa.

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Die Zeit vor 100 Jahren ist nah und fern zugleich, nicht anders ist es mit der Zeit in 100 Jahren. Vieles wird sich bis dahin kontinuierlich entwickeln, anderes umstürzend geändert haben: Niemand konnte vor 100 Jahren 70 Jahre Kommunismus vorhersagen, aber auch niemand, dass es damit nach 70 Jahren wieder ein Ende haben würde. Ein Mensch, der sich für seine Herkunft und für die Geschicke seiner Nachfahren interessiert, lebt in einem Ausschnitt der Weltgeschichte, der - je nach persönlichem Lebensalter - 80 bis 150 Jahre in die Zukunft reicht. Das ist auch etwa der Horizont seines Interesses an der Zukunft. Heute beschäftigt uns das Klima. Der Mainstream der Klimaprognosen geht davon aus, dass die Temperatur in Mitteleuropa in den nächsten 100 Jahren um zwei bis vier Grad steigen wird. Der Meeresspiegel der Nordsee wird bis dahin um 10 bis 20 Zentimeter gestiegen und das Leben in Mitteleuropa klimatisch angenehmer sein, Ein Teil der an Heizkosten gesparten Beträge muss allerdings in den Deichbau investiert werden.

Natürlich ist es nicht möglich, über das Deutschland in 100 Jahren eine seriöse wissenschaftliche Prognose zu erstellen. Wir wissen nicht, welche Kriege es bis dahin geben wird. Wir kennen nicht die Erfindungen, die noch gar nicht gemacht worden sind. Zur natürlichen Bevölkerungsentwicklung können wir aber sehr gesicherte Aussagen machen, wenn wir unterstellen, dass die Nettoreproduktionsrate bleibt, wie sie seit 40 Jahren ist. Aber auch die Nettoreproduktionsrate ist bis zu einem gewissen Grad politikabhängig, Migration und Integration sind es sowieso.

Wenn man sich die schrecklichen Irrtümer, Dummheiten und Versäumnisse der Politik in Europa während der letzten 100 Jahre anschaut, dann kann man daraus lernen: Politik ist wesentlich, und politische Entscheidungen können die Welt zum Guten wie zum Bösen ändern. Wir haben das Schicksal und die Lebensverhältnisse unserer Kinder, Enkel und Urenkel in viel höherem Maße in der Hand, als wir das glauben. Wir können es aber auch verhunzen. Politische Katastrophen und ganz neuartige Technologien sind nicht vorhersagbar, die Folgen politischer Entscheidungen in die eine oder andere Richtung allerdings schon.

In den beiden folgenden Szenarien habe ich meiner Fantasie freien Lauf gelassen. Sie sind zugespitzt, sie sind Satire, aber sie sind nicht irreal. Sie beschreiben zwei von den vielen denkbaren Entwicklungspfaden für Deutschland. Alle Elemente, die in ihnen vorkommen, sind in der Gegenwart angelegt.

01
Ein Alptraum ...

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Im Deutschland des Jahres 2017 war die Politik eigentlich ganz zufrieden mit sich selbst. Die Folgen der Weltrezession, die 2008 mit der Lehman-Pleite begonnen hatte, waren überwunden. Das Produktionsniveau des Jahres 2008 war 2013 wieder erreicht worden, die Wirtschaft wuchs zwar nur langsam, aber sie wuchs immerhin.

Seit Herbst 2017 führte Angela Merkel eine schwarz-grüne Bundesregierung. Das Kapitel zu Migration und Integration in der Koalitionsvereinbarung war besonders lang. Es wurde bekräftigt, dass die Bundesrepublik ein Einwanderungsland sei; der wachsende Einfluss fremder Kulturen sei für das Land eine Bereicherung. Allen Migranten wurde das kommunale Wahlrecht mit der Aufenthaltsgenehmigung zugesprochen. Die Koalitionsvereinbarung kündigte eine Gesetzesinitiative an, mit der die Unterstützung von Xenophobie und Islamophobie unter Strafe gestellt werden sollte. Jürgen Trittin hatte im Wahlkampf für Wirbel gesorgt mit seiner Aussage» 50 Prozent Araber sind mir lieber als fünf Prozent Rechtsradikale.« Familiennachzug sollte erleichtert werden.

Gegen heftigen Widerstand der Union waren die Deutschkurse als Voraussetzung für die Einreise von Familienangehörigen abgeschafft worden. In den Koalitionsverhandlungen hatten die Grünen ein wissenschaftliches Gutachten von Professor Gideon Botsch vom Moses Mendelssohn Zentrum an der Universität Potsdam vorgelegt. Darin wurde wissenschaftlich belegt, dass es Ausdruck einer latent faschistoiden Gesinnung mit rassistischen Anklängen sei, wenn Deutsche einen Vorrang der deutschen Sprache forderten. Migranten zum Erlernen der deutschen Sprache - über deren natürliches Wollen hinaus - zu zwingen und davon gar die Einreise oder die Aufenthaltsgenehmigung abhängig zu machen, künde von einem deutschen Überlegenheitswahn, der schon einmal die Welt fast in den Untergang getrieben habe. Diese Vergangenheit unterscheide Deutschland eben von Frankreich und Holland, wo die sprachlichen Voraussetzungen für Migranten wesentlich verschärft worden waren.

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Die neue Ministerin für Familie und Migration - eine junge Frau vom linken Flügel der nordrhein-westfälischen CDU - machte deutlich, dass Familienpolitik nicht als Bevölkerungspolitik missverstanden werden dürfe - im Gegenteil: Unter den Aspekten der weltweiten Überbevölkerung, des Umweltschutzes wie auch der fragwürdigen deutschen Vergangenheit leiste Deutschland mit seinen niedrigen Geburtenraten eigentlich einen positiven Beitrag zur Zukunft der Menschheit. Fallende Bevölkerungszahlen schafften nämlich Platz, und damit leiste Deutschland einen Beitrag zur Linderung der Not in der Welt. Wenn die Deutschen demnächst weniger Ingenieure hervorbrächten, sei das auch nicht weiter schlimm, denn Indien und China hätten ja genug davon.

Im Jahr 2020 hatte der Kulturstaatsminister in einer berühmt gewordenen Grundsatzrede im Institut für Islamische Studien der Universität München erklärt, dass der Bund bei der Kulturförderung künftig stärker auf die Gleichberechtigung der verschiedenen Kulturen achten werde. Der neugegründete Dachverband der islamischen Kulturschaffenden hatte daraufhin vorgeschlagen, die Kulturförderung entsprechend dem muttersprachlichen Anteil der Einwohner in Deutschland aufzuteilen. Das Bundeskabinett fasste einen entsprechenden Grundsatzbeschluss.

In Duisburg wurde die neue Linie ihrem ersten Praxistest unterzogen. Dort hatte die kommunale Vereinigung der islamischen Gläubigen 2021 bei der Kommunalwahl 35 Prozent der Stimmen erhalten. Sie war bereit, der SPD (17 Prozent) das Amt des Kämmerers zu überlassen, wenn sie selbst das Amt des Dezernenten für Kultur und Abfallwirtschaft erhielt. So geschah es. Doch schon nach wenigen Tagen kam es zu einem Eklat. Der neue Kulturdezernent stieß sich am Programm des Stadttheaters. In einer öffentlichen Auseinandersetzung, die die Feuilletons der Republik über Wochen beschäftigte, zwang er den Intendanten des Stadttheaters, die Inszenierung »Der Widerspenstigen Zähmung« von William Shakespeare abzusetzen. Eine gläubige Muslima würde und dürfe sich niemals so gegenüber ihrem Mann aufführen. In einer öffentlich subventionierten Einrichtung gebe das ein falsches Beispiel und sprenge die gebotenen Grenzen der interkulturellen Toleranz.

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In der öffentlichen Debatte legte schließlich Patrick Bahners, Feuilletonchef der FAZ, das entscheidende Gewicht in die Waagschale. In einem hochintelligenten Artikel, den keiner verstand, wies er zwingend nach. Erst die kulturelle Selbstaufgabe des deutschen Bürgertums sei der Beleg dafür, dass es seine Liberalität wirklich ernst nehme. Er wiederholte zudem seine bereits 2010 gefallene Äußerung, dass »sich die Islamkritik tatsächlich mit dem Antisemitismus der Gebildeten im deutschen Kaiserreich vergleichen« lasse. Das saß, in diese Ecke wollte keiner gestellt werden.

In Duisburg erreichte man schließlich doch noch einen Kompromiss: Die Aufführungen des Stadttheaters sollten künftig nach Maßgabe der muttersprachlichen Verhältnisse in der Stadt aufgeteilt werden, aktuell hieß das 55 Prozent türkisch/arabisch, 45 Prozent deutsch. Alle fünf Jahre sollten die Anteile entsprechend der Bevölkerungsentwicklung neu gewichtet werden. Der »Duisburger Kompromiss« machte bundesweit Schule. Immer mehr Städte übernahmen in den folgenden Jahrzehnten das Modell.

Bereits von 2015 an hatte sich diejährliche Immigration deutlich erhöht; etwa die Hälfte der Immigranten kamen im Rahmen des Familiennachzugs, bei der anderen Hälfte handelte es sich überwiegend um Wohlstandsflüchtlinge aus Afrika sowie Nah- und Mittelost. Das Asylrecht und andere Einreisehemmnisse stellten infolge der Duldungsregelung keine großen Hindernisse mehr dar: Wer es nach Deutschland geschafft und sich sechs Monate keiner kriminellen Vergehen schuldig gemacht hatte, erhielt automatisch eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung und vollen Anspruch auf Sozialleistungen wie jeder deutsche Staatsangehörige.

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Große Fortschritte gab es bei der Integration im Bildungsbereich. Im Jahre 2030 hatte man auf der Kultusministerkonferenz beschlossen, die Pisa-Ergebnisse nicht mehr nach dem Migrationshintergrund auszuwerten und zu veröffentlichen. Das wurde allgemein sehr begrüßt. Die Unterschiede hatten sich nämlich nicht verringert, sondern durch den erneuten Anstieg der Migration seit 2015 erheblich vergrößert. Der Verband fortschrittlicher Lehrer hatte wiederholt die öffentliche Diskussion über die Leistungsunterschiede beklagt; dies sei eine »objektive Diskriminierung« der Migranten. Das so geschaffene negative Selbstbild hemme das Vertrauen der Eingewanderten in die eigene Kraft, damit werde Minderleistung zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Man müsse endlich aufllören, über Leistungsunterschiede zu reden, dann verschwänden diese ganz von selbst. Die öffentliche Diskussion über Leistungsunterschiede, egal ob real vorhanden oder nicht, leiste einer rassistischen Gesinnung Vorschub und sei darum zu unterbinden. Die Kultusministerkonferenz schloss sich dieser moralisch und pädagogisch zwingenden Argumentation an.

Ein weiterer Meilenstein in Bezug auf die Bildungspolitik war 2035 die Quotierung beim Numerus clausus entsprechend der amerikanischen »Affirmative Action«: In allen Fächern mit Numerus clausus wurden für Bewerber mit türkischem, arabischem oder afrikanischem Migratonshintergrund Quoten festgelegt, die ihrem Anteil in der altersspezifischen Bevölkerung entsprachen. Leider stiegen danach in einigen Fächergruppen die Durchfallquoten bei vielen Propädeutika stark an. Insbesondere die Mathematik in den Ingenieurfächern erwies sich als großer Diskriminierungsfaktor. Dem begegnete man durch eine Überarbeitung der Curricula, die im Jahre 2040 abgeschlossen war. Danach sanken die Durchfallquoten in Mathematik auf tolerable zehn Prozent.

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Böswillige Zeitgenossen sahen in diesen Reformen eine Ursache für die seit 2050 wachsenden Schwierigkeiten, die Absolventen deutscher Ingenieurstudiengänge auf dem nationalen wie internationalen Arbeitsmarkt hatten. Andere wiesen mit einiger Berechtigung darauf hin, dass die eigentliche Ursache der Arbeitsmarktprobleme für Ingenieure der Niedergang der deutschen verarbeitenden Industrie sei, der um das Jahr 2030 eingesetzt hatte und kontinuierlich voranschritt. Infolge des großen und weiter wachsenden Mangels an qualifizierten Fachkräften vom Facharbeiter bis zum Ingenieur wanderten nämlich immer mehr hochwertige Produktionen ab, insbesondere nach Fernost.

Darüber hinaus wurden immer mehr Firmensitze ins Ausland verlagert, und sogar mittelständische Unternehmerfamilien verließen in immer größerer Zahl das Land. Teilweise waren dafür steuerliche Gründe maßgebend. Das Bruttosozialprodukt hatte nämlich um das Jahr 2020 sein Wachstum eingestellt, das Produktivitätswachstum pro Arbeitsstunde war unter ein Prozent pro Jahr gesunken. Auf der anderen Seite wuchsen die Rentenausgaben und die Kosten für die Sozialtransfers weiter, weil die Zahl der Empfänger unaufhörlich stieg. Da die Mehrwertsteuer bereits bei 25 Prozent lag, blieb nur die Erhöhung der Einkommenssteuer als Finanzierungsinstrument. Von 2040 an orientierte sich auch ein stetig wachsender Teil der wohlhabenden Privatleute ins Ausland und wechselte den Wohnsitz unter Mitnahme des Privatvermögens. Englische und amerikanische Privatschulen für den Nachwuchs waren sowieso groß in Mode gekommen, und Ingenieurwissenschaften studierte der Nachwuchs auch besser im Ausland, wenn er auf der Höhe der Zeit bleiben wollte.

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Unbemerkt hatte sich währenddessen ein Wandel in der Wählerschaft vollzogen. Wie Allensbach anlässlich der Bundestagswahl 2045 ermittelte, hatten bereits 30 Prozent der Erstwähler einen muslimischen Hintergrund. 20 Jahre später wurde die 50-Prozent-Marke überschritten. Aber bereits seit 2030 hatte es in einer wachsenden Zahl von Großstädten muslimische Bevölkerungsmehrheiten gegeben, und 2050 hatte mehr als die Hälfte der Oberbürgermeister einen türkischen, arabischen oder afrikanischen Migrationshintergrund. Das prägte die Kommunalpolitik.

Im Jahre 2045 hatte es erneut einen Brand in der Herzogin Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar gegeben. Der unter der Last der Sozialausgaben ächzende Bund zeigte sich zur Hilfe außerstande, das Land Thüringen erklärte, es sei nicht zuständig. Der Oberbürgermeister von Weimar, ein nachdenklicher, tiefreligiöser Mann mit arabischem Migrationshintergrund, machte sich die Sache nicht leicht. Am Ende aber trat er vor die Presse und verkündete, das Vorrecht auf dieser Welt gebühre den Lebenden und nicht den Toten. Die knappen Städtebauförderungsmittel, die der Stadt Weimar zuflössen, seien daher in der Gestaltung des Vorplatzes für die neue Moschee und in der Sanierung der städtischen Koranschule besser angelegt. So geschah es. Immerhin gelang es nach heftiger Diskussion im Stadtrat, die Brandstätte mit einem Notdach zu sichern.

In den folgenden Jahrzehnten setzte überall im Land der Verfall von Kirchen, Schlössern und Museen ein. Die Deutschen, die sie hätten besuchen können, wurden immer älter, und es waren auch immer weniger. Die wachsende Zahl der muslimischen Mitbürger interessierte sich nicht für diese kulturellen Stätten. Die Finanznot von Kirchen, Kommunen und anderen Trägern wuchs.

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Gegen große Widerstände legte die Bundesregierung 2080 ein Sonderprogramm zur Rettung des deutschen Kulturerbes auf. Die Mehrheit dafür war knapp, denn dafür musste eine Rentenerhöhung aufgeschoben werden. Mit bebender Stimme rief eine Vertreterin der Grauen Panther in den Plenarsaal: »Was hat der deutsche Rentner im Rollstuhl davon, wenn der Bamberger und Kölner Dom saniert werden, er aber seine Pflegestufe nicht bezahlen kann? Die Kirchen braucht doch keiner mehr!«

Den rettenden Einfall hatte der Kulturstaatsminister bei einem Besuch in Istanbul zu Ostern 2095. In der wunderbar restaurierten Hagia Sophia kam ihm die Erleuchtung: Seit über 600 Jahren haben die Türken diese ehemals christliche Kirche genutzt und instand gehalten. Das wäre doch das Modell für die großen deutschen Dome, die die Finanzkraft der sterbenden Kirchen schon lang überforderten. So gingen als erstes »Versuchspaket« in Form einer »Dauerleihgabe« der Kaiserdom zu Speyer, das Ulmer Münster, die Münchner Frauenkirche, der Bamberger Dom und der Kölner Dom an die islamische Glaubensgemeinschaft zur künftigen Nutzung als Moscheen. Im Gegenzug sicherte diese die denkmalschutzgerechte Erhaltung der Bauwerke zu. Nur die Kreuze durften demontiert beziehungsweise übertüncht werden, sofern sie die religiösen Gefühle der Gläubigen verletzten. Das Modell hatte Erfolg, und so gingen in den folgenden Jahren auch die Dome zu Mainz und Worms, der Naumburger Dom, die Marienkirche in Lübeck und viele andere Kirchen in die Obhut der islamischen Glaubensgemeinschaft über.

Ein leidiges Problem war immer wieder die Sprache gewesen. In einem wegweisenden Grundsatzurteil hatte das Bundesverfassungsgericht 2030 entschieden, es widerspreche dem Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes, einen Bewerber mit Migrationshintergrund nicht zu berücksichtigen, weil seine Bewerbung sprachliche Mängel aufweise. Das nahm sehr viel Anspannung aus der Integrationsdebatte.

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Noch viel wichtiger aber war das Urteil zum Verfassungsrang der Muttersprache aus dem Jahre 2037. Zum Glück war es bei der vorangegangenen Richterwahl erstmals gelungen, je einen Kandidaten mit türkischem und arabischem Migrationshintergrund durchzubringen. Die Mehrheit im zuständigen Ersten Senat war nämlich denkbar knapp gewesen. In den Leitsätzen zum Urteil legte die Senatsmehrheit fest, dass sich das Recht auf Schulunterricht in der Muttersprache aus dem absolut wirkenden Anspruch auf Achtung der Würde jedes Einzelnen aus Art. 1 Abs. 1 GG herleite. Dieses Recht sei dem Grunde nach unverfügbar und müsse eingelöst werden. Ausnahmen seien allenfalls zulässig, wenn es sich bei den Kindern mit fremder Muttersprache um eine verschwindend kleine Minderheit handle, so dass der fiskalische Aufwand unvertretbar hoch sei. In den meisten Städten könne davon aber gar keine Rede sein. Gerade im Kern der Ballungsgebiete überwiege die Zahl der Kinder mit türkischer und arabischer Muttersprache. Deren Menschenwürde werde ohne zwingenden Sachgrund beeinträchtigt, wenn sie auf Deutsch radebrechen müssten, anstatt sich frei in der eigenen Muttersprache auszudrücken.

Den Einwand der beklagten Landesregierung, Deutsch stelle das unerlässliche gemeinsame Kommunikationsmittel dar, ließ das Gericht nicht gelten. Das gemeinsame Kommunikationsmittel in der modernen Welt sei das Englische. Darauf habe der damalige badenwürttembergische Ministerpräsident Oettinger bereits 2006 zutreffend hingewiesen. In 80 Prozent der Dax-Konzerne sei Englisch schon seit Jahrzehnten offizielle Verkehrssprache. Es würde den Kindern mit türkischer und arabischer Muttersprache gar nichts nützen, sondern sei eine unnötige zusätzliche Diskriminierung, wenn sie nun neben ihrer Muttersprache und Englisch unbedingt auch noch Deutsch lernen müssten.

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Dieses Urteil leitete die größte Bildungsreform seit Abschaffung des Gymnasiums in die Wege: An die Stelle des verpflichtenden Deutschunterrichts trat der verpflichtende muttersprachliche Unterricht. Englisch blieb erste Fremdsprache. Soweit Schüler eine zweite Fremdsprache wählten - das kam immer seltener vor -, standen Deutsch, Französisch, Türkisch und Arabisch gleichberechtigt zur Auswahl.

Das Urteil führte schnell zu getrennten Schulen für Türken, Araber und Deutsche und beschleunigte die schon seit Jahrzehnten zu beobachtende Entmischung der Wohngebiete. Die Auswertung der Einschulungsstatistik ergab, dass 2045 noch 48 Prozent, 2075 lediglich 30 Prozent und 2105 gar nur noch 20 Prozent der Einschüler für den muttersprachlichen Unterricht das Fach Deutsch wählten. Im Bayerischen Wald und in der Uckermark lag der Anteil 2105 zwar immer noch bei 50 Prozent, in Hamburg, Frankfurt und Berlin aber nur bei rund zehn Prozent.

Es versteht sich, dass in den jeweiligen Wohngebieten auch Polizei, Gerichte und alle Ämter vorwiegend muttersprachliches Personal einsetzten. Schließlich war es einem autochthonen Uckermärker genauso wenig zuzumuten, seine Belange bei der Polizei auf türkisch vorzubringen, wie es für einen autochthonen Kreuzberger Türken zumutbar war, auf dem Einwohnermeldeamt deutsch zu sprechen.

Im Jahre 2100 konnte der kritische Historiker beim Blick in die Vergangenheit zufrieden registrieren, dass Deutschland seine demografischen Probleme vorbildlich und multikulturell korrekt gelöst hatte. Zwar war die Bundesrepublik im Lebensstandard weit hinter China zurückgefallen, auch Indien hatte Deutschland im Pro-Kopf-Einkommen überholt, aber man zeigte der Welt, dass sich die Probleme friedlich lösen ließen.

Einige muslimische Feuerköpfe forderten jetzt eine neue Nationalflagge mit schwarzem Hintergrund, rotem Halbmond und goldenen Sternen. Das war vielleicht ein bisschen übertrieben. Aber andererseits hatten sie das Recht dazu, sie waren ja die demokratische Mehrheit. Und Deutschland blieb immerhin schwarz-rot-gold ...

02 ... und eine Alternative

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Seit dem Jahre 2010 beunruhigten die wachsenden Erfolge rechtspopulistischer Parteien die etablierten Parteien und Regierungen in ganz Europa.

Der Wiederaufschwung nach der Rezession 2008/09 war schwächlich geblieben und hatte sich über viele Jahre mühsam dahingeschleppt. Die Völker hatten Angst um ihren Lebensstandard. Es offenbarte sich zusehends, dass die Außengrenzen des Schengen-Raumes löcherig waren; Die Migration in die europäischen Sozialsysteme aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie aus Afrika nach Europa nahm stetig zu.

Im Mai 2013, wenige Monate vor der Bundestagswahl, gelang einem unentdeckt gebliebenen Zweig der Sauerlandgruppe ein Sprengstoffattentat am Bahnhof Zoo in Berlin, das 73 Opfer forderte. Nach ähnlichen Anschlägen kurze Zeit später in Paris und Rom trat der Europäische Rat zu einer Sondersitzung zusammen und beschloss neben vielen anderen Maßnahmen grundlegende Änderungen bei der Überwachung der Außengrenzen des Schengen-Raumes sowie eine Europäische Richtlinie zum einheitlichen Umgang mit illegal Einreisenden. Alle Mitglieder verpflichteten sich, die neuen Bestimmungen innerhalb eines Jahres in Kraft zu setzen. Diese Maßnahmen, die mehrfach verschärft wurden, führten allmählich zu einem Rückgang der illegalen Zuwanderung auf unter 100 000 jährlich für die gesamte Union.

Die im September 2013 neu gewählte Bundesregierung setzte in ihrer Koalitionsvereinbarung neue Akzente zur Weiterentwicklung in der Familien-, Integrations- und Bildungspolitik:

- Eine Kombination familienpolitischer Maßnahmen, bei denen immer wieder nachgesteuert wurde, führte dazu, dass im Lauf von zehn Jahren die Zahl der Geburten pro Frau wieder auf 2,1 stieg, ein Niveau, das zuletzt Mitte der 1960er Jahre erreicht worden war. Besonders erfreut zeigte man sich, dass der Anteil der Geburten von Frauen mit mittlerem und hohem Bildungsstand deutlich stieg. Die auf diese Gruppe zielenden Maßnahmen waren besonders umstritten gewesen und wurden immer wieder als sozial ungerecht kritisiert.

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- Die Regeln für den Familiennachzug wurden verschärft. Als besonders wirksam erwiesen sich die strengeren Anforderungen in Bezug auf die Deutschkenntnisse und die Bestimmung, dass nachgereiste Familienangehörige zehn Jahre lang keinen Anspruch auf deutsche Sozialleistungen hatten. Zudem mussten die aufnehmenden Familien so ausreichende Einkünfte aus Arbeit und Vermögen vorweisen, dass der Lebensunterhalt der Eingereisten gesichert war. Der Familiennachzug ging daraufbin stark zurück.

- Ganztagsschulen und Ganztagskindergärten wurden flächendeckend eingeführt. Damit verbunden war die Ausgabe eines unentgeltlichen Mittagessens an jedes Kind. Für den Bezug von Kinderzuschlägen in der Grundsicherung und von Kindergeld war Voraussetzung, dass die Kinder diese Einrichtungen tatsächlich besuchten. Jedes unentschuldigte Fehlen, auch wenn es sich nur um wenige Stunden oder einen Tag handelte, führte zu scharfen Abzügen.

Für Migrantenkinder stand in Kita und Schule der Erwerb der deutschen Sprache im Mittelpunkt. Diese wurde verbindliche Verkehrssprache in allen staatlichen oder staatlich geförderten Bildungseinrichtungen. In allen Einrichtungen wurden alljährlich für jede Altersstufe bundeseinheitliche Sprachstandstests durchgeführt. Das Ranking floss ein in die Bemessung der staatlichen Mittelzuweisung. Einrichtungen, die die Anforderungen mehrfach nicht erfüllten, wurden aufgelöst oder verloren den Anspruch auf staatliche Förderung. An den Grundschulen wurden die jahrgangsbezogenen Curricula für Deutsch und Mathematik bundesweit vereinheitlicht und dem Niveau des Jahres 1970 angepasst. Dies führte zu einem Aufschrei der Lehrerverbände vor allem in Berlin, Hamburg und Bremen. Auch die Erfüllung dieser Standards wurde jedes Jahr in einem bundesweiten Test überprüft und die daraufhin erstellte bundesweite Rankingtabelle veröffentlicht. Alle Kinder, die die Standards nicht erfüllten, erhielten eine verbindliche Sonderförderung.

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Die Erfolge aller dieser Maßnahmen zeigten sich nach einem Jahrzehnt. Die Zahl der Schüler in Deutschland wuchs, und offenbar wurden sie auch wieder klüger. Beim Pisa-Test war Deutschland gegenüber dem OECD-Durchschnitt jahrelang deutlich zurückgefallen. Dies änderte sich stufenweise von 2025 an. Deutschland holte wieder auf.

Auch der Abwärtstrend im Bevölkerungswachstum konnte gestoppt werden. In den folgenden Jahrzehnten blieb die Bevölkerungszahl stabil. Die Geburtenrate pendelte zwischen 2,0 und 2,2 Kindern pro Frau. Die Revisionen in der Familien- und Sozialpolitik, bei denen wiederholt nachgesteuert worden war, hatten dazu geführt, dass die Schichten mit höherer Bildung sogar eine leicht überdurchschnittliche Fruchtbarkeit auswiesen. Der Anteil junger Menschen an der Bevölkerung stieg wieder stetig, nachdem die geburtenstarken Jahrgänge aus den 1960er Jahren das neunte Lebensjahrzehnt erreicht hatten und altersbedingt schnell abnahmen.

Bei den Migranten aus Nah- und Mittelost sowie aus Afrika hatten die Reformen bei den Sozialtransfers in wenigen Jahren dazu geführt, dass deren Fruchtbarkeit unter den bundesdeutschen Durchschnitt sank. Die scharfen Sanktionen gegen Bildungsverweigerer taten ein Übriges. Befreiungen vom Sport- und Schwimmunterricht aus religiösen Gründen waren 2030 durch einen Beschluss der Kultusministerkonferenz untersagt worden. Bereits 2020 waren Schuluniformen eingeführt und ein Kopftuchverbot ausgesprochen worden.

In den klassischen Migrantenvierteln sah man immer weniger Frauen mit Kopftuch. Das lag auch an den dort sinkenden Einwohnerzahlen. Der geringe Familiennachzug, das Ausbleiben von Wohlstandsflüchtlingen und der anhaltende Fortzug der wirtschaftlich Erfolgreichen machten sich von 2040 an immer deutlicher bemerkbar: Die Migrantenquartiere der Großstädte schrumpften, und man hörte immer weniger Türkisch und Arabisch auf den Straßen.

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Die Integration schien vollzogen, Historiker sahen darin eine Parallele zur Integration der polnischen Zuwanderer im Ruhrgebiet in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. So wie damals blieben als wesentliche Erinnerung nur die ausländisch klingenden Namen einiger prominenter Fußballer.

Soweit die beiden Szenarien. Auch das Tragische hat seine humoreske Seite, und die Wirklichkeit schreibt bekanntlich die besten Satiren. Es gibt für die Politik dringenden Anlass zum Handeln. Möglichkeiten und Ansatzpunkte gibt es auch, dieses Buch soll dazu einen Beitrag liefern. Mit den Worten einer untergegangenen Sprache rufe ich der Politik zu:

Hic Rhodus, hic salta!

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